PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-37-0011
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2026
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GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.Zwei Welten, die sich fremd sind?
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Sebastian Wieschowski
„Es geht darum, gemeinsam etwas zu bewegen“, betonen Martin Stauch und Rolf Kaestner im Gespräch über die GPM Fachgruppe für bürgerschaftliches Engagement. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Projektmanagement bürgerschaftliches Engagement wirksamer, strukturierter und nachhaltiger machen kann – ohne es durch übermäßige Formalisierung zu ersticken. Zugleich betonen beide die besonderen Rahmenbedingungen des gemeinnützigen Sektors: begrenzte Ressourcen, freiwilliges Engagement, unsichere Finanzierung und hohe gesellschaftliche Erwartungen.
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53 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0011 Serie „Fachgruppen im Fokus“: Projektmanagement und bürgerschaftliches Engagement Zwei Welten, die sich fremd sind? Sebastian Wieschowski „Es geht darum, gemeinsam etwas zu bewegen“, betonen Martin Stauch und Rolf Kaestner im Gespräch über die GPM Fachgruppe für bürgerschaftliches Engagement. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Projektmanagement bürgerschaftliches Engagement wirksamer, strukturierter und nachhaltiger machen kann-- ohne es durch übermäßige Formalisierung zu ersticken. Zugleich betonen beide die besonderen Rahmenbedingungen des gemeinnützigen Sektors: begrenzte Ressourcen, freiwilliges Engagement, unsichere Finanzierung und hohe gesellschaftliche Erwartungen. 1. Vorstellung der Fachgruppe Frage: Können Sie zu Beginn bitte allgemein Ihre Fachgruppenarbeit vorstellen? Wie ist die Fachgruppe strukturiert, aus welchen Bereichen kommen die Mitglieder und wie arbeiten Sie zusammen? Martin Stauch: Es gab bereits vor über zehn Jahren eine Fachgruppe zum Thema Projektmanagement im Non-Profit-Bereich. Parallel dazu entstand im Zuge der Flüchtlingskrise eine zweite, jüngere Fachgruppe, die sich speziell mit Integrationsprojekten befasste. In diesem Zusammenhang wurden unter anderem Geflüchtete in kompakten Projektmanagement-Kursen geschult, inklusive eines kleinen Zertifikats am Ende. Diese Initiative ging aus der GPM heraus hervor, getragen unter anderem von Claudia Jahnke und Thor Möller. Irgendwann haben wir festgestellt, dass beide Fachgruppen thematisch sehr ähnliche Felder bearbeiten. Daraus entstand die Entscheidung, die Gruppen zusammenzuführen. So entstand die heutige Fachgruppe Projektmanagement für bürgerschaftliches Engagement. Es gibt immer wieder Nachfragen zur Abgrenzung gegenüber der Fachgruppe Nachhaltigkeit beziehungsweise „PM goes Sustainable“. Diese ist später entstanden und hat einen stärker fokussierten Nachhaltigkeitsansatz. Wir stehen im Austausch, kooperieren punktuell und halten gegenseitig Vorträge, sehen aber dennoch ausreichend inhaltliche Abgrenzung, sodass beide Fachgruppen ihre Berechtigung haben. Frage: Was motiviert Sie persönlich, sich in dieser Fachgruppe zu engagieren und dieses Thema voranzutreiben? Rolf Kaestner: Meine Motivation ist im Kern intrinsisch. Ich bin seit vielen Jahren im Projektmanagement unterwegs und habe immer wieder erlebt, wie viel Wirkung Projektmanagement entfalten kann, wenn es richtig eingesetzt wird. Im bürgerschaftlichen Engagement ist diese Wirkung besonders unmittelbar sichtbar. Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um gesellschaftlichen Mehrwert. Projekte können konkret das Leben von Menschen verbessern. Diese direkte Wirkung ist ein starker Antrieb. Martin Stauch: Für mich ist das Engagement ebenfalls stark intrinsisch motiviert. Ich arbeite beruflich in einer NGO und sehe täglich, wie groß der Bedarf an Struktur, Klarheit und Orientierung ist. Projektmanagement hilft dabei, begrenzte Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Es schafft Transparenz, Verlässlichkeit und Entlastung- - für Hauptamtliche wie für Ehrenamtliche. Mich treibt die Überzeugung an, dass Projektmanagement kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug, das gesellschaftliche Wirkung verstärken kann. Diese Überzeugung möchte ich weitergeben. Frage: Wie gelingt es Ihnen, neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die Fachgruppe zu gewinnen? Martin Stauch: Das ist ehrlich gesagt schwierig. Aktuell arbeiten wir im Kern zu zweit. Wir schaffen es zwar immer wieder, Menschen für einzelne Projekte oder Veranstaltungen zu begeistern, aber die dauerhafte Mitarbeit ist eine hohe Hürde. Viele Interessierte sagen sehr offen: „Das Thema fin- Über die Fachgruppe Die Fachgruppe „Projektmanagement für bürgerschaftliches Engagement“ möchte mit ihren Aktivitäten die Wirksamkeit des bürgerschaftlichen Engagements verbessern sowie einen Beitrag zur Umsetzung der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) leisten. Sie will mit Projektmanagement bei der vollständigen, rechtzeitigen und wirtschaftlich vertretbaren Umsetzung dieser Ziele unterstützen. Zielgruppen sind Non-Profit-Organisationen bzw. NGOs, welche soziale Projekte oder Vorhaben der technischen Zusammenarbeit durchführen, sowie Kirchen, Sportvereine oder Vereine der Zivilgesellschaft, die kommunale Einrichtungen unterstützen oder sogar ersetzen. Ansprechpartner sind die Fachgruppenleiter Dr. Martin Stauch (m.stauch@gpm-ipma.de) und Rolf Kaestner (r.kaestner@ gpm-ipma.de). Berichte aus dem GPM | Zwei Welten, die sich fremd sind? 54 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0011 de ich spannend, aber ich kann mich zeitlich nicht langfristig binden.“ Diese Ehrlichkeit ist nachvollziehbar, führt uns aber an strukturelle Grenzen. Rolf Kaestner: Hinzu kommt, dass die GPM-Mitgliedschaft für viele Akteure aus dem NGO-Bereich keine Selbstverständlichkeit ist. Sie identifizieren sich nicht automatisch mit einer Projektmanagement-Gesellschaft. Gleichzeitig profitieren wir stark von punktueller Mitarbeit externer Expertinnen und Experten. Diese bringen wertvolle Perspektiven ein, ohne dauerhaft in der Fachgruppe verankert zu sein. Frage: Welche Bedeutung messen Sie der Fachgruppenarbeit im Gesamtkontext der GPM bei? Martin Stauch: Ich wünsche mir, dass die Fachgruppe stärker als Brücke verstanden wird- - zwischen klassischem Projektmanagement und gesellschaftlicher Praxis. Projektmanagement darf nicht als rein wirtschaftliches Effizienzwerkzeug wahrgenommen werden. Es hat eine gesellschaftliche Dimension, die stärker sichtbar werden sollte. Gerade weil die GPM ein gemeinnütziger Verein ist, passt dieses Thema sehr gut zu ihrem Selbstverständnis. 2. Aktuelle Themen und Herausforderungen Frage: Wie würden Sie die inhaltliche Ausrichtung Ihrer Fachgruppe beschreiben? Martin Stauch: Wir haben zwei zentrale Ansatzpunkte. Der erste ist die Überzeugung, dass Organisationen des bürgerschaftlichen Engagements- - insbesondere NGOs- - stark vom Projektmanagement profitieren können. Ich selbst arbeite in einer NGO und habe Projektmanagement unter anderem während meiner Zeit als Geschäftsführer der Katholikentage eingeführt. Damals habe ich Projektmanagement eher „guerillamäßig“ etabliert und die Projektmanagementorganisation zertifizieren lassen. Das hat hervorragend funktioniert. Seitdem bin ich überzeugter Projektmanager und versuche, diese Methodik überall dort einzubringen, wo sie sinnvoll ist. Projektmanagement ist ressourcenschonender, nervenschonender, Martin Stauch Rolf Kaestner budgetschonender und führt in der Regel zu besseren Ergebnissen-- vorausgesetzt, das Vorhaben eignet sich dafür. Der zweite Ansatzpunkt ist das bürgerschaftliche Engagement selbst. Dieses sollte aus unserer Sicht auch im Projektmanagement eine stärkere Rolle spielen. Die GPM ist schließlich ein eingetragener Verein und damit selbst Teil der Zivilgesellschaft. Bürgerschaftliches Engagement ist also kein Randthema, sondern gehört zum Selbstverständnis der Organisation. Rolf Kaestner: Ergänzend dazu: Das Thema Projektmanagement im Not-for-Profit-Sektor begleitet uns tatsächlich schon seit über zehn Jahren. Ausgangspunkt war damals, auch Nicht-GPM-Mitglieder aus ganz unterschiedlichen gemeinnützigen Organisationen sowie aus dem Hochschulbereich einzubinden. Daraus entstand zunächst ein eher theoretisch fundiertes Handbuch, übrigens in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen, das eine grundlegende Einführung in Projektmanagement für diesen Bereich bot. Martin Stauch hat diesen Ansatz später in ein praxisnahes Arbeitsbuch übersetzt, das bis heute im UVK Verlag erhältlich ist. Dieses Arbeitsbuch ist als konkrete Anleitung gedacht, um ein Projekt von der Idee bis zum Abschluss zu begleiten und am Ende eine vollständige Projektdokumentation zu haben. Damit verbinden sich zwei Ebenen: einerseits die konzeptionelle Grundlagenarbeit, andererseits die praktische Anwendung. Gleichzeitig zeigen wir als GPM damit auch unsere Verbandsfunktion und unseren Anspruch, gesellschaftliche Wirkung zu entfalten. Frage: Gibt es darüber hinaus weitere besondere Rahmenbedingungen, die Projektmanagement im bürgerschaftlichen Engagement prägen? Rolf Kaestner: Ein ganz zentrales Thema ist die Finanzierung. Projekte starten häufig in dem Moment, in dem noch kein Geld vorhanden ist. Es gibt ein Anliegen, eine Idee, und erst danach beginnt die Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten. Bei großen Organisationen kann das anders aussehen, etwa bei Greenpeace oder dem WWF, die ihre Projekte überwiegend über Mitgliedsbeiträge finanzieren oder beim Beispiel WWF mit Sponsorenstreuung Einflussnahmen verringern. In vielen anderen Bereichen-- bis hin zum Sport oder zu kleinen Vereinen- - hängt jedoch sehr viel davon ab, ob und wann Mittel zur Verfügung stehen. Wenn diese fehlen, geraten Projekte schnell unter Druck. Finanzierung ist daher eine der zentralen Herausforderungen. Martin Stauch: Deshalb sprechen wir in diesem Kontext eher von Finanzierung als von Einnahmengenerierung wie bei kommerziellen Projekten. Projekte im bürgerschaftlichen Engagement arbeiten meist mit festgelegten Budgets-- seien es Fördermittel, Zuschüssen oder anderen Finanzierungsquellen. Dabei geht es nicht darum, am Ende einen Gewinn zu erzielen, sondern darum, ein Ziel zu erreichen. Dennoch weisen viele dieser Projekte erhebliche finanzielle Dimensionen auf. Es werden Berater und Agenturen zu marktüblichen Preisen beauftragt. Der Bereich wird oft unterschätzt, obwohl hier Millionenbeträge bewegt werden. Frage: Haben sich die Herausforderungen im bürgerschaftlichen Engagement in den letzten Jahren verändert? Gibt es Entwicklungen, die besonders auffallen? Martin Stauch: Gerade im bürgerschaftlichen Engagement nimmt die Bereitschaft zu langfristigem Engagement Berichte aus dem GPM | Zwei Welten, die sich fremd sind? 55 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0011 eher ab. Menschen möchten sich ungern für mehrere Jahre binden. Gleichzeitig ist aber eine klare Tendenz hin zu projektbezogenem Engagement erkennbar. Wenn es ein konkretes, überschaubares Projekt gibt, gelingt es durchaus, Menschen zur Mitarbeit zu motivieren. Das ist allerdings organisatorisch anspruchsvoll, weil stabile Strukturen benötigt werden, die über einzelne Projekte hinaus Bestand haben. Hinzu kommt, dass sich der Staat aus vielen Bereichen zurückzieht oder diese nicht mehr vollständig finanziert. Dadurch entstehen Lücken, die zunehmend durch bürgerschaftliches Engagement gefüllt werden- - sei es im sozialen, politischen oder gesellschaftlichen Bereich. Frage: Welche Rolle spielt dabei die institutionelle Förderung von Ehrenamt und Engagement? Martin Stauch: Ein gutes Beispiel ist die Gründung der „Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt“. Dass der Staat eine solche Stiftung ins Leben ruft, ist aus meiner Sicht kein Zufall. Allein ihre Existenz zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement als gesellschaftlich relevante Ressource anerkannt wird. Rolf Kaestner: Bemerkenswert ist dabei, dass genau in diesem Ehrenamtsbereich viele Menschen sehr erfolgreich arbeiten, ohne sich um die GPM oder formales Projektmanagement zu kümmern. Sie machen einfach- - und sie machen es gut. Ein aktuelles Beispiel ist meine Zusammenarbeit mit den Caring Communities in Köln. Das ist ein über drei Jahre angelegtes Projekt, finanziert von der Stiftung Deutsches Fernsehlotterie. Ziel ist es, Nachbarschaftshilfe für Menschen in schwierigen Lebens- oder Krankheitssituationen zu institutionalisieren, insbesondere im Umfeld der Palliativversorgung. Dieses Projekt wird aktuell auf weitere Standorte ausgeweitet, unter anderem nach Münster und Halle. In Leipzig prüfen wir gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der GPM, ob es dort Anknüpfungspunkte gibt. Hier zeigt sich sehr konkret, wie bürgerschaftliches Engagement, Projektarbeit und gesellschaftlicher Bedarf zusammenkommen. Frage: Wie schwierig ist es, Projektmanagement im bürgerschaftlichen Engagement zu vermitteln? Müssen hier besonders „dicke Bretter“ gebohrt werden? Martin Stauch: Ja, es müssen sehr dicke Bretter gebohrt werden. Projektmanagement ist für viele Ehrenamtliche eine fremde Gedankenwelt. Häufig hört man Aussagen wie: „Das brauchen wir nicht, das haben wir schon immer anders gemacht.“ Strukturen sind durchaus vorhanden, aber oft wird nicht gesehen, dass es effizienter oder wirkungsvoller gehen könnte. Veränderung gelingt meist nur, wenn einzelne Personen persönlich überzeugt werden oder wenn Projektmanagement von oben eingeführt wird. Ich habe das selbst erlebt. Die Einführung von Projektmanagement war mit erheblichen Widerständen verbunden. Erst im Nachhinein kam die Rückmeldung, dass es hervorragend funktioniert habe. Dieser Weg ist mühsam und zeitintensiv. Rolf Kaestner: Ein Kernproblem ist der hohe Formalisierungsgrad, der heute häufig mit Projektmanagement verbunden wird. In informellen Gruppen kann zu viel Formalisierung schnell abschreckend wirken. Hinzu kommt die Freiwilligkeit. Wenn jemand das Gefühl hat, durch Planung oder Dokumentation überfordert zu werden, sagt er im Zweifel: „Dann bin ich raus.“ Damit geht eine wertvolle Ressource verloren. Bei größeren NGOs mit hauptamtlichen Strukturen ist das leichter abzufedern. Kleine Vereine, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten, können es sich oft nicht leisten, zusätzlich noch Qualifizierungen oder formale Projektmanagement-Strukturen aufzubauen. Frage: Wie kann Projektmanagement in diesem Umfeld attraktiver vermittelt werden? Rolf Kaestner: Leidvolle Erfahrungen mit gescheiterten Projekten sind oft ein sehr wirkungsvoller Lehrmeister. Wenn ein Projekt scheitert, wächst die Bereitschaft, neue Methoden auszuprobieren. Ein weiterer Faktor ist das Netzwerk. Persönliche Kontakte, Gespräche und punktuelle Schulungen spielen eine große Rolle. Projektmanagement wird oft erst dann akzeptiert, wenn es konkret hilft. Martin Stauch: Deshalb haben wir das Arbeitsbuch entwickelt. Es ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Niemand muss sofort das komplette Instrumentarium anwenden. Schon eine klare Zielformulierung kann den Output eines Projekts erheblich verbessern. Auch unsere SDG-Reihe und die Präsenzveranstaltungen verfolgen diesen Ansatz. Dort zeigen wir konkrete Projekte, die mit Projektmanagement-- teilweise sehr Rolf Kaestner im Gespräch mit Manfred Nolle (Fachgruppe „PM in Luft- und Raumfahrt“) beim Fach- und Regionalleitertreffen im Herbst 2024 in Nürnberg. Berichte aus dem GPM | Zwei Welten, die sich fremd sind? 56 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0011 pragmatisch- - umgesetzt wurden. Gute Beispiele wirken oft überzeugender als theoretische Argumente. Frage: Welche Rolle kann bürgerschaftliches Engagement im klassischen Projektmanagement spielen, etwa in Wirtschaft oder Verwaltung? Rolf Kaestner: Bürgerschaftliches Engagement ist in vielen Projekten längst ein relevanter Stakeholder-Faktor. Das gilt insbesondere für Infrastruktur-, Bau- oder Stadtentwicklungsprojekte. Bürgerinitiativen, Umweltverbände oder lokale NGOs können erheblichen Einfluss auf Projekte nehmen- - positiv wie negativ. Professionelles Projektmanagement sollte diese Akteure frühzeitig einbinden und nicht erst reagieren, wenn Konflikte entstehen. Martin Stauch: Darüber hinaus kann bürgerschaftliches Engagement selbst Teil von Projektzielen werden. Beteiligungsprozesse, demokratische Formate oder soziale Innovationen lassen sich nicht ohne aktive Einbindung der Zivilgesellschaft umsetzen. Projektmanagerinnen und Projektmanager müssen deshalb lernen, mit diesen Akteuren auf Augenhöhe zu kommunizieren. Das ist keine Schwäche, sondern eine Kompetenz. Frage: Was würden Sie Projektmanagerinnen und Projektmanagern mitgeben, die bisher wenig Berührung mit bürgerschaftlichem Engagement hatten? Rolf Kaestner: Ich würde ihnen raten, offen auf dieses Feld zuzugehen. Bürgerschaftliches Engagement ist kein Gegenentwurf zu professionellem Projektmanagement, sondern ein Anwendungsfeld mit eigenen Logiken und Herausforderungen. Wer sich darauf einlässt, lernt viel über Kommunikation, Motivation und Stakeholder-Management. Diese Erfahrungen sind auch für klassische Projekte äußerst wertvoll. Frage: Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer langjährigen Beschäftigung mit diesem Thema mit? Martin Stauch: Ich nehme mit, dass sich der Einsatz lohnt. Auch wenn Veränderungen Zeit brauchen und Widerstände dazugehören, zeigt die Erfahrung, dass Projektmanagement im bürgerschaftlichen Engagement einen echten Mehrwert schafft. Es verbindet Struktur mit Sinn-- und genau diese Kombination ist für mich der Kern der Faszination. 3. Aktivitäten der Fachgruppe Frage: Welche Projekte und Formate hat die Fachgruppe in den letzten Jahren umgesetzt? Martin Stauch: Wir haben regelmäßig Vorträge in Regional- und Fachgruppen gehalten, insbesondere während und nach der Corona-Zeit auch in digitalen Formaten. Die SDG-Reihe sowie die Präsenzveranstaltungen fordern uns als derzeitiges Zweierteam stark. Wenn wir drei bis vier SDG-Vorträge pro Jahr umsetzen können und zusätzlich eine Präsenzveranstaltung, ist das bereits ein gutes Ergebnis. Für das kommende Jahr ist geplant, aus den Inhalten der Präsenzveranstaltungen ein Whitepaper zu erstellen. Rolf Kaestner: Aus der Vergangenheit stammen zwei zentrale Publikationen: das Arbeitsbuch von Martin im UVK Verlag sowie das Handbuch „Projektmanagement im Not-for- Profit-Sektor“, das im Eigenverlag wie bereits erwähnt in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen erschienen ist. Darüber hinaus haben wir Handreichungen zu Finanzierungsoptionen erstellt-- von kommunalen Zuschüssen bis hin zu EU-Förderprogrammen. Diese Materialien wurden zeitweise über die GPM-Website bereitgestellt, sind aktuell aber schwer auffindbar. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentationen der SDG-Workshops sowie Ergebnisprotokolle der Präsenzveranstaltungen 2023 und 2024. Frage: Welche inhaltlichen Schwerpunkte hatten die Präsenzveranstaltungen der Fachgruppe in den vergangenen Jahren? Rolf Kaestner: Ein zentrales Thema war der Vergleich unterschiedlicher Projektmanagement-Systematiken großer internationaler Organisationen. Bei der Präsenzveranstaltung 2024 haben wir gezielt Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Träger eingeladen, um diese Ansätze gegenüberzustellen. Dabei waren unter anderem die Vereinten Nationen, vertreten durch die Projektmanagement-Organisation UNOPS, die Europäische Union mit dem PM²-Ansatz sowie die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) mit ihrem entwicklungsbezogenen Projektmanagement-Modell. Ergänzt wurde dies durch Beiträge aus dem IPMA-Umfeld und aus der GPM selbst. Diese Gegenüberstellung war sehr aufschlussreich, weil sie gezeigt hat, dass Projektmanagement keineswegs ein starres System ist, sondern je nach Kontext sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann. Martin Stauch: Wir hatten beispielsweise die ehemalige Direktorin der Projektmanagement-Organisation der Vereinten Nationen, Grete Faremo, zu Gast. Das war für uns ein besonderer Erfolg. Daneben waren Vertreter der Europäischen Union mit dem PM²-Framework vertreten sowie Kolleginnen und Kollegen der GIZ, die ihren Ansatz vorgestellt haben. Gerade dieser direkte Vergleich zwischen UN, EU, GIZ und GPM hat deutlich gemacht, dass Projektmanagement immer situativ angewendet werden muss. Es gibt keinen „One-size-fits-all“-Ansatz. Frage: Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesem Vergleich gezogen? Rolf Kaestner: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Projektmanagement kein in Stein gemeißeltes Regelwerk ist. Es geht um einen Grundgedanken des geordneten Vorgehens, der je nach Organisation, Aufgabe und Rahmenbedingungen unterschiedlich umgesetzt werden muss. Über „Fachgruppen im Fokus“ Ab sofort stellen wir in jeder Ausgabe der Zeitschrift „Projektmanagement Aktuell“ eine Fachgruppe der GPM vor. Dabei geht es um aktuelle Herausforderungen, die in den Fachgruppen bearbeitet werden, sowie die Motivation für ein Engagement in der Fachgruppe. Außerdem stellen wir konkrete Projekte und Initiativen der Fachgruppe vor. Über die Fachgruppen der GPM Fachgruppen der GPM bearbeiten spezifische Aspekte des Projektmanagements. Sie greifen aktuelle Entwicklungen im Projektmanagement auf, systematisieren diese und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Die aktuell 31 Fachgruppen ermöglichen PM-Interessierten, über lokale Grenzen hinweg die GPM Community zu erleben und tief in die verschiedensten Facetten des Projektmanagements einzutauchen. Je nach Thema verfolgen die Gruppen einen branchen- oder fachspezifischen Ansatz oder widmen sich einer bestimmten Anwendergruppe. Berichte aus dem GPM | Zwei Welten, die sich fremd sind? 57 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 01/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0011 Frage: Welche Rolle spielt Netzwerkarbeit für Ihre Fachgruppenarbeit? Martin Stauch: Netzwerken ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Auch wenn wir personell nur wenige sind, sind wir sehr aktiv unterwegs. Ich selbst bin im AfF aktiv, arbeite in der Vorbereitung für die GPM Aktiv mit und bin regelmäßig beim PM Forum präsent. Rolf ist eines der frühen Mitglieder der GPM. Wir nutzen jede Gelegenheit auf Veranstaltungen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen und das Thema bürgerschaftliches Engagement in Verbindung mit Projektmanagement sichtbar zu machen. Viele sagen uns, dass sie es spannend finden, was wir machen, weil es einen Kontrast zu klassischen Industrieprojekten bildet. Das darf man nicht unterschätzen. Rolf Kaestner: Unser Ziel ist es, die drei Buchstaben „GPM“ über die eigene Organisation hinaus in gesellschaftliche Kontexte zu tragen. Gleichzeitig versuchen wir, Kolleginnen und Kollegen aus Organisationen wie der GIZ wieder stärker an die GPM heranzuführen. Netzwerken bedeutet für uns, immer wieder neue Anknüpfungspunkte zu schaffen, andere einzubinden und ihnen eine Art „Räuberleiter“ anzubieten: Wer etwas bewegen will, aber unter Ressourcen- oder Finanzknappheit leidet, kann Projektmanagement als Hilfsmittel nutzen, um dennoch Ziele zu erreichen. Frage: Wenn Sie nach vorn blicken-- welche Themen oder Entwicklungen möchten Sie mit der Fachgruppe künftig stärker in den Fokus rücken? Martin Stauch: Ein zentrales Anliegen ist für mich, den Dialog mit dem Hauptamt der GPM weiter zu intensivieren. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Themen der Fachgruppe noch stärker in die Gesamtorganisation hineinzutragen. Projektmanagement im bürgerschaftlichen Engagement ist kein Nischenthema. Es berührt Fragen von Demokratie, Teilhabe, sozialem Zusammenhalt und nachhaltiger Entwicklung. Diese gesellschaftliche Dimension sollte aus meiner Sicht stärker sichtbar werden. Inhaltlich möchten wir weiter an praxisnahen Formaten arbeiten, die Organisationen konkret helfen-- sei es durch Leitfäden, Veranstaltungen oder Vernetzungsangebote. Rolf Kaestner: Ich sehe ebenfalls großes Potenzial darin, die Außenwirkung der GPM zu stärken. Projektmanagement sollte nicht nur als Methode für Industrie- oder IT-Projekte wahrgenommen werden, sondern als Kompetenz, die hilft, komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Gerade im bürgerschaftlichen Engagement gibt es viele hochprofessionell arbeitende Organisationen, die mit großen Budgets und anspruchsvollen Projekten umgehen. Dieses Bild steht im Gegensatz zu dem verbreiteten Klischee vom „unprofessionellen Ehrenamt“. Hier kann die Fachgruppe dazu beitragen, Wahrnehmungen zu korrigieren und den Projektbegriff positiv zu besetzen. Eingangsabbildung: Martin Stauch als Mitglied des Vorbereitungsteams bei der GPM Aktiv 2025 in Frankfurt. MEDIENTIPP Franz-Xaver Bea, Elisabeth Göbel Organisation Theorie und Gestaltung 6., vollständig überarbeitete Auflage 2025, 534 Seiten ISBN print 978-3-8252-6093-4 ISBN eBook 978-3-8385-6093-9 DOI 10.36198/ 9783838560939 Ladenpreis print €[D] 49,90 Ladenpreis eBook €[D] 48,99 Kombiniert theoretische Fundierung mit ausführlichen praktischen Beispielen. Seit Erscheinen der 5. Auflage haben sich durch die Corona-Pandemie, die fortschreitende Digitalisierung und dem vermehrten Einsatz von Künstlicher Intelligenz vielfältige Veränderungen in der betrieblichen Organisation ergeben. Die Neuauflage berücksichtigt dies: Homeoffice und mobiles Arbeiten haben inzwischen einen höheren Stellenwert und werden unter dem Oberbegriff Virtualisierung nun eigens thematisiert. Welche Veränderungen Geschäftsmodelle, Prozesse und Strukturen durch KI erfahren, wird ebenfalls behandelt: Die Stichworte hierfür sind Wikinomics, Crowd-Economy, dynamische Netzwerke und virtuelle Teams. www.narr.de Anzeige
