eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 25/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0886
UVK Verlag Tübingen
121
2014
255 Gesellschaft für Projektmanagement

Projektmanagement an Schweizer Hochschulen

121
2014
Hans Knöpfel
Der aktuelle Stand des Projekt-, Programm- und Portfoliomanagements (PP&PM) an den schweizerischen Universitäten und Fachhochschulen wird in diesem Beitrag dargestellt. Dieser Be- richt dient einerseits dazu, die heutigen Chancen für Grundstudien und Weiterbildungen sowie die bestehende Forschungsinfrastruktur an den Schweizer Hochschulen kennenzulernen. Andererseits lassen sich daraus die bestehenden Lücken und die Entwicklungspotenziale für die nächsten Jahre und Jahrzehnte ableiten. Schließlich dürfte ein grober Vergleich (Benchmarking) für den deutschsprachigen Raum und mit anderen Regionen in Europa und weltweit bei Vorliegen vergleichbarer Statusberichte möglich sein.
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karriere 83 projektManagementaktuell | ausgabe 5.2014 Der aktuelle Stand des Projekt-, Programm- und Portfoliomanagements (PP&PM) an den schweizerischen Universitäten und Fachhochschulen wird in diesem Beitrag dargestellt. Dieser Bericht dient einerseits dazu, die heutigen Chancen für Grundstudien und Weiterbildungen sowie die bestehende Forschungsinfrastruktur an den Schweizer Hochschulen kennenzulernen. Andererseits lassen sich daraus die bestehenden Lücken und die Entwicklungspotenziale für die nächsten Jahre und Jahrzehnte ableiten. Schließlich dürfte ein grober Vergleich (Benchmarking) für den deutschsprachigen Raum und mit andern Regionen in Europa und weltweit bei Vorliegen vergleichbarer Statusberichte möglich sein. 1 Übersicht Die Schweizer Hochschulen werden in den gesetzlichen Grundlagen [1] in die zwei Kategorien „Universitäre Hochschulen“ und „Fachhochschulen“ unterteilt (Tab. 1). Eigentümer der Hochschulen ist in der Regel die öffentliche Hand; Ausnahmen sind die zwei letzten Fachhochschulen sowie die Hochschule für Wirtschaft der ZFH in Tabelle 1 im rechten Feld. Die Größe der Hochschulen ist sehr unterschiedlich. Die Hochschulen erbringen ihre Leistungen in den Bereichen • Grundstudium (Bachelor und konsekutive Masterstudiengänge), • Weiterbildung, • Forschung und Entwicklung, • Dienstleistungen. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Universitären Hochschulen sind • Humanwissenschaften, • Naturwissenschaften und Mathematik, • Medizin, • technische Wissenschaften, • Wirtschaftswissenschaften, Recht und Management, • lokale Schwerpunkte. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Fachhochschulen sind • Technik, Life Science und Architektur, • Wirtschaftswissenschaften, Recht und Management, • soziale Arbeit, • Design, • Musik, Theater und andere Künste, • Gesundheit • Pädagogik sowie • lokale Schwerpunkte (z. B. Linguistik). 2 Grundstudium und Weiterbildung im PP&PM Die Hochschulausbildung soll alle grundlegenden Wissenschaften umfassen, die ein Studierender für seine Berufstätigkeit braucht. Die Anforderungen an das Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement (PP&PM) sind in den aktuellen Kompetenznormen der Fachverbände (z. B. [2] und [3]) zu finden. Was zählt, ist der Gesamterfolg [4], das heißt die Zufriedenheit der interessierten Parteien, das heißt die Erfüllung der Projektziele im Rahmen der Kontextbedingungen. Mögliche Eintrittsqualifikationen für die Ausbildungen sind wahlweise oder kumulativ • Maturität (Mittelschule bzw. Berufsmittelschule), • vorhandene Grundstudien und Weiterbildungen, • Erfahrung aus eigener PP&PM-Praxis und Projektarbeiten. Folgende Arten von Ausbildungsaktivitäten können unterschieden werden: • Präsentationen von Inhalten • Studium von Fachliteratur, Handbüchern und Projektunterlagen • Fragen und Diskussionen • Übungen, das heißt Anwendungen und Beurteilungen • Anwendung in der eigenen Praxis • Berichte inkl. Besprechungen • Tests, das heißt schriftliche und mündliche Prüfungen Die Ausbildungen können in der Schweiz allgemein mit folgenden Abschlüssen enden: • Absolvieren eines Kurses zu einem oder mehreren Fachthemen • Grundlagenausweis, zum Beispiel Basiszertifikat • Bachelor oder Master of Science (Grundstudium) Projektmanagement an Schweizer Hochschulen autor: hans knöpfel Universitäre Hochschulen Fachhochschulen • Ecole polytechnique fédérale de Lausanne EPFL • Eidgenössische Technische Hochschule Zürich ETHZ • Universität Basel • Universität Bern • Université de Fribourg • Université de Genève • Université de Lausanne • Universität Luzern • Université de Neuchâtel • Universität St. Gallen • Università della Svizzera italiana • Universität Zürich • Berner Fachhochschule, BFH • Fachhochschule Nordwestschweiz, FHNW • Fachhochschule Ostschweiz, FHO • Haute école spécialisée de Suisse occidentale, HES-SO • Hochschule Luzern, HSLU • Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana, SUPSI • Zürcher Fachhochschule, ZFH • Fachhochschule Les Roches-Gruyères, HES-LRG • Kalaidos Fachhochschule Tab. 1: Schweizer Hochschulen PM-aktuell_5-2014_Inhalt_01_104.indd 83 03.12.2014 11: 26: 14 Uhr projektManagementaktuell | ausgabe 5.2014 84 karriere Der dritte Teil, die Hochschulweiterbildung in Unternehmensführung, wurde im Rahmen des Bauwesens nicht realisiert, weil die existierenden allgemeinen Angebote für die Weiterbildung in Unternehmensführung als hinreichend beurteilt wurden. 3.3 Organisation Die Fachhochschule beauftragt für den CAS PM Bau und den PM Bau KBOB etwa 40 PP&PM- Spezialisten aus der Praxis mit der Lehre und stellt die Programmleitung und das Weiterbildungssekretariat für die Koordination und Unterstützung sowie die Leitung der Abschlussarbeiten und das Qualitätsmanagement. Die Teilnehmer unter sich und mit den Lehrbeauftragten und der Programmleitung pflegen einen intensiven Dialog und Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Projektbeteiligten. 3.4 Didaktik Der CAS PM Bau umfasst fünf Wochenblöcke mit voller Präsenzzeit und eine Abschlussarbeit mit ein bis zwei Wochen Aufwand. Die Ausbildungsinhalte werden in der Regel als Skripte der Lehrbeauftragten im vorangehenden Wochenblock abgegeben. Schwerpunkte daraus werden in der Präsentation erläutert. Zu den PM-Gebieten wird in der Regel Fachliteratur angegeben. Als Standardnachschlagewerk werden die Swiss NCB [2] und der PM3 [6] verwendet. Die Lehrbeauftragten besprechen Fragen und Diskussionsthemen mit den Klassen von ca. 25 (früher 15-20) Teilnehmern. Jede Lehrveranstaltung wird im Teilnehmer-Feedback beurteilt und alle Beurteilungen werden von der Hochschule systematisch ausgewertet. Mindestens bei Lehrveranstaltungen von mehr als zwei Stunden werden die Teilnehmer aktiv einbezogen. Sie wenden das Wissen und ihre Erfahrung auf konkrete Aufgaben an, in der Regel in Gruppen. Die Teilnehmer wenden die Inhalte in ihrer Praxis laufend an und reflektieren die Lektionen und ihre eigene Praxis. Den Anfang bildet eine Standortbestimmung der Teilnehmer anhand der Selbstbeurteilung von IPMA. Sie definieren und steuern die Ziele ihrer Weiterbildung. Ein wichtiger Bestandteil der Weiterbildung ist die Erstellung der Abschlussarbeit. Jeder Teilnehmer • Fachhochschulweiterbildung im Projektmanagement, was damals einer Nachdiplomausbildung entsprach und heute den drei Abschlüssen für Advanced Studies (CAS, DAS und MAS) und der Wissensgrundlage für die IPMA Levels Cbis A ® -Zertifizierung entspricht, • Hochschulweiterbildung in Unternehmensführung, was heute zum Beispiel einem Executive Master of Business Administration oder der Wissensgrundlage für die Zertifizierung in Organisationaler Kompetenz (IPMA Delta ® ) entspricht. Das Konzept für den zweiten Teil, die Fachhochschul-Weiterbildung in der Zentralschweiz [5], wurde in einem eingehenden Dialog zwischen Praxis und Hochschule entwickelt. Inzwischen wurde der CAS PM Bau zu einer Standardweiterbildung im Bauwesen. Die Lernziele sind auf die Swiss National Competence Baseline [2] abgestimmt, die ihrerseits der IPMA ICB ® entspricht. Der CAS PM Bau wurde vor zehn Jahren ergänzt durch eine teilweise gemeinsame Weiterbildung der Bauherren-Projektmanager für die Konferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB). Pro Jahr erreichen seither etwa 50 Teilnehmer den CAS-Abschluss, der mit 18 Kreditpunkten des European Credit Transfer System (ECTS) bewertet wird. In den letzten Jahren wurden der CAS PM Bau und der CAS PM Bau KBOB durch den CAS Kommunikation und Führung mit 12 ECTS ergänzt. Damit wurde die Weiterbildung in den Verhaltens- und Führungstechnikkompetenzen erweitert und ein DAS-Abschluss erreicht. Im September 2014 begann nun die MAS-Weiterbildung Baumanagement mit 60 ECTS [5], die neben dem DAS-Inhalt zwei neue CAS über strategisches Projektmanagement enthält. Mit dem Konzept wurden vier Grundsätze realisiert: • Alle Disziplinen, die für Hoch- und Infrastrukturbauten eine Rolle spielen, sind integriert. • Die Kompetenzziele der Organisationen des Bauwesens (Bauherren, Nutzer, Betreiber, Architekten, Ingenieure, PP&PM-Dienstleister, Generalplaner, Generalunternehmer, Totalunternehmer, andere Leistungserbringer) sind im PP&PM einbezogen. • Der ganze Lebenszyklus der baulichen Anlagen und damit die Nachhaltigkeit ist berücksichtigt. • Die Weiterbildung ist auf die einschlägigen internationalen Standards für das PP&PM abgestimmt. • Certificate, Diploma oder Master of Applied Science (Weiterbildung) • Doktorat Die PP&PM-Studierenden können aus allen Sektoren der Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung stammen, oder sie wollen ihr Wissen bzw. ihre Kompetenzen spezifisch in • Bauwesen, • Informations- und Kommunikationstechnologie, • Organisationsentwicklung, • Produktentwicklung, • Forschung und Entwicklung oder • anderen Projektarten wie zum Beispiel Events zum Einsatz bringen. Die Hochschultätigkeiten im PP&PM stehen im Zusammenhang mit den Lieferobjekten • Bauwerke inkl. Infrastruktur, • Design und Produktion von materiellen Produkten, • Dienstleistungen, • intellektuelle Ergebnisse inkl. Kunstwerke und den entsprechenden fachlichen Ausbildungen. 3 Beispiel für eine PP&PM-Weiterbildung 3.1 Einleitung Grundstudien und Weiterbildungen im PP&PM an den Schweizer Hochschulen sind sehr unterschiedlich betreffend Voraussetzungen, Dauer, Inhalt und Methodik. Das folgende Beispiel wurde gewählt, weil es • ein Beispiel für die in der Schweiz häufigste Ausbildungsform der Weiterbildung ist, • dem Bauwesen und damit einem großen Anwendungssektor des PP&PM dient, • national und international anerkannte Standards erfüllt, • eine langjährige Erfahrung ausweisen kann. Mehr Weiterbildungen sind einerseits (DAS und MAS) in der Tabelle 2 aufgeführt und können andererseits (CAS und Kurse) auf den Websites der Hochschulen eingesehen werden. 3.2 Konzept Die Verbände der Bauindustrie erstellten im Jahr 1998 ein Konzept für ihre Personalentwicklung im PP&PM mit den drei Teilen • einfache Basisausbildung im Projektmanagement, was heute international etwa einem Basiszertifikat im Projektmanagement entspricht, PM-aktuell_5-2014_Inhalt_01_104.indd 84 03.12.2014 11: 26: 14 Uhr karriere 85 projektManagementaktuell | ausgabe 5.2014 Schlagwörter Kompetenzbasierung, PM an Hochschulen, Qualifizierung im Projektmanagement, Weiterbildung im Baumanagement Kompetenzelemente der ICB 3.0 1.01 Projektmanagementerfolg, 3.04 Projekt-, Programm- und Portfolioeinführung Autor Dr. sc. techn. Hans Knöpfel, Senior Adviser der Firma Rosenthaler + Partner AG, Management und Informatik, Zürich; interimistische Leitung der Lehre und Forschung im Bereich Bauplanung am Institut für Bauplanung und Baubetrieb der ETH Zürich, Visiting Associate Professor, Projektleitung, Beratung und Controlling von Projekten in der Praxis; Diplomausbildung und Weiterbildung an der Hochschule Technik & Architektur Luzern; Autor von ca. 80 Publikationen auf Deutsch, in Englisch und anderen Sprachen; leitende Arbeit in nationalen und internationalen Fachorganisationen und Mitarbeit an internationalen und nationalen Zertifizierungsgrundlagen; Assessor und Validator für das Vier-Ebenen- Zertifizierungssystem der IPMA ® , die PM Consultant Zertifizierung und die Zertifizierung der PM- Kompetenz von Organisationen (IPMA Delta ® ); seit 2013 Mitglied des IPMA Education and Training Board Anschrift: Rosenthaler + Partner AG, Management und Informatik, Baumackerstrasse 24, CH-8050 Zürich, E-Mail: Kn@rpag.ch Kurse für das Management von eigenen F & E-Projekten an. Die Forschung im PP&PM wird an den Schweizer Hochschulen auf Masterniveau gepflegt, Dissertationen sind die Ausnahme. Einzelne Hochschuldozenten sind in der Weiterentwicklung der nationalen und internationalen PP&PM-Standards aktiv beteiligt. Die Praxis ist bei der PP&PM-Kompetenzentwicklung beteiligt durch • firmeninterne Regeln, Richtlinien und Vorlagen für die Leitung von Projekten, • Referenzen für das PP&PM bei konkreten Projekten, auch Großprojekten, • eine internationale Spitzenposition der Schweiz bei der PP&PM-Zertifizierung. Einen wichtigen Beitrag zur Kompetenzentwicklung liefert die Zusammenarbeit der deutschen, österreichischen und schweizerischen PM-Fachorganisationen und Zertifizierungsstellen.  Literatur [1] Universitätsförderungsgesetz und Fachhochschulgesetz [2] Swiss NCB, Swiss National Competence Baseline. spm/ VZPM, Version 4.1, 2010 [3] sia Ordnungen 112, 102, 103, 108. Schweizer Ingenieur- und Architektenverein [4] Knöpfel, H.: Project management education at a Swiss technical university. In: International Project Management Journal, Vol. 7, No. 4, November 1989 [5] www.weiterbildung.hslu.ch/ technikarchitektur/ MAS Baumanagement [6] Gessler, Michael/ GPM/ spm (Hrsg.): Kompetenzbasiertes Projektmanagement (PM3). 5. Auflage, Nürnberg 2011 [7] Studienprogramme der Schweizer Hochschulen, Internet schlägt ein eigenes Thema vor und ermittelt die Kompetenzelemente. Die Hochschule liefert eine Richtlinie für das Schreiben, eine Vorlage für die Gliederung der Arbeit und das Bewertungsschema für die Abschlussarbeiten. In der Arbeit reflektieren die Teilnehmer ihre eigene Tätigkeit und entwickeln ihre Kompetenzen gezielt weiter. Die Wochenblöcke werden in der Regel mit einem schriftlichen Test abgeschlossen. Dabei werden Fragen gestellt, die in der Praxis durch die Teilnehmer gut beantwortet werden müssen, wenn das Ziel des Lehrgangs erfüllt werden soll. 4 Stand und Aussichten Für das Erreichen des Ziels einer ausreichenden Kompetenz für die Tätigkeit im PP&PM [4] braucht es nicht Tage und Wochen, sondern Jahre und Jahrzehnte. Die Schweizer Hochschulen [7] können dafür Grundstudium, Weiterbildungen, Forschung und Entwicklung (z. B. Beiträge zur Standardisierung) liefern. In den Schweizer Hochschulen ist mehr oder weniger PP&PM in die Grundstudien der Disziplinen integriert. Für einzelne Sektoren (ICT, Bau, Facility Management, Betriebswirtschaft bzw. MBA) ist Projektmanagement als obligatorisches Fach oder als Wahlprüfungsfach vorhanden. Die Weiterbildung im Rahmen der anerkannten Abschlüsse (CAS, DAS, MAS) ist in mehreren Fachhochschulen sowie als Gesamtprojektleitung für Architekten und IT-Projektmanagement an je einer Universität vorhanden. In wenigen Fällen sind solche Abschlüsse breit anerkannte Anforderungen für Führungspositionen. Die DAS- und MAS- Weiterbildungen sind in Tabelle 2 zusammengestellt. Dazu kommt eine Reihe von CAS-Weiterbildungsangeboten an mehreren Fachhochschulen und Universitäten. Die Universitäten bieten zum Teil Hochschule Weiterbildung • Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, ETHZ • MAS Gesamtprojektleitung Bau • Universität Zürich • DAS IT-Projektmanagement • Hochschule Luzern, HSLU • MAS Baumanagement • Zürcher Fachhochschule, ZFH • MAS Project Management der HWZ • Kalaidos Fachhochschule • EMBA und MBA in Projectmanagement sowie in Diversity Projectmanagement und EMBA in Project Leadership Tab. 2: DAS- und MAS-Ausbildungen in PP&PM an den Schweizer Hochschulen PM-aktuell_5-2014_Inhalt_01_104.indd 85 03.12.2014 11: 26: 15 Uhr