eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 24/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0886
UVK Verlag Tübingen
121
2013
245 Gesellschaft für Projektmanagement

Pst ... schon gehört? Stakeholder? Was soll das sein?

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2013
Jacqueline Irrgang
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22 l projekt MA N A G E M E N T aktuell 5/ 2013 56 WISSEN potenziellen Käufer schon auf ihrer Bangkirai-Terrasse mit einem Glas allerbesten Rotweins in der Hand sitzen. Mitleidig schauen sie dann auf uns armselige Nachbarhäuser, die keine Yuppie-Terrasse haben. Zu dumm nur, dass bei einer Veränderung der Außenfassade die Nachbarn - in diesem Fall die Stakeholder - zustimmen müssen. Frau Maus ist der Annahme, dass diese Lappalie reine Formsache ist, und gibt sich somit auch keine Mühe, uns Stakeholder höflich um die Genehmigung zu bitten. Die Stunde der Vergeltung ist gekommen. Am Abend gehe ich durch das Haus und erzähle allen Miteigentümern in schillernden Farben, wie der Hinterhof verschandelt werden soll. Die Erdgeschosswohnungen werden sogar verschattet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Alle Eigentümer geben mir gleich den Stimmzettel mit. Am nächsten Morgen schlägt pünktlich um 9.00 Uhr Frau Maus an der Baustelle auf. Ich renne die Treppe hinunter und begrüße sie freudig: „Guten Tag, Frau Maus, wie geht es Ihnen? “ Sie antwortet: „Bis gerade eben gut! “ Mit gespieltem „Tut mir leid“ auf dem Gesicht überreiche ich ihr die neun Stimmzettel. Alle neun Hausbewohner waren wie ich der Meinung, dass wir keine protzigen Yuppie-Balkone in unserem Hinterhof haben möchten, und haben mit „Nein“ gestimmt. Es ist kalt. Es ist Dezember. Es ist 9.00 Uhr. Und die Moral von der Geschicht? Nimm die Stakeholder mit, dann klappt es auch mit den Nachbarn. ■ Autorin Jacqueline Irrgang managt mit Herz und Verstand Projekte und hat sich auf Kundenservice spezialisiert. Sie ist studierte Wirtschaftsinformatikerin, diplomierter systemischer Coach sowie Executive Interimsmanagerin und schaut auf über 30 Jahre Projektarbeit zurück. Nach dem Motto „Projektmanagement mal ganz anders“ hat sie das Buch „Tatort Projekt“ veröffentlicht. Ihr Lebensprojekt: Sie möchte Service-Päpstin von Deutschland werden. Anschrift E-Mail: j.irrgang@ccq.de Projektgeflüster Pst … schon gehört? Stakeholder? Was soll das sein? Jacqueline Irrgang E s ist bitterkalt. Es ist Februar. Es ist 6.00 Uhr. Welcher Idiot macht um diese Jahreszeit, zu dieser Uhrzeit so viel Lärm? Ich schaue aus dem Fenster und was sehe ich? Wo vorher vier bis fünf Autos Platz in der Parkbucht hatten, werden jetzt Parkverbotsschilder aufgebaut. Von Montag bis Samstag von 7.00 Uhr bis 20.00 Uhr absolutes Halteverbot. Na großartig. Ab jetzt heißt die Parole nicht mehr, einmal mit dem Auto um den Block kreisen, sondern dreimal. Nach einer Tasse Kaffee und eine Stunde später will ich wissen, wieso diese Schilder aufgestellt wurden. Das Nachbarhaus, das seit ungefähr 100 Jahren keinen Handwerker mehr von innen gesehen hat, wird saniert. Mit der Sanierung kommt auch die Bauleiterin Frau Maus. Wer sich über die Dame im Internet schlau machen möchte, sieht Frau Maus dümmlich grinsend mit verschränkten Armen auf der Startseite ihrer Immobilienfirma. Daneben steht in fetten Buchstaben: Geh zu Frau Maus und schön wird das Haus. Na platter geht’s nimmer. Frau Maus ist von der Hauseigentümerin als Bauleiterin auserkoren. Mit Projektmanagementwissen belastet sich die Dame nicht. Das Wort Stakeholderanalyse hat sie noch nie gehört. Und da sich die Welt ohnehin nur um sie dreht, interessiert sie auch nicht, was die Nachbarn - Stakeholder - denken, geschweige denn fühlen. So entpuppt sich Frau Maus schnell als größte Charme-Offensive seit Maggie Thatcher. Sieben Monate später, ich ertrage den Baulärm kaum noch, treffe ich Frau Maus zufällig auf der Straße und frage höflich, wann denn ihr Bauprojekt endlich abgeschlossen sei. Schließlich kreise ich seit mehr als einem halben Jahr dreimal um den Block und bin schon leicht schwerhörig vom Baulärm. Als Projektleiterin müsste sie mir ja eigentlich den geplanten Fertigstellungstermin im Schlaf herunterbeten können, denke ich mir. Stattdessen schallen mir 130 Dezibel entgegen: „Das Projekt ist fertig, wenn es fertig ist.“ Sie lässt mich wie Hein Blöd stehen. Völlig perplex schaue ich sie an, denke mir meinen Teil und verabschiede mich murmelnd mit „Aha“. Drei Monate später - der Baulärm ist immer noch kaum erträglich - habe ich einen Zettel im Briefkasten. Frau Maus bittet uns Nachbarn um Zustimmung für die Erweiterung der Balkone. Neben ihrem Bauleiterjob ist sie nämlich auch noch Maklerin und erzählt allen Kaufinteressenten, dass zum Hinterhof eine riesige Terrasse entstehen soll. Mit ein wenig Fantasie sehen sich die Mey Ma PM_5-2013_1-72: Inhalt 06.11.2013 14: 29 Uhr Seite 56