eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 33/1

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
0942-1017
Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Tübingen
10.24053/PM-2022-0005
Die gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland nehmen weiter zu und fordern von allen Akteuren eine entsprechende Lösungskompetenz. Die deutsche Wirtschaft ist weit fortgeschritten, was die professionelle Umsetzung von Projekten und das Projektmanagement anbelangt. Andere gesellschaftliche Bereiche hinken hier jedoch hinterher. Die Pandemie und die Klimakrise sind nur zwei Beispiele für den gemeinsamen Kraftakt, den alle Akteure in unserer Gesellschaft leisten müssen, um mit Projekten Deutschlands Zukunft nachhaltig zu sichern. Projekte erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit in Deutschland. In den letzten Jahren sind die Anzahl und Bedeutung von Projekten kontinuierlich gestiegen. Dies hat häufig auch eine Transformation der betroffenen Organisationen zur Folge. Eine Reihe von Studien konnte das für die Wirtschaft klar bestätigen. Obwohl es in der Forschung zum Projektmanagement zunehmend Hinweise darauf gibt, dass diese „Projektifizierung“ nicht nur auf die Wirtschaft beschränkt ist, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt, gab es hierfür bislang nur wenig empirisch belastbare Daten. Dieser Beitrag beschreibt den Status und die Trends zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland auf Basis einer empirischen Studie und gibt Hinweise auf die Akteure sowie die besondere Rolle der GPM.
2022
331 Gesellschaft für Projektmanagement

Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland – Status, Trends und Akteure

2022
Reinhard Wagner
19 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 01/ 2022 DOI 10.24053/ PM-2022-0005 Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland- - Status, Trends und Akteure Reinhard Wagner Für eilige Leser | Die gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland nehmen weiter zu und fordern von allen Akteuren eine entsprechende Lösungskompetenz. Die deutsche Wirtschaft ist weit fortgeschritten, was die professionelle Umsetzung von Projekten und das Projektmanagement anbelangt. Andere gesellschaftliche Bereiche hinken hier jedoch hinterher. Die Pandemie und die Klimakrise sind nur zwei Beispiele für den gemeinsamen Kraftakt, den alle Akteure in unserer Gesellschaft leisten müssen, um mit Projekten Deutschlands Zukunft nachhaltig zu sichern. Projekte erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit in Deutschland. In den letzten Jahren sind die Anzahl und Bedeutung von Projekten kontinuierlich gestiegen. Dies hat häufig auch eine Transformation der betroffenen Organisationen zur Folge. Eine Reihe von Studien konnte das für die Wirtschaft klar bestätigen. Obwohl es in der Forschung zum Projektmanagement zunehmend Hinweise darauf gibt, dass diese „Projektifizierung“ nicht nur auf die Wirtschaft beschränkt ist, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt, gab es hierfür bislang nur wenig empirisch belastbare Daten. Dieser Beitrag beschreibt den Status und die Trends zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland auf Basis einer empirischen Studie und gibt Hinweise auf die Akteure sowie die besondere Rolle der GPM. Schlagwörter | Projektifizierung, Projektwirtschaft, Projektgesellschaft, GPM, Deutschland Einleitung Das Wort „Projektifizierung“ taucht zum ersten Mal in einem Artikel von Christophe Midler [1] im Jahr 1995 auf. In dem Artikel geht er auf die Entwicklungen beim Autobauer Renault ein und beschreibt darin nicht nur die zunehmende Anzahl und Bedeutung von Projekten für den Konzern, sondern auch die damit einhergehende Transformation der dauerhaften Strukturen. In den darauf folgenden Jahren hat sich die Projektmanagement-Forschung intensiv mit dem Begriff und seiner Bedeutung auf verschiedenen Ebenen unserer Gesellschaft auseinandergesetzt und diesen weiter ausdifferenziert [2]. Die meisten Forschungsarbeiten haben sich mit der Wirkung einer zunehmenden Anzahl von Projekten auf Organisationen oder Projektnetzwerke auseinandergesetzt. Nur wenige sind bislang auf die Folgen für den Einzelnen bzw. auf die „dunklen Seiten“ der Zunahme temporären Organisierens eingegangen [3]. Mit der Veröffentlichung ihrer Studie „Makroökonomische Vermessung der Projekttätigkeit in Deutschland“ [4] hat die GPM im Jahr 2015 Pionierarbeit geleistet, denn mit dem gleichen Studiendesign wurden anschließend vergleichbare Studien in Ländern wie z. B. Brasilien, China, Island, Italien, Kroatien, Norwegen und Südafrika durchgeführt. In all diesen Studien war eine Zunahme der Projekttätigkeit in der Wirtschaft zu beobachten und der Anteil der Arbeitszeit in Projekten war in der Regel größer als ein Drittel der Gesamtarbeitszeit. Dabei gibt es von Land zu Land deutliche Unterschiede in Bezug auf die Wirtschaftssektoren und den Entwicklungsstand des Landes. Eine systematische Analyse der Projektifizierung über die Wirtschaft hinaus war bislang jedoch noch nicht verfügbar. Eine empirische Studie zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland wurde deshalb im letzten Jahr erstmals realisiert [5]. Mit diesem Beitrag werden wesentliche Erkenntnisse dieser Studie zusammengefasst und ein Ausblick auf die Trends und Potenziale gegeben. Denn die starke Zunahme gesellschaftlicher Herausforderungen (u. a. Pandemie und Klimakrise) erfordern ein leistungsfähiges Projektmanagement zur Umsetzung entsprechender Projekte. Die Berichte in dieser Ausgabe der PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL zeigen das Spektrum der Anwendungsfälle von Projekten in der Breite der Gesellschaft und der hierfür nötigen Schwerpunkt | Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland-- Status, Trends und Akteure 20 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 01/ 2022 DOI 10.24053/ PM-2022-0005 Kompetenzen auf. Aus der vorliegenden Studie zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland lassen sich entsprechende Handlungsempfehlungen für die im Projektmanagement tätigen Personen, Organisationen der Wirtschaft, dem Öffentlichen Dienst und gesellschaftlichen Akteuren- - wie z. B. der GPM-- ableiten. Entwicklung der Projektifizierung und mögliche Auslöser Im Jahr 2007 veröffentlicht die Deutsche Bank Research eine Studie zur Entwicklung in Deutschland, in der vor allem die Aussage für große Aufmerksamkeit in Fachkreisen sorgte, die den Anstieg der „Projektwirtschaft“ von 2 % auf 15 % der Wertschöpfung 2020 prognostizierte [6]. Dabei steht der Begriff Projektwirtschaft für zumeist temporäre, außerordentlich kooperative und oft globale Wertschöpfungsprozesse. Denn viele Unternehmen fokussieren sich zunehmend auf bestimmte Leistungen und Produkte und müssen mit anderen Unternehmen in Projekten kooperieren, um komplexe Leistungen oder Systeme (u. a. Anlagen) am Markt anbieten zu können. Die folgende Aussage begründet die zunehmende Bedeutung der Kooperation in Form von Projekten: „Ein wachsender Teil der deutschen Wirtschaft ist heute daher als Folge eigenständiger Projekte mit nach Bedarf wechselnden Teilnehmern organisiert. Dieses Wertschöpfungsmuster passt sich der gestiegenen (Wissens-) Dynamik der Wirtschaft flexibler an, beschleunigt den Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ und hilft, unnötige Fixkosten zu vermeiden. Zudem reduziert es die Markteintrittsbarrieren für den einzelnen Projektpartner: Die Kapitalkosten können geteilt werden.“ Eine innerbetriebliche Vermessung der Projektwirtschaft zeigt drei Jahre später auf, dass in vielen Betrieben Deutschlands die Projektarbeit große Teile der Organisation durchdrungen hat und weiter auf dem Vormarsch ist [7]. So gaben ungefähr drei Viertel der befragten Entscheider an, dass zum Zeitpunkt der Befragung in ihrem Unternehmen bereits projektwirtschaftliche Strukturen etabliert und schon ungefähr 37 Prozent aller Arbeitsabläufe projektwirtschaftlich organisiert waren. Dabei werden vor allem innovative Problemstellungen, wie z. B. die Einführung neuer Prozesse und Abläufe bzw. die Entwicklung neuer Produkte oder Services in Form von Projekten realisiert. Hingegen werden Projekte weit weniger für administrative Aufgaben eingesetzt, die vor allem verlässliche und feste Regelungen in einem dauerhaften Rahmen erfordern. Projekte bieten dagegen den Vorteil, dass Projektteams lösungsorientierter agieren können, eine höhere Identifikation mit ihren Zielen und Zielvorgaben haben sowie selbstständiger arbeiten. Betriebliche Projektwirtschaft ist abteilungsübergreifend und führt das zur Beantwortung neuer Fragestellungen notwendige Know-how aus unterschiedlichen internen wie externen Bereichen in Projekten zusammen. Auch die 2013 durchgeführte und 2015 veröffentlichte Studie der GPM zum Ausmaß der Projektifizierung in der deutschen Wirtschaft zeigt ein Anwachsen des Anteils der Arbeitszeit auf, die in Projekten im Vergleich zur Gesamtarbeitszeit verbracht wird, nämlich von 34,7 % 2013 auf 41,3 % 2019. Die These einer weiter zunehmenden Projektifizierung der Wirtschaft kann damit bestätigt werden, wenngleich das Ausmaß der Projektifizierung von Branche zu Branche deutlich schwankt. Am höchsten ist der Anteil in den Wirtschaftsbereichen „Baugewerbe“, „Unternehmensdienstleister“, „Handel / Verkehr / Gastgewerbe“, „Produzierendes Gewerbe“ sowie „Information und Kommunikation“. Dort scheint der Bedarf an wissensintensiver Zusammenarbeit für den Unternehmenserfolg am größten zu sein. Dagegen folgt der Bereich „Öffentlicher Dienst / Erziehung / Gesundheit“ mit deutlichem Abstand und hat insgesamt in Sachen Projektifizierung großen Nachholbedarf [4]. In unserer, im Jahr 2021 durchgeführten Umfrage [5] wurde auch nach möglichen Auslösern für die zunehmende Projektifizierung in Deutschland gefragt. Dabei landete „Digitalisierung“ mit deutlichem Abstand vor allen anderen Faktoren. Entsprechende Projekte sind Auslöser für die Projektifizierung in der Wirtschaft wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Danach folgen Themen wie z. B. „Nachhaltigkeit“ und „Klimawandel“, wobei diese sicher eng miteinander verbunden sind und Auslöser für Projekte in sehr unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft darstellen. Eher abgeschlagen landen „Individualisierung“ und „Globalisierung“ am Ende der Liste. Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland-- Status quo und Trends Bei unserer Befragung zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland haben wir zur begrifflichen Klärung auf Maylor et al. [8] zurückgegriffen, die das Phänomen als „Vereinnahmung vieler Lebensbereiche durch projektbezogene Prinzipien, Regeln und Techniken-… sowie die damit einhergehenden Veränderungen in den Bereichen Macht, Politik, Wissen und Normen“ beschrieben haben. Jensen et al. gehen mit ihren Ausführungen sogar noch weiter und schreiben [9]: „Projekte sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie durchdringen das, was wir tun, wie wir sprechen, wie wir über unsere täglichen Aktivitäten denken, wie wir unsere Identitäten konstruieren und letztlich, wer wir sind“ (siehe hierzu auch das Interview in dieser Ausgabe der PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL). Auf die Frage, wie stark sich die Projektifizierung insgesamt auf die Gesellschaft in Deutschland auswirkt, haben die Befragten auf einer Skala von 0 (überhaupt kein Einfluss) bis 100 (sehr hoher Einfluss) für das Jahr 2016 („vor 5 Jahren“) einen Wert von 49, für das Jahr 2021 („Aktuell“) den Wert von 61 und für das Jahr 2026 („in 5 Jahren“) einen Wert von 76 angegeben (siehe Abb. 1). Die Projektifizierung hat damit in den letzten Jahren deutlich zugenommen und wird auch zukünftig weiter an Einfluss gewinnen. Das jährliche Wachstum beträgt knapp 3 % und stimmt mit der Studie der GPM in Bezug auf die deutsche Wirtschaft überein, die ebenfalls einen Zuwachs von knapp 3 % vorausgesagt hat [10]. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen deutliche Unterschiede bei der Ausprägung der Projektifizierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen (siehe Abb. 2). So wirkt sich die Projektifizierung vor allem auf die Wirtschaft aus, gefolgt mit großem Abstand von der Öffentlichen Verwaltung, dem „ehrenamtlichen / sozialen Engagement“ und Bereichen wie Freizeit, Sport, Kunst und Kultur. Schon die breit angelegte Studie der GPM zur Vermessung der Projekttätigkeit in der Wirtschaft Deutschlands im Schwerpunkt | Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland-- Status, Trends und Akteure 21 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 01/ 2022 DOI 10.24053/ PM-2022-0005 Jahr 2015 hat ergeben, dass der Anteil der Projektarbeit an der Gesamtarbeitszeit im produzierenden Gewerbe deutlich höher ist als der in der Öffentlichen Verwaltung. Aufschluss können dabei vielleicht auch die Ursachen für die zunehmende Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland geben. Hier können die zuerst genannten Punkte vor allem der Wirtschaft zugeordnet werden, darunter „steigende Komplexität“, „Digitalisierung“, „Innovationsbedarf“, „Effizienzdruck“ sowie „Veränderungsbedarf“. Erst mit Abstand werden gesellschaftliche Herausforderungen, soziale wie auch persönliche Gründe für die Zunahme der Projektifizierung in der Gesellschaft genannt. Eine mögliche Schlussfolgerung ist, dass Projektifizierung vorrangig durch die Herausforderungen der Wirtschaft angetrieben bzw. durch deren Akteure adressiert wird. Zu beachten ist jedoch, dass von den 200 Befragten in der Studie mehr als zwei Drittel aus der Wirtschaft kamen. Betrachtet man die Analyseergebnisse zur Projektifizierung in unserer Gesellschaft, ausgehend von der Studie der DB Research-Studie 2007 über die betriebliche Vermessung der Projektwirtschaft 2010 und der GPM Studie zur Projektifizierung der deutschen Wirtschaft im Jahr 2015 bis zu unserer aktuellen Studie des Phänomens in der Gesellschaft Deutschlands, so fällt auf, dass die Projektifizierung deutlich zunimmt. Sie wirkt sich vor allem in der Wirtschaft durch steigende Anforderungen in den Bereichen Innovation, Komplexität, und Effizienz sowie aktuellem Handlungsbedarf in Bezug auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit aus. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen steigt das Bewusstsein für Projekte und professionelles Management als Lösungsansatz. Jedoch hinken die Öffentliche Verwaltung und andere Bereiche der Wirtschaft hinterher. Dies gibt angesichts der vielfältigen Her- Abbildung. 1: Auswirkungen der Projektifizierung im Verlauf der Zeit Abbildung 2: Auswirkungen der Projektifizierung auf gesellschaftliche Bereiche ausforderungen unserer Gesellschaft zu denken und erfordert Maßnahmen der relevanten Akteure, um das Bewusstsein in der Gesellschaft zu steigern, dass mit Projektmanagement ein geeigneter Ansatz zur Lösung anspruchsvoller Aufgaben in der Wirtschaft erprobt ist, der sich auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen lässt. Der Einfluß verschiedener Akteure auf die Projektifizierung Unsere Studie zur Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland widmete sich auch dem Einfluss unterschiedlicher Akteure. Dabei wurde zwischen individuellen und organisatorischen Akteuren sowie institutionellen Feldern unterschieden. Bei den individuellen Akteuren ging es u. a. um Vorbilder, Persönlichkeiten oder Experten. Unter den zur Auswahl gestellten individuellen Akteuren mit besonderem Einfluss auf die Projektifizierung der Gesellschaft wurden Vorzeigeunternehmer, wie z. B. Elon Musk, mit großem Abstand vor Aktivisten, wie z. B. Greta Thunberg von Fridays for Future, und Ministern der Bundesregierung eingeordnet. Die Verbandsfunktionäre landeten dagegen auf den hinteren Rängen. Bei den organisatorischen Akteuren belegten Vorzeigeunternehmen, wie z. B. Siemens, mit klarem Abstand den ersten Platz, gefolgt von Dienstleistern, wie z. B. Beratungs- und Trainingsanbietern und Bildungseinrichtungen, wie z. B. Hochschulen und Universitäten. Auch hier landeten Verbände und Behörden am unteren Ende der Rangfolge. Schließlich wurden auch institutionelle Felder betrachtet. Damit sind z. B. spezifische Branchen, Berufsgruppen, Cluster oder Netzwerke gemeint. In der Befragung wurden Berufsgruppen, wie z. B. IT-Projektmanager, Branchen, wie z. B. die Baubranche, und Konzerne, wie z. B. Volkswagen mit großem Einfluss auf die Projektifizierung mit den ersten drei Rängen belohnt, wohingegen Cluster, wie z. B. das Münchner Bio-Tech Cluster, und Netzwerke, wie z. B. das Forschungsnetzwerk Wasserstoff weiter hinten landeten. Insgesamt dominiert die Wirtschaft das Feld der einflussreichsten Akteure. So werden Vorzeige-Unternehmen bzw. -Unternehmer bei organisatorischen und individuellen Akteuren mit dem jeweils größten Einfluss auf die Projektifizierung der Gesellschaft eingeschätzt. Bei den institutionellen Feldern befinden sich sogar gleich drei der Wirtschaft zugehörige Akteure an der Spitze, nämlich die Berufsgruppen, Branchen und Konzerne. Dies passt einerseits zu der weiter oben schon erwähnten Teilnehmerstruktur der Studie, andererseits spiegelt sich darin auch ein fehlendes (Selbst-)Bewusstsein Schwerpunkt | Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland-- Status, Trends und Akteure 22 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 01/ 2022 DOI 10.24053/ PM-2022-0005 in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu den Möglichkeiten bzw. dem Einfluss auf die Projektifizierung der Gesellschaft. Interessant ist auch, dass Verbände wie z. B. die GPM nur an vorletzter Stelle der organisatorischen Akteure eingeordnet werden. Dies steht im Widerspruch zu dem Einfluss, den die Literatur den Verbänden im Zusammenhang mit einer zunehmenden Projektifizierung zuschreibt [11]. Schließlich hat uns noch interessiert, mit welchen Institutionen und Aktivitäten die Projektifizierung der Gesellschaft vorangebracht werden kann. Zur Auswahl standen dabei regulative, normative und kulturell-kognitive Institutionen. Regulativ wirken beispielsweise Gesetze, Verordnungen und Richtlinien auf die Akteure ein, diese werden vorgegeben, überwacht und sanktioniert. So fordert z. B. in einigen europäischen Ländern der Gesetzgeber bei der Umsetzung von Projekten der öffentlichen Hand ein anerkanntes Projektmanagement-Zertifikat des Ausführenden. Zu den normativen Institutionen zählen typischerweise Normen, Standards und Zertifikate. Sie wirken durch eine soziale bzw. moralische Verpflichtung auf die Handelnden. In der Praxis werden z. B. häufig die Projektmanagement-Normen des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) bzw. der Kompetenzstandard ICB 4.0 von GPM und IPMA in Projekten angewendet. Kulturell-kognitive Institutionen sind die in einer Gesellschaft geteilten Ansichten, Glaubenssätze und Werte. Diese wirken sich häufig unbewusst auf die Handlungen der Akteure aus und werden wie selbstverständlich akzeptiert. Dazu zählen u. a. das Image von Projekten, die Rolle von Vorbildern in der Gesellschaft sowie die Narrative, die man sich zu Projekten erzählt, die sich verbreiten und so möglicherweise die Umgangssprache beeinflussen. Bei der Projektifizierung der Gesellschaft kommt gerade den kulturell-kognitiven Institutionen laut unserer Befragung der größte Einfluss zu, gefolgt von den normativen und regulativen Institutionen sowie den darauf bezogenen Aktivitäten. Dies erscheint überraschend, da vor allem der „Pull-Effekt“ kulturell-kognitiver Ansichten die Gesellschaft in der Projektifizierung voranbringt und weniger die Anforderungen von Normen, Regelwerken und Vorschriften. So wird z. B. der Unternehmer Elon Musk dafür bewundert, mit welcher Geschwindigkeit er es schafft, in Deutschland ein Werk zur Fertigung von Fahrzeugen und Batterien zu errichten, auch wenn dafür bislang noch keine Genehmigung vorliegt. Und dies alles unweit vom Berliner Großflughafen BER, der allzu häufig als schlechtes Beispiel für Projekte und Projektmanagement in Deutschland herhalten muss und trotz seiner Fertigstellung auch weiterhin für negative Schlagzeilen sorgt. Die Rolle der GPM für die Projektifizierung in Deutschland Die GPM hat mit einer Vielzahl von Aktivitäten seit ihrer Gründung im Jahr 1979 dazu beigetragen, das Projektmanagement in Deutschland zu verbreiten. Laut Satzung ist der Zweck des gemeinnützigen Vereins die Förderung des Projektmanagements, insbesondere der Aus- und Weiterbildung sowie der Forschung und Information auf diesem Gebiet. Dabei stand vor allem die Wirtschaft mit den Unternehmen im Fokus der Aktivitäten der GPM, z. B. durch die Entwicklung entsprechender PM-Standards, die dann mittels Qualifizierung und Zertifizierung in den Unternehmen durchgesetzt wurden. Auf Veranstaltungen, wie z. B. dem jährlich stattfindenden PM-Forum können sich Projektmanager über den aktuellen Stand im Projektmanagement informieren, sich vernetzen und sich zu den in Projekten gesammelten Erfahrungen austauschen. Dies geschieht auch in den deutschlandweit verteilten Fachgruppen und Regionen. In den letzten Jahren hat sich die GPM vermehrt in Berlin engagiert, um z. B. im Rahmen des Aktionsprogramms „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ gemeinsam mit Bund, Ländern und Kommunen die Frage zu klären, welchen Beitrag Projektmanagement leisten kann, die Zukunftsfähigkeit unseres Landes zu erhalten. So stehen zahlreiche Zukunftsaufgaben an, die auch im Koalitionsvertrag der an der Bundesregierung beteiligten Parteien aufgeführt sind. Das Aktionsprogramm bringt die neuen Anforderungen wie folgt auf den Punkt: „Zunehmende Komplexität, Dynamik, Unsicherheit und krisenhafte Zuspitzungen erhöhen die Anforderungen an die Flexibilität und Reaktionsfähigkeit von Staat und Wirtschaft. Ein Schlüssel für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit liegt in unserer Kompetenz, Veränderung zu gestalten und Ideen und Initiativen in Projekten umzusetzen.“ [12] Welchen gesellschaftlichen und gemeinwohlorientierten Beitrag die GPM zusammen mit ihren Mitgliedern und relevanten Stakeholdern in der Lage ist zu leisten, hat sich beispielsweise im Rahmen der Flüchtlingskrise von 2015 bis 2017 gezeigt [13]. Die vielfältigen Aktivitäten der GPM für das Projektmanagement werden jedoch in der Gesellschaft anders wahrgenommen. So sehen die Teilnehmer unserer Befragung nur einen geringen Einfluss der GPM auf die Projektifizierung der Gesellschaft. Sie wünschen sich jedoch in Zukunft einen deutlich größeren Einfluss. Die Auswertung der Daten legt eine neue strategische Ausrichtung der GPM nahe, die vor allem Aktivitäten auf dem Gebiet der kulturell-kognitiven Institutionen stärken sollte, u. a. durch eine deutlich intensivere Öffentlichkeitsarbeit, einen stärkeren Einfluss auf Bildungseinrichtungen und durch eine stärkere Zusammenarbeit mit den Ministerien auf Bundes- und der Landesebene. Dabei scheint es besonders wichtig zu sein, ein positives Image von Projekten zu prägen und Projekte als geeignetes Mittel zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen herauszustellen. Hierfür kann die GPM beispielsweise den Project Excellence Award nutzen. Die GPM sollte sich auch stärker in sozialen Projekten engagieren und damit ihrer Vorbildrolle gerecht werden. Hier ist das Flüchtlingsprojekt der GPM sicherlich wegweisend. So kann sich die GPM in Zukunft noch deutlich stärker in sozialen Projekten und in der Entwicklungshilfe engagieren bzw. Bürgerinitiativen wie Fridays for Future oder Corporate Social Responsibility-Initiativen der Wirtschaft unterstützen (siehe hierzu auch die weiteren Beiträge in dieser Ausgabe der PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL). Fazit Projekte erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit in Deutschland. In den letzten Jahren sind die Anzahl und Bedeutung von Projekten insbesondere in den Unternehmen der Wirtschaft kontinuierlich angestiegen und haben dort zu Veränderungen geführt. Dieses Phänomen, das durch Christophe Midler im Jahr 1995 erstmals beschrieben und mit dem Begriff „Projektifizierung“ bezeichnet wurde, hat sich inzwi- Schwerpunkt | Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland-- Status, Trends und Akteure 23 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 01/ 2022 DOI 10.24053/ PM-2022-0005 schen über die Wirtschaft hinaus in alle Bereiche unserer Gesellschaft ausgebreitet. Jedoch gibt es in diesem Zusammenhang noch kaum empirische Forschung, die den aktuellen Stand, die Trends und wesentliche Akteure beschreibt. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse einer ersten empirischen Studie zum Thema zusammen und geht der Frage nach, wie weit die Projektifizierung in der Gesellschaft schon entwickelt ist, welche Entwicklungen in der Zukunft noch zu erwarten sind und welche Akteure hierbei eine Rolle spielen. Die Projektifizierung ist in Deutschland in der Wirtschaft schon weit fortgeschritten und entwickelt sich auch in den kommenden Jahren weiter. Gesellschaftliche Bereiche wie „öffentliche Verwaltung“, „ehrenamtliches / soziales Engagement“ und „Freizeit, Sport, Kunst und Kultur“ hinken dagegen bei der Projektifizierung hinterher und sollten weiter gefördert werden. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen in Deutschland, wie z. B. die Bewältigung der andauernden Covid-19-Pandemie und der Flutkatastrophe sowie der Umgang mit den Folgen der Klimakrise, sind eigentlich idealer Nährboden für Projekte und professionelles Projektmanagement. In Deutschland tritt jedoch immer deutlicher eine Kluft zwischen den Projektaktivitäten der Wirtschaft, der Öffentlichen Hand und dem ehrenamtlichen / sozialen Engagement zu Tage. So wurde zwar von BioNTech in Rekordzeit ein hoch wirksamer Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt, die Verteilung und Verabreichung gelang jedoch erst nach der Überwindung einer Vielzahl von organisatorischen Schwierigkeiten. Größten Einfluss auf den Prozess der Projektifizierung haben vor allem Unternehmer und Unternehmen, die als Vorbild in der Gesellschaft für eine erfolgreiche Umsetzung von Projekten gesehen werden. Als Beispiel mögen hier die BioN- Tech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin dienen [14]. Prägend für die Projektifizierung in Deutschland sind weniger die regulativen und normativen Institutionen der Gesellschaft, sondern vor allem kulturell-kognitiven Institutionen mit den darauf ausgerichteten Aktivitäten. So kann die GPM als Fachverband dabei helfen, das positive Image von Projekten in der Öffentlichkeit zu prägen, die Vorbilder und Narrative für erfolgreiche Projekte herauszustellen und generell das Bewusstsein für Projekte und Projektmanagement als Lösungsansatz zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen zu fördern. Literatur [1] Midler, C. (1995): “Projectification” of the Firm: The Renault Case. In: Scandinavian Journal of Management 11 (4), S. 363-375 [2] Kuura, A. (2020): 25 Years of Projectification Research. In: PM World Journal IX (8) [3] Braun T., Sydow J. (2019): Projektmanagement und temporäres Organisieren, Stuttgart, Kohlhammer [4] Wald, A., Spanuth, T., Schneider, C., Futterer, F., Schnellbächer, B. (2015): Makroökonomische Vermessung der Projekttätigkeit in Deutschland. Nürnberg, GPM [5] Wagner, R. (2021): Projektifizierung der Gesellschaft in Deutschland- - Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse einer Studie. https: / / www.gpm-ipma.de / know_ how / studienergebnisse.html; Stand: April 2021 Reinhard Wagner Reinhard Wagner ist Geschäftsführer der Tiba Managementberatung GmbH und unterstützt mittelständische Betriebe wie auch Konzerne auf dem Weg zur projekt-orientierten Unternehmung. Dabei bringt er 35 Jahre Erfahrung in verschiedenen Führungsbzw. Projektrollen und mehr als 20 Jahre ehrenamtliches Engagement in GPM, IPMA, DIN und ISO in seine Arbeit mit ein. Er hat bislang 40 Fachbücher zu den Themen Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement veröffentlicht und beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Projektifizierung der Gesellschaft. eMail: reinhard.wagner@tiba.de Tiba Managementberatung GmbH, Perchtinger Straße 10, 81 379 München [6] Hofmann, J., Rollwagen, I., Schneider, S. (2007): Deutschland im Jahr 2020. Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition. Frankfurt am Main, Deutsche Bank Research [7] Rump, J., Schabel, F., Alich, D., Groh, S. (2010): Betriebliche Projektwirtschaft. Eine Vermessung. Mannheim, Hays [8] Maylor, H., Brady, T., Cooke-Davies, T., Hodgson, D. (2006): From Projectification to programmification. International Journal of Project Management 24, S. 663-674 [9] Jensen, A. F., Thuesen, C., Geraldi, J. (2016): The Projectification of Everything: Projects as a Human Condition. Project Management Journal 47 (3), S. 21-34 [10] Wald, A., Spanuth, T., Schneider, C., Schoper, Y. (2015): Towards a Measurement of “Projectification”: A Study on the Share of Project Work in the German Economy. In: Wald, A., Wagner, R., Schneider, C., Schwendtner, M. (Eds.): Advanced Project Management (Vol. 4). Flexibility and Innovative Capacity. Nuremberg, GPM, S. 18-36 [11] Hodgson, D., Muzio, D. (2012): Prospects for Professionalism in Project Management. In: Morris, P. W. G., Pinto J. K., Söderlund, J. (Eds.): The Oxford Handbook of Project Management. Oxford, Oxford University Press, S. 107-130 [12] GPM: Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“. https: / / www.gpm-ipma.de / know_ how / aktionsprogramm.html; Stand: Dezember 2021 [13] GPM: Das GPM Flüchtlingsprojekt von 2015 bis 2017. https: / / www.gpm-ipma.de / know_how / gpm_fluechtlingsprojekt.html; Stand Dezember 2021 [14] Miller, J., Türeci, Ö., Sahin, U. (2021): Projekt Lightspeed. Der Weg zum BioNTech-Impfstoff-- und zu einer Medizin von morgen. Hamburg, Rowohlt Eingangsabbildung: © iStock.com / MF3d