eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 36/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2025-0056
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363 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

spm intern

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77 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 03/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0056 spm.Frühjahrstagung 2025 Geschichte trifft Zukunft-- Projekte im Wandel Esin Kocer-- Projektleiterin und spm-Mitglied Wir leben im Zeitalter der Informationsgesellschaft- - ständig sind wir von einer Flut an Informationen umgeben. Doch wie gelingt es uns, aus dieser Masse sinnvolles Wissen zu generieren? Wie stellen wir sicher, dass keine wertvollen Erkenntnisse verloren gehen, sondern die Geschichte mit ihren wichtigen Informationen erfasst und weitergegeben wird? Bevor wir tiefer in die Kernbotschaft der diesjährigen spm. Frühjahrstagung eintauchen- - „Geschichte trifft Zukunft“ - lohnt es sich, einen Moment innezuhalten: Wie verstehen wir eigentlich Geschichte? Warum ist sie so bedeutsam? Ein Beispiel, das mich persönlich inspiriert: der Podcast „Geschichten aus der Geschichte“ von zwei Historikern. Er stillt meinen nostalgischen Wissensdurst und regt zum Nachdenken an: Wiederholt sich Geschichte wirklich? Oder können wir aus der Vergangenheit echte „Lessons Learned“ ziehen? Allzu oft verschwinden Projekterkenntnisse nach dem Abschluss in Protokollen-- selten werden sie wirklich weitergetragen. Dabei liegt genau darin ein großer Schatz. Mike Fuhrman, der Keynote-Speaker der Frühjahrstagung, beschäftigt sich mit der Frage, wie Geschichte in all ihren Facetten erfasst werden kann-- insbesondere jene Elemente, die schwer greifbar sind: Emotionen, persönliche Erfahrungen, implizites Wissen. Seine berührende Geschichte über seine Großeltern zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, auch das nur schwer in Worte zu Fassende als Teil unseres kollektiven Wissens zu bewahren. Er macht deutlich: Es reicht nicht aus, lediglich Daten und Fakten zu dokumentieren. Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass auch emotionale und implizite Erfahrungen systematisch erfasst und in das Wissensmanagement integriert werden- - sowohl individuell als auch organisatorisch. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jay Barney betont in seinem Konzept der Resource-Based View, dass zentrale Ressourcen eines Unternehmens oft nicht einfach kopierbar sind, weil sie unter „unique historical conditions“ entstanden sind. Sie entwickeln sich über Jahre hinweg und stellen einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil dar. Doch dieser Vorteil bleibt nur erhalten, wenn solche Erfahrungsschätze bewusst gepflegt und weitergetragen werden- - gerade in Zeiten des Wandels, in denen Wissensträger das Unternehmen verlassen könnten. Heute stehen uns durch technologische Fortschritte zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung. Diese Technologien helfen uns, Wissen zu erfassen, zu strukturieren und zugänglich zu machen. Entscheidend ist jedoch: Es braucht ein klares Bewusstsein, eine Verankerung in den Prozessen sowie eine Kultur der Transparenz und des Vertrauens, um das Teilen und Bewahren von Wissen nachhaltig zu ermöglichen. Mit dieser Haltung und einem bewussten Umgang mit Wissens- und Projektmanagement realisieren Unternehmen wie Swisscom, SBB, EWZ eindrucksvolle Vorhaben. Invariant Lab unterstützt solche Unternehmen mit KI-Know-how und digitalen Tools-- inklusive wertvoller Sicherheitsaspekte, über die wir im Rahmen der Tagung spannende Einblicke vom Geschäftsführer Marc Fischer erhalten durften. Stefanie Possert und ihr Team nahmen uns mit auf eine Zeitreise und zeigten, wie sie den Eurovision Song Contest 2025 in Basel digital für das Broadcasting vorbereitet haben. Dabei wurde klar: Ohne die gezielte Weitergabe von Erfahrungen aus früheren Projekten wäre die erfolgreiche Umsetzung eines derart großen Events in einem sportlich getakteten Zeitplan kaum möglich gewesen. Ein weiteres Beispiel: Halbtax Plus, ein innovatives Ticketing-Produkt der SBB. Grégoire Ramuz, Leiter Digital Solutions für Mobilitätskunden, erklärte, wie aus den Erfahrungen der Covid-Zeit ein völlig neues Mobilitätsverständnis entstand. Was früher undenkbar war-- etwa Homeoffice-- ist heute Alltag. Damit verändert sich auch die Nachfrage nach Mobilitätslösungen. Halbtax Plus ist eine direkte Antwort auf diesen Wandel-- ein Beispiel dafür, wie die Geschichte die Zukunft beeinflusst. Auch auf kritische Ereignisse blickten wir zurück: Der Eisenbahnunfall im Gotthard-Basistunnel 2023 und die darauffolgenden Reparatur- und Infrastrukturprojekte zeigten im Vortrag von Gianluca Fontana, wie Erkenntnisse aus der Vergangenheit-- als Lessons Learned-- systematisch in die Planung und Umsetzung neuer Lösungen einfließen. All diese Beiträge haben uns gezeigt: Geschichte und Zukunft sind keine Gegensätze- - sie sind eng miteinander verknüpft. Sie helfen uns, den Weg der Veränderung zu gestalten. So kommen wir zurück zu unserer ursprünglichen Frage: Wie gelingt es uns, aus der Informationsflut sinnvolles Wissen zu generieren? Wie verhindern wir, dass wertvolle Erkenntnisse verloren gehen? André Huber, der Brainman der Tagung, brachte es auf den Punkt: Es kommt nicht darauf an, alles zu registrieren, was um uns herum geschieht-- sondern gezielt jene Informationen aufzunehmen, die uns unseren Zielen näherbringen. Fokus ist entscheidend. Es ist also durchaus sinnvoll, wenn der berühmte Affe im Video gar nicht bemerkt wurde-- solange wir auf das Wesentliche achten. Fazit: Die Etablierung eines wirksamen Wissensmanagements, verankert in prozessorientierten Strukturen, gestützt durch Technologien wie Künstliche Intelligenz- - all das ist heute keine Zukunftsmusik mehr, sondern Realität für moderne Projektmanager: innen. Aktuelle spm Veranstaltungen siehe: https: / / spm.ch/ veranstaltungen/