eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL36/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-2025-0099
pm365/pm365.pdf1215
2025
365 GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

Anleitung zum Überleben

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2025
Jens Köhler
pm3650068
68 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 36. Jahrgang · 05/ 2025 DOI 10.24053/ PM-2025-0099 Jens Köhler Ehrlich und Priesberg treffen sich in einer Jazzkneipe. Die Musik hat Pause und beide können sich unterhalten. Priesberg legt los: „Ich habe einen Kollegen, der arbeitet in meinem Projekt zur Bereinigung von Daten. Wir kommen nicht weiter und alle verhaspeln sich in den Details. Und der Kollege steht schulterzuckend neben dem Geschehen.“ Ehrlich entgegnet: „Das ist doch nichts Besonderes. Die Musik hier, das ist was Besonderes.“ Priesberg lässt nicht locker: „Doch, der Kollege passt nicht zur Aufgabenstellung. Er denkt nicht in den Details, um die es dort geht. Wir müssen Datenfelder identifizieren, um sie schließlich mit der Struktur des Zielsystems zu verbinden. Er macht es nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es nicht kann. Details wirken auf ihn, wie auf mich so manches Jazz-Stück.“ „Das heißt konkret? “ Ehrlichs Neugier ist geweckt. Priesberg fährt fort: „Unstrukturiert und wirr. Es ist keine Linie zu erkennen. Vielleicht am Anfang und Ende die Grundmelodie. Dazwischen spielen sie, wie sie wollen.“ „Wieso bist Du dann hier? “, provoziert ihn Ehrlich. „Weil ich meinen Kollegen besser verstehen möchte“, entgegnet Priesberg. Ehrlich nickt anerkennend. Priesberg fährt fort: „Vor kurzem hatte mir der Kollege ein Video von, ich glaube es war etwas mit ‚Take Five‘ gezeigt. Ein Musikstück, das von fünf Musikern gespielt wurde und fast sechzehn Minuten gedauert hat. Zum Schluss schaute der Pianist wie jemand Grinsendes aus der Hölle und feuerte den Schlagzeuger an.“ „Wow. Das war Dave Brubeck [1], mit Gerry Mulligan, Paul Desmond, Jack Six-… der Schlagzeuger, der so höllisch angefeuert wurde, war Alan Dawson“, erläutert Ehrlich und fragt: „Was hast du so empfunden, als die Töne an deine Ohren gedrungen sind? “ „Puh, ich ging in der warmen Sonne in einen dunklen Wald. Plötzlich war ich an ein Formelzeichen gefesselt. Symbole tanzten um mich herum, verbanden sich zu einer Gleichung und verschwanden. Danach saß ich bei Brot und Wein auf einer Wiese“, schildert Priesberg sein Erlebnis. Ehrlich überlegt: „Ich glaube, da habe ich eine Idee. Du hast eben eine Rahmenhandlung beschrieben, wenn auch eine sehr persönliche. Und damit das abgebildet, was dieses Stück auszeichnet, nämlich die allseits bekannte Melodie beziehungsweise den Rhythmus von Take Five. Und zwischendrin Improvisationen darüber. Jeder hat seine Rolle und die Übergänge sind klar geregelt. Deswegen schaut der Bandleader Dave Brubeck den Schlagzeuger Alan Dawson so intensiv an, als dieser loslegt.“ Anleitung zum Überleben Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch-- Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Jens Köhler Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Anschrift: BASF SE, RGQ / IM, 67 056 Ludwigshafen, eMail: Jens.Koehler@basf.com Kolumne „Schön und gut, Schulwissen! Und was bedeutet das für meinen Kollegen? “, fragt Priesberg genervt. „Ganz einfach: Dein Kollege denkt sehr intuitiv. Seine Gedanken gleichen einem Wollknäuel. Höchstwahrscheinlich sind sie sogar verzeigert und enthalten keine Daten“, schließt Ehrlich. „Er kann also die Datenstrukturen erst mal nicht greifen? “, fragt Priesberg. „Ganz genau. Er muss sein eigenes mentales Datenmodell ableiten und mit dem vorliegenden tatsächlichen Modell synchronisieren.“ Ehrlich trinkt Wasser, nachdem er so lange gesprochen hat. „Ja gut, das geht doch allen so“, überlegt Priesberg. „Vorsicht“, unterbricht ihn Ehrlich: „bleiben wir bei deinem Kollegen. Du hattest vorhin gesagt, er stehe schulterzuckend neben dem Geschehen. Er hat nicht nur Probleme, den vielen Details zu folgen, sondern er fremdelt ganz sicher mit seiner Rolle. Lass‘ mich raten, er ist es gewohnt Dinge wie in Landkarten zu strukturieren, um daraus erst die Einzelmaßnahmen abzuleiten? “, fragt Ehrlich und trinkt wieder einen großen Schluck. Die kleine Band ist aus der Pause zurück und betritt die Bühne. Zigaretten werden zu Ende geraucht. Es bleiben nur noch Minuten für eine Unterhaltung. Priesberg nickt kurz: „Ich merke schon, wie beim Jazzstück kommt das Beste zum Schluss, was fehlt? “ Ehrlich spricht: „Das Sinnfeld, also die Landkarte der Aktivitäten, ihre Zusammenhänge und Prioritäten. Dein Kollege soll sie machen. Und sich dort selbst eine Rolle zuweisen.“ Priesberg schließt ab, seine Worte gehen in den einsetzenden Rhythmen der Pianistin unter: „Er spielt also in seinem eigenen Theaterstück. Und ganz nebenbei kann er mit der Landkarte die fehlenden Verknüpfungen im Team herstellen.“ „Ja, so wie Paul Desmond den Rahmen in Take Five geschaffen hat und dort selbst eine Rolle spielte“, Ehrlich setzt ein teuflisches Grinsen auf und sieht fast wie Dave Brubeck aus. „Was, Take Five stammt von Paul Desmond? “ Priesberg schüttelt erstaunt den Kopf und wendet sich der Musik zu. [1] https: / / www.youtube.com/ watch? v=1tbSyrmXo60, Stand: 14. 10. 2025