eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 19/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
31
2008
193 Gesellschaft für Projektmanagement

Deutschland im Jahr 2020: Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition

31
2008
Heinz Schelle
Unter diesem Titel hat die Deutsche Bank Research im vergangenen Jahr eine rund 70-seitige Studie herausgebracht, die kostenlos aus dem Netz heruntergeladen werden kann (www.dbresearch.de/servlet/reweb2.ReWEB?rwkey=u25556037). Weil diese Arbeit außerordentlich interessante und ungewöhnlich konkrete Prognosen zum Thema „Leistungserstellung mit Projektcharakter“ enthält, sollen einige wichtige Aussagen, die meines Erachtens nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für unsere Mitglieder wichtig sind, besonders herausgestellt werden.
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D ie Studie bedient sich der Szenariomethode und konstruiert vier Szenarien mit einprägsamen und originellen Titeln (Fettdruck durch die Verfasser): ❑ Wildwest: „Die Regulierung (die Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens; H. S.) ist inflexibel, sie hält nicht mit der wirtschaftlichen Dynamik Schritt oder wird von konzertiertem Lobbying diktiert. Unternehmerische Initiative, vielfach vorhanden und meist in Kooperation, wird so zum riskanten Abenteuer.“ ❑ Zugbrücke hoch: „Inflexible, überkommene Regulierung und viel Kompetenzgerangel politischer Akteure verhindern unternehmerische Initiative und gesellschaftliches Engagement. Unternehmenskooperationen sind rar. Besitzstandswahrung ist allgegenwärtig. ❑ Skatrunde beim Nachbarn: „Flexible Regulierung und eine aktive Gesellschaft würden das Erobern neuer Märkte erlauben. Unternehmer verharren jedoch in ihren gewohnten Strukturen und Märkten, sie kooperieren wenig oder nur mit ,alten Bekannten‘“. ❑ Expedition Deutschland: „Flexible Koregulierung ebnet den Weg zu neuen Märkten. Spezialisierte Unternehmen erobern diese Märkte in oft temporären Projektkooperationen - auf dem Fundament klassischer Wertschöpfungsprozesse.“ Die Verfasser der Studie halten dabei eine Entwicklung in Richtung „Expedition Deutschland“ für besonders plausibel. Und genau dieses Szenario enthält, wie schon erwähnt, sehr interessante Aussagen zum Thema „Projektmanagement“. (Am Rande sei bemerkt, dass die Forschergruppe den Begriff der Projektwirtschaft revitalisiert, der in der DIN einmal eine Rolle gespielt hat, sich aber leider nicht durchsetzen konnte.) Die wichtigsten 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2008 40 WISSEN Heinz Schelle Deutschland im Jahr 2020: Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition Eine Studie der Deutsche Bank Research Unter diesem Titel hat die Deutsche Bank Research im vergangenen Jahr eine rund 70-seitige Studie herausgebracht, die kostenlos aus dem Netz heruntergeladen werden kann (www.dbresearch.de/ servlet/ reweb2.ReWEB? rwkey=u25556037). Weil diese Arbeit außerordentlich interessante und ungewöhnlich konkrete Prognosen zum Thema „Leistungserstellung mit Projektcharakter“ enthält, sollen einige wichtige Aussagen, die meines Erachtens nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für unsere Mitglieder wichtig sind, besonders herausgestellt werden. Anno 2020 +++ Wertschöpfungsmuster +++ Kooperationsprojekte spezialisierter Akteure sind ein essenzieller Bestandteil der Wirtschaft geworden - allein ihre organisatorisch und rechtlich eigenständige Variante liefert 15 Prozent der Wertschöpfung. Mit dieser neuen Kooperationsmentalität hat Deutschland bei Spitzentechnologien und wissensintensiven Dienstleistungen Boden gutgemacht, unterstützt von vielen Unternehmensgründungen und mit Innovationsprozessen, die Kunden eng integrieren. Diese „Projektwirtschaft“ gedeiht auf dem Nährboden klassischer Wertschöpfungsprozesse. +++ Gesellschaftliches Potenzial +++ Die Mittelschicht hat sich stabilisiert: Sie besetzt viele der lukrativen, wissensintensiven Jobs in der Projektwirtschaft, profitiert von den neuen privaten Lernanbietern und konsumiert „souverän“. Die fachlichen und sozialen Anforderungen ihrer neuen, oft unbeständigen Arbeitsplätze sind hoch. Unter stärkerem Druck stehen jedoch die Niedrigverdiener. Ihnen fehlt oft der Zugang zum Lernmarkt und damit zur Projektwirtschaft. Für staatliche Unterstützung müssen soziale Gegenleistungen erbracht werden. +++ Politisch-rechtlicher Rahmen +++ Gezwungen durch knappe Finanzen hat der Staat viele Aufgaben ganz oder teilweise abgegeben. Zum einen bezieht er Unternehmen und Bürger in die Gestaltung neuer Regulierung ein, zum anderen überlässt er einen wachsenden Teil der Daseinsvorsorge privaten Akteuren. Das neue Patent- und Urheberrecht fördert die Innovationsleistung von Bürgern, Projekten und Unternehmen. +++ Intellektuelles Kapital +++ Bildung wurde in breiten Teilen der Bevölkerung als wichtigste persönliche Zukunftsinvestition erkannt. Die privaten Dienstleister bieten kombinierbare Bildungsmodule und ergänzen die staatlichen, effizienter gewordenen Bildungseinrichtungen komplementär. Der deutsche Lernmarkt ist international attraktiv und floriert - wie auch der Handel mit Daten und geistigem Eigentum. Validiertes, bewertetes Wissen ist zum zentralen Produktionsfaktor geworden. Szenario„Expedition Deutschland“ PM_3-08_1-8_und_24-72: Inhalt 29.04.2008 12: 25 Uhr Seite 40 Aussagen, die unter dieser Überschrift zu finden sind, sollen deshalb hier angeführt werden (siehe Kasten auf S. 26 unten). Freilich wird dem Leser die Lektüre der gesamten Studie dringend empfohlen. Ganz nebenbei: Viele Aussagen decken sich mit Thesen, die eine Studie des Verfassers zusammen mit Dr. Karsten Hoffmann im Jahr 2002 gemacht hat. Die Experten der Deutschen Bank formulieren auch acht Implikationen für Unternehmen, die mir gerade im Hinblick auf die Zukunft des Projektmanagements besonders wichtig erscheinen. Deshalb sollen auch sie auszugsweise wiedergegeben werden: Implikation 1: Kooperation als strategische Managementaufgabe verstehen: Die Studie setzt hier auf temporäre Kooperationen von Spezialisten, die sie als das definierende Element der Projektwirtschaft bezeichnet, und empfiehlt Unternehmen, sich mit dem vollen Spektrum möglicher Kooperationstypen auseinanderzusetzen. Implikation 3: Innovationsprozesse für Partner und Kunden öffnen: Hier wird vor allem für die enge und systematische Integration des Kunden in Innovationsprojekte plädiert. Implikation 5: Wissensbewertung zur Kernkompetenz machen: Die Kooperationsfähigkeit einer Organisation wird als zentraler Bestandteil ihres intellektuellen Kapitals bezeichnet. Implikation 6: Mehr Weiterbildung wagen: Nach Meinung der Forscher werden „soziale und interkulturelle Kompetenzen … für die Arbeit in Projekten … immer wichtiger“. Implikation 7: Für Standards engagieren: „Aufgrund der häufig wechselnden Projektpartner ist die Standardisierung von Prozessen in Projekten unabdingbar - vom Personalbis zum Informationsmanagement.“ Implikation 8: Neue Finanzierungsquellen und -ziele erschließen: „Teile des deutschen Mittelstands stehen kapitalmarktorientierter Finanzierung heute noch kritisch gegenüber. Für sie könnte sich die Projektwirtschaft als gutes ,Testfeld‘ für neue Finanzierungsinstrumente erweisen.“ Was macht die GPM angesichts eines solchen Szenarios? Eine ganze Menge. Hier eine Auswahl: ❑ In unserer Gesellschaft befasst sich unter anderem Reinhard Wagner seit Langem mit firmenübergreifenden Projekten und der Notwendigkeit der Standardisierung. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang sein mit Gerhard Hab zusammen verfasstes Buch „Projektmanagement in der Automobilindustrie“ (Gabler-Verlag, Wiesbaden 2004) und der gemeinsam mit K. Niebecker geschriebene Aufsatz „Collaborative Project Scorecard“ in der Ausgabe 2/ 2008 dieser Zeitschrift. ❑ Auf der Tagung „GPM aktiv“ in Bad Soden hat er außerdem einen aus meiner Sicht richtungsweisenden Vortrag mit dem Thema „Zwischen Standardisierung und Flexibilisierung im Projektmanagement, Entwicklungstrends im Projektmanagement“ gehalten. Ein Interview mit ihm ist für die nächste Nummer dieser Zeitschrift vorgesehen. ❑ Ebenfalls in Bad Soden wurde ein Workshop initiiert, der sich mit den möglichen Konsequenzen des Szenarios „Expedition Deutschland“ für die GPM befasst. ❑ Am 25./ 26. Juni 2008 findet in Karlsruhe die erste GPM-Forschungswerkstatt mit dem Thema „PM- Standards 2020“ statt. ❑ Der Projektleiter der Studie der Deutschen Bank, Dr. Jan Hoffmann, wird auf unserem Forum in Wiesbaden vortragen. ■ Schlagwörter Integration des Kunden in Innovationsprojekte, Kooperationsprojekte, neue Finanzierungsinstrumente, Projektwirtschaft, Standardisierung im PM, Wissensmanagement Autor Heinz Schelle, geb. 1938, hatte bis zum Jahr 2003 eine Professur für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung des Projektmanagements an der Fakultät für Informatik der Universität der Bundeswehr München inne. Er ist einer der Gründer der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. und war von 1979 bis 1998 Mitglied des Vorstands. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Gesellschaft. Anschrift Münchner Str. 1 D-82496 Oberau/ Loisach Tel.: 0 88 24/ 17 12 E-Mail: h.schelle@gaponline.de projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2008 l 41 Abb. 1: Ein Zukunftsszenario für das Jahr 2020 von Deutsche Bank Research, © Martini, Meyer 2007 PM_3-08_1-8_und_24-72: Inhalt 29.04.2008 12: 25 Uhr Seite 41