eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 13/4

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
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2002
134 Gesellschaft für Projektmanagement

GPM intern

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42฀฀ GPM฀INTERN P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 4 / 2 0 0 2 43฀฀ ฀ P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 4 / 2 0 0 2 Im฀Porträt: ฀Dr.฀Erhard฀Motzel฀baute฀ Zertifizierung฀in฀China฀auf  Die Aufmerksamkeit chinesischer Fernsehleute war dem Projektmanager aus Deutschland sicher. Als Dr. Erhard Motzel in China die ersten Projektmanager zertifizieren half, war der Besuch aus Deutschland der Presse eine Nachricht wert. Der international renommierte Zertifizierungsexperte betreute im vergangenen Jahr in China den Aufbau einer eigenen Zertifizierungsstelle, schulte das Personal und führte es an die Aufgaben heran. Und er half, eine Zertifizierungswelle in China loszutreten: Seine asiatischen Kollegen eroberten binnen kurzem das Reich der Mitte. In 30 Städten ist die Zertifizierungsstelle bereits vertreten, rund 3.000 Projektmanager haben sich angemeldet und wollen ihre persönliche Fachkompetenz von unabhängiger Stelle mit Brief und Siegel bestätigen lassen. „Ich bin stolz darauf, in China die Zertifizierung mit angeschoben zu haben“, meint Dr. Erhard Motzel. Die chinesischen Projektleiter sind gut ausgebildet, an Hochschulen gehört Projektmanagement scheinbar mittlerweile zum regulären Curriculum. Die Fachleute, die Dr. Erhard Motzel in Peking, Xi’an und Shanghai kennen lernte, bewiesen Kompetenz, die dem Vergleich mit westlichen Standards standhält. Ehrgeizige Ingenieure aus dem Bau und Anlagenbau, der Pharmazie, der IT- und Softwarebranche, der Luftfahrt und sogar aus dem Militär waren dabei. Die Dynamik beeindruckte ihn. „In zwei oder drei Jahren haben die Chinesen so viele Projektmanager zertifiziert wie die gesamte IPMA in den letzten Jahren“, prognostiziert er. Nur: Die Chinesen haben ihre eigene Mentalität. Chinesische Projektfachleute zu zertifizieren, Wissen auf Lücken zu prüfen und die Kandidaten dennoch das Gesicht wahren zu lassen, wie es die Kultur fordert - das bedeutet manchmal einen Spagat. Dennoch, Dr. Erhard Motzel nimmt seine Aufgabe genau. Er hat das international gültige Zertifizierungsprozedere der IPMA mit geprägt und die deutsche Zertifizierungsstelle PM-ZERT bis Ende 2001 aufgebaut und geleitet. Nachdem die GPM-eigene, aber unabhängige Stelle in der deutschen Projektmanagementszene Fuß gefasst hatte und bereits mehr als 1.000 Projektmanager zertifiziert worden waren, übergab er das PM- ZERT-Ruder an Werner Schmehr. Dr. Erhard Motzels nächstes Ziel: in Brasilien die Zertifizierung nach IPMA-Regularien präzise aufs Gleis zu schieben. „Das reizt mich jetzt“, meint der Weltreisende in Sachen Kompetenz-Zertifizierung. Eine Fügung des Zufalls weckte sein Interesse an der Zertifizierung im internationalen Kontext. Von 1988 bis 1999 steuerte er im GPM- Vorstand den Kurs der GPM. 1996, daran kann sich der promovierte Bauingenieur gut erinnern, tagte in Mainz ein Team der IPMA, das die Zertifizierung im internationalen Dachverband abstimmen sollte. Bereits Anfang der neunziger Jahre hatten die Briten die Zertifizierung der Projektleiter eingeführt, jetzt sollte sie in der IPMA auf den Weg gebracht werden. Nach Mainz zu dem Team war es von Frankfurt aus, wo Dr. Erhard Motzel für Mannesmann arbeitete, ein Katzensprung. Er fuhr spontan über den Rhein, setzte sich zu dem Team - und schüttelte den Kopf über die Streitigkeiten. Streitigkeiten, die sich um die Fragen drehten, wie sich die Kompetenz der Projektleiter gestalten und wie die einzelnen PM-Elemente angeordnet werden sollten. Zertifizierung von Projektleitern, die Idee faszinierte ihn. Was er in Mainz und bei künftigen Treffen hörte, trug er in die GPM-Vorstandssitzungen und machte sich für eine professionell organisierte, eigenständige Zertifizierungsstelle in Deutschland stark. „Die Industrie erwartete und erwartet diese Professionalität“, erläutert er. Hier könne der Fachverband nicht nur mit Ehrenämtlern arbeiten. Hier seien, so argumentierte er, professionelle Strukturen gefragt - zumal in gültigen Normen von Zertifizierungsstellen Wirtschaftlichkeit und Qualitätsmanagement gefordert werden. Dr. Erhard Motzel schied aus dem Vorstand aus mit dem Ziel vor Augen, diese professionelle Zertifizierungsstelle aufzubauen, was ein Kraftakt war. Allein die Dokumentation, die von solchen Stellen gefordert ist: Mit über einhundert verschiedenen Formularen GPM-Mitglieder: ฀ 2.908 Davon฀Firmenmitglieder: ฀ 179 Teilnehmer฀am฀Lehrgang฀„Projektmanagement-Fachmann“: ฀ 3.623 Durch฀PM-Zert฀vergebene฀Projektmanagement-Zertifikate฀insgesamt: ฀ 1.363 ฀+ +++ +++ +++ +++ +++ + ฀+ +++ +++ +++ +++ +++ + Dr.฀Erhard฀Motzel: ฀„In฀zwei฀oder฀drei฀ Jahren฀haben฀die฀Chinesen฀so฀viele฀ Projektmanager฀zertfiziert,฀wie฀die฀gesamte฀IPMA฀in฀den฀letzten฀Jahren.“ Foto: ฀privat 42฀฀ GPM฀INTERN P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 4 / 2 0 0 2 43฀฀ ฀ P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 4 / 2 0 0 2 und Arbeitsunterlagen, die sich auf alle Geschäftsprozesse erstrecken, stellt PM-ZERT sein Qualitätsmanagement nach ISO 9001 sicher. Jährlich findet ein externes Qualitätsmanagement-Audit statt. „Eine Zertifizierungsstelle muss beispielsweise der Euro-Norm 45013 für Zertifizierungsstellen, die Personal zertifizieren, genügen“, erklärt er, „das bedeutet eine Menge sorgfältig zu erledigender Arbeit.“ Die junge Zertifizierungsstelle bezieht ein Büro in Darmstadt, Gernot Waschek und Dieter Eysel unterstützen ihn. Sieben Jahre lang führt Dr. Erhard Motzel PM-ZERT, die seit Beginn des letzten Jahres in Nürnberg sitzt. Zwischenzeitlich hilft er, ähnliche Stellen in Island, Slowenien, Dänemark, Lettland und zuletzt in China aufzubauen. Zufall und Interesse führten Dr. Erhard Motzel zur Zertifizierung, und beides führte ihn seinerzeit auch zum Projektmanagement. Der in Darmstadt promovierte Ingenieur arbeitete bei Mannesmann im Anlagenbau. 1980 wurde er zur Kraftwerksunion nach Offenbach geschickt, dort ständen, so die Auskunft, Projekte an. Ein Freelancer des Konzerns erklärt ihm die Grundlagen des Projektmanagements. In Offenbach erfährt er von der Dimension des Projekts. Im so genannten Konvoi sollen - nach einem Plan - an drei Standorten Kernkraftwerke entstehen, an denen sich Mannesmann beteiligt. Das Konvoi-Prinzip war revolutionär. Noch immer wird der Witz kolportiert, dass bei Kernkraftwerksbauten Planungspapier und Dokumentationen mehr wiegen als das Kraftwerk selbst. Millionen von Planungs-, Fertigungs- und Prüfschritten brachte das Projekt mit sich. Die Strategie, nur einmal für drei Standorte zu planen, versprach eine - so Dr. Erhard Motzel - Riesenersparnis. Für ihn bedeutete dies, sich mit dem Projektmanagement, der Materialwirtschaft und Dokumentationswirtschaft bekannt zu machen. Bis heute gehören diese drei Elemente zusammen, sie sind, so meint er, fest miteinander verbunden. Er arbeitete sich schnell ein. „Unser Unternehmen wurde nach Leistungsfortschritt am Bau bezahlt“, erläutert er. Täglich musste Mannesmann seinem Kunden die Baufortschritte nachweisen. Dr. Erhard Motzel richtete die Strukturen dafür ein. „Dieses Projekt hat meine Begeisterung für Projektmanagement angestoßen.“ Bei Mannesmann baute er eine Servicestelle für Projektmanagement auf, ein „Project Office“, wie es heute heißt, das später auch andere Unternehmen beriet, fremde Projekte steuerte, Projektmanager schulte und Strukturen schuf. 1984 wurde Dr. Erhard Motzel GPM-Mitglied und fing auch Feuer für den Verband. Dr. Erhard Motzel krempelte die Ärmel auf. 1987 gründete er die Regionalgruppe Frankfurt und wurde ein Jahr später in den Vorstand gewählt. „Hier hatten sich Ingenieure versammelt, die sich nicht nur durch Technik verbunden sahen“, berichtet er. Anregende Menschen, die sich beispielsweise der Musik oder Kunst aufschlossen, die sich für Wirtschaftspolitik interessierten und weit über den Tellerrand ihrer Tätigkeit hinausschauten. O.฀Steeger Foto: ฀Oliver฀Steeger