eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 26/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
51
2015
263 Gesellschaft für Projektmanagement

Über Prinzipien

51
2015
Jens Köhler
Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch – Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben.
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Wissen 51 projektManagementaktuell | ausgabe 3.2015 Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Ehrlich kippt mit seinem Bürostuhl und wäre fast nach hinten gefallen, als Priesberg aufgeregt, ohne anzuklopfen, in dessen Büro stürmt. „Ich hätte mich beinahe verletzt! “, ruft Ehrlich verdattert. Priesberg ignoriert die Bemerkung: „Seit längerer Zeit arbeite ich mit einem Projektleiter zusammen, der einen enorm konsequenten Führungsstil hat. Er spricht seine Teammitglieder sehr direkt an, ohne auf deren Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Dadurch hat er schon etliches erreicht - ich erhebe diesen Stil zum Prinzip.“ „Schön für dich“, unterbricht ihn Ehrlich, „ich möchte deine Begeisterung nicht trüben, aber dennoch Zweifel säen: Glaubst du, dieses Prinzip funktioniert bei jedem Projekt? Wie ist die Rückmeldung der Mitarbeiter? “ „Positiv! “, antwortet Priesberg fest, „denn viele Beteiligte haben die Erfolge der von ihm geleiteten Projekte miterlebt.“ „Und wie reagieren die Mitarbeiter, die mit einer direkten Art nicht klarkommen? Es mag sein, dass deine Begeisterung berechtigt ist - über die konkreten Auswirkungen deines neuen Prinzips können wir erst dann reden, wenn du es hinreichend angewendet hast. Ich möchte dir hier ein paar Werkzeuge mitgeben, mit denen du es auf Allgemeingültigkeit prüfen kannst“, flötet Ehrlich in sanftem Ton und fährt fort: „Vielleicht unterliegst du einer Affektheuristik, findest den Führungsstil übertragbar, weil er in früheren Fällen erfolgreich war und dir überdies der Projektleiter sympathisch ist. Also ersetzt du die Frage: ‚Ist dieser Führungsstil generell einsetzbar? ‘ durch die Frage: ‚Sind mir Arbeitsweise und Projektleiter sympathisch? ‘. Es handelt sich um eine typische Eigenschaft unseres schnellen Denkens: Man findet eine Sache gut und schon ist sie erst einmal gesetzt.“ „Schnelles Denken“, wiederholt Priesberg indigniert. „Was ist damit schon wieder gemeint? “ „Unser Verstand hat die Eigenschaft, manche Dinge leicht zu übernehmen und dann nicht mehr zu hinterfragen. Das ist das schnelle Denken, es wird auch als intuitives Denken bezeichnet. Es ist in vielen Situationen extrem hilfreich, jedoch nicht frei von Verzerrungen“, erläutert Ehrlich. „Ich möchte noch einen draufsetzen: Das schnelle Denken ist ein Verbündeter der Wirklichkeit 2. Ordnung.“ „Wirklichkeit 2. Ordnung? “, ruft Priesberg völlig verwirrt. „Das ist leicht gesagt“, fährt Ehrlich fort. „Wäre ich vorhin mit dem Stuhl umgekippt und hätte mich verletzt, dann wären unterschiedliche Ursachen möglich: Vielleicht war ich in Gedanken oder vielleicht hast du mich absichtlich erschreckt oder vielleicht bin ich einfach nur von Natur aus unvorsichtig. Das sind alles Interpretationen, genau wie du den Führungsstil deines Kollegen als universell anwendbar interpretierst.“ „Was soll ich jetzt machen? “, ruft Priesberg in den Raum. Ehrlich spricht langsam: „Versuche Aussagen aus der Wirklichkeit 1. Ordnung, also der Welt der Dinge, zu gewinnen, um daran das Prinzip zu testen. Beispielsweise ist es hilfreich zu wissen, um welchen Projekttyp es sich handelt, in welcher Phase das Projekt ist, wie Teammitglieder und Umfeld ‚ticken‘. Und dann überlege dir, welcher Führungsstil passt. Erst wenn du das getan hast, solltest du dich gedanklich wieder mit deinem Projektleiterkollegen auseinandersetzen. Es kann dann allerdings passieren, dass dein neues Führungsprinzip nicht mehr so originell und dynamisch erscheint, sondern möglicherweise sogar hinderlich ist. Schlussendlich müsstest du dieses Prinzip sogar über Bord werfen“, spricht Ehrlich unschuldig. Priesberg ist nun richtig verärgert über die gespielte Ruhe seines Kollegen. „An und für sich ist das doch alles trivial, was du mir hier in epischer Breite dargelegt hast. Man reflektiert doch stets sein eigenes Tun! “ Ehrlich grinst seinen Kollegen viele Sekunden schweigend an. Priesberg unterbricht das Schweigen unsicher: „Du meinst, wenn ich so stürmisch in meinem Projekt vorangegangen wäre, wie in dein Büro, dann hätte ich mein Prinzip erst gar nicht auf Tauglichkeit hin überprüft? “ Ehrlich grinst weiter: „Ich habe soeben dein langsames Denken aktiviert, mit dem du dein Prinzip anhand von Fakten hinterfragen kannst, bevor es möglicherweise Unerwartetes hervorruft, und schließt: „So grundlegend sind manche Prinzipien nicht. Und man ist gut beraten, sie in einem neuen Umfeld durch langsames Denken zu hinterfragen, bevor man sie anwendet.“  Autor Dr. Jens Köhler ist bei der BASF SE beschäftigt. Sein Spezialgebiet ist die Erforschung der Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams durch die gezielte Steuerung über Soft Skills und Kommunikationsprozesse. Anschrift: BASF SE, GOI/ WH, D-67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com Projektgeschichten und Fallstudien Über Prinzipien autor: Jens Köhler Corporate Quality Akademie Management-Kompetenz per�Fernlehre: �www.cqa.de Lesen,�lernen PM�+�QM Tools�anwenden�lernen Führungskompetenz�ausbauen � info@cqa.de www.cqa.de 029161�908951 Anzeige PM-aktuell_3-2015_Inhalt_01-64.indd 51 29.05.2015 6: 11: 26 Uhr