eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 33/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
0942-1017
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2022-0101
2022
335 Gesellschaft für Projektmanagement

Selbstreflexion durch Ziele

2022
Olaf Müller-Stegemann
54 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 33. Jahrgang · 05/ 2022 10.24053/ PM-2022-0101 Selbstreflexion durch Ziele Olaf Müller-Stegemann Selbstreflexion durch Ziele Selbstreflexion ist eines der aktuellen Trendwörter (513 Mio. deutsch- und englischsprachige Suchergebnisse auf Google [Quelle: www.google.com, Stand: 03. 07. 2022]). Liest man sich in die Suchergebnisse ein, entsteht schnell der Eindruck, dass der Tag auch nur mit Selbstreflexion verbracht werden kann. Ganz allgemein versteht man unter Selbstreflexion das Nachdenken über sich sowie das Analysieren, kritische Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Und genau damit kann Selbstreflexion ein zweischneidiges Schwert sein: zu wenig verhindert die Chance auf persönliche Weiterentwicklung, ein zu viel führt oftmals zu einer nicht endenden Schleife an Selbstzweifeln. Was aber ist zu wenig, was zu viel? Diese Frage kann letztlich nur für sich selbst beantwortet werden. Und dabei helfen sicher auch die Suchergebnisse auf Google. Ein anderer Ansatz kann dabei die Arbeit mit Zielen sein. Ziele dürfen auch Spaß machen Können Sie sich noch erinnern, wann Sie das erste Mal mit dem Thema Ziele in Berührung gekommen sind? Vermutlich war dies noch im Elternhaus oder in der Schule. Bedauerlicherweise wird hier schon oft das erste Mal ein negativer Eindruck hinterlassen. Denn gerade in diesem Umfeld wird das Thema Ziele häufig mit einem „du musst“ verbunden. Und mal ganz ehrlich unter uns: Wer stand in dem Alter nicht mit dem Wort „müssen“ auf Kriegsfuß? Bestenfalls wurden entsprechende „Ratschläge“ mit einer Trotzhaltung umgesetzt, was jedoch auch nicht wirklich förderlich ist. Dabei kann und darf das regelmäßige Auseinandersetzen mit den eigenen Zielen auch Spaß machen. Sei es, dass es als Form des- - friedlichen- - Wettstreits mit anderen betrachtet wird oder als Checkliste für den eigenen Fortschritt, als Anreiz für eigene Belohnungen in der Zukunft oder Basis für die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Ziel. Wenn ein „ich darf“ oder „ich kann“ das „du musst“ ersetzt, ist ein erster großer Schritt in die richtige Richtung getan. Das Navigationssystem Ich vergleiche die Arbeit mit Zielen gern mit einem Navigationssystem. Und damit verbunden sind drei (nur) auf den ersten Blick sehr einfache Fragen: „Wo bin ich gerade? “, „Wo will ich hin? “ und „Wie komme ich von einem Punkt zum anderen? “. Die Fragestellungen lassen dabei verschiedene Dimensionen zu: geografisch, finanziell, emotional, partnerschaftlich sollen nur ein paar Nennungen sein. Und gerade die verschiedenen Dimensionen machen die Fragen zu hervorragenden Ausgangspunkten für die Selbstreflexion: Aus dem „Wo bin ich gerade? “ kann ein „Wer bin ich gerade jetzt? “ werden; aus dem „Wo will ich hin? “ wird ein „Wer will ich [eigentlich] sein? “ und aus „Wie komme ich von einem Punkt zum anderen? “ ein „Welche Möglichkeiten und Hindernisse liegen auf genau MEINEM Weg? “. Daher sind die Fragen auch nur auf den ersten Blick einfach. Denn genau sie erfordern es, sich intensiv mit uns selbst auseinanderzusetzen. Und welche der Fragen einfacher zu beantworten ist, ist sehr unterschiedlich und auch sehr von unseren persönlichen Einstellungen geprägt. So erfordert „Wo bin ich gerade? “ eine realistische Beschreibung des aktuellen Zustandes. Und das nicht einmalig, sondern permanent. Und damit die berühmt-berüchtigte Frage nach dem „Sind wir schon da? “. Stellen Sie sich vor, ein Navigationssystem würde nur einmal im Jahr den aktuellen Standort bestimmen und ansonsten immer vom letzten Punkt aus weiterarbeiten. Wir würden überall ankommen, nur nicht da, wo wir hinwollen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu bestimmen, „Wo stehe ich wirklich gerade? “ und nicht „Wo würde ich gerne jetzt schon stehen? “. Wenn wir uns an dieser Stelle selbst betrügen, führen danach alle Wege ins Nichts. Wie schnell es dabei zu einem Selbstbetrug kommen kann, merken wir alle im Alltag. Oder haben Sie auf die Frage „Wie geht es Dir? “ noch nie mit „Alles bestens.“, „Gut.“ oder „Passt schon.“ geantwortet, obwohl es alles andere als alles bestens, gut oder passend war? Aber auch die Suche nach dem „Wo will ich hin? “ erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Denn auch dieser Punkt muss so konkret wie möglich beschrieben werden. So würde eine Eingabe von „Berlin“ unserem Navigationssystem immer noch sehr viel Spielraum lassen. Sicherlich gibt es in Berlin viele schöne und interessante Ecken, jedoch nicht jede davon ist für uns relevant. Nicht an jedem dieser Orte kommen unsere Wünsche, Träume und Werte zum Tragen. Und genau diese fließen hier ein und prägen unser Zielbild. Und ohne konkrete Beschreibung werden wir die Frage nach dem „Sind wir schon da? “ nicht beantworten können. Eventuell haben wir unser Ziel schon erreicht, merken es nicht und kreisen immer noch um den Block. Und auch die Suche nach unserem eigenen Weg stellt uns vor besondere Herausforderungen. Und zu UNSEREM Weg wird es durch UNSERE Wahl, die von unseren Wünschen, Träumen, Werten, aber auch Erfahrungen geprägt wird: manche Route ist durch Baustellen oder Staus versperrt, manch eine(r) fährt nicht gern Autobahn, andere meiden nachts Strecken durch waldreiches Gebiet, um Wildunfälle zu vermeiden, und manchmal erfordert ein längerer Weg eine zusätzliche Übernachtungsmöglichkeit. Gute Navigationssysteme bieten uns dabei drei alternative Routen an, aus denen wir unsere Wahl treffen können, um PM Forum Leipzig | Selbstreflexion durch Ziele unser Ziel zu erreichen. Dabei ist eigentlich jede Wahl richtig, da sie ja zum Ziel führen wird. Jedoch sollte uns bewusst sein, warum wir uns für diesen oder jenen Weg entscheiden. Denn dieses Bewusstsein ist unser Lerneffekt für die Zukunft. Es wird uns dabei unterstützen, in Zukunft andere, bessere Entscheidungen zu treffen. Mit vollem Tank bis ans Ziel Leider kommt bei der Arbeit mit Zielen auch immer wieder unser bisweilen sehr deutsches Temperament zum Tragen: Wir schaffen es einfach nicht, ein positives Bild unseres Zieles zu entwerfen. Sehr oft erlebe ich Zielformulierungen, die das Wort „nicht“-- wie in „Ich will dieses oder jenes nicht mehr“-- enthalten. Aber gerade solche Weg-von-Formulierungen entwickeln keinen Sog, um uns in eine bessere, erwünschte, schönere Zukunft zu führen. Vermutlich ist auch dies der Grund, warum trotz einer hohen Anzahl an unzufriedenen Mitarbeitern und Fachkräftemangel nur so wenige Arbeitnehmer tatsächlich ihren Arbeitsplatz wechseln. Wenn es leichter fällt, nur zu kritisieren, statt konkret zu beschreiben, was ich von einem ausgezeichneten neuen Arbeitsplatz erwarte, wird eine Veränderung schwerlich umzusetzen sein. Eine besondere Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich ist darüber hinaus auch noch in diesem scheinbar so leichten „Wo will ich hin? “ enthalten: „Was will ich da eigentlich? “ Häufig geprägt und beeinflusst unser soziales Umfeld unser Zielbild so subtil, dass wir es selber nicht merken. Aber unser Unterbewusstsein merkt dies deutlich vor uns und wenn es feststellt, dass es nicht unser Ziel ist, sondern ein von außen vorgegebenes, wird es sich instinktiv gegen die Verwirklichung wehren, uns sogar insgeheim sabotieren und Steine in den Weg legen. Ein positives Bild der Zukunft und ein klares Motiv für die Zielerreichung sorgen für einen immer vollen Tank, damit wir nicht auf der Strecke liegen bleiben. Fazit Die Arbeit mit Zielen kann ein Mittel der Selbstreflexion sein, da es aus der Vielzahl verfügbarer Selbstreflexionsfragen drei Hauptfragen herauskristallisiert. Sie geben uns Orientierung und verhindern, dass wir in einer Schleife des Selbstzweifels untergehen. Bei Bedarf lassen sich die Hauptfragen noch durch Teilfragen konkretisieren. Olaf Müller-Stegemann Mein Weg führte von Großbanken, über das Gesundheitswesen (davon 10 Jahre als Geschäftsführer) hin zu meiner Selbständigkeit. Heute begleite ich als Berater und Coach meine Kunden ganz individuell mit den Schwerpunkten Ziele, Visionen, Strategien. Anschrift: kontakt@ctc-nordstern.de www.ctc-nordstern.de Michael Hesseler Human Resource Management 4.0 Kluge Personalentscheidungen für die neue Arbeitswelt 1., Auflage 2022, 359 Seiten €[D] 49,99 ISBN 978-3-7398-3013-1 eISBN 978-3-7398-8013-6 Dieses Buch nimmt die Leser: innen mit auf eine Reise durch das unwegsame Gelände der Digitalisierung. Professionelles HRM muss die damit einhergehenden Veränderungen mit klugen Entscheidungen initiieren und begleiten, um zusammen mit anderen Unternehmensbereichen den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Der Autor folgt dabei den praktischen Erfahrungen und wählt einen interdisziplinären Zugriff aus den Perspektiven der Betriebswirtschaft, der Soziologie, der Psychologie und Sozialpsychologie sowie der Neurowissenschaften, der Informatik, der Arbeitswissenschaft und letztlich der Unternehmensethik. Zukunftsorientiert berücksichtigt er v.a. die künstliche Intelligenz sowie die Bio- und Nanotechnologie hinsichtlich der Deckung des Bedarfs an Personalressourcen durch die Generationen Y und Z. Anzeige