eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 14/2

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
61
2003
142 Gesellschaft für Projektmanagement

Pharma-Branche: Wertanalyse optimiert Risikomanagement

61
2003
Oliver Steeger
Risiko vorprogrammiert: Von 10.000 potentiellen Wirksubstanzen kann die Pharma-Forschung am Ende nur eine Handvoll auf den Markt bringen. Der Rest scheitert in den umfangreichen Labortests, Tierversuchen, klinischen Studien und Genehmigungsverfahren. Ein zwar „natürliches“, nichts desto trotz jedoch gewaltiges Risiko, mit dem die Entwicklung neuer Medikamente behaftet ist. Für die Pharma-Branche gilt als wahrscheinlich, dass solch ein Projekt während seiner zehn- bis zwölfjährigen Laufzeit eher auf der Strecke bleibt, als dass es gelingt und das Medikament in die Apotheken kommt.
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10฀฀ REPORT P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 11฀฀ ฀ P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 Pharma-Branche: ฀Wertanalyse฀ optimiert฀Risikomanagement Oliver฀Steeger Risiko฀vorprogrammiert: ฀Von฀10.000฀potentiellen฀Wirksubstanzen฀kann฀die฀Pharma-Forschung฀am฀Ende฀nur฀eine฀Handvoll฀auf฀den฀Markt฀bringen.฀Der฀Rest฀scheitert฀in฀den฀ umfangreichen฀Labortests,฀Tierversuchen,฀klinischen฀Studien฀und฀Genehmigungsverfahren.฀ Ein฀zwar฀„natürliches“,฀nichts฀desto฀trotz฀jedoch฀gewaltiges฀Risiko,฀mit฀dem฀die฀Entwicklung฀neuer฀Medikamente฀behaftet฀ist.฀Für฀die฀Pharma-Branche฀gilt฀als฀wahrscheinlich,฀ dass฀solch฀ein฀Projekt฀während฀seiner฀zehn-฀bis฀zwölfjährigen฀Laufzeit฀eher฀auf฀der฀Strecke฀ bleibt,฀als฀dass฀es฀gelingt฀und฀das฀Medikament฀in฀die฀Apotheken฀kommt. D ie Entwicklungswelt der Pharma-Industrie gleicht einem Labyrinth - viele Sackgassen und nur wenige Wege zum Ziel. Selbst dann, wenn nach drei bis vier Jahren Forschungszeit neue Wirksubstanzen beim Menschen angewendet werden können, haben sie nur eine Chance von zehn bis zwanzig Prozent, den Markt zu erreichen und die Entwicklungskosten wieder einzuspielen. „Wenn Sie bedenken, dass die Entwicklung eines Medikaments 500 bis 800 Millionen Euro kosten kann, wägen Sie genau ab, in welchem Stadium Sie ein Projekt abbrechen oder welches Restrisiko Sie bei der Weiterführung akzeptieren können“, erklärt Dr. Sabine Bernotat-Danielowski, Leiterin der globalen Portfolioplanung bei Merck KGaA Pharma. Mit diesen Risiken umzugehen, das hat die Pharma- Industrie gelernt. Der Branche ist es nicht möglich, die technischen Risiken ihrer Projekte vollständig auszuschließen. Sie wägt ab, welche Risiken sie für welchen möglichen Gewinn in Kauf nimmt. Was lohnt es sich wirklich zu riskieren - diese Frage stellt sich im Pharma-Projektalltag fast täglich. Hier beschäftigen sich interne und externe Fachleute damit, technische Risiken und den künftigen Markterfolg abzuschätzen. Beides wägen die Unternehmen gegeneinander ab. Erst dann entscheiden sie, ob es mit einem Projekt weitergeht oder ob es mangels Erfolgsaussicht eingestellt wird. Risiko-Wertanalyse nennt sich diese Strategie, mit den Risiken umzugehen, eine Vorgehensweise, die sich auch für andere Branchen empfiehlt. Risiko-Wertanalyse: Hier verhalten sich die Pharma-Entwicklungsabteilungen ähnlich wie Versicherungsgesellschaften. Sie versuchen Risiken so präzise wie möglich zu beziffern und in Wahrscheinlichkeiten zu rechnen. Komplizierte Rechenmodelle liegen dem zugrunde. Die Entwickler bauen Szenarien auf, spielen von Meilenstein zu Meilenstein Was-wäre-wenn-Modelle durch und kommen zu bemerkenswert sicheren Ergebnissen. „In der Tat sind wir so weit, dass wir nicht nur die Erfolgswahrscheinlichkeit der Zwischenschritte unserer Projekte, sondern auch die Wahrscheinlichkeit des endgültigen Produkterfolges relativ gut abschätzen kön- „Technisches฀Risiko“: ฀Von฀10.000฀potentiellen฀Wirksubstanzen฀kann฀die฀Pharma- Forschung฀am฀Ende฀nur฀eine฀Handvoll฀auf฀den฀Markt฀bringen.฀Risikoanalysen฀ helfen,฀die฀Erfolgswahrscheinlichkeit฀einzelner฀Projekte฀abzuschätzen. Foto: ฀Aventis 12฀฀ REPORT P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 13฀฀ ฀ P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 Die฀Pharma-Industrie฀hat฀ihr฀Risikomanagement฀weit฀entwickelt. Foto: ฀Aventis nen“, meint Bernotat-Danielowski. Eine Erfolgswahrscheinlichkeit beispielsweise von 72 Prozent garantiere natürlich nicht den Erfolg. Die Information helfe aber, mit Risiken aktiv umzugehen. „Und darauf kommt es uns an“, meint die Portfolioplanerin. Sie will wissen, welche Gefahren ihren Projekten drohen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und die richtigen Maßnahmen einzuleiten. „Im Prinzip setzt diese Analyse an jedem Meilenstein und zu Beginn jeder Entwicklungsphase neu ein“, erläutert Bernotat-Danielowski. Wie groß ist beispielsweise das Risiko, dass das neue Medikament die erste Anwendung am Menschen nicht besteht? Rechtfertigt der anzunehmende Gewinn das Risiko der Investition - oder sollte das Projekt an diesem Punkt abgebrochen werden? Oder welche Schritte können helfen, den Entwicklungen einen günstigeren Verlauf zu geben? Vorteile aus der Risiko-Wertanalyse zieht nicht nur die Unternehmensleitung, sondern auch der Projektmanager. Er ist auf der sicheren Seite, wie Dr. Sabine Dr.฀Sabine฀Bernotat-Danielowski,฀Globale฀Leiterin฀der฀ Portfolioplanung฀bei฀Merck฀KGaA฀Pharma: ฀„Wenn฀Sie฀bedenken,฀dass฀die฀Entwicklung฀eines฀Medikaments฀500฀bis฀ 800฀Millionen฀Euro฀kosten฀kann,฀wägen฀Sie฀genau฀ab,฀in฀ welchem฀Stadium฀Sie฀ein฀Projekt฀abbrechen฀oder฀welches฀ Restrisiko฀Sie฀bei฀der฀Weiterführung฀akzeptieren฀können.“ Foto: ฀privat 12฀฀ REPORT P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 13฀฀ ฀ P R O J E K TMANA G E M E N T ฀ 2 / 2 0 0 3 Bernotat-Danielowski betont. Forciert das Unternehmen ein Projekt trotz bekannter Risiken, kann sich der Projektleiter bei Problemen oder Fehlschlägen auf die (bekannten) Daten berufen. „Risiko-Wertanalyse bringt enorme Transparenz ins Projekt und ins Projekt-Portfolio eines Unternehmens“, hat Dr. Sabine Bernotat- Danielowski festgestellt. Zugleich betont sie, dass eben diese Transparenz nicht automatisch „jedem gefällt“ - und auch den Projektmanagern zusätzliche Aufgaben aufbürdet. So ist das Risikomanagement in der Pharma-Industrie mehr als nur ein Projektmanagement-Baustein. Mitunter scheint es die Dominante im Projektmanagement-Prozess zu sein; zumindest drückt es ihm einen deutlichen Stempel auf. „Wir fragen uns nicht nur, wie wir vorgehen können, um ein neues Medikament zu entwickeln“, erklärt die Expertin, „uns stellt sich immer wieder die Frage, was wir dabei gewinnen - und verlieren können.“ Solche Analysen helfen auch beim Portfoliomanagement, dann beispielsweise, wenn es Projekte zu priorisieren gilt. Die฀Risikoanalyse฀setzt฀im฀Prinzip฀an฀jedem฀Meilenstein฀ und฀zu฀Beginn฀jeder฀Entwicklungsphase฀neu฀ein.฀Wie฀groß฀ ist฀beispielsweise฀das฀Risiko,฀dass฀das฀neue฀Medikament฀ die฀erste฀Anwendung฀am฀Menschen฀nicht฀besteht? ฀Oder฀ nicht฀in฀Produktion฀gehen฀kann? Foto: ฀Aventis