PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
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UVK Verlag Tübingen
10.24053/PM-37-0032
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2026
372
GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.Ein Fest der Halluzinationen
0727
2026
Jens Köhler
pm3720065
65 PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL · 37. Jahrgang · 02/ 2026 DOI 10.24053/ PM-37-0032 Jens Köhler Priesberg trifft Ehrlich in dessen Büro. Er sitzt auf seinem Stuhl und streichelt eine Stoffkatze. „Machst du jetzt auf Blofeld? “ fragt Priesberg. „Nein, falls du den Bösewicht aus den James Bond Filmen meinst. Ich erinnere nur an das Bild ‚Mann streichelt Katze‘, welches wir mit künstlicher Intelligenz erzeugt hatten“, entgegnet Ehrlich. „Und dafür hast du dir eine Stoffkatze angeschafft? Interessant! “, murmelt Priesberg mehr zu sich selbst. „Apropos künstlicher Intelligenz: Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob sie erfolgreich wird. Denken wir nur an das Halluzinieren, also das Hinzudichten von Inhalt bei der Erstellung von Texten“, überlegt Priesberg. Ehrlich bleibt entspannt: „Das ist ein wichtiger Fakt. Es lässt sich aber in den Griff kriegen. Falls du mich also überzeugen willst, dass KI in der zweiten Reihe bleibt, dann ist das kein tragendes Argument.“ Priesberg entgegnet: „Wir Menschen halluzinieren nicht, wenn wir sprechen. Das ist doch erwähnenswert.“ Ehrlich gähnt. „Ich glaube nicht, dass wir so weiterkommen. Du hast doch sicher einen Grund, mich zu besuchen.“ Priesberg ist über die Wendung seines Kollegen erstaunt. „Ja, ich wollte mit dir über eine neue Funktionalität eines IT- Systems sprechen, die niemand haben wollte und plötzlich doch da ist.“ Ehrlich erwidert: „Ja, das hört sich doch viel interessanter an. Wie ist es denn zu dieser Funktionalität gekommen? “ Priesberg holt aus: „Also, eines Tages kam jemand aus der Facheinheit und wollte diese neue Funktion haben, nennen wir sie ‚Formular‘. Es handelt sich um zusätzliche Datenfelder, die man ab jetzt zwingend ausfüllen muss.“ Ehrlich erwidert: „Klingt nach ‚gesagt, getan‘. Wo ist das Problem? “ „Natürlich hat dieses Formular heftige Gegenreaktionen ausgelöst. Also habe ich mich mal in der Facheinheit umgehört, ob es tatsächlich benötigt wird, also ich habe versucht den Ursprung herauszufinden“, erläutert Priesberg. „Und, fündig geworden? “, stachelt Ehrlich seinen Kollegen an. „Nein, erstaunlicherweise nicht. Jetzt, wo es da ist, traut sich niemand, es außer Betrieb zu nehmen. Man würde ja zugeben, einen Fehler gemacht zu haben“, fasst Priesberg zusammen. „Also gibt es sie doch, die menschlichen Halluzinationen“, grinst Ehrlich. „Das ist doch keine Halluzination“, widerspricht Priesberg, „das Formular ist real und die Leute wissen, worum es geht.“ „Das ist nicht der Punkt“, insistiert Ehrlich und fährt fort: „Das Wesentliche ist nicht die Funktion selbst, sondern wie sie zustande gekommen ist. Offenbar wurde sie herbeihalluziniert.“ Priesberg überlegt: „Moment…es gab eine Anforderung ‚von oben‘ ein solches Formular haben zu wollen, als sich einige Nutzer aus der Facheinheit dahingehend geäußert hatten. Also war die Entscheidung sehr früh da.“ Ehrlich ergänzt: „Und da Entscheidungen nicht hinterfragt werden, wenn man das Gefühl hat, es wird schon irgendwie Sinn ergeben, da braucht man sich über das fertige Ergebnis nicht mehr wundern.“ Priesberg zuckt mit den Schultern: „Also wurde das Ergebnis tatsächlich herbeihalluziniert.“ „Ja, es sind sogar Kosten entstanden und die Funktion bringt keinen Mehrwert. Es bedarf einiges an nicht-halluzinatorischem Aufwand, dies wieder zu korrigieren“, fasst Ehrlich zusammen. Priesberg stutzt: „Um nochmal auf den Punkt zur KI zu kommen: Jetzt bin ich tatsächlich wieder im Boot: Ja wir Menschen halluzinieren auch.“ Ehrlich gibt mit einer Geste zu verstehen, dass ihm diese Antwort nicht ausreicht: „In diesem Fall waren es nicht die Menschen, sondern die Organisation. Halluzination als emergenter Vorgang.“ Er grinst: „Jetzt müssen die Menschen dort mit der Halluzination leben, obwohl sie sich nur unüberlegt geäußert hatten.“ „Es fehlen die Sicherungsmechanismen“, stimmt Priesberg zu. „Also wie bei KI-generierten Texten: Sie sollten auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt überprüft werden. Und diese Kriterien müssen wir auch bei menschlicher Intelligenz anlegen.“ „Und ganz besonders bei Organisationen“, stimmt Ehrlich zu und fasst zusammen: „Wir müssen wieder ehrlich zu uns selbst sein. Warum wird etwas benötigt? Was soll es leisten? Was kostet es? Und vor allem: Was passiert, wenn man es nicht hat? “ „Also steht es doch unentschieden zwischen Mensch und KI? “, entgegnet Priesberg resigniert. „Viel mehr: Es lohnt sich, die gleichen Kriterien anzuwenden, bei Menschen, KI und sogar Organisationen, um Halluzinationen auszuschließen“, grinst Ehrlich und nimmt seine Stoffkatze in die Hand. Eingangsabbildung: © iStock.com / Comeback Images Ein Fest der Halluzinationen Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch-- Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Kolumne Jens Köhler Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Anschrift: BASF SE, RGQ / IM, 67 056 Ludwigshafen, eMail: Jens.Koehler@basf.com
