eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 34/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2023-0093
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2023
345 Gesellschaft für Projektmanagement

Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning

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2023
Jochen Brune
Projektbasiertes Lernen (PBL) ist eine ideale Methode, um Studierenden an Hochschulen praktische Projektmanagement-Kompetenzen zu vermitteln. Selbst anspruchsvolle Projekte werden hierdurch möglich. Jedoch ist die Balance zwischen den angestrebten Lernzielen und der praktischen Projektdurchführung in der Hochschulpraxis herausfordernd. Mit Hilfe des ‚PBL-Gold Standards‘ lassen sich PBL-Projekte zielgerichtet entwerfen und auf Effektivität hinsichtlich der Lernziele überprüfen. Am Beispiel des Projekts ‚IP Plane‘ der Hochschule Reutlingen, dem Bau eines Motorflugzeugs durch Studierende, wird die praktische Umsetzung eines PBL-Projektes demonstriert.
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39 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 Bau eines Motorflugzeugs in einer Lehrveranstaltung Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning Jochen Brune Für eilige Leser | Projektbasiertes Lernen (PBL) ist eine ideale Methode, um Studierenden an Hochschulen praktische Projektmanagement-Kompetenzen zu vermitteln. Selbst anspruchsvolle Projekte werden hierdurch möglich. Jedoch ist die Balance zwischen den angestrebten Lernzielen und der praktischen Projektdurchführung in der Hochschulpraxis herausfordernd. Mit Hilfe des ‚PBL-Gold Standards‘ lassen sich PBL-Projekte zielgerichtet entwerfen und auf Effektivität hinsichtlich der Lernziele überprüfen. Am Beispiel des Projekts ‚IP Plane‘ der Hochschule Reutlingen, dem Bau eines Motorflugzeugs durch Studierende, wird die praktische Umsetzung eines PBL-Projektes demonstriert. Schlagwörter | Projektbasiertes Lernen, PBL, Hochschul-Projekte, PBL Gold Standard, Projektmanagement-Ausbildung, Didaktik im Projektmanagement, Motorflugzeug, Flugzeugbau. Können Studierende ohne Vorkenntnisse ein echtes Motorflugzeug bauen? Mit Hilfe von gutem Projektmanagement ist das möglich! Gutes Projektmanagement lässt sich aber nicht allein im Hörsaal erlernen. Entscheidend für den beruflichen Erfolg von Projektleiterinnen und Projektleitern sind vor allem ihre praktischen Kompetenzen im Projektmanagement. Deren Vermittlung an Hochschulen ist jedoch herausfordernd. Eine geeignete Methode zur Vermittlung praktischer Kompetenzen ist das „Projektbasierte Lernen“ (PBL). Sie lässt sich auf Arbeiten von John Dewey [1], [2], einem amerikanischen Philosophen und Pädagogen, zurückführen. Dewey sieht die Rolle des Lehrers als Begleiter und Vermittler im Lernprozess, der die Studierenden bei ihrer Entwicklung unterstützt, anstatt Wissen nur durch Frontalvortrag zu vermitteln. Im Studiengang „Wirtschaftsingenieurwesen - International Project Engineering (B.Eng.)“ (kurz: IP) der Hochschule Reutlingen werden Studierende auf eine Karriere als Projektleiterinnen und Projektleiter in der Industrie vorbereitet. In einer Vielzahl von Projekten können die Studierenden Praxiserfahrung im Projektmanagement sammeln. Highlight ist das Projekt ‚IP Plane‘ des Studiengangs im 6. Semester, in dem seit 2012 Motorflugzeuge mit PBL-Projekten im Rahmen einer Lehrveranstaltung realisiert werden [3]. Die Vermittlung praktischer Projektmanagement-Kompetenzen und nicht der Bau eines Flugzeugs ist jedoch das eigentliche Ziel der Lehrveranstaltung. Im Folgenden wird, nach einer kurzen Übersicht, zunächst auf das Design von PBL-Projekten eingegangen. Anschließend wird der Ablauf des Projekts ‚IP Plane vorgestellt. Anhand dieses Projekts wird exemplarisch die Optimierung von PBL-Projekten aufgezeigt. Die dargestellte Vorgehensweise kann anderen PBL-Projekten und Hochschulen als Blueprint dienen. 1. Design von PBL-Projekten mithilfe des ‚Gold Standards‘ Projektbasiertes Lernen hat sich inzwischen an vielen Schulen und Hochschulen etabliert. Besonders im ingenieurwissenschaftlichen Bereich existieren langjährige Erfahrungen (z.B. [4], [5]). PBL ermöglicht nachweislich die konkrete Verbesserung von technischen und transversalen Fähigkeiten, Teamarbeit, Kommunikation und Konfliktlösung, Zusammenarbeit, Management von Ressourcen, Unternehmertum, kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit und selbstgesteuertem Lernen [6]. Auch die Verknüpfung von PBL-Projekten mit bekannten Projektmanagement-Frameworks wurde untersucht [7]. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass sich mit- Wissen | Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning 40 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 hilfe von PBL auch Führungskompetenzen und kommunikative Fähigkeiten signifikant verbessern lassen [8]. Die genannten Kompetenzen sind für Projektleiter entscheidend. Inzwischen hat sich die Methode etabliert und es existieren verschiedene Frameworks, die Lehrende beim Design und bei der Durchführung von PBL-Projekten unterstützen [9], [10], [11]. Für den praktischen Entwurf von PBL-Projekten im schulischen und universitären Bereich bietet der sogenannte ‚Gold Standard‘ von Larmer und Mergendoller [3] (siehe Abb. 1) einen geeigneten Rahmen. Er besteht aus der zentralen Lernziel-Definition und sieben Designelementen. Dieses Framework wird im Folgenden kurz erläutert, bevor es auf das Projekt ‚IP Plane‘ angewandt wird. Lernziele (Learning Goals) Zu Beginn des Designs eines PBL-Projekts steht die Definition der Lernziele. Hierzu zählen sowohl das zu vermittelnde Fachwissen als auch die von den Studierenden zu erwerbenden Erfolgskompetenzen. Zu letzteren gehören insbesondere diejenigen Fähigkeiten, die zum kritischen Denken, zur Kooperation, zur Lösung von Problemen und zur Innovation im betrachteten Fachgebiet erforderlich sind. Erfolgskompetenzen können jedoch nur auf der Basis eines soliden Fachwissens vermittelt werden, welches vor oder innerhalb des PBL-Projekts erworben werden muss. Herausforderndes Problem Ein zentrales und herausforderndes Problem steht zu Beginn jedes PBL-Projekts. Dieses muss einerseits in Bezug zu den definierten Lernzielen stehen, andererseits aber auch einen klaren Bezug zu den Interessen der Studierenden haben. Bei gelungener Definition schafft das Problem die Notwendigkeit, Wissen selbst zu akquirieren, um das Problem zu lösen. Inspiration zur nachhaltigen Recherche Auf der Basis des herausfordernden Problems recherchieren die Studierenden selbständig das für die Lösung erforderliche Fachwissen. Diese Recherche erfordert Zeit und erfolgt meist iterativ. Die Studierenden erlernen, die richtigen Fragen zu stellen und Neugierde zu entwickeln. Authentizität Ein nachhaltiges Engagement der Studierenden wird durch Authentizität, also die Arbeit an einem „echten“ Problem, erreicht. Dies kann beispielsweise die Lösung eines Problems in der realen Welt oder der Umgang mit professionellen Methoden und Werkzeugen sein, welche die Studierenden in ihrer zukünftigen beruflichen Tätigkeit benötigen. Die Motivation steigt, da die erlernten Konzepte und Fähigkeiten auch außerhalb des Hörsaals von Bedeutung sind. Stimme und Entscheidungsspielräume Effektive PBL-Projekte bieten den Studierenden vielfältige Gelegenheiten, ihre Perspektiven zu teilen und zu präsentieren. Außerdem geben sie den Studierenden Kontrolle und Entscheidungsspielräume. Hierdurch erreicht man, dass sich die Studierenden das Projekt zu Eigen machen und sich kontinuierlich engagieren. Sie erlernen außerdem, Entscheidungen vorzubereiten, zu treffen und die damit verbundenen Konsequenzen zu tragen. Reflexion Wir lernen nicht aus Erfahrung, sondern in dem wir unsere Erfahrungen reflektieren [1]. Im Projekt geschieht dies beispielsweise in Form von Diskussionen und Dialogen oder auch formalisiert mit Reportings, Reviews Präsentationen oder Assessments. Die Reflexion hilft den Studierenden, Verantwortung für ihren eigenen Lernerfolg zu übernehmen, Erfolge zu feiern und an den Herausforderungen zu wachsen. Konstruktive Kritik, Feedback und kontinuierliche Verbesserung Qualitativ hochwertige Arbeit ist ein Kennzeichen des PBL- Projekts. Dies erfordert Bereitschaft und Fähigkeit zu kons- Abbildung 1: Goldstandard des Projektbasierten Lernens (angepasst, nach Larmer und Mergendoller [3]) Wissen | Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning 41 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 truktiver Kritik und Feedback. Auf dieser Basis findet eine kontinuierliche Verbesserung sämtlicher Prozesse statt. Konstruktive Kritik und Feedback sind außerdem die Basis für die Bewertung der Studierenden im Projekt. Die Verantwortung hierfür verschiebt sich somit vom Lehrenden auf das gesamte Projektteam. Ergebnisse öffentlich präsentieren Die öffentliche Präsentation der Projektergebnisse fördert maßgeblich Motivation und Engagement der Studierenden. Außerdem trägt sie zu einem hohen Qualitätsbewusstsein bei. Die Bedeutung des Projekts wird somit erhöht. Hierfür bieten sich zahlreiche Möglichkeiten an, wie beispielsweise Presseartikel oder einen Tag der offenen Tür. Die richtige Auswahl und das Design eines PBL-Projekts sind somit die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Neben dem Design von PBL-Projekten eignet sich der beschriebene „Gold Standard“ [3] auch hervorragend dazu, existierende Projekte einer Prüfung zu unterziehen, zu reflektieren und somit kontinuierlich zu verbessern. 2. Das Projekt ‚IP Plane‘ - Vermittlung praktischer Projektmanagement-Kompetenzen im Studium Im Projekt ‚IP Plane‘ im 6. Semester sollen neben praktischen Kompetenzen im Projektmanagement auch weitere Studieninhalte unter anderem aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik, Smart Systems, Marketing sowie rechtliche Fragestellungen vermittelt werden. Welches Projekt könnte daher passender, spannender und motivierender sein, als der Bau eines Motorflugzeugs? Auf Basis eines Kits der Firma Van’s Aircraft entstand über einen Zeitraum von fünf Jahren ein zweisitziges, einmotoriges Sportflugzeug des Typs RV-12 in klassischer Aluminiumbauweise. Der Erstflug und die Taufe auf den Namen „Ingenious Performance“ erfolgten in 2018 und eine umfangreiche Flugerprobung folgte. Inzwischen wurde das fertige Flugzeug verkauft. Vermutlich ist es weltweit das erste Flugzeug, welches in einer regulären Lehrveranstaltung an einer Hochschule entstanden ist. Seit 2018 wird am zweiten Flugzeugprojekt, einer Pitts Model 12, gebaut. Das neue Flugzeug entsteht in Holz- und Stahlrohrbauweise und ist sehr viel aufwändiger zu realisieren. Beispielsweise müssen die komplexe Avionik, der Motoreinbau und die komplette Motorüberwachung selbst entworfen und realisiert werden. 3. Anwendung professioneller Projektmanagement-Methoden im Projektverlauf Ein Semester lang sollen Studierende im Rahmen des Projektes IP Plane in verschiedenen Rollen erfahren, wie sich die Arbeit in einem industriellen Projekt „anfühlt“. Leider kann nicht jedes Teammitglied in die Rolle des Projektleiters schlüpfen, jedoch werden alle relevanten Projektrollen besetzt. Dem Projekt liegt ein professioneller Projektmanagement-Prozess zugrunde, der auf Basis eines industriellen Vorbilds entworfen wurde. Dieser bietet den Teammitgliedern Orientierung während des gesamten Projektablaufs. Das Projekt folgt dabei einem hybriden Vorgehensmodell: Während der Phasenplan mit den Meilensteinen klassischem Projektmanagement entspricht, erfolgt die tägliche Arbeitsplanung teamweise an Scrum-Boards mithilfe von Aufgabenkarten. Abbildung 2: RV-12 „Ingenious Performance“ der Hochschule Reutlingen bei der Flugzeugtaufe auf dem Flugplatz Poltringen 2018 [Bildquelle: Jürgen Schelling [13]] Das Projekt startet jeweils zu Semesterbeginn mit der Besetzung des Projektteams (siehe Abb. 3). Die Team-Zusammensetzung ändert sich von Semester zu Semester etwas, je nachdem, welche Arbeiten anstehen. In der Regel setzt sich das gesamte Projekt jedoch aus Management Team, Marketing Team, Fuselage Team, Wing Team, Avionik Team und Engine Team zusammen. Somit entsteht eine sehr realistische Projektorganisation, lediglich der prozentuale ‚Management Overhead‘ ist höher als in der industriellen Realität. Insgesamt nehmen in jedem Semester maximal 22 Studierende am Projekt teil. Wie in der Industrie bewerben sich die Studierenden mit einem Anschreiben und Lebenslauf auf bis zu drei Rollen in den verschiedenen Teams. Das Steering Board wird von den beiden beteiligten Dozenten der Lehrveranstaltung gebildet, die gleichzeitig aber auch als Berater und als Sponsoren fungieren. Wie in einem industriellen Projekt wird zunächst der Projektleiter durch das Steering Board ausgewählt, danach erfolgt gemeinsam die Besetzung aller weiteren Rollen im Projekt. Hierbei wird nach Qualifikation und Vorerfahrungen ausgewählt. Der M0 Meilenstein (siehe Abb. 5) ist erreicht, wenn alle Rollen im Projekt besetzt sind. Nun erfolgt die Einarbeitung der Teams in die jeweiligen Aufgaben. Bis zum M1, dem Start Durchführungsphase, vergehen ca. 3 Wochen. Dies ist die anspruchsvollste Zeit für das Management Team und die Supervisors, denn die Planungen sämtlicher Teams und die Arbeitspakete-Beschreibungen müssen im Detail bis dahin vorliegen. In der M1-Meilensteinpräsentation stellen die Teams ihre Arbeitspakete und Ziele für das Semester dem Steering Board vor und stellen damit sicher, dass die Erwartungen des Steering Boards mit den im Semester erreichbaren Zielen in Übereinstimmung gebracht werden. Mit dem M1 beginnt die eigentliche Bauphase, die sich über ca. 8-10 Wochen erstreckt. In dieser Phase werden beispielsweise Bremsleitungen im Rumpf eingebaut, Rippen am Flügelholm verleimt, Anbauten am Motor angeschlossen, Avionik-Komponenten getestet, Bestellungen vorgenommen, Presseartikel verfasst und Berichte erstellt. Aus Projektsicht werden wichtige PM-Methoden eingesetzt und eingeübt: Neben einer professionellen Projektplanung, Scrum Boards und Meilenstein-Reviews anhand von Checklisten zählen unter anderem Projektreporting, Risiko- und Qualitätsmanagement sowie die umfangreiche Dokumentation nach Vorgaben des Wissen | Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning 42 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 Luftfahrt-Bundesamtes (LBA) zu den Aufgaben der Teams. Alle Methoden werden nach industriellen Standards eingesetzt. Höchstmöglicher Qualität kommt eine besondere Bedeutung zu, denn es entsteht ja ein echtes Flugzeug, mit dem später einmal Menschen fliegen. Das Qualitätsmanagement wird daher durch mehrere ineinandergreifende Plan-Do- Check-Act(PDCA)-Loops gebildet. Die erste Schleife bildet das jeweilige Arbeitsteam: vor dem Beginn eines neuen Bauabschnitts wird im jeweiligen Team jeder einzelne Schritt zunächst am Scrum-Board besprochen und geplant (P), danach realisieren Teammitglieder die Arbeit (D). Schließlich überprüft das Team die korrekte Durchführung des Arbeitsschritts (C) und korrigiert, falls erforderlich, nochmals die Arbeiten oder die Prozesse (A). Die Fertigstellung einer Baugruppe wird anschließend durch einen studentischen Qualitätsmanager einem detaillierten Qualitätsreview unterzogen. Schließ- Abbildung 3: IP Plane Org-Chart: Typische Teamzusammenstellung (Anzahl der Teammitglieder in Klammern) Abbildung 4: M3-Meilenstein-Präsentation im Hangar: Projektleiterin Larissa Fix präsentiert die erreichten Ergebnisse. lich erfolgen jeweils zu Semesterende umfangreichere Prüfmaßnahmen durch einen Prüfer des Luftfahrt-Bundesamts. Der Bau eines Flugzeugs ist sehr komplex, daher ist professionelles Wissensmanagement ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts. Umfangreiche Informationen zum Bau müssen von den studentischen Teams recherchiert, gelesen, verstanden, dokumentiert und abgelegt werden. Gemäß LBA- Vorgaben muss außerdem jeder Arbeitsschritt mit Foto und Beschreibung in einem standardisierten Format dokumentiert werden. Alle relevanten Dokumente werden zentral auf dem Sharepoint der Hochschule abgelegt. Der studentische System-Administrator ist für die Ordnerstruktur und die Qualität der abgelegten Dokumentation verantwortlich. Mit dem Meilenstein M2 enden die Bauarbeiten eines Semesters. Nun wird die Dokumentation auf den endgültigen Stand gebracht. In Projektabschluss-Workshops werden Good Practices und Lessons Learned gesammelt und für die Übergabe an das Folgesemester aufbereitet. Außerdem erfolgt die Evaluation der Teammitglieder. Mit dem M3 endet das aktuelle Semester. Damit ist die Arbeit des aktuellen Semesters aber noch nicht beendet. Ebenfalls zum Wissensmanagement zählt die Übergabe des Projekts an das Folgesemester. In einem strukturierten zweitägigen Übergabe-Workshop werden die Erfahrungen an das kommende Semester teamweise und persönlich weitergegeben. Erst wenn das neue Projektteam die vollständige Übergabe bestätigt, ist das aktuelle Team entlastet und der M4 wird erklärt. Mit dem Erstflug und der Taufe des ersten Flugzeugs 2018 wurde nach 10 Semestern Bauzeit ein großer Erfolg erzielt, der ein großes Echo in Presse und Fernsehen fand (z. B.: [12], [13]). Ca. 400 Gäste haben an der Veranstaltung auf dem Flugplatz Poltringen teilgenommen, davon viele ehemalige Studierende und deren Angehörige. Es bestätigte sich somit, dass Studierende tatsächlich ein echtes Motorflugzeug bauen können, wenn sie mit professionellen Projektmanagement- Methoden arbeiten. Bisher existieren in der Literatur jedoch nur wenige Beispiele zur praktischen Realisierung von PBL-Projekten. Beim Wissen | Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning 43 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 IP Plane Projekt liegt dies unter anderem daran, dass es bereits einige Jahre vor der ersten Veröffentlichung der PBL- Standards begonnen wurde. Daher wird im Folgenden exemplarisch anhand des PBL-Gold-Standards überprüft, wie das IP Plane-Projekt den Gold-Standard erfüllt und wo Optimierungspotenziale existieren. Dies kann anderen PBL Projekten als Anregung für das Projektdesign dienen. 4. Wie der PBL-Gold Standard im Projekt IP Plane umgesetzt wird Lernziele Im Studiengang „Wirtschaftsingenieurwesen - International Project Engineering (B.Eng.)“ der Hochschule Reutlingen sind die Lernziele für das Projektmanagement im Modulhandbuch auf Basis der ICB 3.0 Kompetenzmodells der IPMA definiert. Ziel ist eine Qualifizierung der Studierenden, die mindestens dem Level D entspricht. Eine Anpassung zur ICB 4.0 wird mit der nächsten Reakkreditierung vorgenommen. Im Projekt IP Plane sind die inhaltlichen Projektziele für das jeweilige Semester klar formuliert. Durch den im Projekthandbuch festgelegten Projektmanagement-Prozess wird allen Beteiligten der Projektablauf einschließlich der einzusetzenden Projektmanagement-Methoden vorgegeben. Somit sind auch die Lernziele implizit vorgegeben. Bisher fehlen jedoch explizit formulierte Ziele für den Kompetenzaufbau im Projektmanagement, sowohl für das gesamte Team als auch für die einzelnen Rollen im Projekt. Diese soll ebenfalls auf Basis der ICB 4.0 formuliert werden. Abbildung 5: Phasenplan des Projekts IP Plane Abbildung 6: Abnahme des Flügel-Baufortschritts durch LBA-Prüfer Markus Pöschel (Mitte). (links: Steering Board Mitglied und Sponsor Jochen Brune, rechts: Leiterin Flügelteam Alicia Weissenberger) [Bildquelle: Paul Jacot, 2023] Herausforderndes Problem Ein herausforderndes Ziel ist sowohl mit dem Gesamtprojekt als auch mit den einzelnen Bauabschnitten gegeben. In der Praxis erweist sich der Flugzeugbau als ideales PBL-Projekt, da es spektakulär, motivierend, inspirierend und gleichzeitig inhaltlich anspruchsvoll ist. Der Bezug zu den Lernzielen ist stets gegeben. Dies gilt sowohl für die Projektmanagementbezogenen Anteile als auch für die praktisch-technischen Themenbereiche. Inspiration zur nachhaltigen Recherche Die Komplexität des Projekts stellt die Studierenden tagtäglich vor neue Herausforderungen und erfordert, Wissen selbst zu recherchieren, kontinuierlich aufzubauen und Probleme zu lösen. Datenbanken, Websites, Baudokumentation, aber auch Kontakt zu Experten aus dem Luftfahrtbereich werden den Studierenden für die Recherche zur Verfügung gestellt. Authentizität Mit dem Bau eines echten Motorflugzeugs ist die Authentizität gegeben. Es geht eben nicht um ein Modellflugzeug, sondern um ein Flugzeug, mit dem später Menschen fliegen. Die Studierenden entwickeln ein hohes Qualitätsbewusstsein und verstehen, dass ihr Handeln im Projekt und in der Realität Konsequenzen hat. Stimme und Entscheidungsspielräume geben Im Projekt IP Plane werden die Studierenden auf vielfältige Weise gefordert, ihre Arbeitsergebnisse zu kommunizieren und zu präsentieren. Dies geschieht beispielsweise im per- Wissen | Projektmanagement praktisch erleben mit Project Based Learning 44 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 34. Jahrgang · 05/ 2023 DOI 10.24053/ PM-2023-0093 sönlichen Gespräch, in Reports und in Meilenstein-Präsentationen. Umfangreiche Entscheidungsspielräume sind gegeben. Komplexere technische Entscheidungen werden durch Studierende vorbereitet und gemeinsam mit den Steering Board, gegebenenfalls weiteren Experten und dem Prüfer des Luftfahrt-Bundesamtes getroffen. Reflexion Durch die regelmäßig stattfindende Vorstellung ihrer Arbeitsergebnisse in Meilensteinpräsentationen, Reportings und im persönlichen Gespräch mit dem Steering Board erhalten die Studierenden vielfältige Gelegenheiten zur Reflexion. In Teamevents werden Erfolge gemeinsam gefeiert. Eine explizite Reflexion der Lernergebnisse im Projektmanagement ist jedoch bisher nicht Bestandteil des Projekts. Konstruktive Kritik, Feedback und kontinuierliche Verbesserung Durch ineinandergreifende PDCA-Loops ist kontinuierliche Verbesserung sämtlicher Prozesse gegeben. Feedback und konstruktive Kritik werden außerdem in verschiedenen Meilenstein-, Reporting- und Reviewmeetings ausgetauscht. Die Studierenden stehen in der Verantwortung für den Projekterfolg. Ergebnisse in der Öffentlichkeit präsentieren Über das Projekt IP Plane wird regelmäßig in der Öffentlichkeit berichtet. Dies geschieht auf verschiedenen Kanälen, die durch das jeweilige Marketing Team gesteuert werden. Beispiele sind Präsentationen in den sozialen Medien, Presseartikel, Fernsehberichte, ‚Open Hangar Days‘ und Tage der offenen Tür (z.B.: [3], [12], [13], [14]). Ergebnisse der Analyse Das Projekt IP Plane erfüllt in vielen Aspekten bereits heute den Goldstandard. Jedoch kann die Erreichung der die Projektmanagement-bezogenen Lerninhalte klar verbessert werden. Im Bereich ‚Lernziele‘ sollten hierfür die Ziele für den Kompetenzaufbau explizit formuliert werden. Dies sollte idealerweise auf Basis der ICB 4.0 der IPMA erfolgen. Im Bereich ‚Reflexion‘ sollten Reflexionspunkte formalisiert in den Projektmanagement-Prozess aufgenommen werden, zu denen der erreichte Kompetenzaufbau im Projektmanagement und gegebenenfalls in anderen Kompetenzbereichen thematisiert und der Lernfortschritt den beteiligten Studierenden bewusst gemacht wird. 5. Zufriedenheit der Studierenden und Dozenten Trotz bestehender Optimierungspotentiale sind die Studierenden mit dem PBL-Projekt ‚IP Plane‘ jedenfalls äußerst zufrieden und bestätigen die angestrebten Projektmanagement-Lernerfahrungen. Die folgenden Statements einiger Studierender sprechen für sich: „Von Anfang an hat es mich fasziniert, bei einem echten Flugzeugbau mitzuwirken. [...] Als Supervisorin des Wing Teams begeistert es mich außerdem, die Verantwortung für ein Team zu übernehmen und gemeinsam stolz auf erfolgreich abgeschlossene Arbeitspakete zurückzublicken.“ Alicia Weissenberger, Leiterin Wing Team, Sommersemester 2023 „Ein absolutes Highlight ist das Projekt IP Plane. Hier konnte ich erstmals Erfahrungen als Supervisor sammeln und Verantwortung für andere Teammitglieder übernehmen.“ Armin Breitmaier, Leiter Engine Team, Sommersemester 2023 „Es war eine tolle Erfahrung! Diese Tätigkeit ist sehr vielseitig und als Projektleiterin bekommt man Einblicke in alle Bereiche und dadurch das sogenannte ‚Big Picture‘ eines Projektes.“, Larissa Fix, Projektleiterin IP Plane, Sommersemester 2022. Auch aus Dozentensicht ist der Erfolg deutlich sichtbar: Die Studierenden wachsen sichtbar an ihren Aufgaben und der angestrebte Kompetenzaufbau wird erreicht. Die Reifung der Persönlichkeit der Studierenden über das Projekt hinweg lässt sich zwar nicht unmittelbar messen, ist im persönlichen Umgang aber deutlich zu erkennen und ist einfach nur beeindruckend! 6. Zusammenfassung und Ausblick Projektbasiertes Lernen hat sich als idealer Ansatz herausgestellt, um praktische Projektmanagement-Kompetenzen und insbesondere Sozial- und Führungskompetenzen zu vermitteln. Mithilfe des PBL-Gold-Standards [3] lässt sich sowohl das Projektdesign als auch eine Überprüfung der Lernziele erreichen und somit eine ideale Lernerfahrung vermitteln. Das Feedback der Studierenden und Dozenten bestätigt den Erfolg der Methode. In Zukunft soll der Kompetenzaufbau im Projekt noch besser erfasst werden. Hierzu entsteht derzeit eine Evaluation auf Basis der ICB 4.0, mit der die Projektmanagement-Kompetenzen der Studierenden vor und nach dem Projekt gemessen werden sollen. Auf dieser Basis wird der Erfolg der PBL- Methode noch besser nachweisbar. 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Buck Institute for Education, 2015, S. 1-4 [10] ARK, Tom Vander; LIEBTAG, Emily: Introducing a Framework for High Quality Project Based Learning, https: / / www.gettingsmart.com , Abrufdatum: 18.07.2023 [11] N.N.: A Framework for High Quality Project Based Learning, https: / / hqpbl.org/ , Abrufdatum: 18.07.2023 [12] RÖHRLE, Harry et. al.: Studierende entwickeln Flugzeug, Fernsehbeitrag Landesschau Baden-Württemberg, SWR, 2018 [13] SCHELLING, Jürgen: Abgehobene Studenten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2018 [14] N.N.: Instagram-Kanal des Flugzeugprojekts IP Plane, https: / / www.instagram.com/ ip.plane, abgerufen am 02.08.2023 Eingangsabbildung: Pitts Model 12 - Blick in den Hangar [Bildquelle: © Paul Jacot, 2023] Prof. Dr.-Ing. Jochen Brune, MBA Jochen Brune ist Professor für internationales Projektmanagement an der Hochschule Reutlingen. Er ist Prodekan der Fakultät Technik und Leiter des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen - International Project Engineering B.Eng. Zuvor war er in verschiedenen Führungs- und Leitungsfunktionen in der Raumfahrt- und in der Telekommunikationsindustrie tätig. eMail: jochen.brune@reutlingen-university.de Internet: www.tec.reutlingen-university.de/ bachelor/ wirtschaftsingenieurwesen-international-project-engineering/ Dietmar Zobel Von der Idee über die Erfindung zum Patent 1. Auflage 2022, 380 Seiten €[D] 39,90 ISBN 978-3-8252-5895-5 eISBN 978-3-8385-5895-0 Wie entkomme ich der Routine? Wo tummeln sich die guten Ideen und wie setze ich sie um? Wie schütze ich meine Innovationen vor Nachahmer: innen und verdiene damit Geld? Der Autor liefert konstruktive Handlungsempfehlungen: Intuition ist wichtig, aber nicht alles - kreatives Denken und Arbeiten ist erlernbar! Dr. rer. nat. Dietmar Zobel ist Industriechemiker, Erfinder, Fachautor, Methodiker und TRIZ-Trainer. Er war in leitenden Funktionen in der Industrie tätig und ist Inhaber zahlreicher Patente. Anzeige