eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 31/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
10.2357/PM-2020-0039
713
2020
313 Gesellschaft für Projektmanagement

Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive

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2020
Bernd Linder-Hofmann
Um unter den aktuellen Rahmenbedingungen von VUKA im Projektmanagement weiterhin wirksam zu sein, reichen neue Techniken und Tools alleine nicht aus. Grundlage eines notwendigen Mindshift im Projektmanagement ist die Erweiterung und Ergänzung um östliche Perspektiven und Praktiken. Damit kann ein fundamentaler Wandel hin zu einem integralen Projektmanagement erfolgen. Ein konkreter Schritt ist, die aktuelle Ausbildung der Projektleiter und auch Forschung und Lehre darauf aufbauend neu auszurichten – und zwar Hier und Jetzt.
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Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive Bernd Linder-Hofmann Für eilige Leser | Um unter den aktuellen Rahmenbedingungen von VUKA im Projektmanagement weiterhin wirksam zu sein, reichen neue Techniken und Tools alleine nicht aus. Grundlage eines notwendigen Mindshift im Projektmanagement ist die Erweiterung und Ergänzung um östliche Perspektiven und Praktiken. Damit kann ein fundamentaler Wandel hin zu einem integralen Projektmanagement erfolgen. Ein konkreter Schritt ist, die aktuelle Ausbildung der Projektleiter und auch Forschung und Lehre darauf aufbauend neu auszurichten - und zwar Hier und Jetzt. Schlagwörter | Agilität, Mindshift, integrales Projektmanagement, Intuition, Meditation, Perspektivenwechsel, Wirksamkeit, Prozesskompetenz Die Veröffentlichung des Manifesto for Agile Software Development im Jahr 2001 gilt als Meilenstein für die Einführung agiler Werte und Prinzipien im Projektmanagement. Ergänzt durch bis dahin bereits praktizierte Methoden wie Scrum und Kanban und Ansätzen des Lean Management entstanden in den folgenden Jahren Vorgehensmodelle für agiles Projektmanagement (Timinger 2017). Agilität bedeutet dabei intelligente Schnelligkeit, Flexibilität, Dynamik und Kundenorientierung und wird auf Bewusstsein, auf eine Haltung, auf ein Mindset bezogen. Sie entsteht nicht zwangsläufig und automatisch durch die Anwendung von agilen Methoden, sondern erst die nachhaltige Verinnerlichung und Verankerung der agilen Werte und Prinzipien in der gesamten Organisation macht den Einsatz der Methoden wirklich wirksam. Damit wird ein Mindshift, eine Veränderung von Bewusstsein und Haltung zur wesentlichsten Aufgabe der Transformation von Menschen und Organisationen. Die Vernetzung aller Systeme, mit dem Symbol des Internets, mit der Industrie 4.0, der Digitalisierung von Produktion und Logistik in einem globalen Ausmaß und den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz (KI) führt zu einer stetig sich erweiternden und permanent beschleunigenden Veränderung der Rahmenbedingungen, die zusammengefasst als VUKA beschrieben werden: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Als Möglichkeiten des Umgangs mit diesen Herausforderungen der VUKA-Welt ist Agilität einer der häufig genannten Begriffe bzw. das Postulat eines agilen Mindsets. Es macht Sinn, sich damit zu befassen, was ein agiles Mindset bedeuten und wie ein Mindshift verwirklicht werden könnte. Wenn der Mind geshiftet, also verschoben oder verändert werden soll, ist es gut zu wissen, von wo nach wohin er geshiftet werden soll. In diesem Artikel wird für das Feld des (Projekt-)Managements zum einen die Ausgangsperspektive (von wo? ) beleuchtet und zum anderen die Bedingungen und Vorgehensweisen aufgezeigt, die einem Mindset eine Richtungsänderung auf einen neuen Zustand hin (nach wohin? ) geben können. Dieser Zustand des Bewusstseins wäre im westlichen Sinn tatsächlich verändert und neu, aus einer östlichen zen-buddhistischen Perspektive betrachtet basiert er auf einer Tradition von 2.600 Jahren. Die westliche Perspektive Die westliche Perspektive hat eine lange Tradition: auf dem aristotelischen Axiom „wenn A ist, kann B nicht sein“ fußt der Subjekt-Objekt-Dualismus, von den Calvinisten geprägt ist die Priorisierung der linearen vor der zyklischen Zeit sowie die Monetarisierung der Zeit („Zeit ist Geld“); die weiteren wesentlichen Ideen und Gegenstände der westlichen Perspektive sind, alles, was messbar ist, zu messen und zu Wissen Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive DOI 10.2357/ PM-2020-0039 1. Jahrgang · 03/ 2020 16 DOI 10.2357/ PM-2020-0039 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 1. Jahrgang · 03/ 2020 Project Office ist Enterprise-Software für beeindruckende Projekte wie den Gotthard-Basistunnel. Agiles Teamwork und hohe Prozesssicherheit verbinden sich dabei zu konsequent hybridem Projektmanagement. Mit agilen Elementen wie Task Boards, Issues und Activities machen Sie Ihre Teams schneller und produktiver. Bewährte Elemente wie die Planung der Ecktermine liefern zuverlässige Leitplanken. energizing great minds Erfolgreiche Projekte durch verlässliche Prozesse und bessere Teamarbeit Engineering success - the agile way Jetzt kostenlos testen! https: / / bit.ly/ 3fTCtwZ D_Wissen_02_Linder.indd 16 D_Wissen_02_Linder.indd 16 19.06.2020 12: 13: 50 19.06.2020 12: 13: 50 quantifizieren (Galilei), alles in immer kleinere Teile zu zerlegen (Descartes), immer Ursachen und Erklärungen für die Erscheinungen zu finden (Newton) und dem rationalen und logischen Verstand die Priorität einzuräumen (Kant). Wir haben einen kognitiv-rationalen Wissens- und Kenntnisweg entfaltet und glauben an eine objektive Wahrheit. Die Idee einer sich nach vorne, immer in die Zukunft gerichteten Evolution als historischer Entwicklung, zusammen mit der christlichen Heilslehre des Glaubens an ein zukünftiges Paradies fundiert dann das Primat der linear gerichteten, objektiven, rechenbaren Zeit. Zeitmessung und Zeiteinteilung auf der Basis der „wahren“ Zeit (Newton) wurden Grundlage der Lebensführung und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Unser westliches Managementdenken basiert auf diesen Axiomen, die eine wissenschaftliche Betriebsführung („scientific management“) und die Idee eines in der Zukunft zu erreichenden Ideals („one best way“) im Dort und Später beschreiben. Das Handeln der Akteure im kapitalistischen Wirtschaftssystem wird ausschließlich auf eine imaginierte Zukunft gerichtet, „fiktionale Erwartungen werden zum Treibstoff der Ökonomie“ (Beckert, 2018). Die Grundlagen des „klassischen“ Projektmanagements mit seinen Methoden, Techniken und Tools sind aus diesen Perspektiven heraus entstanden und weiterentwickelt worden. Das ist weder richtig noch falsch, sondern soll hier vor allem auf seine gegenwärtige Wirksamkeit hin betrachtet werden. Unter den bereits oben ausgeführten Rahmenbedingungen von VUKA sind und werden Vorgehensweisen, die auf längerfristigen, stabilen und gefügten Konzepten beruhen, immer weniger wirksam, wenn sich die äußeren Bedingungen weiter dynamisieren, beschleunigen und immer ungewisser werden. Unter einem Konzept verstehen wir die Idee von einem Idealzustand im Dort und Später (Ziel). Die zu seiner Realisierung notwendigen und damit verbundenen Kompetenzen sind im westlichen Denken die der optimalen und zentralen Steuerung der dafür einzusetzenden Mittel auf der Basis einer zeitlich linear-sequentiellen Strukturierung und Vorgehensweise (Projektstrukturplan). Die Erkenntnisse und Erfahrungen der Nachteile dieser Vorgehensweise bei einer raschen und dann überraschenden Veränderung der Rahmenbedingungen haben folgerichtig zunächst in der IT-Entwicklung zu anderen Ansätzen bis hin zum agilen Manifest geführt (siehe oben). Wenn wir uns nun mit einem anderen Mindset auseinanderzusetzen gezwungen sind, soll es nicht um Entweder-oder und einen Ersatz gehen, sondern um Sowohl-als-auch, d. h. den westlichen Weg zu ergänzen, oder, anders ausgedrückt: es geht um einen Mindshift auf der Basis eines radikalen Perspektivenwechsels, um ein Verschieben der Perspektive von West nach Ost und wieder zurück, um das sehen zu können, was wir die ganze Zeit nicht zu erkennen in der Lage waren und unser „blinder Fleck“ war (Julien, 1999). Die östliche Perspektive Die östliche Perspektive basiert auf den Grundlagen des permanenten Wandels und der Veränderung (I Ging, Lao-tse), des abhängigen, bedingten Entstehens und der Verbundenheit, der harmonischen Einbindung des Menschen in die Gemeinschaft und den Kosmos (Kung-tse), der Leerheit aller Erscheinungen (Nagarjuna) und der tiefen Erfahrung, dass ein Erwachen und „Erleuchtung“ nur in der Gegenwart stattfinden kann (Buddha). Diese Perspektive ist nondual, d. h. ohne Subjekt-/ Objekt-Dualismus und in erster Linie ein Erfahrungsweg, der ein tiefes Verständnis des permanenten Werdens und Vergehens, der zyklischen Zeit beinhaltet. Ausgehend vom Grundsatz: „Es gibt nichts Wichtigeres als die leidenschaftliche Hingabe in einem gegebenen Augenblick“ (Tsunetomo) wurde in dieser östlichen Perspektive ein Weg entwickelt, der die Gegenwart in den Mittelpunkt stellt. Da sich alle Erscheinungen, auch wir als Menschen, im dauernden Wandel befinden, gibt es keine verlässlichen Gewissheiten. Die Gegenwart ist in diesem Verständnis nicht als eine Zeiteinheit zu verstehen, die Gegenwart ist immer gegenwärtig und ohne Zeit. Aus diesem Verständnis heraus gibt es nur ein Handeln in der Gegenwart als einem permanenten Prozess und dem Ideal einer Perfektion im Hier und Jetzt. Die entscheidenden Kompetenzen sind die Aufmerksamkeit und Wissen | Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive Anzeige Project Office ist Enterprise-Software für beeindruckende Projekte wie den Gotthard-Basistunnel. Agiles Teamwork und hohe Prozesssicherheit verbinden sich dabei zu konsequent hybridem Projektmanagement. Mit agilen Elementen wie Task Boards, Issues und Activities machen Sie Ihre Teams schneller und produktiver. Bewährte Elemente wie die Planung der Ecktermine liefern zuverlässige Leitplanken. energizing great minds Erfolgreiche Projekte durch verlässliche Prozesse und bessere Teamarbeit Engineering success - the agile way Jetzt kostenlos testen! https: / / bit.ly/ 3fTCtwZ D_Wissen_02_Linder.indd 17 D_Wissen_02_Linder.indd 17 19.06.2020 12: 13: 53 19.06.2020 12: 13: 53 Achtsamkeit im Augenblick, die intuitive Wahrnehmung dessen, was ist, um bei den permanenten Veränderungen wirksam zu sein, entsprechend der Wahrnehmung zu handeln, d. h. hinderliche Entwicklungen zu mindern und förderliche Entwicklungen zu unterstützen. Es ist ein Verständnis von einem flexiblen, agilen und variablen Vorgehen und einem (Re-)Agieren auf das hin, was der gegenwärtige Augenblick erfordert. Um in diesem Augenblick aber nicht beliebig zu werden und zu sein, sind einige Voraussetzungen notwendig: zum einen eine Orientierung an handlungsleitenden Prinzipien, eine geschulte, intuitive Wahrnehmung als Grundlage für die Präsenz in der Gegenwart, ein perfektes Beherrschen der dann der Situation angemessenen Methoden, Techniken und Tools und ein Bewusstsein, das von der Non-Dualität, der Verbundenheit und dem abhängigen Entstehen aller Erscheinungen ausgeht. Um es plastischer zu machen: Im Jahr 1933 führte Matsushita Konosute, der Gründer von Panasonic, als innovative Managementpraxis seine sieben Führungsprinzipien ein, die nach 86 Jahren auch heute noch gültig sind und mit seinem Bild aktuell auf der Webseite des Unternehmens stehen (siehe auch das Interview). Als Beispiel: ein Prinzip ist „unermüdliche Anstrengung für Verbesserungen“ und eine der Grundlagen von >muda< (keine Verschwendung). Muda wird verstanden als ein handlungsleitendes Prinzip, eine grundlegende innere Form und Haltung und gilt für jeden Mitarbeiter in jedem Augenblick und bei jeder Handlung im Hier und Jetzt. Das Streben nach Perfektion im gegebenen Augenblick ist gleichzeitig ein Dienst an der Gemeinschaft und dem größeren verbundenen Ganzen; es muss nicht durch Führung angewiesen und kontrolliert werden, sondern wird als eine Aufgabe jedes Einzelnen auch im Sinne einer Selbstkontrolle verstanden. Wir im Westen machen aus Muda ein Konzept und versuchen mit zentraler Steuerung und Regelungs- und Sanktionsmaßnahmen keine Verschwendung als Ideal im Dort und Später zu erreichen. Aus der „unermüdlichen Anstrengung um Verbesserungen“ wird im Westen das Konzept des Betrieblichen Vorschlagswesen (BVW). Unsere großen Erfolge im Umgang mit Kompliziertheit haben uns in eine fatale (Denk-) Falle geführt: Wir glauben an eine zentrale Steuerung von Organisationen durch einzelne Menschen aus einem Cockpit heraus (Modell des Flugzeugs/ Kapitäns). Wir versuchen immer wieder als Management-Reflex, diese bewährten Vorgehensweisen auch auf komplexe Systeme anzuwenden. „Immer wieder das Gleiche versuchen, und andere Ergebnisse erwarten, ist eine Variante von Wahnsinn“ ( fälschlicherweise Albert Einstein zugeschrieben). Zusammenfassung und Zwischenfazit Der Westen hat einen Kenntnisweg in der äußeren Form entwickelt, der auf Kognition, auf Wissen und Kenntnissen basiert. Der rational-logische Verstand, das Messen und Bewerten und die Planung und Steuerung für die Zukunft stehen im Vordergrund. Der Weg des Ostens ist ein Erfahrungsweg, der auf der inneren Form, auf der Intuition, dem Wahrnehmen und Erfassen beruht. Die intuitive Wahrnehmung des Augenblicks, das Unterscheiden ohne Bewerten und das Handeln in der Gegenwart stehen im Vordergrund. Um es noch einmal sehr deutlich zu sagen: Es sollen hier nicht weltanschauliche Perspektiven im Sinne von falsch-richtig oder gut-schlecht gegeneinandergestellt werden, sondern die Wirksamkeit eines Perspektivenwechsel soll im Fokus stehen. Perspektivenwechsel als Grundlage eines Mindshift Ein radikaler Wechsel von Perspektiven beginnt immer mit einer Ent-Täuschung, die irritierend sein kann. Ich stelle in einem Augenblick des tiefen Erfassens fest, dass es zu meinem bisherigen Standpunkt und meiner Perspektive noch mindestens eine andere gibt, die gleich gültig ist und eben deshalb nicht gleichgültig sein kann. Ich habe mich also bisher in meiner Weltsicht getäuscht (Poraj, 2016) und muss einen anderen Standpunkt einnehmen. Das kann einen solchen Wechsel der Perspektive herausfordernd machen, stellt er doch bisherige Gewissheiten, Sicherheiten und damit auch Stabilität in Frage. Im Fokus der östlichen Perspektive steht ein Streben nach Perfektion im Hier und Jetzt und • eine Orientierung an handlungsleitenden Prinzipien, • eine intuitive Wahrnehmung und ein Gewahrsein des Augenblicks, • eine Hingabe und ein Einlassen auf einen Prozess im permanenten Wandel, • ein Beherrschen und Anwenden der situativ angemessenen Methoden, Techniken und Tools, • eine entschlossene, mutige und gemeinschaftliche Umsetzung, • ein Handeln, das als Dienst an der Gemeinschaft verstanden wird und • ein Bewusstsein, das von der Non-Dualität, der Verbundenheit aller Erscheinungen, dem abhängigen und bedingten Entstehen ausgeht. Eine konsequente Umsetzung des östlichen Weges in die Praxis soll hier verstanden werden als Ergänzung und Erweiterung unserer westlichen Perspektive ganz im Sinne von Yin und Yang eines multiperspektivischen und integralen Projektmanagements. Einige Grundlagen haben wir im Westen u. a. mit dem agilen Projektmanagement bereits geschaffen, wir müssen hier nicht immer das „Rad neu erfinden“, sondern können auch auf bereits eingeführte Ansätze und Vorgehensweisen zurückgreifen und ihnen aus einem dann umfassenderen Verständnis eine neue Verortung geben. Orientierung an handlungsleitenden Prinzipien Das agile Manifest kann hier sehr gut als ein Beispiel dienen: Neben den vier Grundsätzen umfasst es insgesamt zwölf Prinzipien (die auch tatsächlich so genannt wurden), und die den Verfassern zufolge als Matrix hinter dem Manifest stehen. U. a. mit dem Prinzip „In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an“ gibt es bereits einen ersten Anspruch an Verbesserungen. Wirklich ernst genommen und konsequent praktiziert, sind sie z. B. eine sehr gute Basis für eine Anleitung und Handlungsleitung in der Gegenwart. Wissen | Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive 18 DOI 10.2357/ PM-2020-0039 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 1. Jahrgang · 03/ 2020 D_Wissen_02_Linder.indd 18 D_Wissen_02_Linder.indd 18 19.06.2020 12: 13: 54 19.06.2020 12: 13: 54 Intuitive Wahrnehmung und ein Gewahrsein des Augenblicks Eine intuitive Wahrnehmung und ein Gewahrsein des Augenblicks ist im Westen zunächst eine Herausforderung. Zum einen haben wir dem Denken, der Kognition, dem rationalen Erkennen seit Jahrhunderten den Vorrang gegeben, zum anderen haben wir, abgesehen von klösterlichen Nischen keine methodischen Traditionen (mehr), uns die Intuition zu erschließen. Die wissenschaftlichen Beweise allerdings aus den letzten Jahren sind sehr eindeutig: Meditative und kontemplative Praktiken sind der wirksamste Zugang zur Intuition und zur Wahrnehmung (stellvertretend: Ott/ Zeuch, beide 2010). Dass diese Methoden aktuell schon Einzug gehalten haben, zeigt u. a. das Beispiel von SAP, das auf der Grundlage von „Search-Inside-Yourself“ (Chade-Meng Tan/ Google) ein Achtsamkeitstrainings eingeführt hat, an dem inzwischen weltweit mehr als 9.000 Mitarbeiter mit großem Erfolg teilgenommen haben. Erfolg heißt dabei, auch in Bezug auf Achtsamkeit, intuitiver Wahrnehmung und Gewahrsein im beruflichen Alltag aus einer persönlichen Entwicklung heraus mit Gelassenheit noch wirksamer zu werden. Hingabe und ein Einlassen auf einen Prozess im permanenten Wandel Um die Erfahrungen meditativer Praktiken im Alltag überhaupt anwenden zu können, braucht es zuerst ein Anhalten und Innehalten, d. h. eine Entschleunigung und ein In-sichgehen und ein Gewahrsein für das, was ist. Einem radikalen Hinterfragen und Loslassen der bisherigen Sichtweisen kann das Einlassen auf das Neue nur aus einer gefühlten Akzeptanz und nicht nur aus einer rationalen Einsicht folgen. Die vielleicht auftretende empfundene Disruption zuzulassen und ein Sowohl-als-auch auszuhalten, sind Fähigkeiten, die in unserem Kulturkreis nicht selbstverständlich sind, sondern der intensiven Übung bedürfen. Das erfordert neben der Achtsamkeit und der Fokussierung auch Mut zu dieser Hingabe und die Energie, die Kraft und Präsenz, sich unabhängig von gängigen Lehrmeinungen als „Musterbrecher“ (Wüthrich u. a., 2009) gegen den Mainstream zu präsentieren und zu positionieren. Beherrschen und Anwenden der situativ angemessenen Methoden, Techniken und Tools Die Beherrschung und Anwendung der Methoden, Techniken und Tools geht weit über das bloße Verstehen hinaus, es bedarf einer Verinnerlichung aus einer intensiven Erfahrung heraus. Das entspricht eher weniger unserer bisherigen westlichen Vorgehensweise, vor allem bei den beratenden Berufen, die oft Wissen und Kenntnisse nur aus dem Verstehen heraus weitergeben und in Form von Konzepten zur Grundlage ihrer theoretischen Beratungs-„Praxis“ machen. Bei den Methoden, Techniken und Tools könnte es weiterhin zielführend sein, die Unterscheidung in klassisch und agil wie auch hybrid dauerhaft aufzugeben und sie unter dem Kriterium der Wirksamkeit anzuwenden, d. h., es gibt nur Methoden, Techniken und Tools für das Projektmanagement, die nicht mehr etikettiert sein sollten und situativ passend und adäquat angewendet werden. Entschlossene, mutige und gemeinschaftliche Umsetzung Diese Methoden, Techniken und Tools gilt es entschlossen und mutig einzusetzen und umzusetzen und gleichzeitig partnerschaftlich und empathisch zu sein, d. h. auch wahrzunehmen, zu empfinden und mit einzubeziehen, wie es anderen Betroffenen und Beteiligten damit geht. Die gemeinsame verlässliche Umsetzung hängt eng mit dem nächsten Punkt zusammen. Ein Handeln, das als Dienst an der Gemeinschaft verstanden wird Dieser Dienst an der Gemeinschaft ist im Westen nach Jahrzehnten einer bisher beispiellosen kulturellen Individualisierung auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Die letzten Jahre und die aktuellen gesellschaftspolitischen Ereignisse gehen allerdings in eine Richtung, die gemeinschaftliche Aktionen und Anstrengungen vor allem im ökologischen Feld wieder stärker in den Fokus rückt. Hier könnte eine Chance auch für den ökonomischen Bereich und eine verantwortliche Unternehmensführung insgesamt liegen, sich dieser Aspekte im Sinne einer umfassenden und universal orientierten Corporate Social Responsibility (CSR) noch weiter und verstärkter anzunehmen. Ein Bewusstsein, das von der Non-Dualität, der Verbundenheit aller Erscheinungen, dem abhängigen und bedingten Entstehen ausgeht Was die Verbundenheit und den inhärenten Zusammenhang der Dinge betrifft, können wir im Westen inzwischen an die seit vielen Jahren etablierten integral-systemischen Ansätze, aber auch auf die quantenphysikalischen, neurophysiologischen und neurobiologischen Forschungsergebnisse, Erkenntnisse und Erfahrungen zurückgreifen. Wir sind keine isolierten Wesen in einer dualen Welt, sondern verschränkt und verbunden, individuell wie kollektiv. Hier rücken gerade in den letzten Jahren die westliche Wissenschaft und die östliche Erfahrungsphilosophie immer enger zusammen und bestätigen sich gegenseitig. Nicht zuletzt hat seine Heiligkeit, der amtierende Dalai Lama durch seine Dialoge mit Wissenschaftlern einen wesentlichen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis geschaffen und er betont immer wieder die fruchtbare Symbiose, die sich für beide Seiten aus einem Austausch und einer intensiveren Zusammenarbeit ergeben kann. Vordenker in der westlichen Hemisphäre haben in der „Großen Begegnung“ zwischen Ost und West eine große Chance für die gemeinsame Zukunft der Menschheit insgesamt gesehen (Gebser, 2018). Gerade die weitere Entwicklung einer integralen und systemisch fundierten Sichtweise auch in einem integralen Projektmanagement als Weg zu einem weiter entwickelten Bewusstsein wird hier sehr vielversprechend sein. Was ist ein nächster konkreter Schritt? Ein erster Anfang und ein konkreter Schritt ist eine entsprechende Ausbildung und Qualifizierung gerade der zukünftigen Projektleiter mit einem Blick auf die Kompetenzelemente der „Individual Competence Baseline“ ICB 4. Unabhängig davon, dass sie auf der Plattform der westlichen Perspektive entstanden ist, sind bereits Kompetenzen definiert, die als Grundlage für eine Entwicklung in Richtung einer östlichen Perspektive Wissen | Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive 19 DOI 10.2357/ PM-2020-0039 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 1. Jahrgang · 03/ 2020 D_Wissen_02_Linder.indd 19 D_Wissen_02_Linder.indd 19 19.06.2020 12: 13: 54 19.06.2020 12: 13: 54 dienen können. Hier sind insbesondere zu nennen: Perspektivenwechsel, Offenheit, ganzheitliches Verständnis, Change und Transformation, die als einzelne richtungsweisende Elemente aufgezeigt werden. Für die Fundierung eines dringend notwendigen Mindshift im o. a. Sinne sind sie aber weder an prominenter Stelle noch in einer gleichwertigen Balance. Zielführend wäre eine Ergänzung und Erweiterung der Konzeptkompetenz um Ansätze für eine noch stärkere Prozesskompetenz in dem hier dargestellten Verständnis. Die Einführung einer systemisch fundierten, ergebnisoffenen, prozessualen Methodik könnte dafür eine wirksame Vorgehensweise sein. Als einige Beispiele mögen hier dienen: die Aufnahme meditativer und kontemplativer Praktiken, nicht als theoretischer Inhalt, sondern als praktische Übung, ergänzt um dialogische und reflektierende Elemente, und auch systemisch-integrale Aufstellungsarbeit, die in den letzten Jahren im Business deutlich an Bedeutung gewonnen hat und als Next Practice auch im Projektmanagement Anwendung finden sollte. Kurz: Ein Projektleiter der Zukunft sollte auf ein Methodeninventar zurückgreifen können, das weiter gefasst ist als die aktuell gelehrten Inhalte. Er sollte zu einer integral-systemischen Perspektive fähig sein, er sollte aus der intuitiven Wahrnehmung der Situation auf diejenigen Methoden, Techniken und Tools zurückgreifen können - perfekte und erfahrungsbasierte Beherrschung vorausgesetzt -, die ohne Etikettierung in der jeweiligen Situation und im Kontext am wirksamsten sind, er sollte Ungewissheit und Unsicherheit in sich permanent wandelnden Welten als Normalität aushalten und zulassen können und dabei entschlossen handlungsfähig bleiben. Seine Orientierung in Zeiten von VUKA sind die gemeinschaftlich vereinbarten Prinzipien und der Dienst an der Gemeinschaft in einem ökonomischen und ökologischen Verständnis. Dass es aktuell schon nicht einfach ist und sicher noch herausfordernder wird, bleibt unbestritten. Aber es ist auch angesichts der gesamten Herausforderungen, denen wir uns derzeit gegenübersehen, alternativlos. Gerade im Feld des Projektmanagements, in dem inzwischen ein großer Teil der gesamten Wertschöpfung in den Unternehmen stattfindet, können wir als GPM als Vordenker und Wegbereiter noch deutlicher richtungsweisende Zeichen für die Gestaltung der Zukunft auch zukünftiger Generationen setzen. Literatur Beckert, Jens: Imaginierte Zukunft - fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus; Berlin 2018 Gebser, Jean: Asien lächelt anders; in: Vom spielenden Gelingen - Vorträge, Essays und Schriften, Seiten 97 - 260, Zürich 2018 I Ging: Ausgabe von Richard Wilhelm; I Ging - das Buch der Wandlungen, Köln 1984 Individual Competence Baseline für Projektmanagement, Version 4.0, deutsche Fassung, Nürnberg 2017 Jullien, François: Über die Wirksamkeit, Berlin 1999 Linder-Hofmann, Bernd: Gesellschaftliche Konstruktionen der Wirklichkeit und der Wahnsinn der Normalität - Plädoyer für eine integrale Perspektive - Essay als Beitrag zum Kongress für Integrale Führung Management Akademie Weimar 2018 Bernd Linder-Hofmann Autor, Beirat, Berater, Coach, Ehemann, Key-Note-Speaker, Lebensarchitekt, Lehrbeauftragter, Moderator, Netzwerker, Projektleiter, Personal-, Führungskräfte- und Organisationsentwickler, Trainer, Vater, Vorstand, … Das Fundament meines Wirkens in und an der Welt bilden Studien der Betriebswirtschaftslehre, Organisationspsychologie, Pädagogik, intensives Eintauchen in westöstliche Philosophien und ins Weltverständnis mit dem Schwerpunkt (Zen-)Buddhismus, christliche Mystik und integral-systemischer Arbeit, Engagement in der Gemeinwohlökonomie und tiefe meditative Erfahrungen. Gemeinsam mit KollegInnen und Freunden entwickle und gehe ich einen wirksamen mittleren west-östlichen Weg im Feld von Ökonomie und Ökologie. Und letztendlich: „Kein Verdienst - offene Weite! “ Kontakt: blh.network@t-online.de Linder-Hofmann, Bernd, u. a.: Integrale Aufstellungen - Methoden und Modelle der Inneren Form, Wien 2010 Linder-Hofmann, Bernd; Zink, Manfred: Die Innere Form - Zen im Management, Herrsching 2002 Ott, Ulrich: Meditation für Skeptiker - ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, München 2010 Poraj, Alexander: Enttäuschung - eine besondere Einführung ins Zen, München 2016 Schopper, Yvonne; Huemann, Martina: Ungewissheit in Projekten nutzen - was der Westen vom Osten lernen kann, in: Projektmanagement aktuell, 1/ 2018 Suzuki, Daisetz T.: Die große Befreiung - Einführung in den Zen-Buddhismus, 19. Auflage, Bern, München, Wien 2001 Timinger, Holger: Modernes Projektmanagement - mit traditionellem, agilem und hybridem Vorgehen zum Erfolg, Weinheim 2017 Tsunetomo; Yamamoto: Hagakure - der Weg des Samurai, München 2005 Wüthrich, Hans; u. a.: Musterbrecher - Führung neu leben, Wiesbaden 2009 Zeuch, Andreas: Feel it! So viel Intuition verträgt ihr Unternehmen, Weinheim 2010 Weitere Quellen: https: / / www.panasonic-electric-works.com/ de/ unter nehmenswerte-philosophie.htm [Abruf: 13.05.2020] https: / / kulturwandel.org/ gespraech/ sap-peter-bostel mann/ ? _NL&utm_source=CleverReach&utm_ medium=email&utm_campaign=Kulturwandel_ Mai_2019&utm_content=Mailing_13389853 [Abruf: 13.05.2020] https: / / agilemanifesto.org/ iso/ de/ principles.html [Abruf: 13.05.2020] Eingangsabbildung: © iStock.com/ kieferpix Wissen | Mindshift im Projektmanagement - aus einer östlichen, zen-buddhistischen Perspektive 20 DOI 10.2357/ PM-2020-0039 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 1. Jahrgang · 03/ 2020 D_Wissen_02_Linder.indd 20 D_Wissen_02_Linder.indd 20 19.06.2020 12: 13: 54 19.06.2020 12: 13: 54