PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2025-0091
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GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.Projektmanagement à la Bismarck
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Henning Roet de Rouet
Was hat Bismarck Projektleitern heute zu sagen? Der Beitrag destilliert seine Bonmots und Anekdoten
zu handfesten PM-Regeln: Pflicht vor Spaß – unliebsame Basics wie Ressourcen, Budget, kritischer Pfad und Zeiterfassung konsequent erledigen. Höfliche Hartnäckigkeit: erinnern, nachfassen und die Form stets wahren. Erfolge sichtbar feiern, um Moral und Akzeptanz zu stärken. Kritik klug managen: Lärm ignorieren, Sachkritik nutzen, Nörgler einbinden. Plus: Lernhaltung statt Rechthaben – Historie als Lehre für alle, die Projekte ruhiger, schneller und robuster führen wollen.
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49 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0091 Historische Lehren für moderne Projektleiter Projektmanagement à la Bismarck Henning Roet de Rouet Für eilige Leser | Was hat Bismarck Projektleitern heute zu sagen? Der Beitrag destilliert seine Bonmots und Anekdoten zu handfesten PM-Regeln: Pflicht vor Spaß- - unliebsame Basics wie Ressourcen, Budget, kritischer Pfad und Zeiterfassung konsequent erledigen. Höfliche Hartnäckigkeit: erinnern, nachfassen und die Form stets wahren. Erfolge sichtbar feiern, um Moral und Akzeptanz zu stärken. Kritik klug managen: Lärm ignorieren, Sachkritik nutzen, Nörgler einbinden. Plus: Lernhaltung statt Rechthaben-- Historie als Lehre für alle, die Projekte ruhiger, schneller und robuster führen wollen. Schlagwörter | Bismarck, Transferlehren, Best Practices, Menschenführung, Leadership Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsre Schuldigkeit zu thun. [1] Was Bismarck hier indirekt einfordert, taugt als Sinnbild einer romantischen Vorstellung der Preußischen Tugenden. Pflichterfüllung, Fleiß und Gehorsam. Nun, zumindest glaubten es damals viele Menschen und auch heute hält sich dieses positive Vorurteil hartnäckig. Vielleicht glaubte der Fürst sogar selbst an seine Aussage, wobei viele Gründe daran zweifeln lassen… Seine Völlerei und Zügellosigkeit vom Frühstück bis zum Mitternachtsimbiss war ein offenes Geheimnis und sein Bauch ließ sich auch im dicksten Mantel nicht verstecken. Trotz seiner im Widerspruch stehenden Gewohnheiten steckt in der Aussage eine Wahrheit, die in jedem Projekt offenbar ist und kein Projekt auslässt. Projektleiter müssen eben ihre Schuldigkeit tun, damit ein Projekt funktioniert. Zugegeben, Schuldigkeit ist wohl etwas melodramatisch, aber ersetzt man es sinngemäß durch „Dinge, die keinen Spaß machen, aber essentiell sind“, dann klingt es nicht nur nachvollziehbarer, sondern auch sozialverträglicher. Bismarck formulierte es an seine Schwester sogar selbst etwas weniger pathetisch: „Es ist soviel Müssen in meinem Leben, daß ich selten zum Wollen komme.“[2] Als Projektleiter warten viele trockene Dinge in einem Projekt darauf, gemacht zu werden. Ressourcenplanung, Budgets oder kritischer Pfad- - alles Dinge, ohne die ein Projektmanager gut leben kann. Auch ein Projekt kann darauf verzichten, aber dann geht es halt schief. Also rät uns Bismarck zu Demut. Nicht nur tolle Vorstandspräsentationen oder die durch das Projekt gesponserten Meilenstein-Drinks, quasi das Bismarck’sche „glücklich sein und genießen“, sind des Projektleiters täglich Brot. Ein Beispiel, welches kein Projektleiter leugnen kann, ist der enorme Aufwand, den es braucht, um die für ein Projekt aufgewandten Stunden des Teams „einzusammeln“. Die Ausreden des eigenen Teams können meist ganze Bücher füllen, warum man nicht in der Lage war, seine Stunden zu pflegen. Wie damit umgehen? Hier liefert Bismarck uns ein wunderbares Best Practice am Beispiel seiner Stiefel-… Als Bismarck im Verwaltungsdienst tätig war, gab er neue Stiefel in Auftrag. Der Schuster galt als hervorragender Handwerker, aber auch als sehr unzuverlässig. Termine ließ er in aller Seelenruhe verstreichen, denn er wusste, dass seine Fähigkeiten mehr geschätzt als seine Unpünktlichkeit abgelehnt wurde. Als Bismarck dies zu bunt wurde, schickte er einen Tag lang alle zehn Minuten einen anderen Boten zum Schuhmacher, jeweils mit der Frage, ob die Stiefel für Herrn von Bismarck fertig seien. Am Nachmittag hatte der Schuster genug davon und die Stiefel waren wie aus dem Nichts zur Abholung bereit. Von diesem Tage an hatte Bismarck nie wieder Probleme damit, dass seine Schuhe zum zugesagten Termin nicht fertig waren. Jahre später brachte er diese Methode erneut zur Anwendung, diesmal allerdings im Kabinett. Weil Bismarck sich über die Minister und deren Arbeitsmoral ärgerte, ging er dazu über, ob passend oder unpassend, gesetzgeberi- Wissen | Projektmanagement à la Bismarck 50 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0091 sche Fragen immer häufiger mit der Kabinettsfrage-- also der Drohung seines Rücktritts-- zu verknüpfen. Er stellte also klar, dass nicht einzelne Dinge wichtig seien, sondern die generelle Arbeitsmoral sich bei jeder Tätigkeit des Kabinetts zeigen müsse. Steter Tropfen höhlte auch hier den Stein. [3] Was Bismarck uns zeigt, ist, dass durch konsequentes Nachfragen und „nicht lockerlassen“ auch der hartnäckigste Verweigerer von lästigen Tätigkeiten diese tun wird. Das ständige Erinnern wog mit der Zeit schwerer als die eigentliche Aufgabe. Kein Projektleiter hat Spaß daran, sein Team penetrant an vermeintlich unwichtige Dinge zu erinnern, aber manchmal geht es nicht ohne. Aber die Erfahrung und Bismarck zeigen, dass, wenn der Projektleiter es einmal konsequent zu Ende bringt, es in Zukunft für alle besser laufen wird. Spätestens als Wilhelm II. Kaiser wurde und sich mehr und mehr in seine eigene Welt reinsteigerte, wurden für den „Projektleiter“ Bismarck die Schuldigkeiten zu harten Prüfungen der Willensstärke. Des Kaisers verzerrte Wahrnehmung der Realität machte es dem routinierten Politiker Bismarck unfassbar schwer, die regelmäßigen Rapporte mit Wonne vorzubereiten oder elegante Lösungen für diffizile Situationen zu ersinnen. Die Reaktionen des Hohenzollers auf Bismarcks Sicht der Dinge schwankten zwischen verbaler Ohrfeige und offener, mit Galle gespickter Kritik. Doch, um ihn selbst sinngemäß zu zitieren, da musste er eben durch, denn es gehörte zu seinem Beruf dazu. Viele Projekte scheitern nicht an Unmöglichkeiten, sondern an Vernachlässigung von essenziellen Dingen des Projektmanagements. Dabei ist es doch eigentlich kein Geheimnis, dass sich sorgsame und detailreiche Vorbereitung auf lange Sicht immer auszahlt.[4] Und auch wenn das Verhältnis von Spaß zu Schuldigkeit nicht immer ausgewogen scheint, kann es doch das eine nicht ohne das andere geben. Erfolgreiche Projektleiter beherzigen also den pathosgeladenen Denkanstoß Bismarcks von Anfang an. Ebenso eine Art Schuldigkeit, um die ein Projektleiter nicht umhinkommt, ist etwas ganz Banales, was Bismarck zur Kunstform erhob: Höflichkeit und Förmlichkeit. Natürlich sollte jeder Mensch zu jeder Zeit freundlich, höflich und formal korrekt sein, doch die Realität-- und besonders das mitunter stressige und belastende Projektgeschäft-- zeigt, dass dies nicht immer der Fall ist. Auch Projektleiter sind Menschen, mal mit guten und mal mit schlechten Tagen. Doch da liegt die Krux. Lässt sich ein Projektleiter hinreißen und verlässt den formal-höflichen Pfad, so kann dies unangenehme Folgen mit sich bringen. Ist der Empfänger einer Mail inhaltlich nicht in der Lage zu kontern, so passiert es schnell, dass mangelnde Höflichkeit zum zentralen Thema avanciert und nicht mehr das eigentlich zentrale fachliche Thema. Höflichkeit im Projekt kann also kraftraubende Nebenkriegsschauplätze verhindern, bevor sie entstehen. Bismarcks Höflichkeit im persönlichen Umgang zeigte sich oft in kleinen Gesten, wie beispielsweise darin, Gäste stets zu Pferde bis zur Gutsgrenze zu begleiten. Doch respektvoller Umgang war auch in seinem beruflichen Umfeld für ihn selbstverständlich. Einer von Bismarcks diplomatischen Grundsätzen war dabei uneingeschränkte Höflichkeit, was er selbst als „Höflichkeit bis zur letzten Galgensprosse“ bezeichnete. [5] Er wollte niemandem die Gelegenheit bieten, den Fokus eines diplomatischen Disputs ad hominem, also nur auf seine Person bezogen, zu verlagern. Dabei hatte er die Angewohnheit, auch im Angesicht von Katastrophen und Kriegen, sanft und mit einem Lächeln die Form zu wahren. So auch 1870, als der Berliner Geschäftsträger Frankreichs Georges Le Sourd mit ernster Miene und unnahbarem Auftritt die Kriegserklärung an Bismarck aushändigte. Als der Botschafter wortlos den Raum verließ, reagierte Bismarck mit gelassener Ruhe und höflichem Protokoll. Er öffnete geschwind die Tür und rief dem Franzosen zuckersüß hinterher: „Meine besten Empfehlungen an Madame Le Sourd.“[6] Im Angesicht des Krieges könnte man wohl von „entwaffnender“ Freundlichkeit sprechen-- oder etwas moderner von „Kill Them With Kindness“. Folgen Sie meinem Rate und meinem Beispiel, trinken Sie eine Flasche Champagner und essen Sie ein paar Dutzend Austern dazu, und ich bin überzeugt, daß Ihnen die Weltlage sofort in einem weit rosigeren Lichte erscheinen wird. [7] Ja, die Lage ist hoffnungslos, aber glücklicherweise nicht ernst. Ist das nicht geradezu ein Dauer- und Normalzustand in Projekten? ! Brennt nicht immer etwas? Fehlt nicht stets an einer Ecke das Budget oder an der anderen Ecke die Ressource? Jeder, der einige Jahre im Projektmanagement verbracht hat, der wird zugeben (müssen), dass es weder ein ruhiges noch ein problemarmes Projekt gibt. Dies kann auch nur wenig verwundern, denn es liegt in der Natur eines jeden Projektes. Qua definitionem muss ein Projekt unsicher, einzigartig, risikoreich und ungewiss sein, damit es zu einem Projekt wird. [8] Also sind Projekte, wenig überraschend, stets von einer gewissen Negativität überschattet und behaftet mit einem Kampf gegen die Niederlage, anstatt für den Sieg. Wie also mit dieser immanenten Selbstverständlichkeit umgehen? Für die Beantwortung dieser berechtigten Frage hilft Bismarck mit dem obenstehenden Ratschlag anschaulich und tatkräftig. Ob man nun lebende Meerestiere oder Schaumwein französischer Provenienz unbedingt empfehlen muss, das sei dahingestellt und dem jeweiligen Gusto überlassen. Unzweifelhaft ist aber der tiefere Sinn, auf den Bismarck zielt. Was sein Rat für einen Projektleiter in sich trägt, ist tatsächlich auf drei Ebenen anzuwenden. Erstens, es ist allzu offensichtlich, dass Essen und Trinken nicht nur Leib und Seele zusammenhalten, sondern eben auch für ein Projekt zahlreiche Anwendungsfälle mit sich bringt. Egal, ob es regelmäßige zwanglose Zusammenkünfte des erweiterten Projektteams oder Feierabendbiere des Kernteams sind, gesellige Momente schaffen positive Assoziationen und Erinnerungen. Übrigens konstatierte auch der Fürst, es werde „bei uns Deutschen mit wenig so viel Zeit totgeschlagen, wie mit Bier trinken.“[9] Warum also nicht auch mal im Projekt? Die zwischenmenschliche Ebene muss ein Projektleiter bewusst bespielen- - auch wenn es in der Prüfung zum PMP nicht abgefragt wird. Also ist man gut beraten, das Notwendigste auf der Welt (Essen und Trinken, nicht Champagner und Austern) zu nutzen, um damit für gute Stimmung im Projekt zu sorgen. [10] Bismarck lud oft zu „parlamentarischen Frühschoppen“ in seinen Garten, welche die Grenze zwischen privater und dienstlicher Veranstaltung verwischten. Er lud auch politische Gegner ein und sie folgten der Einladung. Dabei stand sehr schlichtes, einfaches Essen auf dem Tisch und daneben ein Fass Bier, an dem jeder sich selbst bedienen konnte und sollte. Die Zusammenkunft, zwanglos und ohne Protokoll, wurde von ihm sehr bewusst als Werkzeug zur Verbesserung der täglichen Zusammenarbeit genutzt. Recht hatte er. Wissen | Projektmanagement à la Bismarck 51 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0091 Die zweite Ebene zeigt, dass ein Projektleiter nicht nur auf die Zahlen und die Ergebnisse seines Projektes fixiert sein darf. Ist er dies, so vernachlässigt er die Komponente, mit der am Ende doch die Schlagkraft und der Erfolg eines Projektes steht oder fällt: die Stimmung im Team. So banal es klingen mag, so fatal kann die Auswirkung sein. Wenn Bismarck darauf hinweist, dass „die Weltlage“ gar nicht so schlimm sei, man eben nur „eine Flasche Champagner- (…) und ein paar Dutzend Austern“ benötigt, um dies zu erkennen, so gilt dies in gleichem Maße für Projekte. Als Projektleiter muss man sein Team trotz aller Widrigkeiten und trotz der harten Arbeit immer wieder darauf hinweisen, dass es nach vorne geht und auch die kleinsten Fortschritte eben Fortschritte sind. Dazu benötigt es den korrekten Rahmen, um die richtige Stimmung zu erzeugen. Bismarck wusste dies für sich zu nutzen, hatte er doch gemäß Erzählungen stets den Lieblingswein seines Gastes ganz zufällig zur Hand… Der „Projektleiter“ Bismarck lebte das Verständnis im Alltag, dass auch Kleinigkeiten fernab von PowerPoint und Excel Teile des Erfolgs sind. Drittens, wenn ein Projekt einen Meilenstein rechtzeitig erreicht hat, dann kann das Team stolz darauf sein. Kurzum, der Erfolg kam nicht von allein. So weit, so gut. Nur gibt es ein Problem: die Wahrnehmung. Denn die Mühsal innerhalb eines Projektes ist selten so offensichtlich, dass Außenstehende ehrfürchtig die Erfolge anerkennen. Hier sollte sich der findige Projektleiter am Beispiel Bismarcks orientieren. Durch eine kleine Feier zeigt man, dass die getane Arbeit es wert ist, gefeiert zu werden. Wenn das Projektteam es für angebracht hält, einen Schritt zu feiern, dann muss da mehr dahinterstecken, als ich als Unbeteiligter sehe. Vielleicht beschäftige ich mich einmal genauer mit dem Projekt. Und darin besteht die Quintessenz des Bismarck’schen Rates: Erfolge muss man feiern, sonst weiß niemand, dass es Erfolge sind. [11] Oder eben: Wer nicht ab und an den Genuss schalten und walten lässt, der kann nicht begreifen, wie schön das Projekt doch tatsächlich ist. Es ist leichter zu kritisieren als zu regieren.[12] Wenn eine Eigenschaft fest in der DNS der Deutschen verankert ist, dann die Fähigkeit, schnell und unverblümt zu kritisieren. Damals wie heute demonstriert ein Blick in die BILD dieses Bild eindrucksvoll. Bismarck hob die Essenz des Deutschen Wesens ebenso hervor: „Der Deutsche hat an und für sich eine starke Neigung zur Unzufriedenheit“[13] und ganz generell sei „Neid überhaupt ein Grundzug der Deutschen.“[14] Wenn man dies einmal verstanden hat, lebt es sich vermutlich gelassener, in jedem Fall aber wird man sich Kritik nicht mehr negativ zu Herzen nehmen. Daher ist Bismarcks universelle Weisheit „Es ist leichter zu kritisieren als zu regieren“ besonders geeignet für Projektleiter, die sich oft in einem Meer aus Meinungen, Ideen und Kritik jeglicher Couleur wiederfinden. „Jetzt sitzen 50 Prozent der männlichen Bevölkerung abends im Wirtshaus, trinken Bier, rauchen Cigarren oder gar Pfeifen, räsonnieren auf die Regierung und gehen dann stolz nach Hause, als hätten sie ein schweres Tagewerk vollbracht.“[15] So oder so ähnlich könnte man bis heute den Alltag beim Feierabendbier der Linienabteilungen beschreiben. Das Projekt ist die Regierung und man selbst wisse alles besser. Das Leben könnte so einfach sein, oder? Zunächst ist es nicht nur wichtig zu verstehen, sondern vielmehr auch zu akzeptieren, dass Kritik oft leichtfertig und schnell geäußert wird, während das Regieren oder, im Falle des Projektleiters, die Führung eines Projekts eine sehr komplexschichtige und herausfordernde Aufgabe ist. Durch die zunehmende und unangenehme Eigenschaft, im Berufsleben einfach alles als „Projekt“ zu bezeichnen, gerät Projektmanagement zu einer „Allerweltskunst“, die tatsächlich aber kaum jemand wirklich beherrscht. Echte Projektleiter müssen nicht nur die Meinungen und Bedenken aller Teammitglieder berücksichtigen, sondern auch strategische Entscheidungen treffen, Ressourcen effektiv verwalten und das Projektziel im Auge behalten- - ganz im Gegensatz zu den „Projekten“, die in Wirklichkeit nichts anderes als sich wiederholende Linienarbeiten sind. All die Projektleiter, die es lediglich auf dem Papier sind und früher mal „Sachbearbeiter“ auf den Visitenkarten anstelle „Project Manager“ stehen hatten, wie auch deren „Projekte“, welche lediglich als solche bezeichnet werden, bringen „echte“ Projektleiter in Verruf und kaum jemand versteht, was ein Projektleiter eigentlich macht. Dass diese Unwissenheit natürlich a) eine denkbar schlechte Basis für Kritik darstellt und b) nur durch Zufall konstruktiv sein kann, versteht sich von selbst. Hier steht einem Projektleiter stoische Ruhe gut zu Gesicht. Kritik ist eine Herausforderung, die er am besten angeht, indem er sie grundsätzlich als Chance zur Verbesserung betrachtet. Unabhängig vom Inhalt oder der Berechtigung der Kritik sollten diese Meinungen positiv gesehen werden, denn darin steckt zumindest etwas nicht Negierbares: Das Projekt ist Menschen anscheinend nicht gleichgültig. Das mag kein großer Trost sein, doch in dem Moment kann es dem Projektleiter helfen, sich nicht zu ärgern. Bismarck zeigte anlässlich eines ihm vorgelegten Strafantrags wegen Beleidigung, wie man souverän mit unberechtigter Kritik umgehen sollte. Ein Betrunkener sagte angeblich: „Der Bismarck kann mich am Arsch lecken! “ Die eifrige Polizei wollte ermitteln und brauchte dafür Bismarcks Unterschrift auf dem Strafantrag. Doch anstelle einer Unterschrift, durch die er der Empörung stattgegeben hätte, schrieb Bismarck mit einem Lächeln quer über den Antrag: „Er mich auch! “ [16] Eine ähnliche Situation ereignete sich auch beim Einzug der deutschen Truppen in Paris 1871. An den reitenden Bismarck trat ein Franzose vom Wegesrand kommend eilig heran und sagte, deutlich für den Kanzler zu vernehmen: „V’la donc la fameuse Canaille! “ Zu Deutsch: Da ist sie ja, die berühmte Kanaille! Bismarck reagierte ruhig und unnahbar und äußerte sich später wie folgt dazu: „Ich hätte den Mann festnehmen lassen können, ließ ihn aber laufen. Die Kühnheit des Menschen imponierte mir.“ [17] Diese Begebenheit zeigt, wie sehr Bismarck vorlebte, dass man nicht über jedes hingehaltene Stöckchen in Form von schneller Kritik springen muss. Ein Glanzstück eines Stöckchens, welches Bismarck in Seelenruhe unbesprungen ließ, ist sein Verhalten bei den Verhandlungen rund um den gewonnenen Krieg von 1870 / 71. Als die Forderungen von fünf Milliarden Goldfrancs Kriegskontributionen gegen Frankreich ausgesprochen wurden, rief Adolphe Thiers, einer der französischen Beauftragten für die Friedensverhandlungen, voller Erregung: „Mais c’est une indignité.“ Zu Deutsch: Aber das ist unwürdig. Für die Maßstäbe der Diplomatie des 19. Jahrhunderts ein harscher verbaler Angriff. Die Verhandlungen wurden bis zu diesem Zeitpunkt in französischer Sprache geführt, doch ab dem Ausruf Thiers machte Bismarck eine Pause, sprach auf Deutsch und bat darum, einen Dolmetscher herbeizuziehen, denn er sei müde. Nachdem ein Wissen | Projektmanagement à la Bismarck 52 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0091 Dolmetscher eintraf, meinte Bismarck auf Deutsch, dass seine Kenntnisse der französischen Sprache nicht ausreichten, um die letzte Bemerkung Thiers zu verstehen. Thiers verstand, was die Stunde schlug, und wiederholte seine Worte nicht.[18] Durch Contenance und Größe vermied Bismarck eine Eskalation zugunsten des Ergebnisses. Am Ende zahlte Frankreich. Unpassende Kritik kann, dies zeigt Bismarck deutlich, einfach ignoriert werden, ohne dass einem Projektleiter ein Zacken aus der Krone fallen muss oder die Gedanken über Gebühr beschäftigt werden müssen. Anders verhält es sich mit berechtigter Kritik. Diese muss ein Projektleiter nicht nur freudig annehmen, sondern gezielt forcieren. Kritik ist, pathetisch ausgedrückt, der Motor der Lessons Learned und der kontinuierlichen Verbesserung. Vom Junior bis zum Senior sollte ein Projektleiter stets nach der Meinung fragen und, noch wichtiger, das Gesagte auch beherzigen. Bismarck machte dies deutlich, denn seine Einstellung zu Kritik ist unzweifelhaft: „Ich bin dankbar für schärfste Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt.“[19] Kritikfähigkeit ist generell eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Projektleiter entwickeln, ja kultivieren muss. Um sich als Projektleiter signifikant zu verbessern, ist es notwendig, sich durch Kritik selbst zu hinterfragen und nach Verbesserung zu streben. Bismarck erhob dieses Streben und stetige Lernen zur Lebensaufgabe und gab sie freundlicherweise seinen Kollegen im Reichstag ebenso mit auf den Weg: „Es gibt eine Menge Leute, die haben ihr ganzes Leben hindurch nur einen einzigen Gedanken, und mit dem kommen sie nie in Widerspruch. Ich-[…] lerne vom Leben, ich lerne, solange ich lebe, ich lerne noch heute. Es ist möglich, daß ich das, was ich heute vertrete, in einem Jahre oder in einigen, wenn ich sie noch erlebe, als überwundenen Standpunkt ansehe und mich selbst wundere: Wie habe ich früher dieser Ansicht sein können? “ [20] Als Bismarck sich 1848 mit der Revolution konfrontiert sah und auch mit dem Sieg der bürgerlichen Bewegung gegenüber den althergebrachten Strukturen Preußens, versuchte er durch leise Selbstkritik und versöhnliche Worte den Führern der liberalen Opposition entgegenzukommen. Hätte er gewusst, dass nur drei Monate später die Gegenrevolution alles neu ordnen würde, so wären ihm die versöhnlichen Worte wohl im Halse stecken geblieben. Seine konservativen Förderer sahen in Bismarcks Geste der Vermittlung gegenüber den Liberalen einen unverzeihlichen Fehler, den Bismarck schließlich mit einem Satz akzeptierte, der jedem Projektleiter eine sowohl nüchterne als auch unaufgeregte Richtschnur beim Thema Fehlerkultur und Umgang mit Kritik sein sollte: „Der Moment bleibt verloren, aber die Lehre für mich nicht.“ [21] In jedem Projektumfeld gibt es den einen oder anderen, der ständig nur nörgelt, zynisch kommentiert oder das Scheitern heraufbeschwört. Wie sollte ein Projektleiter mit derlei Zeit- und Projektgenossen umgehen? Was tat Bismarck in solchen Fällen? Er tat das, was auch heute wohl noch das probateste Mittel ist: Er inkorporierte sie. Er band sie aktiv in Entscheidungsprozesse mit ein und übertrug ihnen Verantwortung, wenn natürlich auch nicht zu viel. Indem er ihnen eine aktive Rolle im Projekt gab und sie teilweise für den Erfolg verantwortlich machte, konnte Bismarck damals und können genauso Projektleiter heute die Energie der notorischen Kritiker in produktive Bahnen lenken. Konsequenzlose Kritik ist damit nicht mehr möglich, denn auch die Karriere des Nörglers hängt nun plötzlich zum Teil am Projekt. Als Reichskanzler sah er im preußischen Partikularismus den größten Gegner des Reiches. Seine Idee, aus den Gegenspielern Verbündete zu machen, sah so aus, dass er mit dem Gedanken liebäugelte, Reichsämter und -ministerien mit preußischen Ministerien zu verbinden. Preußen parlamentarisch und gesetzgeberisch zu inkorporieren, schien für ihn der einfachste, aber effektivste Weg zu sein, gegensätzliche Interessen in Einklang zu bringen. Dieses Mittel nutzte er zu Beginn seiner Karriere sehr probat und freute sich diebisch darüber. Formal schloss er sich der Zentrumsfraktion des preußischen Landtags an, doch einzig aus dem Grund, dass er, als einer von ihnen, sie dazu nötigen konnte, konkreter auf ihre Ideen und politischen Vorstellungen einzugehen. [22] Er inkorporierte sich also selbst zu seinem Vorteil. Bismarcks „Lieblingsgegenspieler“ war mit Ludwig Windthorst ein liberaler, katholischer Zentrumspolitiker, welcher dem Kanzler rhetorisch gewachsen war und ihn durchaus in die Bredouille bringen konnte. Sie vertraten konträre Meinungen zu vielen Themen und dies stets mit Leidenschaft. Weil aber die Gegnerschaft von Windthorst für Bismarck wieder und wieder zum Ärgernis wurde, dachte er offen darüber nach, ihn enger an sich zu binden und ihn durch Berufung in sein Kabinett zumindest öffentlich ruhigzustellen. Literatur [1] Bismarck, Die gesammelten Werke. Friedrichsruher Ausgabe, Bd. 14 / I: Briefe. Hrsg. von Wolfgang Windelband / Werner Frauendienst. Berlin 1933. S. 227 f. [2] Bismarck, Die gesammelten Werke. Bd. 14 / II. Berlin 1935. S. 698. [3] Ballhausen, Lucius Freiherr von, Bismarck-Erinnerungen des Staatsministers Freiherrn Lucius von Ballhausen. Stuttgart und Berlin 1920. S. 29. [4] Patzak, Gerold/ Rattay, Günter, Projektmanagement. Projekte, Projektportfolios, Programme und projektorientierte Unternehmen. 7. Aufl. Wien 2018. S. 133. [5] Bethge, Hans, Otto von Bismarck. Anekdoten aus seinem Leben. München 2021. S. 72. [6] Bethge, S. 72. [7] Gruner, Justus von, Rückblick auf mein Leben. In: Deutsche Revue 26. Berlin 1901. Bd. 3. S. 85. [8] Meyer, Helga/ Reher, Heinz Josef, Projektmanagement. Von der Definition über die Projektplanung zum erfolgreichen Abschluss. Wiesbaden 2016. S. 2. [9] Blum, Hans, Bismarcks Mahnworte an das deutsche Volk. Erlangen 1895. S. 130. [10] Patzak/ Rattay, S. 64. [11] Eichenberg, Timm/ Hahmann, Martin/ Hördt, Olga/ Luther, Maren/ Stelzer-Rothe, Thomas, Organisation und Projektmanagement. Berlin und Bosten 2021. S. 98f [12] Ritter von Poschinger, H[einrich], Fürst Bismarck und die Parlamentarier. Bd. 3. Breslau 1896. S. 170. [13] Bismarck, Die gesammelten Werke. Friedrichsruher Ausgabe, Bd. 12: Reden. Bearb. von Wilhelm Schüßler. Berlin 1929. S. 7. [14] Ballhausen, S. 22. [15] Ritter von Poschinger, H[einrich], Fürst Bismarck und die Parlamentarier. Bd. 1. 2. Aufl. Breslau 1894. S. 211. Wissen | Projektmanagement à la Bismarck 53 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0091 [16] www.sueddeutsche.de/ politik/ bismarck-anekdotenvon-doggen-und-nachttoepfen-1.2412881, Stand: 09. 10. 2025. [17] Bethge, S. 92. [18] Bethge, S. 86. [19] Am Abend des 13. Juli 1874, nachdem ein Attentat auf ihn verübt wurde. Vgl.: Fürst Bismarcks gesammelte Reden. Bd. 1. Berlin 1894. S. 47. [20] Bismarck, Die gesammelten Werke. Bd. 12. S. 598. [21] Ullrich, Volker, Otto von Bismarck. Reinbeck bei Hamburg 2008. S. 39. [22] Bismarck, Otto von, An Johanna von Bismarck. Briefe aus vier Jahrzehnten. Berg am See 1990. S. 104. Eingangsabbildung: Carl Röhling, Wilhelm I. führt eine Unterredung mit Otto von Bismarck, dem Anwärter auf das Amt des preußischen Ministerpräsidenten. Entnommen: Abb. 40, Die Hohenzollern in Bild und Wort von 1899. https: / / publikationsserver.tu-braunschweig.de/ rsc/ viewer/ dbbs _ derivate _ 00000480/ max/ 00000047.jpg ? logical- Div=log_15c789a3-6c22-4aa0-986d-8e361e6e1555 Dr. Henning Roet de Rouet Dr. Henning Roet de Rouet ist Geschäftsführer der RIMASYS GROUP, einer auf Surgical Education spezialisierten Firmengruppe. Nach seinem Studium sammelte er Erfahrung im Projektmanagement und Organisationsentwicklung in diversen Beratungen und Funktionen in Europa und Asien. Der studierte Historiker verbindet heute Geschichte mit moderner Managementpraxis und zeigt, wie sich aus historischen Erfolgen und Fehlentscheidungen Impulse für Führung, Strategie und Projektarbeit gewinnen lassen. Als Keynote Speaker spricht er regelmäßig über die Parallelen zwischen Geschichte und Management - und darüber, was heutige Führungskräfte von den Strategen vergangener Zeiten lernen können. henning.roet.de.rouet@rimasys.com Buchtipp UVK Verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Gestrandet auf einer einsamen Insel setzt ein Team von Unternehmensberatern sein Projektmanagementwissen ein, um sich zu retten. Doch die üblichen Probleme in Projekten gefährden ihr Überleben und Praktikantin Linda muss für die Rettung die Verantwortung übernehmen. Mit 100 Lernfolien und einem eLearning-Kurs vermittelt dieser Business-Roman auf unterhaltsamte Weise grundlegendes Projektmanagementwissen und plädiert für Werte wie Leidenschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft - denn Projekte scheitern an Menschen, nicht an Prozessen. Claudia Lampert Überleben mit Projektmanagement Ein Roman mit eLearning-Kurs 1. Au age 2025, 234 Seiten €[D] 24,90 ISBN 978-3-381-14601-7 (print) ISBN 978-3-381-14602-4 (eBook) DOI 10.24053/ 9783381146024 Anzeige
