eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL36/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2025-0089
pm365/pm365.pdf1215
2025
365 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

Kognitive Verzerrungen in agilen Teams

1215
2025
Thorsten Hanker
Agile Teams entscheiden nicht immer so rational, wie es ihre Prozesse versprechen. Eine empirische Befragung von 75 erfahrenen Agilist:innen zeigt, dass drei kognitive Verzerrungen den Alltag stark prägen: Der Hindsight Bias lässt vergangene Entscheidungen im Rückblick klarer erscheinen, als sie tatsächlich waren, und kann Lernprozesse verfälschen. Der Status-quo-Bias bremst Veränderungen und führt dazu, dass etablierte Routinen bevorzugt werden, selbst wenn Alternativen Vorteile bieten. Der Mere Urgency Effect lenkt den Fokus auf dringende Aufgaben, während wichtige strategische Themen liegen bleiben. Das Ergebnis: Prioritäten verschieben sich, kontinuierliche Verbesserung stockt. Der Artikel liefert praxisnahe Empfehlungen, wie Teams diese Muster erkennen, bewusster entscheiden und ihre Agilität wirksam stärken können.
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40 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0089 Empirischer Nachweis von Hindsight Bias, Status-quo-Bias und Mere Urgency Effect Kognitive Verzerrungen in agilen Teams Thorsten Hanker Für eilige Leser | Agile Teams entscheiden nicht immer so rational, wie es ihre Prozesse versprechen. Eine empirische Befragung von 75 erfahrenen Agilist: innen zeigt, dass drei kognitive Verzerrungen den Alltag stark prägen: Der Hindsight Bias lässt vergangene Entscheidungen im Rückblick klarer erscheinen, als sie tatsächlich waren, und kann Lernprozesse verfälschen. Der Status-quo-Bias bremst Veränderungen und führt dazu, dass etablierte Routinen bevorzugt werden, selbst wenn Alternativen Vorteile bieten. Der Mere Urgency Effect lenkt den Fokus auf dringende Aufgaben, während wichtige strategische Themen liegen bleiben. Das Ergebnis: Prioritäten verschieben sich, kontinuierliche Verbesserung stockt. Der Artikel liefert praxisnahe Empfehlungen, wie Teams diese Muster erkennen, bewusster entscheiden und ihre Agilität wirksam stärken können. Schlagwörter | Kognitive Verzerrungen, Bias, agiles Projektmanagement, Hindsight Bias, Status-quo-Bias, Mere Urgency Effect, Retrospektive, Priorisierung Einstieg: Eine vertraute Situation Das Daily Scrum ist fast vorbei. Das Team diskutiert über zwei Aufgaben: Ein kritischer Bug, der heute gelöst werden muss, und ein dringend nötiges Refactoring, das die Codebasis langfristig stabilisieren würde. „Wir nehmen den Bug zuerst, das ist wichtiger“, sagt die Product Ownerin. Niemand widerspricht. Das Refactoring wird erneut verschoben. Einige Tage später in der Retrospektive: „War doch klar, dass der Bug den Sprint sprengt, hätten wir gleich besser geplant.“ Alle nicken zustimmend. Auf den ersten Blick wirkt das Verhalten rational: Dringendes wird zuerst erledigt, aus Fehlern wird gelernt. Doch die Psychologie zeigt: hier wirken gleich zwei kognitive Verzerrungen. Der Mere Urgency Effect sorgt dafür, dass Dringendes dem Wichtigen vorgezogen wird. Und der Hindsight Bias lässt die Vergangenheit klarer erscheinen, als sie war. Heuristiken und Verzerrungen-- drei Biases im Überblick Menschen sehen sich gern als rational handelnde Wesen. Die Kognitionspsychologie zeigt jedoch, dass unser Denken von sogenannten Heuristiken geprägt ist. Dies sind mentale Abkürzungen, die uns helfen, in komplexen Situationen schnell Entscheidungen zu treffen. Heuristiken sind sinnvoll: Sie ermöglichen schnelles Handeln, wenn wenig Zeit oder Informationen vorliegen [1]. Im Projektalltag sparen sie Energie, etwa wenn ein Team automatisch beschließt, einen roten Build sofort zu reparieren. Doch dieselben Heuristiken können zu kognitiven Verzerrungen führen, im englischen Sprachraum meist als Biases bezeichnet. Es handelt sich um systematische Denkfehler, die unsere Urteile beeinflussen. Sie treten nicht zufällig auf, sondern folgen erkennbaren Mustern [2]. Das kann dazu führen, dass wir Risiken falsch einschätzen, falsche Prioritäten setzen oder vergangene Entscheidungen verzerrt bewerten. Drei dieser Verzerrungen sind für die agile Projektwelt besonders relevant: Hindsight Bias: Nach einem Ereignis glauben Menschen, sie hätten es vorhersehen können [3]. In Retrospektiven führt das dazu, dass Fehler als „offensichtlich“ erscheinen, wodurch echte Lernchancen verloren gehen. Status-quo-Bias: Menschen bevorzugen den bestehenden Zustand und vermeiden Veränderungen, selbst wenn Alternativen vorteilhaft wären [4]. In Teams bremst das die kontinuierliche Verbesserung. Wissen | Kognitive Verzerrungen in agilen Teams 41 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0089 Mere Urgency Effect: Wir priorisieren dringende Aufgaben, selbst wenn ihr Beitrag zum Gesamterfolg gering ist [5]. Strategische Themen werden verschoben, oft über mehrere Sprints hinweg. Diese Biases untergraben zentrale Werte des agilen Arbeitens: Lern- und Reflexionsfähigkeit, kontinuierliche Verbesserung und eine ausgewogene Kundenorientierung. Relevanz für die Praxis Agiles Projektmanagement beruht auf zentralen Kernelementen wie der empirischen Prozesskontrolle, der kontinuierlichen Verbesserung und der starken Kundenorientierung. Diese Elemente sollen sicherstellen, dass Entscheidungen auf Beobachtungen basieren, dass Teams sich stetig weiterentwickeln und dass der Kundennutzen im Mittelpunkt steht [6]. Biases können diese Kernelemente erheblich beeinträchtigen: • Empirische Prozesskontrolle: Wenn Teams rückblickend glauben, dass der Ausgang eines Sprints vorhersehbar war, verzerren sie ihre Datenbasis. Aus „wir haben gelernt“ wird schnell „das war doch klar“. Das untergräbt die objektive Beobachtung. • Kontinuierliche Verbesserung: Wenn der Status-quo- Bias überwiegt, werden Änderungen an Arbeitsweisen seltener ausprobiert. Retrospektiven bleiben oberflächlich, Experimente werden vertagt. • Kundenorientierung: Der Mere Urgency Effect führt dazu, dass laute, kurzfristige Kundenanfragen strategisch wichtige, aber leise Anforderungen verdrängen. Wenn Teams Entscheidungen treffen, die diesen Kernelementen eigentlich folgen sollten, aber durch psychologische Muster verzerrt werden, entstehen Risiken für den Projekterfolg. Falsch priorisierte Aufgaben durch Dringlichkeit, verzerrte Rückschlüsse in Retrospektiven oder festgefahrene Routinen können ganze Vorhaben ins Stocken bringen. Die Untersuchung, ob und wie Biases in diesem Kontext wirken, ist deshalb für Projektleiter: innen, Scrum Master und Führungskräfte von zentraler Bedeutung. Bisher fehlte ein systematischer empirischer Nachweis, dass diese Effekte auch im agilen Projektmanagement auftreten. Genau hier setzt die vorliegende Untersuchung an. Forschungsdesign-- aus der Praxis für die Praxis Um die Fragestellung praxisnah zu beantworten, wurde eine Befragung von 75 erfahrenen Agilist: innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt. Ein Online-Fragebogen bildete typische Situationen aus Sprint Planning, Daily Scrum, Review und Retrospektiven ab. Die Teilnehmenden sollten einschätzen, wie ein typisches Team in diesen Situationen entscheiden oder handeln würde. Für den Hindsight Bias wurden Fragen mit positivem und negativem Framing gestellt, um den Effekt messbar zu machen. Beim Status-quo-Bias flossen Aspekte wie Verlustaversion ein. Auf diese Weise ließ sich ein konsistentes Bild kollektiver Denkmuster zeichnen. Ein Beispiel dafür ist eine Situation, die eine Retrospektive beschreibt, in der das Team gemeinsam bewerten sollte, ob ein verpasstes Ziel vorhersehbar war. Die Teilnehmenden gaben ihre Zustimmung auf einer fünfstufigen Skala ab. So ließ sich die Ausprägung des Hindsight Bias in typischen Teams quantifizieren. Was Teams wirklich tun Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die drei untersuchten Biases nicht nur theoretische Konstrukte sind, sondern das Verhalten agiler Teams spürbar prägen. Alle drei Verzerrungen zeigten signifikante Abweichungen vom neutralen Skalenmittelwert und liefern damit einen belastbaren empirischen Nachweis. Hindsight Bias: Die Daten belegen eine ausgeprägte Tendenz, vergangene Entscheidungen rückblickend als vorhersehbarer einzuschätzen, als sie es zum Zeitpunkt der Entscheidung waren. Besonders in Sprint Reviews und Retrospektiven wird häufig unterstellt, man hätte frühzeitig erkennen müssen, was nicht funktioniert. Verbesserungsvorschläge erscheinen rückblickend plausibler, was den eigentlichen Lernprozess gefährden kann. Das Risiko besteht, dass die Analyse von Ursachen durch Schuldzuweisungen ersetzt wird. Status-quo-Bias: Die Untersuchung zeigt eine klare Bevorzugung bestehender Routinen. Hohe Zustimmungswerte gab es insbesondere bei Aussagen wie „Das Team bevorzugt Aufgaben, die sich in der Vergangenheit bewährt haben“ oder „Verbesserungsvorschläge stoßen auf Vorbehalte, wenn sie etablierte Abläufe infrage stellen“. Selbst bei vorgestellten Alternativen mit klaren Vorteilen entschieden sich Teams oft für den Verbleib beim Bestehenden. In Scrum-Formaten wie Sprint Planning, Daily Scrum und insbesondere der Retrospektive kann dieser Bias die Veränderungsbereitschaft senken und den Lern- und Anpassungsprozess ausbremsen. Damit wird die Basis der kontinuierlichen Verbesserung im agilen Projektmanagement geschwächt. Mere Urgency Effect: Unter allen untersuchten Verzerrungen zeigte dieser Effekt die höchste Ausprägung. Teams priorisieren in Planning- und Daily-Situationen dringende Aufgaben spontan, auch wenn deren Beitrag zum Sprintziel gering ist. Hohe Zustimmungswerte fanden sich bei Szenarien mit Begriffen wie „sofort“, „umgehend“ oder „Deadline“. Dies führt regelmäßig zu einer Verschiebung von Kapazitäten weg von strategischen Themen hin zu kurzfristigen, weniger wertstiftenden Aufgaben. Besonders kritisch ist dies, wenn technische Schulden oder Verbesserungsmaßnahmen dadurch über mehrere Sprints verschoben werden. Eine bewusste Moderation durch Product Owner und Scrum Master ist notwendig, um ein Gleichgewicht zwischen kurzfristiger Reaktion und langfristiger Wertschöpfung sicherzustellen. Fazit der Ergebnisse: Die Befunde zeigen, dass diese Biases nicht nur theoretische Konstrukte sind, sondern konkrete Auswirkungen auf Priorisierung, Planung und Reflexion in agilen Teams haben. Sie bestätigen damit auch Erkenntnisse aus dem klassischen Projektmanagement (z. B. [7] und [8]) und verdeutlichen, dass agile Praktiken allein keine automatische Korrektur solcher Denkmuster bewirken. Bedeutung für die Praxis-- konkrete Handlungsempfehlungen Agile Teams sind trotz iterativer Arbeitsweisen und Retrospektiven nicht automatisch vor kognitiven Verzerrungen Wissen | Kognitive Verzerrungen in agilen Teams 42 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0089 geschützt. Gerade weil Transparenz und Feedback in agilen Methoden so zentral sind, kann das frühzeitige Erkennen und gezielte Adressieren dieser Biases die Qualität von Entscheidungen erheblich steigern. Führungskräfte, Scrum Master und Product Owner sind deshalb gefordert, nicht nur den Prozess zu moderieren, sondern auch die psychologischen Muster im Team bewusst zu reflektieren. Das wichtigste Fazit: Agiles Projektmanagement schützt nicht vor Denkfehlern. Iterationen und Retrospektiven sind kein automatischer Garant für bessere Entscheidungen. Doch gerade die Transparenz und Feedback-Zyklen der agilen Methoden bieten Chancen, Biases sichtbar zu machen. Praktische Empfehlungen im Detail gegliedert nach den einzelnen Biases und ergänzt um übergreifende Maßnahmen für Teams: Hindsight Bias-- Lernchancen in Retrospektiven sichern • Kontrafaktische Verläufe mental simulieren: Durch das gedankliche Durchspielen von Alternativszenarien („Was hätte passieren können, wenn-…? “) lassen sich unterschiedliche mögliche Ausgänge sichtbar machen und Lernchancen erweitern. • Vergangene Entscheidungen dokumentieren: Entscheidungen festhalten, um spätere Rückschau objektiver zu gestalten. • Informationsstand rekonstruieren: Visualisierungen und Time-Lines machen deutlich, welche Daten damals wirklich vorlagen. • Externe Perspektiven einholen: Andere Teams oder Moderatoren können helfen, den Tunnelblick zu vermeiden. Status-quo-Bias-- Veränderungsbereitschaft erhöhen • Alternativen sichtbar machen: Entscheidungsarchitekturen oder Workshops nutzen, um Optionen klar zu präsentieren. • Positive Framings einsetzen: Chancen von Veränderungen betonen. • Kleine Experimente starten: Zeitlich begrenzte Piloten oder A / B-Tests durchführen und die Ergebnisse transparent diskutieren. • Benchmarking nutzen: Vergleiche mit anderen Teams oder Organisationen zeigen, dass Veränderung möglich und wertvoll ist. • Brainstorming fördern: Kreative Ideenfindung in offenen Sessions nutzen, um neue Lösungsansätze zu generieren und eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen. • Bewusste Reflexion eingespielter Abläufe: Bestehende Prozesse regelmäßig in Retrospektiven hinterfragen, um sicherzustellen, dass sie weiterhin wertstiftend sind und nicht nur aus Gewohnheit fortgeführt werden. Mere Urgency Effect-- Fokus auf Wert statt Dringlichkeit • Wichtigkeit vor Dringlichkeit: Teams schulen, zwischen strategischem Wert und Dringlichkeit zu unterscheiden. • Priorisierungsprozesse auditieren: Regelmäßige Checks helfen, Muster aufzudecken. • Dringlichkeitsmarker reflektieren: Bewusstmachen, welche Begriffe („sofort“, „Deadline“) Reaktionen auslösen. • Moderations-Check: Scrum Master fragen explizit nach dem Beitrag zum Sprintziel, bevor umgeplant wird. Übergreifende Maßnahmen • organisierte Kritik einbauen: Advocatus Diaboli-Rollen können helfen, Entscheidungsvorschläge bewusst zu hinterfragen. • Entscheidungsprozesse formalisieren: Klare Abläufe und Entscheidungskriterien schaffen Transparenz. • Visuelle Entscheidungsdokumentation: Entscheidungsbäume oder Kanban-Boards für Beschlüsse erleichtern die Nachverfolgung. • Team-Sensibilisierung: Regelmäßige kurze Trainings oder Impulse zu Biases, damit das Team ein gemeinsames Vokabular entwickelt. Wenn diese Maßnahmen konsequent umgesetzt werden, kann das agile Projektmanagement seine Stärken-- schnelle Anpassung, kontinuierliches Lernen und Kundennähe-- noch besser entfalten. Teams werden nicht nur reaktiver, sondern auch reflektierter und treffen fundiertere Entscheidungen, die den langfristigen Projekterfolg sichern. Ausblick Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass das Verständnis und die bewusste Berücksichtigung kognitiver Verzerrungen ein wichtiger Hebel für die Weiterentwicklung agiler Teams sind. Zukünftige Forschung kann hier an mehreren Punkten ansetzen: • Integration in Scrum-Events: Kurze Reflexionsroutinen am Ende von Planning, Review oder Retrospektive („Bias- Check“) könnten getestet werden, um implizite Denkmuster sichtbar zu machen. • Langfristige Wirkung: Längsschnittstudien könnten untersuchen, ob die systematische Auseinandersetzung mit Biases zu nachhaltig besseren Teamentscheidungen und höherer Zufriedenheit führt. • Branchenspezifische Unterschiede: Ein Vergleich zwischen verschiedenen agilen Umgebungen, z. B. Scrum-Teams in Softwareentwicklung, Produktdesign oder skalierten agilen Organisationen, könnte zeigen, in welchen Kontexten bestimmte Biases besonders stark wirken. • Weitere Verzerrungen untersuchen: Es wäre wertvoll, zusätzliche kognitive Biases wie Confirmation Bias, Overconfidence Bias oder Anchoring Bias in agilen Kontexten zu analysieren, um ein umfassenderes Bild der Entscheidungslogik von Teams zu erhalten. • Weitere Einflussfaktoren erforschen: Aspekte wie Teamreife, Reifegrad der Organisation oder Führungskultur sollten ebenfalls berücksichtigt werden, um die Wirkung von Biases noch differenzierter zu verstehen. Organisationen, die sich aktiv mit diesen Fragen beschäftigen, können nicht nur die Qualität ihrer Entscheidungen verbessern, sondern entwickeln gleichzeitig eine Kultur der kontinuierlichen Reflexion und des Lernens. Diese Lernkultur macht Teams resilienter gegenüber dynamischen Marktbedingungen und steigert ihre Fähigkeit, sich schnell anzupassen und langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Wissen | Kognitive Verzerrungen in agilen Teams 43 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0089 Fazit Die Untersuchung macht deutlich: Agiles Projektmanagement schützt nicht vor kognitiven Verzerrungen. Hindsight Bias, Status-quo-Bias und Mere Urgency Effect wirken auch in iterativen, transparenten Arbeitsumgebungen und beeinflussen die Qualität von Entscheidungen in Planung, Priorisierung und Retrospektive. Das zentrale Learning lautet: Agilität ist kein automatischer Korrekturmechanismus für menschliche Denkfehler. Sie bietet aber Strukturen, um sie sichtbar zu machen und gezielt gegenzusteuern. Teams, die diese Chance nutzen, können nicht nur ihre Lern- und Anpassungsfähigkeit erhöhen, sondern auch langfristig robustere Entscheidungsprozesse entwickeln. Damit wird Agilität zum echten Wettbewerbsvorteil: nicht nur durch Geschwindigkeit und Kundenorientierung, sondern durch die Fähigkeit, systematisch aus Erfahrungen zu lernen und kognitive Verzerrungen bewusst zu adressieren. (Dieser Artikel basiert auf der Arbeit „Kognitive Verzerrungen in der zyklischen Entscheidungsfindung agiler Projektteams in Deutschland, Österreich und der Schweiz“, eingereicht an der FH Burgenland, 2025.) Literatur [1] Gigerenzer, G. (2004). Fast and Frugal Heuristics: The Tools of Bounded Rationality. In Koehler, D. J. & Harvey, N. (Hrsg.). Blackwell Handbook of Judgment and Decision Making (62-88). Blackwell Publishing Ltd. [2] Tversky, A. & Kahneman, D. (1974). Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science 185, 1124-1131. [3] Fischhoff, B. (2003). Hindsight≠ foresight: the effect of outcome knowledge on judgment under uncertainty. BMJ Quality & Safety, 12(4), 304-311. [4] Samuelson, W. & Zeckhauser, R. (1988). Status Quo Bias in Decision Making. Journal of Risk and Uncertainty 1(1), 7-59. [5] Zhu, M. et al. (2018). The Mere Urgency Effect, Journal of Consumer Research, Volume 45(3), 673-690. [6] Schwaber, K. & Sutherland, J. (2020). Der Scrum Guide. [7] Pfeiffer, M. (2017). Biases bei betriebswirtschaftlichen Entscheidungen in Großprojekten und Lösungsansätze: Aktueller Stand der Theorie und Empirie. Junior Management Science 2(3), 48-72. [8] Stingl, V. & Geraldi, J. (2017). Errors, lies and misunderstandings: Systematic review on behavioural decision making in projects. International Journal of Project Management 35, 121-135. Eingangsabbildung: © iStock.com / Eoneren Thorsten Hanker Thorsten Hanker, Inhouse Consultant bei fb research GmbH, ist Ökonom und MBA Wirtschaftspsychologie. Als zertifizierter Projektmanager und Kanban Professional steuert er seit 15 Jahren Digitalisierungs-, Compliance- und Organisationsprojekte. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG \ Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Spionagerisiken frühzeitig erkennen und abwehren Insider-Spionage ist ein drängendes Phänomen unserer Zeit, für das bisher keine hinreichende Erklärung existiert. Frank C. Danesy präsentiert mit einem Fünf-Faktoren-Modell einen multidisziplinären Ansatz, der eine Analyse der Insider-Spionage ermöglicht und Wege zur Früherkennung und Prävention aufzeigt. Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Anwendung. Frank C. Danesy Insider-Spionage 1. Au age 2025, 334 Seiten €[D] 34,90 ISBN 978-3-8252-6479-6 (print) ISBN 978-3-8385-6479-1 (eBook) DOI 10.36198/ 9783838564791 Anzeige