eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 20/2

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
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UVK Verlag Tübingen
31
2009
202 Gesellschaft für Projektmanagement

Neue deutsche PM-Normen setzen auch international Maßstäbe

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2009
Reinhard Wagner
Gernot Waschek
Reinhard Wagner und Gernot Waschek, beide seit Jahren in der Normungsarbeit tätig, berichten über die Aktualisierung der DIN 69900 und 69901, der wichtigsten Projektmanagementnormen in Deutschland. Die Normen enthalten unter anderem ein Prozessmodell, das auch in die Arbeiten an der neuen internationalen Projektmanagementnorm (ISO 21500) einfließt. Besonders interessant ist, dass erstmals auch ein Datenmodell für die Speicherung und Verarbeitung projektspezifischer Daten zwecks Erhöhung der Kompatibilität zwischen Projektdateien und Systemen verschiedener Hersteller von PM-Software erarbeitet wurde.
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projekt MA N A G E M E N T aktuell 2/ 2009 l 29 Reinhard Wagner, Gernot Waschek Neue deutsche PM-Normen setzen auch international Maßstäbe Die Anforderungen der Projektarbeit nehmen weiter zu. Normen fördern die Konvergenz im Denken und Handeln der Beteiligten. Mit den beiden DIN-Normen für das Projektmanagement, der DIN 69900 und DIN 69901, wurden jetzt die beiden wichtigsten Projektmanagementnormen in Deutschland aktualisiert und auf die aktuellen Herausforderungen der Projektarbeit ausgerichtet. Das neue Prozessmodell der DIN 69901 fließt sogar in die Arbeiten an einer neuen internationalen Projektmanagementnorm, der ISO 21500, ein. Damit wird der Stellenwert der Normungsarbeit in Deutschland eindrucksvoll bestätigt. Endlich ist es geschafft! Nun sind sie erschienen: Nach mehr als fünf Jahren Vorbereitungszeit und zahlreichen Sitzungen der Arbeitsgruppen im zuständigen Ausschuss des DIN Deutsches Institut für Normung e. V. sowie in der Fachgruppe „Projektmanagementnormung“ der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. wurden im Januar 2009 die neuen deutschen Projektmanagementnormen DIN 69900 („Netzplantechnik“) und DIN 69901 („Projektmanagementsysteme“) in den Teilen 1 bis 5 veröffentlicht. Das Interesse an den neuen Normen und die Zahl der Vorbestellungen war so groß, dass die neuen Normen sogar schon mit einer Auszeichnung an den Start gingen, nämlich als „Norm des Monats Januar 2009“. Mit Normungsvorhaben wurde auf steigende Anforderungen in Projekten reagiert Die Normungsarbeit im Projektmanagement reicht schon bis Ende der Sechzigerjahre zurück und wurde maßgeblich durch die Aktiven der GPM geprägt [1]. Im Jahr 1970 erschien unter dem Titel „Netzplantechnik, Begriffe“ die DIN 69900 als erste deutsche Projektmanagementnorm. Später wurde das so begonnene Normenwerk mehrmals verändert und auf bis zu sieben Normblätter ausgebaut. Die letzte Norm dieser Serie war die DIN 69904 „Projektmanagementsysteme“ im Jahr 2000. Als klar wurde, dass dieses Normenwerk den Herausforderungen moderner Projektarbeit nicht mehr gewachsen war, beschloss der Normenausschuss im Jahr 2003, die Normen nicht nur insgesamt zu aktualisieren, sondern dabei ganz neu zu strukturieren und konsequent auf die Prozessorientierung auszurichten. Da die Mehrzahl der zuletzt aktiven Mitarbeiter im Normenausschuss ohnehin GPM-Mitglieder waren, bot es sich an, für die Arbeit an dem Normungsvorhaben neue Mitglieder aus dem Kreis der GPM zu werben. Das anfänglich große Interesse reduzierte sich relativ schnell auf einen engen Kreis von ehrenamtlich Tätigen, die über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren die Normungsarbeit in fünf Teilprojekten vorangetrieben haben. Die Teilprojekte orientierten sich dabei an der neuen Struktur des Normenwerks. Neben einem Team für die DIN 69900 und den Grundlagenteil der DIN 69901 beschäftigten sich vier weitere Teams mit den Teilprojekten für die Begriffe, Prozesse, Methoden und das Datenmodell der DIN 69901. Die gesamte Normungsarbeit wurde durch einen Lenkungsausschuss koordiniert, der teilweise richtungsweisende Entscheidungen für die Ausgestaltung der Normen in seinen Sitzungen zu treffen hatte. Im Frühjahr 2006 wurde der detaillierte Gesamtentwurf für zwei Monate im Internet veröffentlicht, um mit Stellungnahmen und Verbesserungsvorschlägen der Experten den ersten Entwurf für die Normen fertigstellen zu können. Ende des Jahres 2006 wurden diese Entwürfe schließlich an das DIN geliefert, wo sich im Normenausschuss die Experten der GPM mit Mitgliedern des Fachverbands Projektmanagement im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e. V. um die Erarbeitung des endgültigen Normentwurfs und nach der Bearbeitung der eingegangenen Einsprüche auch um die Fertigstellung der jetzt erschienenen Endfassung kümmerten. Reinhard Wagner und Gernot Waschek, beide seit Jahren in der Normungsarbeit tätig, berichten über die Aktualisierung der DIN 69900 und 69901, der wichtigsten Projektmanagementnormen in Deutschland. Die Normen enthalten unter anderem ein Prozessmodell, das auch in die Arbeiten an der neuen internationalen Projektmanagementnorm (ISO 21500) einfließt. Besonders interessant ist, dass erstmals auch ein Datenmodell für die Speicherung und Verarbeitung projektspezifischer Daten zwecks Erhöhung der Kompatibilität zwischen Projektdateien und Systemen verschiedener Hersteller von PM-Software erarbeitet wurde. +++ Für eilige Leser +++ Für eilige Leser +++ Für eilige Leser +++ PM_2-09_1-60: Inhalt 03.03.2009 11: 05 Uhr Seite 29 Neue DIN-Normen kombinieren Bewährtes mit Innovativem Schon in der Vergangenheit haben sich die DIN-Normen zum Projektmanagement in der Praxis bewährt. So zählte zum Beispiel der Hinweis auf die Begriffsdefinition der DIN 69901 für Projekte - als Vorhaben, das im Wesentlichen durch die Einmaligkeit der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist - zu den Klassikern in jeder einschlägigen Veröffentlichung zum Projektmanagement. Darauf soll auch in Zukunft aufgebaut werden. Die neuen Normen zum Projektmanagement stellen deshalb eine Balance zwischen den bewährten Teilen der „alten“ Normenreihe und einer Vielzahl von Neuerungen dar. Seit Januar 2009 sind nun folgende Normen für das Projektmanagement gültig: DIN 69900: Projektmanagement - Netzplantechnik; Beschreibungen und Begriffe (Inhalt: Begriffe und Darstellungen der Ablauf- und Terminplanung mit Terminliste, Balkenplan und Netzplan) DIN 69901-1: Projektmanagement - Projektmanagementsysteme - Teil 1: Grundlagen (Inhalt: Einsatzziele, Modellcharakter, Eigenschaften, Erwartungen und Unterstützung der Trägerorganisation, Dokumentation des Systems, Regeln für PM-Prozesse) DIN 69901-2: Projektmanagement - Projektmanagementsysteme - Teil 2: Prozesse, Prozessmodell (Inhalt: vor allem eine Übersicht der PM-Prozesse, Diagramme der Zusammenhänge und einheitliche Prozessbeschreibungen) DIN 69901-3: Projektmanagement - Projektmanagementsysteme - Teil 3: Methoden (Inhalt: Kurzbeschreibungen der projektspezifischen Methoden für Aufwandschätzung, Projektcontrolling, Projektvergleich und Projektstrukturierung) DIN 69901-4: Projektmanagement - Projektmanagementsysteme - Teil 4: Daten, Datenmodell (Inhalt: Beschreibung eines Datenmodells für die Speicherung und Verarbeitung projektspezifischer Daten zwecks Erhöhung der Kompatibilität zwischen Projektdateien und Systemen verschiedener Hersteller von PM-Software) DIN 69901-5: Projektmanagement - Projektmanagementsysteme - Teil 5: Begriffe (Inhalt: alphabetische Sammlung von Benennungen und Definitionen wesentlicher PM-Begriffe aus den Teilen 1-4) Die DIN 69900: 2009 ersetzt die bisherige Norm für die Netzplantechnik, die aus den beiden Teilen „Begriffe“ und „Darstellungstechnik“ bestand. Mit der DIN 69901: 2009 in den Teilen 1 bis 5 wird einerseits die bisherige Normenreihe DIN 69901-69905 ersetzt, andererseits wurde mit den Inhalten der Teile 2 bis 4 eine Vielzahl von Innovationen geschaffen. So stellt zum Beispiel Teil 2 einen kompletten Durchlauf eines Projektes mit den dazugehörigen Prozessen dar [2] und kann von dem Anwender relativ leicht an seine Bedürfnisse angepasst werden. Auch mit der Definition eines produktunabhängigen Datenmodells für die elektronische Verarbeitung von Projektmanagementdaten wurde Neuland betreten. So fanden sich elf Anbieter von unterschiedlichen PM-Softwareprodukten und ein Team der Universität Osnabrück wettbewerbsübergreifend bereit, einen entsprechenden Standard zu erarbeiten [3]. Das Ergebnis kann im Teil 4 der neuen DIN 69901 nachgelesen werden. Projektmanagementnormen fördern Konvergenz im Denken und Handeln So vielfältig die Herausforderungen der Projektarbeit, so vielfältig sind auch die Lösungsansätze der Betroffenen. Die Vielfalt erzeugt aber auch unnötige Kosten. So zum Beispiel Kosten für die Erstellung neuer Lösungen (Prozesse, Methoden und Tools), die Anpassung dieser Lösungen an die Systeme interner wie externer Projektpartner und die Einweisung bzw. Schulung der Mitarbeiter. Deutschland steht im internationalen Wettbewerb enorm unter Druck. Wir können uns den Mehraufwand heterogener, nicht aufeinander abgestimmter Projektmanagementsysteme zukünftig einfach nicht mehr leisten. Die neuen Projektmanagementnormen leisten hierbei einen wichtigen Beitrag. Sie fördern mit einer einheitlichen Begriffswelt und den aufgezeigten Konzepten das gemeinsame Verständnis der Beteiligten und unterstützen die betroffenen Organisationen bei der Einrichtung und Synchronisation von Prozessen, Methoden und Projektmanagementdaten. Darüber hinaus wird die GPM in den nächsten Jahren die Inhalte ihrer Qualifizierungs- und Zertifizierungsprogramme konsequent auf die prozessorientierte DIN-Norm ausrichten und damit die Konvergenz im Denken und Handeln des Projektmanagements fördern. Die neuen Normen sind für die Anwender aber vor allem deshalb hilfreich, weil sie konkrete Beschreibungen für die Praxis bieten. So kann eine Organisation zum Beispiel die in Teil 2 der Norm abgebildeten Prozessbeschreibungen eins zu eins kopieren und als internen Projektmanagementstandard für sich nutzbar machen. Auch maßgeschneiderte Auszüge aus dem Prozessmodell für die Anforderungen spezifischer Projekttypen sind denkbar. Schließlich stellt das Prozessmodell auch eine hervorragende Basis für die Synchronisation interner Projektmanagementabläufe mit den Abläufen externer Projektpartner dar. Arbeiten an ISO 21500 stark vom Prozessmodell der DIN 69901 beeinflusst Auch international hat sich die neue deutsche Norm schon viele Freunde gemacht. So floss das Prozessmodell der DIN 69901 von Anfang an in die Erarbeitung einer internationalen Projektmanagementnorm ein. Das unter der Nummer 21500 geführte Normungsvorhaben vereinigt Experten aus mehr als 35 Ländern, welche in drei Arbeitsgruppen diese Norm für das Management von Projekten erarbeiten. Die erste Arbeitsgruppe konzentriert sich auf die Begrifflichkeiten, die zweite Gruppe - unter deutscher Leitung - erarbeitet das zentrale Element der Norm, nämlich das Prozessmodell, die dritte Gruppe bindet die Prozesse schließlich in ein erweitertes internes wie externes Rahmenwerk (u. a. Project Governance, Program-, Portfolio- und Project Life Cycle Management) ein. Bei Beginn der Arbeiten an der ISO 21500 im Herbst 2007 wurde das neue Prozessmodell der DIN vorgestellt und von vielen Teilnehmern aufgrund seiner ausgeprägten Konsistenz und grafischen Aufbereitung gelobt. Neben den Prozessmodellen des amerikanischen PMBoK und der britischen Norm BS 6079 bildet es eine wesentliche Grundlage für das Prozessmodell der im Jahr 2012 erscheinenden ISO 21500. 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 2/ 2009 30 WISSEN PM_2-09_1-60: Inhalt 03.03.2009 11: 05 Uhr Seite 30 Die internationale Norm für das Projektmanagement soll nicht in Konkurrenz zu nationalen Normen treten oder diese gar ersetzen. Sie wird aber zukünftig einen maßgeblichen Einfluss auf die Ausgestaltung der Standards im Projektmanagement haben. Deshalb beteiligen sich so viele Länder an dem Normungsvorhaben, und auch die beiden großen Projektmanagementfachverbände, die IPMA International Projekt Management Association (ist als Beobachterin direkt vertreten) und das PMI Project Management Institute (ist über einzelne nationale Vertreter indirekt beteiligt), tragen dazu bei, ein einheitlicheres Verständnis bezüglich des Managements von Projekten auf internationaler Ebene zu erreichen. Dass dies dringend nötig ist, wird immer wieder bei der Zusammenarbeit internationaler Partner in übergreifenden Projekten klar. So treten hier neben unterschiedlichen Begriffswelten vor allem Probleme bei der Synchronisation von Abläufen und der Abstimmung vielfältiger Schnittstellen auf. Standards können hier für eine weitgehende Transparenz und die Vermeidung von allzu großen Reibungsverlusten sorgen. Die GPM beteiligt sich über das DIN an den Arbeiten für die neue ISO 21500, um sich einerseits auch international verstärkt mit ihrem Know-how einzubringen und um andererseits die Zusammenarbeit deutscher Unternehmen mit ihren internationalen Kooperationspartnern durch standardisierte PM-Lösungen zu erleichtern. Mit den neuen nationalen Projektmanagementnormen setzen wir also auch international Maßstäbe und sind damit bestens für die Zukunft gerüstet. ■ Literatur [1] Waschek, G.: Projektmanagement-Normung in Deutschland. Wie alles begann - und wo wir heute sind. In: projekt- MANAGEMENT aktuell , 1/ 2006, S. 37-39 [2] Obels, M./ Roeschlein, R./ Staiger, M./ von Schneyder, W./ Wagner, R./ Waschek, G.: Die neue Projektmanagement- Norm - prozessorientiert, integriert und praxisnah. In: projektMANAGEMENT aktuell , 2/ 2006, S. 41-44 [3] Angermeier, G.: Der Entwurf für die neue deutsche Projektmanagement-Norm. In: Projektmagazin, 10/ 2006, S. 1-6 Schlagwörter Datenmodell, DIN 69900, DIN 69901, ISO 21500, Netzplantechnik, Projektmanagementnorm, Prozessmodell projekt MA N A G E M E N T aktuell 2/ 2009 l 31 Anzeige Kompetenzelemente der NCB 3.0 NCB 4.1.11 Projektphasen, Ablauf und Termine Autor Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Reinhard Wagner ist Vorstand für PM-Forschung und Facharbeit der GPM und seit vielen Jahren maßgeblich an der Weiterentwicklung des Projektmanagements beteiligt. Auf Basis seiner langjährigen Erfahrung mit Entwicklungsprojekten in der Automobilindustrie ist er in zahlreichen Fachgruppen der GPM als stellvertretender Obmann des DIN-Normenausschusses für das Projektmanagement sowie als Leiter der Arbeitsgruppe bei der Erarbeitung eines Prozessmodells für die neue ISO 21500 engagiert. Nebenberuflich engagiert er sich als Dozent für Systems Engineering und Projektmanagement an der Hochschule Augsburg. Anschrift GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. Frankenstraße 152, D-90461 Nürnberg Tel.: 01 72/ 8 53 00 99, E-Mail: r.wagner@GPM-IPMA.de Autor Dipl.-Ing. Gernot Waschek führte in den Sechzigerjahren im Bosch-Konzern die Netzplantechnik ein und sorgte danach für die Anwendung und Ausbreitung des Projektmanagements der Lufthansa. Er war 1967 Gründungsmitglied des DIN-Normenausschusses für Projektmanagement und ist seit 1972 dessen Obmann. Dazu wirkte er bei der ISO an der Entwicklung der Norm ISO 10006 „Guidelines for quality management in projects“ mit und auch jetzt wieder bei der ISO 21500. Bei der GPM ist er Leiter der Fachgruppe PM-Normung und Leiter der Region Frankfurt, war am Aufbau von PM-ZERT und der Entwicklung von PM DELTA beteiligt und ist Kurator sowie Ehrenmitglied. Anschrift Projektmanagementberatung Waschek Westendstraße 7a, D-63322 Rödermark Tel.: 0 60 74 / 92 23 69, E-Mail: g.waschek@GPM-IPMA.de PM_2-09_1-60: Inhalt 03.03.2009 11: 05 Uhr Seite 31