eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 32/4

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2021-0063
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324 Gesellschaft für Projektmanagement

Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger

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Oliver Steeger
Plastikbecher gelten als Inbegriff für Umweltverschmutzung und Klimaschädlichkeit. Völlig zu Unrecht, wie Unternehmer Rafael Dyll meint. Sein Start-up CUNA hat den allgegenwärtigen Plastikbecher neu gedacht. Der trendige CUNA-Becher verbindet nachhaltigen Biokunststoff mit ausgeklügelten Mehrwegsystemen und Materialkreisläufen. So weit, so gut. Doch jetzt geht das junge Unternehmen einen Schritt weiter. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut IOSB-INA aus Lemgo und zehn namhaften Industriepartnern (unter anderem KUKA Robotik) startet es ein mehrjähriges Forschungsprojekt, ein Vorhaben, das im Rahmen einer Realproduktion in der SmartFactoryOWL durchgeführt wird. Ein Ziel der Kooperation: Sie will durch Industrie-4.0-Ansätze den CO2-Fußabdruck des Bechers weiter reduzieren – und zwar bei der Produktion. „Wir wollen die Chancen von digitaler Vernetzung und künstlicher Intelligenz in der Produktion nutzen”, sagen Nissrin Perez (Fraunhofer IOSB-INA) und Rafael Dyll im Interview, „der CUNA-Plastikbecher soll so nachhaltig wie möglich hergestellt werden.”
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10 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 Mit Industrie 4.0 und künstlicher Intelligenz zu klimafreundlicher Produktion Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger Oliver Steeger Plastikbecher gelten als Inbegriff für Umweltverschmutzung und Klimaschädlichkeit. Völlig zu Unrecht, wie Unternehmer Rafael Dyll meint. Sein Start-up CUNA hat den allgegenwärtigen Plastikbecher neu gedacht. Der trendige CUNA -Becher verbindet nachhaltigen Biokunststoff mit ausgeklügelten Mehrwegsystemen und Materialkreisläufen. So weit, so gut. Doch jetzt geht das junge Unternehmen einen Schritt weiter. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut IOSB-INA aus Lemgo und zehn namhaften Industriepartnern (unter anderem KUKA Robotik) startet es ein mehrjähriges Forschungsprojekt, ein Vorhaben, das im Rahmen einer Realproduktion in der SmartFactoryOWL durchgeführt wird. Ein Ziel der Kooperation: Sie will durch Industrie-4.0-Ansätze den CO 2 -Fußabdruck des Bechers weiter reduzieren- - und zwar bei der Produktion. „Wir wollen die Chancen von digitaler Vernetzung und künstlicher Intelligenz in der Produktion nutzen”, sagen Nissrin Perez (Fraunhofer IOSB-INA) und Rafael Dyll im Interview, „der CUNA -Plastikbecher soll so nachhaltig wie möglich hergestellt werden.” Herr Dyll, der Begriff Plastik löst bei Ihnen als Unternehmer zwiespältige Gefühle aus. Zum einen ist Kunststoff aus unserer modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Zum anderen trägt er massiv zum Klimawandel bei. Rafael Dyll: Ich sehe Kunststoff dann kritisch, wenn er aus Erdöl produziert wird und nur einmal benutzt wird. Dieses Plastik ist sehr stabil und zersetzt sich nur nach langer Zeit. Produktion und Entsorgung von Plastik setzen CO 2 frei. Die Plastikproduktion rund um die Welt hat großen Anteil an der weltweiten Emission von CO 2 . Aber Kunststoff ist ein moderner, vielseitiger und dauerhafter Werkstoff. Wir können ihn nachhaltig machen, davon bin ich überzeugt. Es heißt, dass deutschlandweit pro Stunde 300 . 000 Plastikbecher verbraucht werden - für Coffee-to-go, Fast-Food-Mahlzeiten oder auch beim privaten Picknick. Viele Menschen halten Plastik für den Inbegriff der umweltzerstörenden Wegwerf- Mentalität. Hat angesichts solcher Zahlen ein Plastikbecher überhaupt eine Chance, nachhaltig und klimaneutral zu werden? RD: Plastik ist für mich kein Schimpfwort. Ich bin im Grunde genommen ein großer Fan von Kunststoff-- wenn wir anders mit ihm umgehen und ihn nachhaltiger produzieren. Der heutige Umgang mit Plastikbechern ist alles andere als nachhaltig. Rohstoffe wie Erdöl werden rund um den Globus geschickt. Unter großem Energieverbrauch wird Kunststoff im Spritzgussverfahren zu Bechern geformt. Beim Konsumenten werden die Becher dann im Durchschnitt acht Minuten gebraucht. Solch ein Aufwand für acht Minuten Bequemlichkeit! Immerhin werden die Becher recycelt in Deutschland-… RD: Man versucht in Deutschland, Plastik zu recyceln. Doch genauer betrachtet sind die Quoten der Wiederverwertung schlecht. Weniger als zehn Prozent unseres recycelbaren Abfalls wird tatsächlich wiederverwendet. Der weit überwiegende Teil dürfte verbrannt werden- - und mit CO 2 zum Klimawandel beitragen. Trotzdem produzieren Sie bei Ihrem Start-up CUNA- Plastikbecher. Was machen Sie anders? Reportage | Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger 11 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 RD: Man kann Plastik und Plastikbecher klug und nachhaltig produzieren, verwenden und recyceln. Bei CUNA haben wir uns auf die Gastronomie spezialisiert. Wir haben dabei den ganzen Lebenszyklus des Bechers im Blick-- von den Rohstoffen über die Produktion und die Nutzung bis hin zur Wiederverwertung. Diesen Zyklus haben wir neu gedacht und klimafreundlich gestaltet. Fangen wir mit den Rohstoffen an-… RD: Wir nutzen Bioplastik aus pflanzlichem Material. Wir verwerten beispielsweise Abfälle aus der Zuckerindustrie, die für Nahrungsmittel nicht verwendet werden können, sowie kleine Holzfasern ebenfalls aus Resten. Dann die Nutzung: Die Gastronomiepartner berechnen ihren Gästen Pfand für die Becher. Die Gäste geben den Becher direkt nach Gebrauch zurück, oder sie bringen ihren persönlichen CUNA -Becher beim nächsten Besuch wieder mit. Was den Gastronomen betrifft: Ist der Pfandbecher nach einiger Zeit verschlissen, gibt er diesen an uns zurück. Wir machen daraus neues Material. Die Materialkreisläufe sind also geschlossen. Durch diese Ansätze haben wir den CO 2 -Abdruck unserer Becher erheblich reduzieren können. Wie sieht es mit nachhaltiger Produktion aus? RD: Diese Aufgabe gehen wir jetzt durch das Forschungsprojekt an. Cuna hat ja keine eigene Fertigung. Wir haben keine eigene Fabrik, sondern lassen unsere Becher in Deutschland produzieren- - also bei spezialisierten Spritzgießern. Unsere Auftragsfertiger sind mit unseren Bechern bereits technisch herausgefordert. Biokunststoff ist in der Verarbeitung anspruchsvoller als erdölbasiertes, herkömmliches Plastik. Unsere Produktionspartner haben da einiges für uns möglich gemacht . Jetzt geht es einen Schritt weiter. Wir wollen die Vorteile von digitalisierter Automatisierung und künstlicher Intelligenz nutzen, um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen. Wir schauen uns die Produktionsprozesse selbst an: Wie können wir sie verbessern, noch nachhaltiger machen und die CO 2 Emissionen weiter reduzieren? Da kommen Sie, Frau Perez, mit dem Fraunhofer Institut ins Spiel. Sie bauen mit CUNA und namhaften Industriepartnern im Augenblick eine digitale und vernetzte Produktion für CUNA-Becher auf. Wie kann Industrie 4 . 0 ausgerechnet zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen? Nissrin Perez: Produktion kann man aus verschiedenen Gründen digitalisieren. Seit Jahren entwickeln wir im Fraunhofer Institut KI-basierte Software. Sie wertet Datenströme aus der Produktion aus und optimiert automatisch die Prozesse. Man kann beispielsweise die Taktzeiten verbessern, effizienter produzieren, Ausschuss reduzieren oder flexibel einzelne Produktchargen individualisieren. Solche Zielgrößen waren bislang wesentlich. Das ist quasi die klassische Denkweise. Doch in den letzten Jahren ist auch das Interesse an nachhaltiger Produktion gewachsen. CUNA ist also nicht das einzige Unternehmen, dass Nachhaltigkeit mit Industrie 4 . 0 verbinden will? NP: Ich sehe da einen Trend. Ich bin optimistisch, dass sich Effizienz und Nachhaltigkeit gut miteinander verbinden lassen. Man kann beispielweise Störfälle oder Ausschuss reduzieren- - was wiederum positive Effekte auf den Energieverbrauch und den Einsatz von Rohstoffen hat. Wie können Industrie- 4 . 0 -Lösungen den Energieverbrauch weiter senken? Wie funktioniert dies konkret? NP: Industrie 4.0 bedeutet für uns, dass man die Komponenten in der Produktion miteinander vernetzt, Daten sammelt und diese mit künstlicher Intelligenz auswertet und die Produktionsprozesse optimiert. Zusätzlich kann man externe Daten einbeziehen, beispielsweise Wetterdaten oder Daten von Kunden und Lieferanten. Die KI-Algorithmen ermitteln auf Basis dieser vielfältigen Daten, wie man etwa regenerative Energie bestmöglich einsetzt oder die Produktionsabläufe abgestimmt auf Zulieferungen von Rohmaterial taktet. Der nachhaltige CUNA -Becher-- (auch) ein Zeichen gegen die Wegwerf-Mentalität. Foto: CUNA Products GmbH Reportage | Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger 12 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 Das heißt, wenn die Wetterdaten viel Wind prognostizieren und deshalb viel Windenergie zu erwarten ist - dann sorgt die Künstliche Intelligenz dafür, dass diese Ressource in der Produktion genutzt wird. NP: Richtig. So können wir versuchen, unter dem Strich mehr regenerative statt fossiler Energie für die Produktion zu nutzen. Dies reduziert den CO 2 -Fußabdruck. RD: Industrie 4.0 hat für CUNA aber auch Vorteile abseits der Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung macht die Produktion sehr flexibel. Sie erlaubt, dass wir beispielsweise auch sehr kleine Mengen an Bechern in der Produktion individualisieren können. Wir können beispielsweise für Kunden eine Mini- Charge von vielleicht 50 Bechern mit einem Sonderlogo versehen, ohne dass wir umrüsten müssen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber der klassischen Produktion, der für uns einen Wettbewerbsfaktor bedeutet. Für das Aufbringen der Logos verwenden wir dann einen Laser statt herkömmlicher Drucktechnik. Einen Laser? Ist diese Technologie nicht sehr energieintensiv? RD: Ich habe dies anfangs auch vermutet. Doch unter dem Strich ist es nachhaltiger, einen Laser statt traditionelle Druckmethoden zu verwenden. Man braucht keine Tinte, und das vom Laser aufgebrachte Logo ist deutlich robuster im Alltag, etwa beim Spülen. Sie sprechen von einem Wettbewerbsvorteil, der dadurch entsteht? RD: Ich denke, dass wir durch diese Technologie auch den Kundenwünschen sehr entgegenkommen können. Dies führt dazu, dass die Becher beliebter werden und sich am Markt weiter durchsetzen. Was wiederum dem Klimaschutz dient. Von diesen Möglichkeiten ist derzeit noch einiges Zukunftsmusik. Sie haben soeben, im Sommer, Ihr gemeinsames Forschungsprojekt in Lemgo gestartet. Mit im Boot sind Industriepartner, darunter der Robotik-Hersteller KUKA, die Automatisierungsspezialisten „ftp Robotik“, der Materialspezialist „digicolor“ und der Maschinenhersteller „ARBURG“. Mit dieser Kooperative bauen Sie in Lemgo eine sogenannte Realproduktion für digitale nachhaltige Kunststoffproduktion. in diese Realproduktion werden Sie zum einen CUNA-Becher produzieren, zum anderen innovative Industrie- 4 . 0 -Ansätze entwickeln. NP: Richtig. Vielleicht sollten wir einen Punkt noch hinzufügen: An unserem Standort in Lemgo haben wir 2016 die SmartFactoryOWL aufgebaut. Die SmartFactoryOWL nutzte bisher eher Demonstrationsanlagen für Forschungszwecke. Wir haben sie für die Lehre auf dem Campus der Technischen Hochschule und für den Technologietransfer am Fraunhofer IOSB-INA verwendet, also dafür, die Möglichkeiten von Industrie 4.0 unseren rund 8.000 Fachbesuchern jährlich zu zeigen. Wir wollen damit unsere Forschungsergebnisse schnell in die Praxis bringen. Aber: Wir hatten dort Modellanlagen. Wir haben bislang nicht unter realistischen Bedingungen produziert- - also mit echten Produkten, Zulieferern, Betreibern und Kunden. Das soll sich mit der Realproduktion von CUNA verändern? NP: Mit der Realproduktion werden wir die Wertschöpfungskette vollständig abbilden- - wie gesagt, unter realistischen Bedingungen. Bisher haben wir in unseren Demonstratoren den Fertigungsalltag in unserer SmartFactoryOWL nicht ganz Das Forschungsprojekt: Mit hochinnovativen Industrie-4.0-Ansätzen soll der CO 2 -Fußabdruck bei der Produktion des CUNA -Bechers reduziert werden. Foto: Fraunhofer IOSB-INA Reportage | Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger 13 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 berücksichtigen können. Mit unseren Demonstratoren haben wir versucht, Alltagsprobleme zu simulieren-… …-etwa Lieferverzüge bei Rohmaterial-… NP: Ja, zum Beispiel. Man legt sich solche Fälle als Annahmen zurecht und versucht, diese Alltäglichkeiten nachzuahmen. Doch es ist etwas ganz anderes, „echt“ zu produzieren in der SmartFactoryOWL. Diese Realproduktion wird die Forschungsfragen verändern. Zudem stellen wir die Technologien, die wir hier entwickeln, vor neue Herausforderungen. Sie forschen, erproben und demonstrieren also am lebenden Objekt? NP: So kann man dies nennen. Dies hat auch nach außen hin eine ganz andere Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Inwiefern nach außen hin? NP: Unser Ziel liegt insbesondere im Technologietransfer. Wir wollen möglichst schnell neue, digitale und vernetze Produktionstechnologien in die Breite tragen-- und insbesondere die Potenziale von KI in der Industrie entfalten. Im vom BMWi geförderten KI-Reallabor erproben wir neue Technologien unter realistischen Bedingungen. Das beschleunigt den Prozess von der Innovation zum Transfer in die Industrie. Dies ist auch im Sinne des Förderers, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Die Realproduktion ist ein wichtiger Innovationsmotor. Sie generiert offene und reale Industriedaten für die Forschung und Entwicklung von KI-Lösungen. Im KI-Reallabor können Sie vieles zur gleichen Zeit tun - von der Grundlagenforschung bis hin zum Technologietransfer. Hilft Ihnen dies, neue Technologien schneller in die Wirtschaft zu bringen und dadurch Wettbewerbsvorteile sichern? Beispielsweise auch Technologien für nachhaltige Produktionsprozesse? NP: Unsere Forschungsergebnisse erreichen die Unternehmen schnell. Sie werden zügig für Produktion und Produkte genutzt. Denken Sie allein an unsere am Projekt beteiligten Partner. Allein durch die Kooperative in unserer Realproduktion erwarte ich, dass Ansätze schnell state-of-the-Art in der Industrie werden. Namhafte Maschinen- und Anlagenbauer wirken mit. Sie liefern Komponenten für die Produktionsanlage in unserem Reallabor, beispielsweise Roboterarme oder Softwarelösungen. Ich gehe davon aus, dass diese Partner sehr schnell gewonnene Erkenntnisse für ihre eigenen Lösungen aufgreifen werden. Das Reallabor wird im Augenblick aufgebaut. Wie gehen Sie weiter bei Ihrer Forschung vor? NP: Wir starten die Produktion mit den heute gängigen Industrie-4.0-Standards. Anfangs setzen wir also auf digitale Technologien, die sich heute bereits in der Produktion finden. Wir fangen also mit dem an, was ohnehin derzeit möglich ist. Dann werden wir Neuland betreten. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir unterschiedliche Use Cases entwickeln: Wie können wir die Maschinen und ihre Komponenten optimal vernetzen? Wie können wir den Energiebedarf optimieren? Vorhin war immer wieder vom CO 2 -Fußabdruck des CUNA-Bechers die Rede. Welche Use Cases für ökologische Nachhaltigkeit haben Sie in Ihr Programm aufgenommen? NP: Wir wollen wissen, wie groß der Fußabdruck des CUNA - Bechers genau ist. Solche Informationen sind nicht nur für die Ökobilanz von Unternehmen wichtig, sondern auch aussagekräftig für den Konsumenten. Ich vermute, dass der Fußabdruck des Bechers schon jetzt sehr gut ist. Doch technisch stellt uns die präzise Überprüfung vor einige Herausforderungen. Wie kann man alle Prozesse einbeziehen, die in dem Lebenszyklus des Bechers direkt und indirekt anfallen? Indirekt anfallende Prozesse? Welcher Art? Meinen Sie die Logistik? NP: Logistik-Prozesse sind ein Beispiel. Ein weiteres Beispiel ist die Wartung und Reparatur von Produktionsanlagen. Auch sie muss man mit in den Fußabdruck einbeziehen, und man kann solche Prozesse auch nachhaltiger machen. Industrie 4.0 bietet da einige Ansätze. Angenommen, der Betreiber unserer SmartFactoryOWL hat ein Problem mit der Fertigung. Die Anlage funktioniert nicht-- und niemand weiß, weshalb. In der SmartFactory OWL werden bald nachhaltige Plastikbecher produziert. Foto: Fraunhofer IOSB-INA Reportage | Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger 14 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 Ein typischer Auftrag an den Service des Maschinenbauers. Jemand muss zur Fabrik kommen und die Sache untersuchen. Die Servicemitarbeiter kommen einmal, vielleicht sogar mehrmals, bis man wirklich Übersicht über den Schaden hat. NP: Die Fehlersuche ist aufwendig und häufig manuell. Der Betrieb der Anlage muss länger unterbrochen werden. Häufig müssen zusätzliche Spezialisten herbeigerufen werden. Der Grund für den Aufwand: Die einzelnen Komponenten von Anlagen oder Maschinenteile tauschen untereinander keine servicerelevanten Informationen aus. Dem Hersteller der Maschine fehlt von seinem Unternehmenssitz die digitale Einsicht in die Anlage. Dies wollen wir im Rahmen des KI-Reallabor mit dem Use Case CCM verändern. CCM? NP: Collaborative Condition Management. Wir wollen versuchen, die Anlage und ihre einzelnen Komponenten digital zu vernetzen-- und zwar durch Industrie-4.0-Standardschnittstellen. So können wir Daten aus der Maschine gewinnen, die beispielsweise in eine Art ganzheitliche, permanente Zustandsüberwachung fließen. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen bekommt der Betreiber vor Ort Hinweise auf die Fehlerquelle. Er muss dafür vielleicht keine Servicemitarbeiter holen. Dies könnte etwa die Zahl der Anreisen reduzieren. NP: Durchaus denkbar. Zum anderen könnte die Maschine Fehler gewissermaßen vorhersehen. Beispielsweise überwacht künstliche Intelligenz die mechanischen Bauteile laufend auf Verschleiß. Wir können damit prognostizieren, wann ein Bauteil ausfallen wird. Das heißt, der Betreiber kann die Bauteile rechtzeitig austauschen, etwa bei einer Routinewartung. Auch dies spart Zeit, Wege und Ausfallzeiten. Außerdem wird der ressourcenintensive Ausschuss reduziert, zu dem es häufig bei solchen Fehlern kommt. Dies spart am Ende Energie und Rohstoffe. Es dürfte sich dabei um einen Beitrag zur Nachhaltigkeit handeln - aber um einen vergleichsweise kleinen. Offen gefragt: Macht diese Arbeit am Detail den Kohl tatsächlich fett? Spiegelt sich der Aufwand in der Ökobilanz wider? NP: Aus meiner Sicht gilt hier das Pareto-Prinzip. Mit 20 Prozent des gesamten Aufwands kann man 80 Prozent des gewünschten Effekts erzielen. Was CUNA betrifft: Allein das Pfandsystem und die Verwendung von Biokunststoff dürfte die Ökobilanz enorm verbessert haben. Will das Unternehmen aber seinen CO 2 -Fußabdruck noch weiter verkleinern, muss es an Details feilen. Das heißt dann: Für die restlichen 20 Prozent zum Ziel braucht man die restlichen 80 Prozent des gesamten Aufwands. Mit anderen Worten - die letzten Meter auf dem Weg etwa zur Klimaneutralität sind die schwierigsten? NP: Hier kann Industrie 4.0 tatsächlich helfen, weitere Potenziale zu heben. Man setzt viele kleine Hebel an, die in Summe große Wirkung entfalten. Dank der Digitalisierung und des Einsatzes künstlicher Intelligenz wird diese Aufgabe erleichtert. Wir werden an unserem Standort und im Rahmen der Realproduktion in der SmartFactoryOWL zu solchen Fragen in den nächsten Jahren viel forschen. RD: Mit dem Einsatz von Pfandsystemen, geschlossenen Recycling-Kreisläufen und des Rohstoffs Biokunststoff haben wir bei CUNA in der Tat einen großen Schritt gemacht. Unser Biokunststoff hat sogar eine negative, also klimafreundliche CO 2 -Bilanz. Das Biomaterial bindet ja CO 2 , statt es freizusetzen. Aber unsere Vision geht weiter. Wir wollen den gesamten CO 2 -Fußabdruck unseres Bechers kennen und-- soweit es technisch geht-- reduzieren. Da spielen dann auch die Verästelungen des gesamten Produktionsprozesses eine Rolle-- mit all seinen Lieferketten, Energieversorgern und Komponenten für die Produktion. Dies wird dann sehr komplex. Solche Optimierungen kann man als Start-up gar nicht mehr leisten. Dafür braucht es ein großangelegtes Forschungsprojekt mit starken Partnern-- und natürlich digitale Vernetzung. Sie haben gerade von Ihrer Vision gesprochen. Wie sehen Sie Ihre Rolle in diesem Projekt? RD: Wir betrachten uns als Impulsgeber nicht nur für die Gastronomie, sondern auch für die Kunststoffindustrie. Sie denken also über den eigentlichen Becher hinaus? RD: Als Gründer hat man eine Idee, von der man-- bei aller Flexibilität-- nicht abrücken will. Ich glaube an Kunststoff, und ich denke, wir können seine Produktion, Verarbeitung und Nutzung klimafreundlich gestalten. Direkt nach Firmengründung waren wir froh, in dieser Branche überhaupt wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Mit unseren Ideen sind wir auf andere mittelständische Produktionsunternehmen gestoßen, die eine lange Tradition und einen guten Ruf haben. Wir haben schnell verstanden, dass wir nicht die etablierten Pro- Ressourcenplanung, die funktioniert Projektportfolio-Management Ressourcenplanung Zeit-/ Leistungserfassung Kosten-Controlling Die Testumgebung in der Cloud steht für Sie bereit Scheuring AG CH-4313 Möhlin � +41 61 853 01 54 www.scheuring.ch � info@scheuring.ch www.ressolution.ch Anzeige Reportage | Forschungsprojekt macht Plastikbecher (noch) nachhaltiger 15 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 32. Jahrgang · 04/ 2021 DOI 10.24053/ PM-2021-0063 duktionsweisen ganz auf den Kopf stellen konnten. Wir mussten flexibel auch traditionelle Wege gehen, um Produzenten überhaupt für unsere Becher zu gewinnen. Trotzdem haben wir unsere Partner mit neuen Ideen über Umwelt, biobasierte Produktion und neue Konzepte für Produktlebenszyklen konfrontiert. Viele hören diese Stichwörter schon seit Jahren. Mit uns wurde es quasi ernst für sie. Sie verstehen Sie sich mit Ihrem Start-up auch als eine Art Katalysator? RD: So kann man dies nennen. Das ist ein gutes Wort dafür. Wir haben viel über den CO 2 -Fußabdruck und ökologische Nachhaltigkeit gesprochen. Ich habe verstanden: Die Ansätze aus Industrie 4 . 0 können zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen. Was wir noch nicht betrachtet haben ist die soziale Nachhaltigkeit. Wie kann Industrie 4 . 0 zur sozialen Nachhaltigkeit beitragen? NP: Im Fraunhofer IOSB-INA beschäftigt sich eine Forschungsgruppe mit dem Thema der Assistenzsysteme. Diese Gruppe erforscht, was der Mensch in einer digitalen Arbeitsumgebung wirklich benötigt. Da spielen beispielsweise Fragen der Usability und Arbeit 4.0 eine Rolle. Wir entwickeln Technologien so, dass Mitarbeiter wirklich unterstützt werden. Unser Ziel ist es, Industrie-4.0-Konzepte im Sinne eines humanen Wandels zu gestalten. Das kann auch über die eigene Produktion hinausreichen. Inwiefern hinausreichen? NP: Die Wertschöpfungsketten unserer Wirtschaft umspannen heute die Welt. Sie reichen weit in andere Länder und Kontinente hinein. Es ist schwierig festzustellen, unter welchen Bedingungen Menschen dort arbeiten und was dort wie produziert wird. Im Zweifelsfall weiß man dies nicht. NP: Ja. Daran kann sich durch Technologien, wie wir sie jetzt entwickeln, viel verändern. Durch Digitalisierung kann man gut zurückverfolgen, wo was wie hergestellt wurde. Lieferketten können durch diese Transparenz auch sozial gerechter werden. Gerade Technologien der Digitalisierung, Vernetzung und künstlichen Intelligenz werden häufig kritisch gesehen. Menschen haben Angst vor ihnen. RD: Ich denke, dass diese Angst häufig mit Angst vor Arbeitsplatzverlust zusammenhängt. Diese Angst gab es auch in zurückliegenden Phasen der Industrialisierung. Doch wir haben dabei immer wieder festgestellt: Innovationen und Umbrüche vernichten keine Arbeitsplätze, sondern verlagern diese. Digitalität ist also kein „soziales Teufelszeug“? RD: Nein, meiner Einschätzung nach nicht. Auch glaube ich, dass heute viele aufgeschlossener sind für eine digitale Arbeitswelt. Während der Pandemie haben viele verstanden, dass digitale Kommunikation hilfreich ist. Natürlich wollen Menschen ihre Kolleginnen und Kollegen jetzt schnell wieder persönlich sehen. Doch Homeoffice und Videokonferenzen haben bei vielen zu einer neuen Flexibilität geführt, die man generell nicht mehr missen will. Da zeigt sich, wie technologischer Fortschritt auch neue Chancen bietet. Nissrin Perez Nissrin Perez ist Innovationsmanagerin am Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo und arbeitet seit 2016 in der SmartFactoryOWL, einer gemeinsamen Einrichtung des Fraunhofer IOSB-INA und der Technischen Hochschule OWL. Sie ist Master of Arts in International Management und Master of Engineering im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen. Im Kontext des Forschungsprojekts „KI-Reallabor“ vom BMWi leitet sie die Realproduktion in der SmartFactoryOWL. Darüber hinaus ist sie im Technologietransfer aktiv und begleitet mittelständische Unternehmen bei eigenen Industrie 4.0 Umsetzungsprojekten. Foto: Fraunhofer IOSB-INA Rafael Dyll Rafael Dyll ist Gründer und seit 2019 Geschäftsführer der CUNA Products GmbH. Er ist verantwortlich für das operative Geschäft des jungen Unternehmens sowie für die strategische Ausrichtung und Marketing. Er ist gelernter Kaufmann im Groß- und Außenhandel und Medienfachwirt. Nach der Ausbildung war er bis 2009 Exportleiter der MacroSystem Digital Video AG, einem Hersteller von Video- und Unterhaltungselektronik, und wurde dort auch Aufsichtsratsvorsitzender der französischen Tochter. Nach Übernahme durch die Loewe AG wechselte der aus Witten stammende Kaufmann in den Bereich Videokommunikation, bevor er bis 2019 Geschäftsführer einer Düsseldorfer Medienagentur für Bewegtbild und digitale Medien war und anschließend CUNA gründete. Foto: CUNA Products GmbH Hinsichtlich sozialer Nachhaltigkeit - welchen Fortschritt sehen Sie mit Industrie 4 . 0 für CUNA? RD: Wir verstehen uns auch als soziales Start-up. Vielleicht führen die neuen Technologien dazu, dass wir künftig in unserer Produktion mehr Menschen beschäftigen, die keinen akademischen Abschluss in Kunststoffingenieurwesen mitbringen. Vielleicht kommen wir in die Lage, die Produktion nicht mehr so elitär abzuwickeln. NP: Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt von Industrie 4.0, und er wird heute vielfach unterschätzt. Eine fast autonome Produktion, die vom Monitor her gesteuert und von KI-Systemen unterstützt wird, kann Menschen eine Chance geben, die auf dem traditionellen Arbeitsmarkt vielleicht keine Chancen hätten. Im Bereich der Assistenzsysteme arbeiten wir zum Beispiel heute schon viel mit Behindertenwerkstätten zusammen. Aus unserer Sicht tragen die neuen Technologien somit dazu bei, die Arbeitswelt nachhaltiger, fairer und inklusiver zu gestalten. Eingangsabbildung: © CUNA Products GmbH