eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 20/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
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2009
203 Gesellschaft für Projektmanagement

„Er war der ‚gute Geist‘ der GPM

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2009
Oliver Steeger
Humanistisch und musikalisch gebildet wollte Roland Gutsch Mediziner werden. Die Zeitläufte brachten sein Leben auf einen anderen Kurs. Er legte den Grundstein für das heutige Projektmanagement und die GPM – und drückte beidem seinen Stempel auf. „Ohne Roland Gutsch sähen das Projektmanagement, die IPMA und die GPM heute anders aus“, meint sein Weggefährte Prof. Hasso Reschke. Am 20. Februar 2009 verstarb der Gründervater der GPM und Nestor des Projektmanagements. Sein Tod rief in der weltweiten PM-Gemeinschaft Bestürzung und Trauer hervor.
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22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2009 10 SONDERTEIL Herr Prof. Reschke, ohne Roland Gutsch ist die GPM - zumindest so, wie wir sie heute kennen - kaum denkbar. Er war Gründervater der GPM und ihr langjähriger Vorsitzender. Er hat sie, wie Sie sagen, als „Nestor“ geprägt. Prof. Hasso Reschke: Roland Gutsch war der gute Geist der GPM. Er war ihr Antreiber, Promoter und Aktivist; er hat die Gründung der GPM ermöglicht und ihren Aufbau vorangebracht. Mit seinem warmherzigen, humorvollen Charakter verfügte Roland Gutsch über die seltene Gabe, Menschen zu gewinnen, zu verbinden, mit Enthusiasmus zu erfüllen und ihr Engagement zu wecken. Menschen verbinden - war Roland Gutsch ein begnadeter Netzwerker? Netzwerker nicht in dem Sinne, dass durch Verbindungen gegenseitige berufliche Vorteile erzielt werden. Es ging Roland Gutsch um mehr. Projektmanagement war ihm ein inneres Anliegen. Dazu wollte er Verbindungen stiften im familiären Sinne; es ging ihm darum, Menschen mit gleichen Interessen zusammenzuführen und aus ihnen eine „Project Management Family“ zu bilden. Dieser familiäre Charakter wird in der GPM bis heute wahrgenommen, obgleich der Verein deutlich gewachsen ist und längst nicht mehr jeder jeden kennt. Der eigentümliche Charakter der GPM ist aber geblieben, man fühlt sich wohl in ihr. Und dies verdanken wir mit Sicherheit auch dem Stil im frühen Wirken von Roland Gutsch. Die GPM wäre ohne ihn vielleicht mehr zu einem wissenschaftlichen Fachkreis oder einem losen Verbund für gegenseitige berufliche Unterstützung geworden. Die jüngeren Mitglieder haben den Vater der GPM nicht mehr kennengelernt. Seit Mitte der Neunzigerjahre lebte er zurückgezogen in Norddeutschland. Wie darf man sich Roland Gutsch als Person vorstellen? Uns erreichen nach seinem Tod aus aller Welt Nachrufe seiner Weggefährten. Woher diese Zuschriften auch kommen - immer heben sie Roland Gutschs verbindliche und herzliche Art hervor, mit der er auf andere Menschen zugegangen ist. Man erinnert sich gerne an seinen feinen, freundlichen Humor, an seine Offenheit, mit der er über Grenzen von Unternehmen, Branchen oder Ländern hinweg an Menschen herangetreten ist und sie auch untereinander verbunden hat. Es heißt, während des Kalten Kriegs habe Roland Gutsch Verbindungen in die Länder des damaligen Ostblocks unterhalten, beispielsweise in die DDR oder in die Tschechoslowakei. Trotz des „Eisernen Vorhangs“, merkwürdigerweise. Er hat in diesen Ländern, die in den 60er- und 70er-Jahren nur schwer zugänglich waren, über Tagungsbesuche viele Verbindungen gepflegt. Damit hat er übrigens der GPM eine gute Startposition verschafft, sich nach dem Fall der Mauer in die dortige Weiterentwicklung des Projektmanagements einzubringen. Denken Sie an die schnelle Begegnung zwischen Projektmanagern aus Ost- und Westdeutschland nach der Wende. Ohne seine Kontakte wäre dies nicht möglich gewesen. Oliver Steeger „Er war der ‚gute Geist‘ der GPM“ Professor Hasso Reschke über GPM-Gründer Roland Gutsch Humanistisch und musikalisch gebildet wollte Roland Gutsch Mediziner werden. Die Zeitläufte brachten sein Leben auf einen anderen Kurs. Er legte den Grundstein für das heutige Projektmanagement und die GPM - und drückte beidem seinen Stempel auf. „Ohne Roland Gutsch sähen das Projektmanagement, die IPMA und die GPM heute anders aus“, meint sein Weggefährte Prof. Hasso Reschke. Am 20. Februar 2009 verstarb der Gründervater der GPM und Nestor des Projektmanagements. Sein Tod rief in der weltweiten PM-Gemeinschaft Bestürzung und Trauer hervor. Roland Gutsch, Gründer und „guter Geist“ der GPM. Das Foto wurde Anfang 2009 aufgenommen. Foto: Hasso Reschke PM_3-09_1-64: Inhalt 28.04.2009 10: 47 Uhr Seite 10 Nun ist nicht nur die GPM ohne Roland Gutsch schwer vorstellbar, sondern auch das gesamte Projektmanagement in Deutschland. Manche nennen ihn den Vater des deutschen Projektmanagements. Nicht zu Unrecht. Inwiefern? In den 60er-Jahren war Projektmanagement vorwiegend in der Wehrtechnik verbreitet. Roland Gutsch arbeitete damals für die Firma Dornier. Dort hatte er im Auftrag des Verteidigungsministeriums das PM-Programmsystem PPS (Projektplanungs- und -steuerungssystem) entwickelt, das für Wehrtechnikprojekte verbindlich geworden ist und stark verbreitet war. Der Einfluss von PPS auf unser Projektmanagement ist bis heute erkennbar, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Die Wehrtechnik gilt - neben der Luft- und Raumfahrt - ohnehin als wesentliche Keimzelle des Projektmanagements. Richtig. Aufgrund der damaligen politischen Lage wurden Wehrtechnikprojekte international vorangetrieben. Federführend waren die USA, auch beim Projektmanagement, sie haben bei ihren Ausschreibungen und für Kooperationen ihr Projektmanagementsystem zur Bedingung gemacht. Roland Gutsch hat erkannt, dass man in Europa Projektmanagement schnell lernen und auch seine eigene Handschrift in der Weiterentwicklung einbringen muss. So kamen seine Verbindungen in die USA, nach England, Schweden oder Frankreich zustande. Er ist viel gereist, war viel unterwegs. Projektmanagement als Brücke zwischen den Nationen? Roland Gutsch hat früh erkannt, dass Projektmanagement eine Brücke bilden konnte zwischen Nationen, die ja jeweils ihren sehr eigenen Managementstil hatten. Dies hatte auch mit Verständigung über die Methodik und Sprache des Projektmanagements zu tun. Schlug sein Herz mehr für das internationale oder das deutsche Projektmanagement? Er hat beides im Auge behalten. Vergessen Sie aber nicht, dass Roland Gutsch vom internationalen Projektmanagement herkam. 1965 hat er in Wien die INTER- NET gegründet. Erst vierzehn Jahre später, im Juli 1979, gründete er mit 19 weiteren Mitstreitern die GPM. Die INTERNET? Die INTERNET war eine Vorläuferin der IPMA. Es handelte sich zunächst um eine eher lose Runde von Projektmanagementspezialisten aus aller Welt. Man wollte Erfahrungen austauschen und suchte die persönliche Begegnung im Fachkreis. Roland Gutsch war einer der Wortführer der ersten Stunde. Er hatte maßgeblich Anteil daran, dass diese fragile Organisation zusammengehalten wurde - und dass man in der INTERNET über gemütliche Treffen hinaus auch so etwas wie Workshops oder Kongresse zustande gebracht hat. Was bewegte einen so weltläufigen, viel reisenden Kosmopoliten wie Roland Gutsch dazu, mit der GPM eine nationale PM-Organisation zu gründen und gleich auch deren Vorsitz zu übernehmen? Es kamen mehrere Gründe zueinander. Zunächst sollte der INTERNET-Weltkongress 1979 in Garmisch-Partenkirchen stattfinden. Wir brauchten hier also ein nationales Pendant zur INTERNET. Der andere Grund war, dass sich zu dieser Zeit in vielen Ländern nationale PM- Gesellschaften gründeten und das Projektmanagement allgemein bekannter wurde. Wir waren mit einer nationalen Organisation in Deutschland schon spät dran. Projektmanagement wurde in Deutschland immer bekannter und hatte keine Heimat in einem eigenen Verband. An dem ersten deutschen Projektmanagementboom der Siebzigerjahre war Roland Gutsch ja nicht ganz unbeteiligt. Roland Gutsch hat die Verbreitung von Projektmanagement hierzulande schon vor der GPM-Gründung gefördert, sehr stark sogar. Er hatte eine 17-teilige Fernsehserie zur Netzplantechnik im damaligen Bildungsprogramm der ARD initiiert, dies war ein gewaltiger Schub für das frühe Projektmanagement. Die Fortbildungsserie wurde 1970 ausgestrahlt; das Drehbuch hat er mit Kollegen, vor allem bei Dornier, geschrieben. Bundesweit begleiteten vierhundert Seminare diese Serie. projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2009 l 11 Das Schokoladenprojekt Ein Team muss sich mit seinem Projekt identifizieren, keine Frage. Roland Gutsch löste diese Aufgabe in den Sechzigerjahren bei Dornier auf seine Weise: Die erste Teambesprechung für ein neues Projekt fand am Nikolaustag statt; er stellte jedem Mitarbeiter einen Schokoladennikolaus auf den Platz. Bei der nächsten Besprechung im Januar folgte Toblerone-Schokolade. Zu Ostern beschenkte er sein Team mit Schokoladenostereiern. Im Nu war Gutschs Vorhaben als „Schokoladenprojekt“ bekannt; das Projekt hatte seinen Namen und seine Identität. Mitarbeiter wirkten stolz im „Schoko-Team“ mit. Und für das nötige Projektmarketing war auch gesorgt. Im Gespräch: Professor Hasso Reschke erinnert sich an den Gründervater der GPM. Foto: privat PM_3-09_1-64: Inhalt 28.04.2009 10: 47 Uhr Seite 11 Man konnte als Zuschauer und Teilnehmer der Seminare eine Prüfung ablegen und ein VDI-Zertifikat erwerben. Über 17.000 Teilnehmer bekamen innerhalb eines Vierteljahres ihre Zertifikate; über 17.000 Personen wussten auf einmal, was Projektmanagement ist. Augenblick - Netzplantechnik oder Projektmanagement? Man verstand damals unter Projektmanagement noch die oft hochwissenschaftlich betriebene und arbeitsintensive Netzplantechnik, und sie war vielen Topmanagern wegen ihrer Komplexität und ihres Aufwands alles andere als willkommen. Anfang der Siebzigerjahre hat man manchmal gescherzt: „Manche Projektpläne wurden sogar fertig, bevor das Projekt beendet war.“ Projektmanagement war damals also nur Planungsmethode? Roland Gutsch hat das Projektmanagement damals schon deutlich weiter gefasst. Er hielt es für eine Führungsmethodik, nicht für eine Planungsmethode. Damit war er Anfang der Siebzigerjahre seiner Zeit weit voraus. Dies war er - aber nicht sehr lange. Zum Weltkongress 1979 in Garmisch-Partenkirchen wurde seine Sichtweise in der weltweiten PM-Community aufgenommen. Seither gilt Projektmanagement unbestritten als Führungsmethodik. Wie kam es zu diesem Umschwung beim ersten PM- Weltkongress in Deutschland? Die Zeit und die größer werdende PM-Gemeinschaft waren reif dafür, die Einsichten von Roland Gutsch aufzunehmen. Auch haben wir gewissermaßen Fakten geschaffen, indem wir das Kongressprogramm auf diesen Fokus ausgerichtet haben. Roland Gutschs zweite Forderung, dass Projektmanagement in der Unternehmensspitze verankert werden muss, wurde leider nicht so schnell erfüllt. Nein, diese Forderung war und ist auch heute noch deutlich schwieriger zu erfüllen. Noch lange nach der Gründung der GPM galt Projektmanagement im Topmanagement als komplizierte Planungstechnik - und wurde deshalb delegiert. Wie ist Roland Gutsch selbst mit Projektmanagement in Berührung gekommen? Er stammt aus einer angesehenen Karlsruher Familie von Medizinern, und er sollte nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums ebenfalls Medizin studieren. Der Krieg hat diese Pläne zunichte gemacht. Nach der Rückkehr von der Ostfront war Roland Gutsch bei der Firma Rhodiaceta in Freiburg in der Betriebsorganisation tätig, er engagierte sich auf dem noch jungen Feld der elektronischen Datenverarbeitung. 1960 wechselte er als Abteilungsleiter zu dem Luft-, Raumfahrt- und Wehrtechnik-Unternehmen Dornier. Dort baute er den Bereich Projektplanung/ Projektsupport auf. Ein ungewöhnlicher Lebensweg für einen humanistisch Gebildeten mit dem Berufsziel „Medizin“. Seiner humanistischen Bildung ist er zeitlebens treu geblieben. Er war leidenschaftlicher Cellospieler, großer Freund der Hausmusik und Goethekenner. Und er malte … … malte? Ich erinnere mich, wie er Projektmanagementfreunde mit der Malerei bekannt machen wollte. Er lud uns zu sich nach Hause ein, gab uns Staffeleien und leitete uns an. Dies illustriert übrigens den familiären Charakter, der Roland Gutsch für die PM-Community vorschwebte. Es war ihm ein Anliegen, die Menschen auch persönlich - und nicht nur beruflich - in Verbindung zu bringen. Über viele Jahre hat Roland Gutsch die IPMA und die GPM als Vorsitzender geleitet. Noch heute wird international seine Begabung gerühmt, Menschen zu führen. Zu Recht, denke ich. Roland Gutsch war eine Führungskraft par excellence. Er hatte viele visionäre Ideen, verstand es zu motivieren und gab Freiraum. Auch bei Konflikten suchte er immer Gemeinsamkeiten. Anfang der Neunzigerjahre hat sich Roland Gutsch, damals schon fast siebzig Jahre alt, aus seinem Beruf und der PM-Community zurückgezogen. Wie hat er zuletzt die Entwicklung der IPMA, der GPM und des Projektmanagements bewertet? Mitte der Neunzigerjahre habe ich mit ihm kurz darüber sprechen können. Er sagte: „Na, die Saat ist wohl aufgegangen.“ Daraus sprach Zufriedenheit mit seinem Lebenswerk. ■ 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2009 12 SONDERTEIL Motivation by Roland Gutsch Das Startteam in einem großen Brasilienprojekt für Dornier: Alle Pläne und Unterlagen sind zusammengestellt, rund 400 Seiten, Pläne teilweise im DIN-A0-Format. Roland Gutsch kehrt aus einem Meeting mit der Geschäftsführung zurück. Er ruft sein Team zusammen. „Ich weiß nicht“, sagt er zögerlich, „ich glaube, ich habe da eben etwas viel versprochen! “ Denn Roland Gutsch hatte zugesagt: Sein Team werde innerhalb einer Woche das gesamte Planungsmaterial ins Portugiesische übersetzen. „Können wir das? “, fragte Gutsch. Das Team nickte - bei aller Ratlosigkeit, wie der Kraftakt zu schaffen sei. Dann warf sich die Abteilung in die Arbeit. Mithilfe dreier kurzfristig angeheuerter Übersetzer, fünf zusammengeliehener Sekretärinnen und einer exklusiv reservierten Pauserei wurden die Unterlagen pünktlich fertig. Die Geschäftsführung konnte sie in Brasilien präsentieren. Roland Gutsch international Internationales Expertenseminar am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon bei Zürich. 150 Teilnehmer aus aller Welt. Roland Gutsch hält die Eröffnungsrede in dem ihm eigenen Englisch. Man lauscht andächtig. Da unterbricht sich Roland Gutsch, setzt seine Brille ab und sagt auf Deutsch: „Jetzt möchte ich einmal einige Sätze in Deutsch sagen.“ Gesagt, getan. Die internationale Teilnehmerschaft hört weiter andächtig zu. Und viele verstehen ihn auch - zumindest dem Sinn nach. PM_3-09_1-64: Inhalt 28.04.2009 10: 47 Uhr Seite 12