eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 23/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
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2012
233 Gesellschaft für Projektmanagement

Zwanzig Stunden im Sattel - bis an den Rand der Erschöpfung

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2012
Oliver Steeger
Radfahren bis an den Rand des Zusammenbruchs: Der Extremsportler Stefan Schlegel will in höchstens zwölf Tagen den amerikanischen Kontinent durchqueren. Er fährt das Rennen „Race Across America“ (RAAM), das härteste Radrennen der Welt. Über zwanzig Stunden täglich sitzen die Athleten im Sattel. 4.800 Kilometer Hochleistungsrennen liegen vor ihnen. Sie überwinden 30.000 Höhenmeter und fahren auch bei Dunkelheit und Dauerregen. Mit Projektmanagement hat sich Stefan Schlegel auf dieses Rennen vor bereitet. Das Training dauerte ein Jahr. Im Interview erläutert er, was ihn zu seinem Vorhaben bewegt, wie er sein Sportprojekt aufgesetzt hat, welche Rolle sein Team bei diesem Wettkampf spielt – und wie er solche Strapazen mental durchhält.
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22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 12 REPORT Ihr Ziel klingt unglaublich. Sie wollen auf dem Fahrrad die USA durchqueren - von der Westküste zur Ostküste, rund 4.800 Kilometer. Und zwar binnen zwölf Tagen! Pro Tag werden Sie rund 400 Kilometer im Sattel sitzen. Stefan Schlegel: Ein Teil derer, mit denen ich über dieses Vorhaben spreche, halten den Plan für verrückt. Andere bekommen leuchtende Augen und finden den Plan fantastisch. Ist dies überhaupt möglich - täglich 400 Kilometer Rad zu fahren? Ich werde am Tag nur zwei, höchstens drei Stunden schlafen. Die restliche Zeit werde ich fahren. Hat dies schon jemand geschafft? Selbstverständlich! Eine Reihe von Athleten und Extremsportlern hat dieses Ziel erreicht. Das Rennen „Race Across America“, das ich fahren werde, gilt zwar als das härteste Radrennen der Welt. Aber viele Extremsportler haben dieses Rennen in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich bestanden. Sie haben die Strecke sogar in weniger als zwölf Tagen zurückgelegt. In der Königsklasse des Rennens - Männer bis 59 Jahre - starten nicht mehr als vierzig Athleten, die sich für diese Tour qualifiziert haben. Es handelt sich um durchtrainierte Extremsportler, für sie ist das Rennen dennoch ein gewaltiger Kraftakt ... Kein Sportler stellt sich an die Startlinie dieses Rennens und fährt einfach mit. Die Vorbereitung und das Training sind extrem wichtig. Ich bereite mich seit Langem intensiv auf das Rennen vor. Ich habe Qualifizierungsrunden gemeistert, ein 24-Stunden-Rennen in Skandinavien. Und ich trainiere dafür insgesamt eineinhalb Jahre. Für Projektmanager ist spannend, dass Sie die Vorbereitung und das Radrennen als Projekt planen. Die Methoden des Projektmanagements sind sehr hilfreich bei der Vorbereitung. Aber: Ich bin Sportler und Personal Trainer, kein Projektmanager. Trotzdem hat Ihr Sportprojekt viele Kennzeichen von professionellen Projekten. Sie haben Ihr Ziel definiert. Zwanzig Stunden im Sattel - bis an den Rand der Erschöpfung Sportprojekt: Das welthärteste Radrennen quer durch die USA Radfahren bis an den Rand des Zusammenbruchs: Der Extremsportler Stefan Schlegel will in höchstens zwölf Tagen den amerikanischen Kontinent durchqueren. Er fährt das Rennen „Race Across America“ (RAAM), das härteste Radrennen der Welt. Über zwanzig Stunden täglich sitzen die Athleten im Sattel. 4.800 Kilometer Hochleistungsrennen liegen vor ihnen. Sie überwinden 30.000 Höhenmeter und fahren auch bei Dunkelheit und Dauerregen. Mit Projektmanagement hat sich Stefan Schlegel auf dieses Rennen vorbereitet. Das Training dauerte ein Jahr. Im Interview erläutert er, was ihn zu seinem Vorhaben bewegt, wie er sein Sportprojekt aufgesetzt hat, welche Rolle sein Team bei diesem Wettkampf spielt - und wie er solche Strapazen mental durchhält. Oliver Steeger „Du kannst alles im Leben schaffen, du musst es nur wirklich wollen“, so die Maxime des 35-jährigen Leistungssportlers Stefan Schlegel aus Hirschberg. Mit Entschlossenheit und intensivem Training widmet sich Stefan Schlegel seinen sportlichen Wettkämpfen. Neben der erfolgreichen Teilnahme bei der Ironman-Weltmeisterschaft 2010 auf Hawaii erkämpfte er sich regelmäßig Topplatzierungen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen, beispielsweise 2010 in China, 2009 in Nizza, 2008 in Zürich sowie zuvor auch in Frankfurt und Klagenfurt. Mit seinem bisher ehrgeizigsten Projekt - dem Radrennen „Race Across America“ - will er auch anderen Menschen Mut machen. „Ich möchte mit diesem Projekt anderen Menschen Mut und Kraft geben, sich ihren eigenen Herausforderungen zu stellen und Hindernisse zu überwinden“, sagt er. Über Spendengelder, die er im Rahmen seiner RAAM-Teilnahme sammelt, will er hilfsbedürftige Menschen unterstützen. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 12 Sie managen Risiken. Sie haben einen Termin- und Ressourcenplan, führen ein Team und setzen sich mit den Interessen von Stakeholdern auseinander. Alles aus dem klassischen Projektmanagement bekannte Elemente ... ... und für ein Sportprojekt sehr nützliche Hilfsmittel, wie ich festgestellt habe. Beginnen wir mit dem Ziel. Projektmanager definieren sehr früh das Ziel. Bei Ihrem Vorhaben ist dies recht einfach. Die Rahmendaten des Rennens „Race Across America“ geben das Ziel vor. 4.800 Kilometer quer durch die USA auf dem Fahrrad in höchstens zwölf Tagen. Damit ist das Ziel noch nicht definiert - zumindest nicht aus meiner Sicht. Nein? Inwiefern nicht? Etwas Wesentliches fehlt: Ich will das RAAM-Rennen im Juni 2012 fahren, dieser Punkt ist entscheidend. Zieldefinition kennen ja nicht nur Projektmanager, sondern auch Sportler. Im Sport setzt sich ein Ziel aus drei messbaren Kenngrößen zusammen: Inhalt, Ausmaß und Zeit. Also was, wie und wann - diese Fragen stellen sich bei der Zieldefinition. Einfaches Beispiel: Beim Start des RAAM-Rennens will ich eine bestimmte Leistung von meinem Körper abrufen können, eine bestimmte Wattzahl auf dem Fahrrad treten können. Bei der Vorbereitung muss ich wissen, wo ich am Anfang des Trainings stand, wie groß die Lücke zwischen dem Ist-Wert und dem Soll-Wert ist und auf welche Weise ich diese Lücke schließen kann. Viele Teams definieren „Muss-Ziele“ und „Kann- Ziele“ ... Bei uns im Team ist das nicht anders! Wir haben uns ein Grundziel gesetzt. Ich komme mit meinem Team gesund an der Ostküste an, so lautet das Basisziel. Die Gesundheit des Teams und des Athleten steht im Vordergrund, dieses Ziel steht über allem. Selbstverständlich will ich das Rennen binnen der vorgeschriebenen Zeit fahren. Ich will mich sogar gut platzieren, also weniger als zwölf Tage fahren, in der Konkurrenz möglichst weit vorne stehen! Aber dies ist schon kein Basisziel mehr. Die Gesundheit scheint doch sehr selbstverständlich zu sein. Muss sie eigens im Basisziel genannt werden? Gegenfrage: Ist die Gesundheit der Beteiligten so selbstverständlich - beim Sport und auch im Projektmanagement? Burn-out ist unter Projektmanagern ebenso verbreitet wie gefürchtet. Als Personal Trainer betreue ich viele Manager. Viele bezahlen ihren Erfolg - das Erreichen hochgesteckter Ziele - mit ihrer Gesundheit. Einige nehmen längst die Warnsignale nicht mehr wahr, die ihnen ihr Körper sendet. Sie pflegen mit ihrem Körper bestenfalls eine flüchtige Bekanntschaft. Sportprojekt mit Ziel Der Stress schlägt aufs Herz, wie man sagt. Nicht nur dies. Unser Körper will bewegt werden. Er ist darauf ausgelegt, täglich 10 Kilometer zu laufen oder 30 Kilometer zu gehen. Täglich! Der Durchschnittsbürger geht am Tag vielleicht 800 Meter. Kurz, ich würde begrüßen, wenn mehr Projekte auch das Ziel festschreiben würden, dass sie die Beteiligten gesund erhalten. Nochmals zum RAAM-Rennen. Was bewegt Sie, dieses harte Rennen zu fahren - sich also solch ein extremes Ziel zu setzen? Ich habe mir vor knapp zwei Jahren meinen Lebenstraum erfüllt und an der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii teilgenommen ... ... zur Erläuterung: Der „Ironman“ ist ein Triathlon- Wettbewerb mit 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern auf dem Rad und einem Marathonlauf über 42 Kilometer. Für diese Weltmeisterschaft habe ich intensiv und fokussiert trainiert. Ich habe mich in China qualifiziert und bin dann in Hawaii angetreten. Das Rennen war fantastisch. Nachdem ich bei dieser Weltmeisterschaft erfolgreich abgeschnitten habe ... ... Sie gehören heute zu den weltbesten Ironman- Athleten ... ... habe ich mich gefragt, was noch alles in mir schlummert, was ich noch in meinem Leben erreichen will. So habe ich zum Rennen „Race Across America“ gefunden. Sie wollen den Erfolg in Hawaii übertreffen, die Leistung toppen? Nein, darum geht es mir nicht! Mein Entschluss hat nichts mit dem Denkschema „Noch höher, noch schneller, noch weiter“ zu tun. Ich finde es faszinierend, das Radrennen in den USA zu erleben und daran teilzunehprojekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 l 13 Zwölf Tage lang täglich mehr als zwanzig Stunden im Sattel: Der Extremsportler Stefan Schlegel bereitet sich in einem Projekt auf das härteste Radrennen der Welt vor. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 31.05.2012 8: 43 Uhr Seite 13 men. Das hat viel mit persönlicher Leidenschaft zu tun. Ich liebe es, herauszufinden, was ich imstande bin zu leisten - auf der körperlichen, aber auch auf der mentalen Ebene. Das Radrennen quer durch die USA wird mit extremen Strapazen verbunden sein. Auf den 4.800 Kilometern Rennstrecke haben Sie 30.000 Höhenmeter zu überwinden. Jeder, der das Rennen bisher gefahren ist, warnt beispielsweise vor Halluzinationen durch Schlafmangel. Wo liegen die Erfolgsfaktoren für dieses Rennen? Erfolg ist immer Kopfsache. Das Mentale spielt eine wichtige Rolle. Das Rennen wird in den Köpfen der Athleten und ihrer Teammitglieder entschieden. Im Kopf? Wie darf ich dies verstehen? Stellen Sie sich vor, Sie laufen einen Marathon. Ihnen werden bei Kilometer zehn die Beine schwer. Sie spüren, dass mit jedem Kilometer mehr die Last wächst. Dann haben Sie das Rennen schon fast verloren! Augenblick! Weil die Beine schwer werden? Nein, weil sich Ihr Kopf nicht mehr auf Ihr Ziel fokussiert. Der Kopf erwägt bereits anzuhalten und aufzugeben; er ist nicht mehr im Hier und Jetzt. Im Idealfall wird es Läufern kaum bewusst, wie sie beispielsweise zehn Kilometer gelaufen sind. Plötzlich liegt die Strecke hinter ihnen; sie wissen nicht, wie dies geschehen ist. Ihr Geist befindet sich im Hier und Jetzt. Manche nennen dies „Runner’s High“ ... Andere gebrauchen den Begriff „Flow“. Wie auch immer. In diesem Zustand befinden sich Körper, Geist und Seele in perfekter Harmonie. Sie können es zu Höchst- Leidenschaft für das Ziel leistungen bringen. Worauf ich hinauswill: Es ist immer der Kopf, der diese Harmonie stört oder bewirkt. Ein solches Radrennen wie das „Race Across America“ fährt kein Sportler allein. Auch Sie werden von einem Team begleitet, mit dem Sie sich auf den Wettkampf vorbereiten und das während des Rennens stets in Ihrer Nähe ist. Das Spezialistenteam besteht aus jeweils einem Mediziner, Ernährungsspezialisten, Mentalcoach, Physiotherapeuten, Radmechaniker ... Sogar ein Animateur ist dabei! Ein Animateur? Er unterhält mich, mit ihm kann ich Spaß haben, wenn es beispielsweise nachts durch dunkles Gelände geht. Wie findet man geeignete Teammitglieder für solch ein Vorhaben? Ich habe vor der Suche nach Mitstreitern gründlich recherchiert. Ich habe nachgeforscht, welche Teamerfahrungen Athleten gesammelt haben, die bereits das Rennen gefahren sind. Hatten sie Männerteams - oder waren die Teams gemischt? Welche Fachbereiche waren vertreten? Anschließend habe ich überlegt, welcher Typ Mensch in das Team passen könnte, mit wem ich gerne zusammenarbeite, welche Menschen ich um mich haben möchte. Die Chemie muss ja stimmen. Viele Sportler sagen, dass ihre Erfolge nur im Team errungen werden - und zwar im Team mit den Fachleuten hinter den Kulissen. Weshalb ist die Beziehung zwischen Sportler und Team so einzigartig? Ich muss dem Team blind vertrauen können. Vertrauen auf die Richtigkeit seiner Ernährungspläne, auf die Navigation und die Logistik. Meldet mir mein Team, dass ich nach über zwanzig Stunden im Sattel beginne Schlangenlinien zu fahren - dann muss ich Pause machen. Auch dann, wenn ich eigentlich weitermachen wollte. Vor allem müssen die Teammitglieder Ihr Ziel teilen. Sie brauchen den gleichen Erfolgswillen wie Sie. Wie findet man gestandene Fachleute, die sich mit Haut und Haaren solch einem Projektziel verschreiben? Ich habe möglichen Kandidaten von meiner Projektvision erzählt. Ich habe ihnen geschildert, wie wir von der Westküste zur Ostküste fahren, Tag und Nacht, wie wir an dem längsten und härtesten Rennen teilnehmen wollen. Wurden dann die Augen der Leute größer, wurde damit auch nur ein klitzekleiner Funke geschlagen, so wusste ich, dass ich diese Leute für das Ziel entflammen konnte. Niemand garantiert, dass aus dem Funken eine Flamme wird und die Flamme hält ... Sicher nicht. Bei einigen ist die Flamme später wieder erloschen und sie haben das Team verlassen. Es handelt sich ja um ehrenamtliche Mitstreiter. Spezialisten im Team Mitarbeiter „fangen Feuer“ 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 14 REPORT Erfolge im Sport sind heute Erfolge im Team. Fachleute begleiten Stefan Schlegel bei Training und Rennen. Im Team finden sich je ein Mediziner, Ernährungsspezialist, Mentalcoach, Physiotherapeut und Radmechaniker. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 14 Trotzdem wollen Sie sich so weit wie möglich überzeugen, dass Ihr Team mitzieht und durchhält. Wie haben Sie Ihre Mitarbeiter ausgewählt? Wichtig ist, dass das Team mein Ziel zu dem seinigen macht. Ich habe meinen Teammitgliedern gezeigt, welche Strapazen auf sie zukommen. Sie haben selbst kaum Schlaf, die hygienischen Bedingungen während des Rennens sind schlecht, keiner hat eine Intimsphäre oder kann sich mal zurückziehen, jeder muss die ganze Zeit über abrufbar sein. Manche konnte ich trotzdem nicht bremsen. Sie sind für das Projekt entflammt. Bei denen weiß ich: Sie brennen darauf, im Team mitzumachen. Sie wollen unbedingt dabei sein und die Strapazen dafür auf sich nehmen. Diese Menschen sind bereit, wirklich ihre bestmögliche Leistung zu geben, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Sie werden nicht irgendwann sagen: „Ich bin müde, fahr mal alleine weiter! “ Stichwort: Leidenschaft? Für solche Ziele - unglaubliche Ziele, wie Sie gesagt haben - braucht man Leidenschaft. Jeder Mitstreiter muss aus Leidenschaft dabei sein. Als Projektmanager muss ich herausfinden, wer aus Leidenschaft dabei ist - und wer sich wegen ein bisschen Leidenschaft und ansonsten des Geldes oder des Ruhmes wegen gemeldet hat. Es ist wie mit Freunden. Echte Freunde erkennt man, wenn sich die Freundschaft bewähren muss. Und die wirklich engagierten Mitarbeiter erkenne ich erst im Tal der Tränen, inmitten der Strapazen. Vorbereiten auf diese Situation kann ich mich nur durch sorgfältige Auswahl der Teams - nicht nur in fachlicher, sondern auch in persönlicher Hinsicht. In intensiven Trainingssituationen haben wir schwierige Situationen trainiert. Dies hat mich darin bestätigt, die richtige Person fürs Team gefunden zu haben. Bei dem Rennen ist das Team ständig in meiner Nähe, der Van folgt mir in höchstens 15 Metern Abstand. Das Team betreut mich in zwei Schichten; ich habe zwei Teamchefs, einen für den Tag und einen für die Nacht. Und diese Teamchefs haben die Hosen an! Das heißt? Sagt mir ein Teamchef, dass ich Pause machen sollte, mache ich Pause. Sie machen auch dann Pause, wenn Sie selbst meinen, Sie brauchen keine? Auch dann! Absolutes Vertrauen zum Team. Ich muss ihm vertrauen, dass es mit mir das oberste Ziel - die Gesundheit - verfolgt, dass es uns alle gesund und möglichst weit vorn im Rennen an die Ostküste bringt. Sprechen wir über etwas Technisches, den Zeitplan für die Vorbereitung und das Training. Wie haben Sie den Zeitplan für Ihr Projekt entwickelt? Diese Aufgabe war recht einfach. Ich habe vom Endziel her gerechnet, also vom Termin des Rennens her. Dann habe ich überlegt: Was muss ich bis dahin tun, um beim RAAM starten zu dürfen und erfolgreich abzu- Absolutes Vertrauen zum Team schneiden? Anhand von Meilensteinen wie diesem Qualifizierungsrennen habe ich meinen Terminplan mit Trainingszyklen aufgebaut - also ganz klassisch Zwischenziele gesetzt. Beispielsweise brauchte ich ein Qualifizierungsrennen, und ich habe dafür ein 24-Stunden-Radrennen in Dänemark gewählt. Weshalb ein 24-Stunden-Rennen? Für mich ist es schwieriger, 24 Stunden mit hohem Tempo zu fahren, als zwölf Tage mit vergleichsweise niedriger Geschwindigkeit. Die Qualifizierung ist für mich so gesehen körperlich härter als das eigentliche Rennen in den USA. Projektmanager prüfen regelmäßig, ob sich ihr Projekt wie geplant entwickelt. Ob also die Soll-Daten des Plans mit den Ist-Daten übereinstimmen. Sie spielen auf das Projektcontrolling an? Darauf will ich hinaus! Kann man ein solches Vorhaben, wie Sie es durchführen, überhaupt einem Controlling unterziehen? Selbstverständlich kann man dies. Aus dem Training bekommen wir viele Daten, beispielsweise Leistungsdaten oder Daten aus dem Blutbild. Diese Daten können wir mit den Plänen vergleichen. Soweit die sportmedizinische Seite. Doch auch das Körpergefühl - die subjektive Vorbereitung - hat Bedeutung. Wir haben vorhin über den Stellenwert des Mentalen gesprochen. Mentales können Sie nicht wie körperliche Fitness in Kennzahlen ausdrücken. Völlig richtig! Da sind Grenzen gesetzt. Die Daten etwa vom Leistungsmesser des Trainingsfahrrads kann ich nachhalten. Bei Abweichungen vom Plan kann ich Fehler suchen, etwa meine Ernährung prüfen. Beim Mentalen funktioniert dies nicht. Kennzahlen beim Training projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 l 15 Tempo, Ernährung, Pausen - bei dem Rennen quer durch die USA überlässt Stefan Schlegel nichts dem Zufall. Mit Risikomanagement hat er sich auf die Tour vorbereitet. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 15 Wie gehen Sie mit dieser Schwierigkeit um? Ich akzeptiere sie. Der Mensch ist keine Maschine. Ich spreche meinem Team gegenüber immer wieder von der Variable „Mensch“. Dies gilt auch für das körperliche Training, nicht nur für das mentale. Manchmal entdecke ich unerklärliche Abweichungen in den Trainingsdaten. Und? Ich bleibe gelassen. Schlechte Tage habe ich zu akzeptieren. Punktum. Sprechen wir bitte über das Risikomanagement. Risikomanagement ist eine Pflichtaufgabe bei Projekten. Dies ist bei meinem Projekt nicht anders. Ich muss mich gerade bei solch einem extremen Rennen auf Risiken vorbereiten. Was unternehme ich beispielsweise, wenn ein Tornado die Rennstrecke kreuzt? Wie kann ich mich darauf vorbereiten? Wie sind Sie beim Risikomanagement vorgegangen? Ich habe klassisch Worst Case-Szenarien geprüft, wie es jedem Projektmanager bekannt sein dürfte. Vorher habe ich sorgfältig recherchiert. Ich habe die Liste der Teilnehmer der vergangenen Rennen daraufhin durchgesehen, wer nicht angekommen ist. Diese Teilnehmer habe ich gefragt, weshalb sie es nicht geschafft haben. Was passiert ist. Also Lernen aus den Fehlern anderer Projekte? Selbstverständlich! Das Leben ist doch zu kurz, um alle möglichen Fehler selbst zu machen! Was haben die Recherchen ergeben? Beispielsweise habe ich mit einem Athleten gesprochen, der an allen 55 Kontrollstationen der Strecke kurz angehalten und den Kontrollbeleg unterschrieben hat. Dabei hat er kurz mit dem Team geredet, nur ein paar Minuten. Am Ende haben sich diese Pausenzeiten auf mehr als vier Stunden addiert. Lernen von anderen „Sportprojekten“ Wegen ein paar Stunden hat er das Ziel verfehlt? Immerhin vier Stunden! Das ist mehr als eine komplette Schlafphase! Ich habe mir gesagt: Den Fehler verplemperter Zeit werde ich nicht machen. Dieses Risiko kann ich ganz ausschließen. Auf andere Risiken kann man sich vorbereiten ... Auch dazu ein Beispiel. Ich habe bei meinen Recherchen von dem sogenannten „Shermer’s Neck“ gehört. Von was bitte gehört? Dieses Phänomen betrifft Radfahrer, die extrem lange im Sattel sind. Das erste Mal ist dies bei einem Sportler namens Michael Shermer aufgetreten. Kernpunkt ist: Auf dem Fahrrad sitzt man in unnatürlicher Haltung. Man fährt gebückt und nimmt den Kopf hoch. Dies beansprucht über zwölf Tage die Nackenmuskulatur. Irgendwann kann die Nackenmuskulatur versagen. Der Kopf fällt unkontrolliert nach vorne ... ... und der Sportler hat keine Chance, den Kopf aus eigener Kraft wieder aufzurichten. Manche Athleten tragen deshalb eine Halskrause. Ich versuche, dieses Risiko durch ein auf diese Belastung abgestimmtes Training zu reduzieren. Klassische Vorsorge gegen ein Risiko. Manche Risiken lassen sich nicht durch Vorsorge beherrschen. Welches zum Beispiel? Zwölf Tage Dauerregen. Weshalb soll sich dieses Risiko nicht beherrschen lassen? Entweder man ändert etwas an der Sache ... Dies dürfte sich in diesem Fall ausschließen. Meteorologen erklären sich nur für die Wetterbeobachtung zuständig, nicht für die Realisierung von Wunschwetter. ... oder ich ändere meine Einstellung dazu. Erstens: Regnet es, so werden alle Sportler des Rennens nass, nicht nur ich. Zweitens: Mein Körper besteht zu 60 Prozent aus Wasser. Das Urelement Wasser ist mir gut bekannt und vertraut. Der Mensch besteht auch aus Wasser, also macht ihm Regen bei einem Extremrennen nichts aus ... Mit Verlaub - dies scheint mir recht einfach gedacht. Nein, überhaupt nicht. Ich kann mich ja ein Stück weit darauf vorbereiten. Ich trainiere auch bei Regen. So mache ich mich mit der Situation vertraut. Und fahre ich beim Rennen dann im Sonnenschein, so wird mir dies umso leichter fallen. Sie sprachen gerade von der Einstellung zu Hindernissen. Wie können Sie Hindernisse bewältigen, indem Sie Ihre Einstellung dazu verändern? Das Mentale spielt, wie gesagt, für den Erfolg eine große Rolle. Es kommt darauf an, ob Regen den Durchhaltewillen beeinträchtigt. Ich werde bei Regen die Perspektive wechseln, den Regen also nicht als übermächtiges Hindernis betrachten, sondern neutral oder sogar als Risiko „Tornado“ 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 16 REPORT Im „Sport-Labor“: Moderne Messtechnik unterstützt das Training. Beispielsweise werden Bewegungsabläufe optimiert. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 16 etwas Willkommenes. Durch den Wechsel der Perspektive kann ich wieder frei entscheiden. Frei entscheiden? Angenommen ein Tornado kreuzt meine Rennroute. Einige Sportler kämpfen automatisch verbissen gegen den Sturm an, sie verausgaben sich dabei bis zur völligen Erschöpfung. Andere lassen sich von dem Sturm entmutigen, demoralisieren; sie geben auf. Was ist nun mit dem Perspektivenwechsel? Ich bewerte den Tornado nicht als Hindernis, dem ich so oder so ohnmächtig ausgeliefert bin. Ich betrachte ihn als einen neutralen oder sogar günstigen Umstand. Ich nutze das Unwetter, mache eine Pause, schlafe und fahre gestärkt weiter, wenn der Tornado weitergezogen ist. Krisen werden für Sportler dann schwierig, wenn sie sich keine Möglichkeiten zu Entscheidungen verschaffen können, wenn sie also nicht in Alternativen denken können. Stichwort „geistige Flexibilität“? Kann ich besser und häufiger als andere meinen Blickwinkel verändern und in Alternativen denken, bin ich mental besser aufgestellt. Nochmals zu Ihrem Projektmanagement. Kommunikation und Führungsgeschick gelten als entscheidend für den Projekterfolg. Im Sport ist gelegentlich ein rauer, wenig diplomatischer Umgangston üblich ... Ich denke, dies wird missverstanden. Richtig ist, dass wir einen sehr direkten Stil bei der Kommunikation pflegen. Ich sage meinem Team sehr offen und unverblümt, was mir gefällt oder nicht passt. Ich frage direkt nach, wenn Vereinbartes nicht erfüllt wird. Ich lege meine Sichtweise dar, ich will die Sichtweise aus dem Team hören. Direkte Kommunikation Jeder weiß, woran er ist. Die Kommunikation in meinem Projekt ist sehr intensiv. Wir sprachen vorhin von der großen Herausforderung, in zwölf Tagen die USA zu durchqueren. Sie fahren pro Tag mindestens vierhundert Kilometer, mehr als die Strecke von Frankfurt bis München. Mit welcher Strategie kann man solch ein Pensum bewältigen? Letztlich geht es um die perfekte Mischung aus Regeneration und Aktion. Wie darf ich dies verstehen? Es gibt unterschiedliche Strategien. Entweder fahre ich schnell und habe dann Zeit zum Ausruhen. Oder ich schlafe wenig und fahre vergleichsweise langsam. Rein rechnerisch: Wer zwanzig Stunden am Tag fährt, muss eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zwanzig Stundenkilometern halten - egal, ob es bergauf geht oder das Terrain flach ist. Einer solchen Strategie folge ich. Ich unterbreche die Fahrt so wenig wie möglich. Viele Alltagsdinge kann ich auf dem Fahrrad erledigen: essen, Zähne putzen, telefonieren oder mich mit dem Team unterhalten. Mache ich Pause, so muss dies einen wichtigen Grund haben, nämlich zu schlafen. Letztlich kommt es also auf die Effektivität der Pausen an? Ja! Ich versuche mich so effizient es geht zu erholen. Viele verzetteln sich in den Pausen, fangen dies und jenes an - statt sich auf das Wesentliche, die Regeneration, zu konzentrieren. Vermutlich trainieren Sie auch, sich in den Pausen optimal zu erholen? Ich verwende auch Methoden wie Hypnose, um mich hocheffizient zu regenerieren. Der Sieger von 2011 hat etwas mehr als acht Tage für die Strecke gebraucht, und er hat insgesamt nicht mehr als zwölf Stunden geschlafen. Schlafmangel kann, wie vorhin gesagt, zu Halluzinationen führen. Dies weiß ich. Ich stelle mich mental auf wenig Schlaf ein und trainiere die Bereitschaft, mit wenig Schlaf auszukommen - trainiere dies vor allem im Kopf. Ich werde nachts nicht automatisch müde, insbesondere nicht, wenn ich körperlich in Aktion bin. Zudem ist mein Team auf den Umgang mit mir vorbereitet, wenn es dunkel wird oder ich mentale Tiefs durchfahre. Wie bereiten Sie sich auf diese Situationen vor? Eine wichtige Rolle spielt, auf welchen Wegen man sich mental trainiert. Ich reagiere besonders gut auf Bilder, ich bin Visualist. Suggestionen Effektivität von Pausen projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 l 17 Risiko „Shermer’s Neck“: Radfahrer sitzen in unnatürlicher, gebückter Haltung. Sie müssen zwölf Tage lang den Kopf hoch nehmen. Früher oder später droht die Nackenmuskulatur zu versagen. Stefan Schlegel reduziert dieses Risiko durch ein darauf abgestimmtes Training. Foto: scal-pictures.de wir können. sympathisch anders. 30 Jahre © 2005 www.first- T r a i n i n g Projektpersonal optimal vorbereiten Stufe für Stufe die richtige Qualifikation - Ausbildung mit ibo-Zertifikat für den • Projektmanagement-Fachmann/ -frau • Projektleiter/ in • Projektmanager/ in Einzel- und Vertiefungsseminare • Projektmanagement Grundlagen • Projektmanagement kompakt • Projekterfolg durch effektive Führung und Zusammenarbeit • Multiprojektmanagement Zertifizierungsvorbereitungsseminare • IPMA Level D und C • Prüfungsvorbereitung zum PMP® Internationale Standards Alle Inhalte orientieren sich an den Standards der IPMA und des PMI®. Ihre Ansprechpartnerinnen Barbara Bausch, Heike Borschel training@ibo.de Weitere Infos finden Sie auch unter www.ibo.de/ training/ projektmanagement ibo Beratung und Training GmbH Im Westpark 8 | D-35435 Wettenberg T: +49 641 98210-300 F: +49 641 98210-500 training@ibo.de | www.ibo.de Beratung | Software | Training | Verlag Anzeige PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 17 funktionieren sehr gut: Ich sehe mich am Ziel, und dort angekommen stelle ich mir den Weg dorthin vor. Ich rufe Stärken aus meiner persönlichen Vergangenheit ab. Auch Musik hilft mir; manche Musikstücke pushen mich enorm, andere helfen mir, mich wieder herunterzubringen. Trotzdem - die Anstrengungen sind gewaltig bei diesem Radrennen. Irgendwann ist der Körper müde und ausgelaugt. Selbstverständlich hält ein Körper so eine Strapaze nicht lange aus! Nach dem Rennen holt sich der Körper den Schlaf zurück, der ihm vorenthalten wurde. Die Kunst ist es, während des Rennens über 4.800 Kilometer das System so aufrechtzuerhalten, dass es gerade noch funktioniert. Besteht bei dieser Gratwanderung nicht die Gefahr, dass sie gegen Ihr Basisziel verstoßen - und Ihren Körper überstrapazieren? Man muss wissen, wann es zu viel wird und das Ziel nicht zu erreichen ist. Viele Menschen wissen dies nicht. Bei Marathonläufen brechen viele Sportler überanstrengt zusammen. Und auch im Berufsleben überschätzen viele Menschen ihre Kraft und leiden unter Erschöpfungsdepressionen. Ein Beispiel dazu. In der Schweiz habe ich meinen vierten „Ironman“ absolviert. Ich bin geschwommen und Rad gefahren, beides war in Ordnung. Danach dachte ich, es könne nur noch besser werden: Ich hatte den Marathon noch zu absolvieren, und von Hause aus bin ich Läufer. Also beste Startchancen. Ab Kilometer zwölf von 42 Kilometern bekam ich mörderische Leistenschmerzen. Ich stand vor der Wahl, durch den Schmerz durchzulaufen oder mein Rennen abzubrechen. Und? Ich habe das Rennen abgebrochen. Der Schmerz war ein Warnzeichen dafür, dass weiteres Laufen auf Kosten meiner Gesundheit gehen würde. Einige Zeit später habe Basisziel „gesund bleiben“ ich mich in China für die Weltmeisterschaft in Hawaii qualifiziert. Dort hatte ich beim Radfahren heftige Muskelschmerzen. Von der Hüfte herab verkrampfte sich jede Muskelfaser. Ich bin neun Stunden mit Krämpfen gefahren und gelaufen. Ich wusste, dass dies nur Muskelprobleme sind, nichts gesundheitlich Bedrohliches. Der Athlet kennt seinen Körper ... ... wie auch der Projektmanager sein Projekt kennt. Ich kann subjektiv empfundene Körpersignale und objektive Messdaten etwa aus dem Blutbild richtig interpretieren. So, wie ein Projektmanager die Kenndaten aus seinem Projekt auswerten kann. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ein guter Projektmanager spürt, wenn etwas in seinem Projekt nicht stimmt. Er ahnt vieles, bevor er handfeste Signale aus dem Projekt empfängt. Ähnlich beim Sportler. Je besser ein Athlet trainiert ist, desto feiner werden seine Sensoren - und desto besser kann er die Überforderung des Systems vermeiden. Können Projektmanager von Ihren Erfahrungen als Extremsportler profitieren? Vermutlich ja! Auch im Beruf ist Erfolg vielfach Kopfsache, also Sache des Willens und des „Flows“. Ein guter Projektmanager wird einerseits nicht zu früh aufgeben, andererseits wird er wissen, wann seine Grenzen erreicht sind. Und er wird sein Team und sich für kein Ziel verheizen. Vorhin sagten Sie, dass viele Manager ihren Körper vernachlässigen - und damit ihre beruflichen Ziele über ihre Gesundheit stellen. Ich will es anders formulieren: Nicht wenige sehr erfolgreiche Manager haben ihren Körper bitter vernachlässigt. Ich frage mich, um wie viel erfolgreicher und belastbarer diese Manager wären, wenn sie körperlich vernünftig trainiert sind. Darf ich Zweifel anmelden? Hat körperliche Fitness so viel Einfluss auf den beruflichen Erfolg? Ein kleines Beispiel: Beim Sitzen ist das Herz-Kreislauf- System heruntergefahren. Rege ich den Kreislauf nur ein wenig an, dann tritt ein gesunder Effekt ein, den wir in der Sportwissenschaft „aktive Regeneration“ nennen. Die Durchblutung wird angeregt, es kommt mehr Sauerstoff ins Gehirn, dies führt zu besserer geistiger Leistung. Ernährt man sich dann noch vernünftig, quasi hirngerecht, ist man zu erstaunlichen Leistungen in der Lage. Vielen Managern fehlt die Zeit für Fitnessprogramme. Viel Zeit ist nicht unbedingt erforderlich für Fitness. Auch kurze Bewegungsphasen können Managern helfen - sofern es sich bei diesen kleinen Einheiten um klare Impulse handelt. Klare Impulse beim Fitnesstraining setzen, darauf kommt es an. Kunst der „klaren Impulse“ Fitness für Projekte? 22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 18 REPORT Leistungsdaten auswerten und abgleichen: Mit messbaren Zielen gestaltet Stefan Schlegel seine Trainingspläne. Foto: scal-pictures.de PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 18 Klare Impulse - inwiefern? Mein Training, mit dem ich mich auf das Rennen in den USA vorbereite, umfasst Einheiten von 15 Stunden bis vier Minuten. Vier Minuten? ! ? Nach diesen vier Minuten Spezialtraining bin ich erschöpft wie nach 15 Stunden Radfahren. Die haben es in sich! Es geht immer darum, einen gezielten, klaren Impuls zu setzen. Viele Breitensportler versäumen dies, das ganze Training ist unentschlossen. Sie bleiben bei dem, was sie machen, undeutlich. Fährt man zehn Stunden Rad, so ist der Impuls klar: lang und locker. Bei anderen Trainings ist der Impuls kurz, aber beinhart. Gestatten Sie ein Gedankenexperiment: Als Extremsportler hätten Sie die Aufgabe, ein Projektteam zu mobilisieren, also in Bewegung zu setzen. Was würden Sie tun? Es gäbe keine Sitzungen mehr, sondern nur noch Stehungen. Wer steht, kommt in Gesprächen schneller zum Punkt. Ach? Die Menschen stehen nicht so gerne. Also beeilt man sich, zu Übereinkünften zu kommen. Ich würde in einem Projekt „Geh-Einheiten“ einrichten, bei denen man im Gehen nachdenkt und diskutiert, und das am Besten noch draußen in der Natur. Dies ist doch kein Sport! Zunächst einmal: Jede zusätzliche Bewegung hilft und unterstützt die Fitness. Auf dem Heimweg eine Busstation früher aussteigen und zu Fuß gehen, die Treppe nehmen statt im Aufzug fahren ... Wie wirkt sich diese Bewegung im Arbeitsalltag aus? Probieren Sie es aus! Wer gerade steht, aber den Kopf hängen lässt - der kann sich beim besten Willen nicht einreden, es gehe im gut. Ich glaube erst an diese Suggestion, wenn ich aufrecht stehe. Was ich sagen will: Ich kann über meinen Körper meinen emotionalen Zustand verändern, genauso, wie mein emotionaler Zustand meinen Körper verändert. Betrachten wir das andere Extrem. Manager nehmen heute immer mehr an Marathonläufen teil. Früher ein außergewöhnliches Sportereignis, ist der bestandene Marathon heute bei vielen ein modisches „Muss“ in der persönlichen Erfolgsbilanz. Völliger Schwachsinn! Wer sagt, dass möglichst jeder unbedingt einen Marathon laufen muss? Das Ziel ist für viele extrem - extrem hart und extrem verführerisch. Man sagt, Marathonläufer seien Erlöser und Erlöste zugleich. Freilich, wer sich für ein Ziel quält, gewinnt viel Selbstbewusstsein. Irgendwann auf der 42-Kilometer-Strecke kommt jeder in ein Tal. Wer diesen Tiefpunkt überwindet, gewinnt innere Stärke, die ihn ein Leben lang begleitet. Diese Kraft und das Selbstbewusstsein, mit dem man ins Büro zurückkehrt, kann auch für berufliche Herausforderungen stählen und Durchhaltevermögen verleihen. Dies habe ich selbst erfahren. - Alles aber auch nur, solange der Manager professionell an den Marathon herangeht und sich beraten lässt. Also ärztliche Untersuchung und Begleitung durch einen Personal Trainer? Ja, zum Beispiel. Wir sprachen vorhin von den körperlichen Signalen, anhand derer zu entscheiden ist, ob man mit Schmerzen weiterläuft oder der Gesundheit zuliebe abbricht. Viele missverstehen die Signale ihres Körpers. Und, wie gesagt, zur Vorbereitung etwa auf einen Marathonlauf gehört auch mentales Training. Zumindest dafür braucht man einen Personal Trainer. Können Extremsportler als Vorbild dienen? Als Vorbild vielleicht in einem übertragenen Sinn: Extremsportler kennen ihre körperlichen und mentalen Grenzen. Diese Grenzen dehnen sie vielleicht ein wenig; sie werden diese Grenzen aber nicht riskant sprengen. Dies gilt übrigens nicht nur für den Sport. Extremsportler können also ihre Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen? Sie wissen, wann sie die Zähne zusammenbeißen müssen - und wann es erforderlich ist, etwa ein Rennen abzubrechen? Man kennt die Risiken, man geht sie ein - oder lässt es bleiben. Blinder Ehrgeiz kann schlimmstenfalls tödlich sein. Wie gehen Sie mit Niederlagen um? Es gibt für mich keine Niederlagen! Wie bitte? Eine Niederlage kassiere ich nur, wenn ich aufgebe. Dann habe ich wirklich verloren. Anders sieht es aus, wenn ich ein Ziel nicht erreiche; es kann durchaus vernünftig sein, etwas abzubrechen, bei dem der Preis zu hoch würde für den Erfolg. Die Ressourcen, die ich einsetze, stehen in keinem Verhältnis zum Erfolg. Viele aber geben auf, ohne sich überhaupt angestrengt zu haben, ohne es versucht zu haben, ihre Ziele zu erreichen. Dies - und nur dies - halte ich für eine Niederlage. Möglicherweise ist vielen Projektmanagern und Extremsportlern eines gemeinsam: Sie testen Grenzen des Machbaren aus. Sie lernen, was möglich ist ... ... und sie lernen auch, wo ihre persönlichen Grenzen liegen. Sie lernen sich selbst kennen. Wer seine Grenzen kennt, wird entspannter, ruhiger, stärker, widerstandsfähiger. Mir geht es nicht darum, meine Grenzen zu überschreiten, sondern sie auszuloten, sie kennenzulernen und zu erweitern. Wenn ich weiß, wie ich in extremen Situationen reagiere, dann weiß ich auch, wie ich in Alltagssituationen reagiere. Extreme Situationen hinterlassen also ihre Spuren? Bewältigte Extremsituationen hinterlassen einen tiefen emotionalen Eindruck - eine Erinnerung, die einem niemand mehr nehmen kann. Solche Erfahrungen und Erinnerungen machen stark für immer. Es muss sich nicht um Extremsport handeln, auch nicht immer um Siege und Erfolge. Wichtig ist, dass man seine Grenzen erlebt - wo immer diese liegen. ■ projekt MA N A G E M E N T aktuell 3/ 2012 l 19 PM_3-2012_1-52: Inhalt 29.05.2012 12: 54 Uhr Seite 19