eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 32/2

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2021-0036
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322 Gesellschaft für Projektmanagement

GPM intern

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73 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 02/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0034 Kolumne Der grüne Elefant oder warum gutes Projektmanagement unsichtbar ist Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch- - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Jens Köhler Ehrlich und Priesberg schlendern in die Richtung eines Zoos. Sie wollen dort im Restaurant einen Projektabschluss feiern. Priesberg wirkt bedrückt. „Jetzt habe ich ein Projekt, das in Zeit, Geld und Qualität abgeschlossen ist. Und trotzdem möchte nur das Kernteam mit uns feiern. Die Stakeholder haben das Projektergebnis, eine anspruchsvolle Logistiksoftware, einfach in Betrieb genommen-- und das war es.“ Ehrlich muntert Priesberg auf seine Art auf: „Du hast einen grünen Elefanten im Kühlschrank.“ Priesberg, plötzlich hellwach, fragt: „Hä? “ Ehrlich ignoriert es: „Du hast es ganz richtig verstanden, in deinem Kühlschrank lebt ein grüner Elefant.“ Priesberg entgegnet: „Vielleicht übt der Zoo eine gewisse Faszination auf dich aus und bringt deine Gedanken in eigenartige Bahnen, allerdings habe ich einen solchen Elefanten in meinem Kühlschrank noch nicht beobachtet, um in deiner Logik zu bleiben.“ „Das wirst du auch nicht“, entgegnet Ehrlich in völligem Ernst, „denn er ist jedes Mal unsichtbar, wenn du die Kühlschranktür öffnest.“ „Aha, und was hat das mit meinem erfolgreichen Projekt zu tun? “, fragt Priesberg ratlos. Ehrlich versucht ihm eine Brücke zu bauen. „Denk‘ mal an die Corona-Krise. Es gab doch bei uns in der Stadt nur wenige Fälle. Worauf führst du das zurück? “ Priesberg lacht ein wenig spöttisch, „auf den grünen Elefanten natürlich.“ Ehrlich erwidert: „So falsch liegst du damit gar nicht. Aber der Reihe nach. Du erinnerst dich doch an die vielen Beschwerden über die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus. ‚Alles unnötig, ist doch nichts passiert‘, hieß es mehrfach und vehement.“ Priesberg grübelt: „Wer so argumentiert, vertauscht Ursache und Wirkung. Die niedrigen Infektionszahlen rührten doch nur von der Wirkung der Maßnahmen. So wird ein Schuh daraus.“ Ehrlich bremst ein wenig: „Tja, so sehen wir das. Andere dagegen blendeten die Maßnahmen gedanklich aus und sahen nur, dass es keine Vorkommnisse gab. Wozu die Extrabetten in den Turnhallen? Ist doch nichts passiert.“ Sie haben vor einiger Zeit den Zoo betreten und kommen am Elefantenhaus vorbei. Priesberg überlegt: „Wenn in meinem Kühlschrank etwas fehlt-…“, Ehrlich übernimmt, „… dann war es der grüne Elefant, der Hunger hatte.“ Priesberg widerspricht: „Das ist doch völlig absurd. Moment: Bei den Corona-Maßnahmen war es doch genauso: Ihre Wirkung wurde nicht gesehen und nicht ernst genommen. Ein grüner Elefant, so sehen die Leute das. Und im Gegensatz zu ihm, der ganz bestimmt nichts in meinem Kühlschrank verzehrt hat, war die Wirkung der Corona-Maßnahmen aber ganz real. Ein fataler Fehlschluss.“ Ehrlich sekundiert: „Bravo, lieber Kollege. Was lernen wir daraus für Projekte? “ Priesberg lacht wieder spöttisch: „Gute Projektarbeit ist also wie ein grüner Elefant. Keiner nimmt sie wahr, obwohl sie wirkt. Jetzt verstehe ich, weshalb sich heute nur das Kernteam trifft. Also ist es ab und an sinnvoll, ein Projekt gegen die Wand zu fahren, damit man die nötige Aufmerksamkeit hat.“ Ehrlich stimmt zu: „Ja, das ist richtig, das Fehlen guter Projektarbeit ist sofort spürbar. Alle schreien dann nach Methoden und wenn diese tatsächlich sinnvoll angewendet werden, spürt es keiner. Es ist ein Paradoxon, aus dem man nicht so schnell herauskommt.“ Priesberg fragt: „Gibt es denn da überhaupt einen Ausweg? Die Stakeholder interessieren sich doch nur für das Projektergebnis und nicht für Methoden. Ist es dir wichtig zu wissen, wie dein Haus gebaut wurde? “ Ehrlich entgegnet erstaunt: „Ja natürlich. Ich möchte wissen, ob es eine gute und motivierte Truppe geplant und gebaut hat. Deswegen wäre ich in so einem Fall täglich auf der Baustelle. Zugegebenermaßen sind es weniger die Fähigkeiten der einzelnen Personen, sondern deren Zusammenspiel, das mich interessiert.“ Priesberg überlegt: „Verstehe-… es gibt vielleicht doch noch einen Weg, den grünen Elefanten loszuwerden. Lassen wir die Stakeholder doch am Projektgeschehen teilnehmen, erzählen wir ihnen, welche Klippen wir umfahren haben.“ Ehrlich übernimmt: „Wenn sie daraus für ihre eigene Arbeit etwas entnehmen können, dann haben wir schon viel erreicht. Das beste Beispiel bist du gerade selbst geworden, lieber Kollege.“ „Bitte? Wie das denn? “ entgegnet Priesberg. „Sehr einfach“, schließt Ehrlich. „Wenn du zukünftig einen Kühlschrank öffnest, woran wirst du denken? “ Priesberg tippt sich an die Stirn und stöhnt: „An unsere heutige Konversation und natürlich an den grünen Elefanten.“ Eingangsabbildung: © iStock.com/ / CombackImages Dr. Jens Köhler Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB / IC, 67 056 Ludwigshafen eMail: Jens.Koehler@basf.com 00_PM_aktuell_02_2021_SL2b.indb 73 00_PM_aktuell_02_2021_SL2b.indb 73 19.04.2021 10: 56: 19 19.04.2021 10: 56: 19