eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 34/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2023-0049
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2023
343 Gesellschaft für Projektmanagement

Bildung für nachhaltige Entwicklung

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Sarah-Janina Khayati
Angesichts der bestehenden globalen Herausforderungen und Transformationsprozesse ist Nachhaltigkeit Kernthema des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Zukunft geworden. Mit der AGENDA 2030 haben die Vereinten Nationen 17 „Sustainable Development Goals“ definiert, die weltweit nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene sichern sollen. Ziel 4, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), gilt als zentraler Schlüssel für deren Umsetzung. In Deutschland wurde 2017 der Nationale Aktionsplan BNE verabschiedet.
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29 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 03/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0049 Tobias Feitkenhauer, Projektleiter von Frei Day, einem Lernformat der Initiative Schule im Aufbruch, im Interview mit der GPM Bildung für nachhaltige Entwicklung Sarah-Janina Khayati Angesichts der bestehenden globalen Herausforderungen und Transformationsprozesse ist Nachhaltigkeit Kernthema des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Zukunft geworden. Mit der AGENDA 2030 haben die Vereinten Nationen 17 „Sustainable Development Goals“ definiert, die weltweit nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene sichern sollen. Ziel 4, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), gilt als zentraler Schlüssel für deren Umsetzung. In Deutschland wurde 2017 der Nationale Aktionsplan BNE verabschiedet. Tobias, wie sieht für dich die Bildung der Zukunft aus? Tobias Feitkenhauer: Für mich ist die Bildung der Zukunft von den Bedürfnissen und Interessen der Kinder aus gestaltet. Natürlich werden auch Basiskompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben und der mündige Umgang mit digitalen Medien in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Erlernt werden diese allerdings nebenbei, wenn sich Kinder und Jugendliche in offenen Lernräumen mit Themen auseinandersetzen, die sie persönlich interessieren. Wo siehst du hier den besonderen Hebel in Bildung für nachhaltige Entwicklung? Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bietet uns dabei die Möglichkeit, die ganzen zerstückelten Fächer und Themengebiete zusammenzuführen. BNE vereint all die Themengebiete und Kompetenzen, mit denen sich junge Menschen in der Schule auseinandersetzen und die sie erwerben sollen. Ich sehe eine große Chance darin, mit einem Fokus auf BNE einen ganzheitlichen Bildungsansatz in den Schulcurricula zu verankern. Dafür braucht es aber ein klares Verständnis, dass BNE mehr ist als Umweltbildung. BNE hat das Ziel, dass sich die Schüler*innen zu verantwortungsbewussten, kritischen und mündigen Gestalter*innen unserer Welt entwickeln-- übrigens genau das, was auch die Schulgesetze in Deutschland als Ziel von Bildung ausgeben. Als Organisation setzt ihr euch bei Schule im Aufbruch für eine ganzheitliche und transformative Bildung im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung ein und habt mit dem FREI DAY ein Lernformat geschaffen, in dem Schüler*innen im Rahmen ihres Stundenplans auch Raum und Zeit für die Auseinandersetzung mit selbst gewählten Zukunftsfragen erhalten. Wie kann ich mir so einen Frei Day genau vorstellen? Stell dir vor, du hast jede Woche vier Stunden am Stück Zeit, Projekte zu Themen zu entwickeln und umzusetzen, die dich aktuell persönlich interessieren. Es gibt keinen Druck, dass du am Ende ein erfolgreiches Projekt zustande gebracht haben musst, stattdessen viele Möglichkeiten, dich mit den spannenden Themen unserer Zeit ausführlich auseinanderzusetzen. Du suchst dir ein Team und gemeinsam arbeitet ihr jede Woche an dem Projekt weiter. Deine Lernbegleiter*innen begleiten dich und dein Team als Coach. Sie reflektieren mit euch euren Prozess und helfen euch dabei, Herausforderungen zu überwinden. Eine Schülerfirma aufbauen, Kleidertauschbörsen organisieren, benachteiligten Menschen Wissen | Bildung für nachhaltige Entwicklung 30 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 03/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0049 helfen, eigenes Gemüse im Schulgarten anbauen, Grenzen gibt es (fast) nicht. Welche Schwerpunkte setzt ihr? Welche Kompetenzen stehen besonders im Fokus? Die Schüler*innen setzen sich mit Themen auseinander, die sie persönlich interessieren. Die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) bieten dabei einen guten Rahmen. Sie schaffen eine gemeinsame Sprache für die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und geben den Schüler*innen die Möglichkeit, ihre eigenen Projekte in einen globalen Kontext zu setzen. Durch die Entwicklung und Umsetzung ihrer Projekte erwerben Schüler*innen Handlungskompetenzen. Gleichzeitig entwickeln sie auch Selbstkompetenzen wie Selbstverantwortung, Selbstregulation, Selbstmanagement und Selbstbestimmung. Letztere sind für den FREI DAY sowohl Voraussetzung als auch Entwicklungsziel. Hier kommt die Lernbegleitung ins Spiel: Je stärker die Schüler*innen in der Ausprägung ihrer Selbstkompetenzen sind, desto mehr kann ich als Lernbegleiter*in loslassen. Ziel ist dabei, über die Zeit immer mehr Verantwortung für den Prozess den Schüler*innen zu überlassen. Müssen interessierte Schulen denn bestimmte Voraussetzungen mitbringen? Eine Umsetzung des FREI DAYs setzt voraus, dass es einen Schulkonferenzbeschluss gibt, der den FREI DAY als strukturell verankertes Lernformat für alle Schüler*innen bestimmter Klassenstufen festlegt. Dies ist auch insofern sinnvoll, als dass die Verantwortung für das Lernformat damit auf viele Schultern verteilt wird. Für die Generierung der vier Stunden bedarf es etwas Kreativität. Über 100 Schulen aller Schulformen haben bereits vorgemacht, dass es möglich ist. Dort kann man sich inspirieren lassen. Ein Ausprobieren des FREI DAYs ist in den meisten Bundesländern aber auch ohne einen Schulkonferenzbeschluss möglich-- eine Schulleitung, die hinter dem FREI DAY steht, eine handvoll (oder weniger) begeisterte Kolleg*innen und eine Elternschaft, die einen Pilotversuch unterstützt, reichen aus, um eigene Erfahrungen mit dem Lernformat zu sammeln. Margret Rasfeld, Gründerin von Schule im Aufbruch und Erfinderin des FREI DAYs hat mir einmal geschrieben: „Projektlernen als strukturell verankertes Kernelement ist für die Schultransformation von grundlegender Bedeutung. Hebt es doch die Zersplitterung auf und eröffnet Zeitfenster für das Lernen und Wirken im Leben.“ Der FREI DAY schafft nun genau dieses Zeitfenster mit dem Fokus auf das Lernen in Projekten, wobei der Blick auf den Projektunterricht auch noch einmal ganz bewusst erweitert wird. Welchen Rahmen braucht gelingendes Lehren und Lernen in Projekten? Aus der Erfahrung der letzten Jahre zeigt sich deutlich, dass Lernen in Projekten vor allem eine gute Hinführung benötigt, damit die Kinder und Jugendlichen Basiskompetenzen haben, um überhaupt mit einem Format wie dem FREI DAY umgehen zu können und nicht überfordert werden. Gleichzeitig braucht es auch für viele Kolleg*innen Weiterbildungsmöglichkeiten, um sich mit der Methodik und Didaktik von projektbasiertem Lernen tiefgehend auseinanderzusetzen, da dies oft im Rahmen der Ausbildung nicht stattgefunden hat. Organisatorisch braucht es dazu mindestens die drei folgenden Elemente: Einen Kick-off, der Begeisterung schürt und die Kinder und Jugendlichen ermutigt. Regelmäßige Reflexionsgespräche mit den Teams, um den eigenen Prozess und die Lernerfahrungen zu reflektieren und so die Kompetenzentwicklung überhaupt erst möglich zu machen. Ein Schulfest am Ende des Schuljahres, um das Engagement der Schüler*innen zu würdigen und der ganzen Bildungslandschaft zu zeigen, was junge Menschen alles können, wenn man ihnen den dafür notwendigen Freiraum gibt. Welche Rolle spielt projektbasiertes Lernen für die Schule der Zukunft? Ich bin davon überzeugt, dass sich durch die zunehmende Digitalisierung und die Veränderung in der Arbeitswelt der bisherige Fokus auf Wissensvermittlung immer mehr Richtung (Handlungs-)Kompetenzentwicklung verschieben wird. Projektbasiertes Lernen ist dabei ein Format, das Schüler*innen ermöglicht, die für die Kompetenzentwicklung notwendigen Erfahrungen zu machen, diese zu reflektieren und daraus zu lernen. Die Schule der Zukunft wird dabei noch viel mehr Freiräume als bisher für Formate wie den FREI DAY schaffen. Über den FREI DAY: Am FREI DAY beschäftigen sich Kinder und Jugendliche mit aktuellen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, die sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen orientieren. Sie finden Antworten auf selbstgewählte Zukunftsfragen. Dabei recherchieren, planen und tüfteln sie selbst, wie sie ihre Projektideen in die Tat umsetzen können. Sie finden nicht nur Antworten auf diese Fragen; sie entwickeln gemeinsam mit anderen Schüler*innen konkrete Lösungen für die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen in ihrer Nachbarschaft und setzen diese als eigenes Projekt selbstständig um. Mittlerweile lernen Kinder und Jugendliche an über 100 Schulen in Deutschland, was sie alles auf die Beine stellen können, wenn sie den FREI-Raum dafür erhalten. Seit 2021 ist die GPM Teil des FREI DAY Netzwerks und unterstützt das Format, u. a. mit den PM macht Schule-Materialien als Bestandteil der FREI DAY Toolbox. Einem Online-Methodenkoffer, der Lehrkräfte und Schüler*innen bei der Planung und Umsetzung ihrer FREI DAY-Projekte mit geeigneten Vorlagen und Empfehlungen begleitet. Internet: www.frei-day.org/