eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL36/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2025-0092
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2025
365 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

Präsidenten im Gespräch: Zukunftsfragen des Projektmanagements beim 34. IPMA World Congress

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2025
Sebastian Wieschowski
Auf dem 34. IPMA World Congress in Berlin kamen vier Präsidenten der Organisation auf einer Bühne zusammen: der amtierende Präsident Mladen Vukomanović sowie seine Vorgänger Brigitte Schaden, Roberto Mori und Joop Schefferlie. Die Diskussionsrunde unter dem Titel „Insights Session“ bot ein seltenes Zusammentreffen von Erfahrung, Tradition und Zukunftsperspektive. Im Mittelpunkt standen die grundlegenden Werte der IPMA, die Rolle des Projektmanagers in einer Welt voller Umbrüche sowie die Verantwortung, die diese Profession in Gesellschaft und Wirtschaft übernimmt.
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54 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0092 Präsidenten im Gespräch: Zukunftsfragen des Projektmanagements beim 34. IPMA World Congress Sebastian Wieschowski Auf dem 34. IPMA World Congress in Berlin kamen vier Präsidenten der Organisation auf einer Bühne zusammen: der amtierende Präsident Mladen Vukomanović sowie seine Vorgänger Brigitte Schaden, Roberto Mori und Joop Schefferlie. Die Diskussionsrunde unter dem Titel „Insights Session“ bot ein seltenes Zusammentreffen von Erfahrung, Tradition und Zukunftsperspektive. Im Mittelpunkt standen die grundlegenden Werte der IPMA, die Rolle des Projektmanagers in einer Welt voller Umbrüche sowie die Verantwortung, die diese Profession in Gesellschaft und Wirtschaft übernimmt. Alle vier Diskutanten machten deutlich, dass sich die IPMA durch ihren klaren Fokus unterscheidet: Nicht Methoden und Modelle stehen an erster Stelle, sondern der Mensch und seine Kompetenzen. Diese Ausrichtung, so die einhellige Meinung, sei der nachhaltige Mehrwert der Organisation im internationalen Umfeld des Projektmanagements. Künstliche Intelligenz: Chance und Risiko Ein Schwerpunkt der Debatte war die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI). Vukomanović erinnerte daran, dass die IPMA einen Standard für den ethischen Einsatz von KI in Projekten veröffentlicht hat. „KI ist unvermeidlich“, erklärte er, „aber sie darf nicht als eigene Kultur betrachtet werden, sondern als Erweiterung unserer bestehenden Kultur.“ Die Präsidenten waren sich einig, dass die Faszination für neue Technologien nicht dazu führen dürfe, den Kern des Projektmanagements aus den Augen zu verlieren. Schefferlie warnte, dass ein übermäßiger Fokus auf Werkzeuge vom eigentlichen Projekterfolg ablenke. Ein Vergleich des Moderators mit dem einst verbotenen elektronischen Taschenrechner machte deutlich, dass die Gesellschaft immer wieder lernen muss, neue Technologien sinnvoll zu integrieren. Im Hinblick auf die Zertifizierung betonte Schefferlie, dass Prüfungen und Berichte an die Realität von KI angepasst werden müssten. Werkzeuge wie ChatGPT veränderten die Spielregeln. Dennoch bleibe der Kern unverändert: Ein Projektmanager müsse nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung und nachweisbare Kompetenz vorweisen können. Nachhaltigkeit als Verpflichtung Ein weiteres zentrales Thema war Nachhaltigkeit. Vukomanović verwies auf Zahlen, die die wirtschaftliche Dimension verdeutlichen: Rund 43 bis 44 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entstünden in Projekten und temporären Organisationen. Angesichts dieser Bedeutung sei es von größter Wichtigkeit, dass Projektergebnisse nachhaltig seien-- im Sinne von Umwelt, Gesellschaft und Planet. Brigitte Schaden forderte, Nachhaltigkeit fest in die Kompetenzrichtlinien (ICB) zu integrieren, da es längst Teil des Alltags von Projektmanagern sei. Vukomanović hob hervor, dass die IPMA ohne nationale oder politische Agenda agiere und allein dem Ziel verpflichtet sei, durch Projektmanagement einen besseren Wert für die Welt zu schaffen-- und dieser Wert müsse nachhaltig sein. Führung im Wandel Besonders intensiv wurde über Führungsstile und Kompetenzprofile diskutiert. Schefferlie stellte die Frage, welchen Führungsstil Projektmanager in Zukunft brauchen werden. Seine Antwort war eindeutig: Anpassungsfähigkeit. „Adaptives Führen wird die neue Normalität sein.“ Berichte aus der GPM | Präsidenten im Gespräch 55 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0092 Während alle bekannten Kompetenzen weiterhin relevant blieben, verschiebe sich die Gewichtung deutlich in Richtung Verhaltens- und Sozialkompetenzen. Emotionale Intelligenz, politisches Gespür, Führungsstärke und die Fähigkeit, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, würden künftig im Vordergrund stehen. Roberto Mori ergänzte, dass in internationalen Großprojekten vor allem die Fähigkeit entscheidend sei, Menschen zu verstehen und in multikulturellen Kontexten zu arbeiten. Die Organisation solcher Projekte sei heute sogar schwieriger geworden, zugleich aber auch lohnender. Projektmanager müssten bereit sein, sich selbst zurückzunehmen und die kulturellen Hintergründe der Partner zu berücksichtigen. Brigitte Schaden beschrieb Projektmanagement als eine Art „Schule der Demokratie“. Es gehe darum, die Stimmen aller Stakeholder einzubeziehen und ein gemeinsames Ziel zu finden. Forschung und Zertifizierung im Umbruch Der Einsatz von KI und die wachsende Bedeutung von Kompetenzen stellen auch die traditionellen Verfahren von Forschung und Zertifizierung vor neue Herausforderungen. Schefferlie, mit langjähriger Erfahrung in diesem Bereich, betonte, dass einfache Prüfungsfragen, die einfache Antworten erwarten, der Vergangenheit angehören. Die Zertifizierung solle ein Gesamtbild der Kompetenzen zeichnen und damit Vertrauen schaffen, dass ein Projektmanager die richtigen Projekte erfolgreich umsetzen könne. Forschung wiederum sei ein wichtiges Fundament für die Weiterentwicklung der Standards. Vukomanović erklärte, dass die IPMA sich derzeit stark auf junge Zielgruppen konzentriere- - von Berufseinsteigern bis hin zu Schülern. Der Fokus liege weniger auf Methoden, sondern stärker auf Menschen und Gesellschaft. Gesellschaftliche Verantwortung Alle Präsidenten waren sich einig: Projektmanagement ist heute mehr denn je eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Profession. Vukomanović betonte, dass dies keine Last, sondern eine Chance sei: Projektmanager könnten Leuchttürme für Ethik, Integrität und Glaubwürdigkeit sein. Roberto Mori äußerte Besorgnis über die Zukunft kommender Generationen und rief dazu auf, über die Grenzen der eigenen Community hinauszuwirken. Angesichts von Fake News und Vertrauenskrisen sei es umso wichtiger, dass Entscheidungen auf realen Fakten und echtem Wissen beruhen. Vukomanović brachte den ethischen Aspekt mit Blick auf die Digitalisierung auf den Punkt: KI sei zwar unausweichlich, doch entscheidend bleibe die Fähigkeit, moralische und ethische Perspektiven einzunehmen. Darin sehe die IPMA ihre Rolle, was durch den neuen Standard zum ethischen Umgang mit KI unterstrichen werde. Die Kompetenzen der Zukunft Der Konsens der Diskussion war eindeutig: Die Werkzeuge der Zukunft werden von Maschinen bereitgestellt, doch die Wertschöpfung des Projektmanagers liegt in den menschlichen und ethischen Kompetenzen. Schefferlie prognostizierte eine Verschiebung hin zu sozialen Fähigkeiten, Führungsstärke und Empathie. Mori ergänzte, dass das Verständnis für Menschen in multikulturellen Kontexten unverzichtbar sei. Am Ende der Debatte fasste Vukomanović die Herausforderung und die Chance zusammen: Projektmanager müssen Leuchttürme der Ethik, Integrität und Glaubwürdigkeit sein- - nicht nur für ihre Organisation, sondern für die gesamte Gesellschaft. Eingangsabbildung: „Presidents Talk“ beim 34. IPMA World Congress: Joop Schefferlie, Peter Thuy, Mladen Vukomanovic, Brigitte Schaden, Roberto Mori (von links nach rechts).