eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 16/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
91
2005
163 Gesellschaft für Projektmanagement

V-Modell XT löst V-Modell 97 ab

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2005
Manfred Saynisch
Ursprünglich im Auftrag des Verteidigungsministeriums als Plattform zur Planung und Durchführung von Systemprojekten entwickelt, gilt das V-Modell seit Ende der 90er Jahre als Entwicklungsstandard für IT-Systeme des Bundes und vieler Großunternehmen. Anfang des Jahres 2005 wurde das V-Modell XT fertig gestellt und löste das vorherige V-Modell 97 ab. Mit der neuen Version will der Bund vermeiden, dass sich Desaster wie beim Maut-System Toll Center oder der Software für Hartz IV wiederholen.
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9฀฀ V-Modell฀XT฀löst฀V-Modell฀97฀ab Otto฀Schily฀stellt฀neuen฀Entwicklungsstandard฀für฀IT-Systeme฀vor Manfred฀Saynisch Ursprünglich฀im฀Auftrag฀des฀Verteidigungsministeriums฀als฀Plattform฀zur฀Planung฀und฀ Durchführung฀von฀Systemprojekten฀entwickelt,฀gilt฀das฀V-Modell฀seit฀Ende฀der฀90er฀Jahre฀ als฀Entwicklungsstandard฀für฀IT-Systeme฀des฀Bundes฀und฀vieler฀Großunternehmen.฀Anfang฀ des฀Jahres฀2005฀wurde฀das฀V-Modell฀XT฀fertig฀gestellt฀und฀löste฀das฀vorherige฀V-Modell฀97฀ ab.฀Mit฀der฀neuen฀Version฀will฀der฀Bund฀vermeiden,฀dass฀sich฀Desaster฀wie฀beim฀Maut- System฀Toll฀Collect฀oder฀der฀Software฀für฀Hartz฀IV฀wiederholen. I n einer feierlichen Auftaktveranstaltung zerschnitt Prof. Andreas Rausch Anfang Februar das rote Band für den „symbolischen Erlass des V-Modells XT“. Dazu waren Compactdiscs, die den neuen Entwicklungsstandard für IT-Systeme des Bundes enthielten, zu einem riesigen, mannshohen „V“ aufgeschichtet und mit dem roten Band umwickelt worden. Anschließend verteilte der Koordinator des Projekts die CDs unter den etwa 400 geladenen Gästen im voll besetzten Hörsaal 1 des Instituts für Informatik der TU München. Das war der originelle Vollzug eines ministeriellen Erlasses, denn das V-Modell XT soll neben Unternehmen vor allem Behörden eine Richtschnur für die Organisation und Durchführung von IT-Vorhaben sein. Wenn man daran denkt, wie sonst Erlasse von Ministerien bekannt gemacht und vollzogen werden - beispielsweise formal per Bundesanzeiger, den nur Eingeweihte lesen, oder so heimlich und missverständlich wie bei der Visa- Handhabung in der Ukraine -, war diese kommunikative Bekanntmachung ein Schritt nach vorne. Eigentlich sollte Innenminister Otto Schily das rote Band durchschneiden. Er eröffnete zwar noch die Veranstaltung mit dem Vortrag „Bedeutung von IT-Projekten im öffentlichen Bereich“, dann musste Schily jedoch nach Berlin weiterjetten, um Bundeskanzler Schröder über ein Gespräch mit Präsident George W. Bush zu berichten, das er am Vortag geführt hatte. Das฀„V-Modell฀XT“ Das „V“ steht für „Vorgehen“ und „XT“ für „eXtreme Tailoring“. Das Modell beschreibt detailliert, auf welche Art und Weise ein Projekt durchzuführen ist. Also etwa, welche Tätigkeit zu welchem Zeitpunkt erforderlich ist und wer wofür verantwortlich ist. Ein besonderes Merkmal ist die XT-Agilität, das „eXtreme Tailoring“, das je nach Projektart und Organisation ein maßgeschneidertes Vorgehen erlaubt. Weiterhin hervorzuheben sind der Bausteincharakter, das Sichtenkonzept und die durchgängige Werkzeugunterstützung (Open-Source-Werkzeuge) des Modells. Wissenschaftler der TU München und der TU Kaiserslautern entwickelten den Entwicklungsstandard gemeinsam mit den Industriepartnern EADS Deutschland GmbH, IABG mbH, Siemens AG und 4Soft GmbH. Manfred Broy, Professor an der TU München, und sein Kollege Andreas Rausch von der TU Kaiserslautern leiteten die Entwicklung. Das Bundesamt für Informationsmanagement und Informationstechnik der Bundeswehr (IT-AmtBw) und die Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBSt) im Bundesministerium des Innern vergaben den Auftrag mit einem Gesamtvolumen von vier Millionen Euro. Diese Kosten haben sich die Behörden und die Industrie im Rahmen einer Public Private Partnership geteilt. Wie groß die Bedeutung des Vorgehensmodells für den Bund mittlerweile ist, zeigt sich darin, dass es sowohl im militärischen Bereich als auch für den Verwaltungsbereich der Bundesbehörden als verbindlicher Standard gilt. „Wir hoffen, dass das V-Modell XT auch zum Industriestandard wird und von der Industrie selbst weiter gepflegt wird“, führte Broy aus. Im Moment ist das Vorgehensmodell noch ein rein deutsches Projekt. „Leider gibt es in der Europäischen Union kein einheitliches Modell“, beklagte der Professor, „In Europa gibt es auch kein starkes Institut für Softwareentwicklung.“ Da seien die USA mit ihrem „Software Engineering Institute“ (SEI), welches das CMMI entwickelt hat, im Vorteil. Die beteiligten Unternehmen haben jedoch ein erhebliches Interesse daran, dass das neue Vorgehensmodell nicht auf der Ebene eines nationalen Standards stehen bleibt. „Wir müssen vielfach in internationalen Kooperationen arbeiten“, erläutert Heinrich Dämbkes von der EADS. Man denkt daher daran, das V-Modell XT auf die internationale Ebene auszuweiten. Aber dann muss auf die national und international etablierten Regelungen stärker eingegangen werden, beispielsweise auf die ISO-Normen oder das Prince2-Modell aus England. Das V-Modell XT berücksichtigt beispielsweise die ISO EN DIN 10007 zum Konfigurationsmanagement nur unzureichend und bildet eine eigene Begriffswelt. Missverständnisse und Arbeitsschwierigkeiten sind dann die üblichen Folgen. In den Vorläufermodellen, etwa dem V-Modell 97, entsprachen die Begriffe noch den entsprechenden Normen. Extrem฀maßgeschneidert Das erste V-Modell ist 1990 von der IABG im Auftrag projekt฀ M A N A G E M E NT ฀ 3/ 20 0 5 aktuell 10฀฀ REPORT des Verteidigungsministeriums entwickelt worden. 1992 wurde es vom Innenministerium übernommen. Eine umfassende Aktualisierung wurde 1997 durchgeführt (V-Modell 97). Dieses Modell wird nun durch das V-Modell XT abgelöst. Eine breite Resonanz und Anwendung waren den bisherigen Modellen nicht beschieden, obwohl sie auch schon Tailoring-Konzepte beinhalteten. „Das V-Modell 97 galt stellenweise als etwas schwerfällig“, urteilte Broy. Den Eindruck, das neue XT-Modell könnte auch „zu starr und schwergewichtig“ sein - wie es dem Vorgänger oft vorgehalten wurde - will Rausch erst gar nicht aufkommen lassen. „Die Bedienungsanleitung umfasst nur 80 Seiten, davon 40 Seiten Beispielmodell, alle anderen 700 Seiten sind wie ein Telefonbuch eher ein Nachschlagewerk.“ Auch ein präzise denkender Innenminister muss sich über manches erst aufklären lassen. „Ich war sehr überrascht, als ich von meinen Mitarbeitern auf eine Untersuchung der Standish Group aufmerksam gemacht wurde“, erzählte Schily den Zuhörern. Die wichtigste Aussage dieser Studie: Nur ein Viertel aller IT-Projekte werden erfolgreich abgeschlossen. Drei Viertel halten Termin-, Kosten- und Qualitätsvorgaben nicht ein oder werden ganz abgebrochen. „Die Untersuchung hieß bezeichnenderweise ,Chaos-Report‘“, scherzte der Minister. „Auch wir haben ja einige schmerzliche Erfahrungen machen müssen. Einige Bundesprojekte waren kurz vor dem Entgleisen, dann haben wir sie aber wieder hingekriegt.“ Kurzes Gelächter im Saal. Schily ließ offen, ob er das Desaster mit Toll Collect, die Arbeitslosengeld-II- Software, die elektronische Gesundheitskarte oder das Projekt Herkules meinte. In Bezug auf das „eXtreme Tailoring“ im neuen V-Modell erklärte Italien-Fan Schily: „Wer einem italienischen Herrenschneider zuschaut und sieht, welche Sorgfalt da aufgewandt wird, der weiß wie anspruchsvoll eine Maßschneiderei ist.“ So verkündete er stolz: „Die Bundes-IT hat einen neuen Maßanzug.“ Die XT-Version nimmt neben den „Produkten“ und „Aktivitäten“ erstmals auch die „Rollen“ zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer in den Blick. Das V-Modell 97 war extrem auftragnehmerorientiert. „Viele der Schwierigkeiten resultieren aus Reibungsverlusten zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer“, konstatierte Broy. Hierbei auch die Auftraggeber bei dem neuen Modell stärker in die Pflicht zu nehmen lag besonders den Industrievertretern am Herzen - vor allem bei Projekten, die Neuland betreten und bei denen das Risiko entsprechend hoch ist. Die฀V-Welt฀mit฀den฀Vorgehensbausteinen฀des฀„V-Modells฀XT“ V-Modell®฀XT,฀©฀Bundesrepublik฀Deutschland฀2004 aktuell projekt฀ M A N A G E M E NT ฀ 3/ 20 0 5 11฀฀ V-Modell฀XT฀-฀Eine฀Übersicht Das V-Modell XT umfasst eigentlich drei Vorgehensmodelle, die eng miteinander vernetzt sind: ❏฀ Systementwicklung Auftraggeber, ❏฀ Systementwicklung Auftragnehmer und ❏฀ Einführung und Pflege eines spezifischen Vorgehensmodells. Das V-Modell XT ist nach dem Baukastenprinzip verwirklicht. Dadurch kann der Anwender sein Vorgehen aus den angebotenen Bausteinen individuell zusammenstellen. So nutzt ein Auftragnehmer das V-Modell anders als ein Auftraggeber. Beispielsweise braucht eine Firma, die sich um einen Entwicklungsauftrag bewirbt, den Vorgehensbaustein zur „Angebotserstellung und Vertragserfüllung“. Darin enthalten sind Produkt- und Aktivitätenbeschreibungen wie „Bewertung der Ausschreibung“ oder „Vertrag“. In der Abbildung „Die V-Welt“ sind die Bausteine des Modells den Erdteilen zugeordnet. Es gibt einen V-Modell-Kern, der durch Nord- und Südamerika repräsentiert wird. Hier sind die Bausteine: ❏฀ Projektmanagement (z. B. elf Produkte beim Auftraggeber), ❏฀ Qualitätssicherung, ❏฀ Konfigurationsmanagement und ❏฀ Problem- und Änderungsmanagement. Durch die unterschiedliche Schattierung ist leicht zu erkennen, dass diese Kernbausteine Auftraggeber wie Auftragnehmer betreffen. Der Kontinent Afrika ist weitgehend dem Auftraggeber vorbehalten. Hier ist der wichtigste Baustein die Anforderungsfestlegung mit drei Produkten. Der europäische und asiatische Kontinent beherbergen die Bausteine für den Auftragnehmer, wie ❏฀ Systemerstellung, ❏฀ SW-Entwicklung, ❏฀ HW-Entwicklung und ❏฀ Angebotserstellung. Weitere฀Informationen Die öffentliche Hand stellt das V-Modell XT den Anwendern auf der Internetseite der Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung (KBSt) - www.kbst. bund.de - kostenfrei zur Verfügung. Ein Download ist auch unter www.v-modell-xt.de möglich. Das Fraunhofer-lnstitut für Experimentelles Software Engineering hat eine Lerntour erarbeitet, die auf der gleichen Website unter „V-Modell->Support->Lerntour“ zu finden ist. Diese virtuelle Lerntour ist bedeutsam für kleine Unternehmen, die ausdrücklich auch im Fokus des V-Modells XT stehen. Darüber hinaus bieten eine Reihe von Unternehmen, die mit der Entwicklung des V-Modells vernetzt waren, bereits ihre Dienstleistungen an (Software, Beratung, Seminare, Coaching, Support), wie 4SOFT, Borland, IBM (Rational), IABG oder Siemens. Die Firma microTOOL hat das V-Modell XT in ihr „in-Step“-Management-System integriert. Borland und IBM haben für ihre Softwareprodukte Schnittstellen zum V-Modell XT geschaffen. Kontakt zum Autor: M.Saynisch@GPM-IPMA.de ■ projekt฀ M A N A G E M E NT ฀ 3/ 20 0 5 aktuell