eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 26/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
121
2015
265 Gesellschaft für Projektmanagement

„Auch eine große Chance für uns!”

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2015
Oliver Steeger
Die Flüchtlingskrise bewegt Deutschland. Die ankommenden Flüchtlinge finden viele helfende Hände – von Privatleuten, Hilfsorganisationen und vor allem von Behörden. Beispiel Kommunen: Sie setzen alles daran, Flüchtlingen eine menschenwürdige Bleibe zu verschaffen, sie zu versorgen und sie auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Landrat Tjark Bartels (Landkreis Hameln-Pyrmont) beschreibt im Interview die Chancen, Aufgaben und Erfolgsfaktoren für die Flüchtlingsprojekte – und zeigt die Rolle, die Projektmanagement darin spielen kann.
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Gespräch mit Landrat Tjark Bartels über die Flüchtlingskrise „auch eine große chance für uns! “ Autor: Oliver Steeger Die Flüchtlingskrise bewegt Deutschland. Die ankommenden Flüchtlinge finden viele helfende Hände - von Privatleuten, Hilfsorganisationen und vor allem von Behörden. Beispiel Kommunen: Sie setzen alles daran, Flüchtlingen eine menschenwürdige Bleibe zu verschaffen, sie zu versorgen und sie auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Landrat Tjark Bartels (Landkreis Hameln- Pyrmont) beschreibt im Interview die Chancen, Aufgaben und Erfolgsfaktoren für die Flüchtlingsprojekte - und zeigt die Rolle, die Projektmanagement darin spielen kann. Herr Landrat Bartels, der Flüchtlingsstrom fordert Deutschlands Hilfsbereitschaft. Behörden, Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer versuchen, den Flüchtlingen eine menschenwürdige Bleibe zu verschaffen, sie zu versorgen und sie auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Wie geht Ihr Landkreis Hameln-Pyrmont mit dieser Herausforderung um? Tjark Bartels: Wir stehen hier vor einer großen humanitären Verpflichtung, das ist uns allen klar. Es ist wichtig, dass jeder das tut, was er in seiner Situation leisten kann. Ich denke, dass wir nur auf diese Weise vorankommen. Die große Zahl hilfsbereiter Bürger macht das Ankommen leichter. Die Bürgermeister unseres Landkreises stehen geschlossen für eine Willkommenskultur. Die Mitarbeiter der Kreisverwaltung und Gemeinden sowie der Hilfsorganisationen leisten Enormes. Auch zahlreiche Privatleute und Unternehmen unseres Kreises zeigen großes Engagement. Beispielsweise spenden sie Kleider oder Spielzeug, arbeiten in der Kleiderausgabe, geben kostenlos Sprachunterricht - oder spenden für die Mannschaften der Hilfsorganisationen mal 40 Pizzen. Den Kommunen wird bekanntlich derzeit viel Flexibilität abverlangt. Sie stehen vor großen Aufgaben, die sie managen müssen. Wie nutzen Sie im Landkreis dafür Methoden des Projektmanagements - quasi als Ergänzung der klassischen Arbeitsweise in der Verwaltung? Wir verfügen für Krisenlagen über besondere Arbeitsweisen, die ohnehin recht nahe am Projektmanagement sind: Bei außergewöhnlichen Ereignissen bilden wir Sonderstäbe; wir setzen auf besondere Kommunikationsstrukturen. Die Zuständigkeiten bei uns im Haus werden dann anders verteilt. Hilfsorganisationen wie die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk sind schon in die Krisenintervention eingebunden. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist eingeübt. In der aktuellen Lage müssen wir rasch geeignete Organisationsstrukturen schaffen, um alle wichtigen Akteure und Interessengruppen einzubinden. Also eine Art ergänzende Projektorganisation. nuTzen Von ProjekTmanaGemenT Wie gehen Sie dabei konkret vor? Für unsere Aufgaben im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise haben wir kurzfristig einen Mitarbeiter freigestellt - übrigens einen zertifizierten Projektmanager. Er bildet eine Drehscheibe für die vielen eintreffenden Informationen. Über ihn laufen Abstimmungen, er verfasst die Lageberichte. Dadurch werden die Prozesse beschleunigt und von Formalien befreit - gemessen an der herkömmlichen Arbeitsweise in der Verwaltung. Welche Nutzen ziehen Sie als Landrat aus gutem Projektmanagement? Tjark Bartels Tjark Bartels, geboren 1969 in Burgwedel, ist seit 2013 Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont. Er studierte an der Leibniz-Universität in Hannover Rechtswissenschaften und schloss das anschließende Referendariat im Jahr 2000 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen ab. Als zertifizierter Projektmanager hat er als Lehrbeauftragter in Vechta Projektmanagement gelehrt und war Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter eines Beratungsunternehmens. Ab 2006 war Tjark Bartels als hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Wedemark tätig. 2013 stellte die SPD Hameln-Pyrmont Bartels als Kandidaten für die Landratswahl auf, die er in einer Stichwahl gewann. Die Arbeit im Landkreis Hameln-Pyrmont ist durch die Positionierung als Wirtschafts- und Lebensraum zwischen Hannover und der westfälischen Wirtschaftsregion geprägt. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 20 REPORT PM-aktuell_5-2015_Inhalt_01-100.indd 20 10.11.2015 13: 25: 34 Uhr REPORT 21 projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 In Hameln bieten wir ihnen Wohnungen - Tür an Tür mit Flüchtlingen. Das Quartier wird aktiv gemanagt und von Sozialarbeitern betreut. Beispielsweise werden Ateliers, Werkstätten und Tonstudios eingerichtet. Es gibt Treffpunkte für alle Gruppen, gemeinsam betriebene Veranstaltungsräume, Cafés und Spielplätze. Mit diesem neuen Projekt glauben wir die Flüchtlinge gut integrieren zu können. Im Augenblick herrscht in Deutschland eine überwiegend freundliche Stimmung gegenüber Flüchtlingen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft hat das Land erfasst. Was wird passieren, wenn die Probleme größer werden als erwartet? Wir müssen offen kommunizieren, das finde ich wichtig. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass die zuständigen Politiker und Behörden in Bund, Land und Kommunen eine Vorbildfunktion haben. Die Menschen hören genau darauf, wie wir kommunizieren. Einige Kommunen fühlen sich von den neuen Aufgaben überfordert ... Selbstverständlich ist es eine Herausforderung, viele Menschen anständig unterzubringen. Aber es ist definitiv machbar und ich werde als Landrat mit Sicherheit nicht die „weiße Fahne hissen“ und sagen: „Wir können die Hilfe nicht mehr leisten“. Ein solches Signal wäre fatal. Die Bürgerinnen und Bürger würden daraus schließen: Wenn schon unser Landrat in dieser Sache aufgibt - wie sollen wir dann weiterhelfen? möglich ist. Aber etlichen können - und wollen - wir eine Bleibeperspektive eröffnen. In unserem Landkreis bemühen wir uns darum, Menschen nach Abschluss ihres Asylverfahrens das Ankommen und die Niederlassung zu erleichtern. Die Menschen, die zu uns in den Landkreis kommen, sind größtenteils in einer Altersgruppe, wie wir sie in unserem Landkreis brauchen - und durch den demografischen Wandel verlieren. Die hiesige Wirtschaft erkennt die Chance, durch Zuwanderung auf mittlere und lange Sicht dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Wichtig ist, dass wir die Menschen - Zugewanderte und Alteingesessene - zusammenführen. Wir haben deshalb konkrete Angebote des Miteinanders und bieten Beratung an. Dazu gehört beispielsweise das „Künstlerviertel“ in Hameln, ein einmaliges Projekt in Niedersachsen. ProjekT „künSTlerVierTel“ Ein Künstlerviertel - um was geht es bei diesem Projekt? Es handelt sich um Quartiersentwicklung. Vom britischen Militär wurden rund 60 Reihenhäuser und Doppelhaushälften zurückgelassen. Der Landkreis Hameln-Pyrmont hat diese Immobilien erworben bzw. gemietet. Dort werden Flüchtlinge und Studierende zusammengeführt. Weshalb Studenten? Studierende leiden unter der Wohnraumknappheit in der nahen Universitätsstadt Hannover. Ein Nutzen ist: Ich erhalte eine starke Verdichtung meiner entscheidungsrelevanten Informationen, dies ist wichtig für mich. So kann ich viel besser feststellen, an welcher Stelle etwas aus dem Ruder läuft. Und ich sehe auch auf einen Blick, wo es gut läuft. Dies bedeutet: Ich kann mich auf die kritischen Punkte konzentrieren. Vorhin sprachen Sie von den vielen freiwilligen privaten Helfern, den Organisationen und den Initiativen. Wie werden diese Gruppen in das Projekt integriert? Dafür haben wir Plattformen. Nehmen wir die Privatleute als Beispiel: Wir haben im Landkreis „runde Tische“ etabliert. Jede Stadt und jede Gemeinde hat inzwischen eine solche Anlaufstelle. Dort treffen sich Ehrenamtliche und besprechen, wie sie helfen können. So wurden beispielsweise Möbellager eingerichtet. Auch finden sich viele Menschen hier, die Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen und diese etwa bei Behördengängen begleiten. Diese Soforthilfe in der Flüchtlingskrise steht derzeit weit oben auf der Agenda. Aber sie ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt die langfristigen Aufgaben, nämlich die Flüchtlinge mit einer Bleibeperspektive zu integrieren. Unser Landkreis stellt sich engagiert der Aufgabe der Zuwanderung, wir sehen darin auch eine große Chance für uns. Nicht alle Flüchtlinge wollen und werden bleiben. Einige werden in ihr Heimatland zurückkehren, wenn dies gefahrlos In einer frei gewordenen Kaserne richtete der Landkreis eine Erstaufnahmeeinrichtung für 1.000 Flüchtlinge ein. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont PM-aktuell_5-2015_Inhalt_01-100.indd 21 10.11.2015 13: 25: 37 Uhr projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 22 REPORT Zuwanderung ist in Deutschland eigentlich nichts Neues. Wir nehmen bereits seit vielen Jahrzehnten Migranten auf … Ohne diese zurückliegende Zuwanderung hätten wir hier heute schon erhebliche Probleme, davon bin ich überzeugt. auS erfaHrunGen miT der inTeGraTion lernen Mit der Integration dieser Zuwanderer haben wir recht unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Verschiedenes wurde probiert. Mal gelang die Integration, mal gestaltete sie sich schwierig. Aus diesen Erfahrungen können wir viel lernen: Wir sollten beispielsweise die Gettobildung vermeiden und mehr in die Ausbildung der nachfolgenden Migrantengeneration investieren. Wir sollten Flüchtlinge dezentral unterbringen und Flüchtlinge völlig anders als wir sind. Und dieser Eindruck trügt: Ich beobachte immer wieder, dass Flüchtlinge hier schnell auf eigenen Beinen stehen und sich ein erfülltes Leben aufbauen wollen - so, wie ihre deutschen Nachbarn auch. Sie empfehlen, die Bürger mit langfristigen Überlegungen zu überzeugen? Ja, natürlich! Im Vordergrund steht hier und heute die humanitäre Perspektive. Man muss sich aber auch klarmachen, dass viele dieser Menschen in einigen Jahren unseren Sozialstaat stützen helfen und etwa unsere Renten mittragen. Jetzt brauchen diese Menschen unsere Unterstützung. Das Blatt wird sich aber bald wenden: Die Nehmer von heute werden die Geber von morgen. In diesem Sinne empfehle ich, bei der Kommunikation immer auch die langfristige Perspektive zu erwähnen. Die Wirkung der Kommunikation muss also mehr bedacht werden? Ja. Jede Äußerung hat eine Wirkung, dies sollte man immer im Blick behalten. Wir müssen gelungene Beispiele von Integration schaffen und diese auch bekannt machen. wirkunG Von kommunikaTion Bedenken Einige Menschen versuchen es genau andersherum. Sie verweisen vor allem auf Beispiele für Probleme. Diese Menschen meinen es manchmal gut, wenn sie auf Probleme deuten und beispielsweise auf vermüllte Aufenthaltsräume hinweisen. Doch dabei handelt es sich um Einzelfälle; es ist gefährlich, diese Einzelfälle zu verallgemeinern. Dann entsteht der Eindruck, dass - alle! - Mitarbeiter und Freiwillige stehen bereit, die Flüchtlinge zu versorgen. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont PM-aktuell_5-2015_Inhalt_01-100.indd 22 10.11.2015 13: 25: 41 Uhr REPORT 23 projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 Augenblick! Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge zu betreiben, dies ist keine Aufgabe von Kommunen. Nein, solche Einrichtungen werden vom Land betrieben. Wir haben uns in unserem Landkreis allerdings bereit erklärt, diese Einrichtung zu betreiben und dabei auch weitere Aufgaben für das Land zu übernehmen: beispielsweise die Registrierung der Flüchtlinge und medizinische Untersuchungen. Denn erst danach kann das Asylverfahren in Gang kommen. Konkret - was haben Sie getan? In Absprache mit den Behörden von Land und Bund haben wir die Kaserne mit Unterstützung ehrenamtlicher Hilfsorganisationen innerhalb von 48 Stunden so hergerichtet, dass Flüchtlinge aufgenommen werden können. Das Land trägt vollständig die Kosten. Gerade eine solche Zusammenarbeit, die Ebenen übergreift, eröffnet Chancen für pragmatische Lösungen: Chancen für die beteiligten Partner, vor allem aber für Flüchtlinge. Gerade etabliert sich die Einrichtung, nach drei Wochen konnten wir das Ehrenamt entlassen und bauen hauptamtliche Strukturen auf. Ihr Landkreis geht mit gutem Beispiel voran. Angebote der Kommunen an das Land, solche Einrichtungen zu übernehmen, sind sehr selten. Ganz im Gegenteil, man hört von Verständigungsschwierigkeiten. Manche Kommunen klagen, dass sie erst wenige Stunden vor der Dies setzt Professionalität beim Projektmanagement voraus. Die Mitarbeiter in der Verwaltung müssen beispielsweise die Methoden kennen … Die Methodik ist bei uns gut bekannt. Wir haben bereits vor einiger Zeit Mitarbeiter im Projektmanagement ausgebildet. Auch haben wir ein Projektmanagement-Handbuch entwickelt, dessen Prozesse gerade in der Kreisverwaltung etabliert werden. Außerdem haben wir eine zentrale Stabsstelle für Projektmanagement - also ein PMO - aufgebaut. Auf diese Projektinfrastruktur können wir jetzt zurückgreifen, um die komplexen Flüchtlingsprojekte besser zu managen. Pmo in der VerwalTunG Eine Kommune ist bekanntlich keine Insel - schon gar nicht in der Flüchtlingskrise. Wie gelingt in dieser Situation die Kommunikation mit dem Land und dem Bund? Die Frage ist, wie man diese Kommunikation angeht. Wir haben in unserer konkreten Situation zum Beispiel dem Land ein Angebot unterbreitet: In unserem Landkreis befindet sich eine britische Kaserne, sie wurde im vergangenen Jahr aufgegeben und stand leer. Wir haben dem Land vorgeschlagen, in dieser Kaserne eine Erstaufnahmeeinrichtung für 1.000 Flüchtlinge zu betreiben. Das Angebot wurde gerne angenommen, und jeder hat sich bei der Kommunikation um Schnelligkeit bemüht. Anknüpfungspunkte mit der einheimischen Bevölkerung bilden. Anders gesagt: Nicht aus diesen Erfahrungen zu lernen wäre das größte Risiko? Natürlich! Fehlt etwa der Kontakt zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen, so kommt es zu Akzeptanzproblemen. Menschen reagieren zunächst skeptisch auf Fremdes, und Fremdheit überwindet man nur durch Nähe. Ich habe in den letzten Wochen viele Menschen kennengelernt, die mit Flüchtlingen gesprochen und die Schicksale der Flüchtlinge gehört haben - diese Menschen denken nach den Begegnungen völlig anders über Flüchtlinge. Wir brauchen eine Vielzahl von Projekten, die Nähe und Begegnung ermöglichen und Integrationsangebote schaffen. Diese Projekte der Begegnung und Integration sind stellenweise recht komplex. Inwiefern nutzen Sie Projektmanagement dafür? Die Methoden des Projektmanagements helfen, die einzelnen Projekte gut zu strukturieren, zu planen und gleichzeitig einen Überblick über die vielen parallelen Projekte und deren Risiken zu behalten. Zudem: Projektmanagement erleichtert die Kommunikation mit den vielen Organisationen und Interessengruppen, die wir dabei einzubinden haben. Aufgrund ihrer komplexen Stakeholder-Landschaft können gerade die Kommunen in diesem Bereich besonders von gutem Projektmanagement profitieren. Willkommenskultur: Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung ist überwältigend. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont PM-aktuell_5-2015_Inhalt_01-100.indd 23 10.11.2015 13: 25: 45 Uhr projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 24 REPORT völlig richtig. Aber die interne Finanzverteilung und die Frage, wer welche Anteile trägt, eignen sich nur sehr bedingt für die öffentliche Debatte. Die größte Herausforderung ist eine vernünftige europäische Regelung. Inwiefern eine europäische Lösung? Im Rahmen des Dublin-Verfahrens müssen Menschen im Erstankunftsland einen Asylantrag stellen. Reisen sie weiter, so müssen sie in dieses Land zurückgeschickt werden. Leider funktioniert das Verfahren überhaupt nicht. Viele dieser Länder bieten den Flüchtlingen kaum eine Perspektive. Die Menschen reisen dorthin, wo sie Anknüpfungspunkte erwarten - Arbeit, Verwandte oder Freunde. Daher brauchen wir Freizügigkeit in Europa für Flüchtlinge mit Bleibeperspektive. Wir brauchen die gleichen Standards mit gleicher Rechtsstaatlichkeit. Angenommen, die Flüchtlinge könnten sich frei in Europa bewegen, nachdem der Asylantrag anerkannt ist. Welche Vorteile erwarten Sie davon? In diesem Fall würden sich die Menschen so verteilen, wie bspw. ihre Arbeitskraft gebraucht wird. Das Dublin-Verfahren ist ein Bürokratiemonster. Es bindet sehr viel Ressourcen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in den Ländern und den Kommunen. Konsequent wäre es, das Scheitern einzugestehen und dem Gespenst des Dublin-Verfahrens ein Ende zu bereiten. Die GPM will als gemeinnütziger Verband der Projektmanager helfen, diese großen Herausein und sucht die kurzen Drähte, dann geht das wirklich gut. euroPäiScHe löSunG In den vergangenen Wochen ist viel über die Finanzierung gesprochen worden. Ist dies das Hauptproblem der Kommunen? Ich glaube, dass die Hauptschwierigkeiten nicht bei der Frage liegen, wer was zahlt. Wir Kommunen kämpfen für einen finanziellen Ausgleich, Anreise von Flüchtlingen informiert werden. Es bleibt kaum Zeit, Vorbereitungen zu treffen für die Unterbringung. Mit der Flüchtlingskrise befinden wir uns alle in einer besonderen Situation. Ich meine, dass jeder auf den anderen zugehen und die besonderen Regeln akzeptieren sollte, die in dieser Situation gelten. Es handelt sich um kurzfristige Entwicklungen auch mit nächtlichen Telefonaten. Da kann ich als Landrat nicht verlangen, dass mir das Land zwei Wochen vorher ankündigt, wer wann kommt. Lässt sich jeder darauf Hilfsorganisationen bereiteten die Kaserne binnen 48 Stunden auf den Empfang erster Flüchtlinge vor. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont In kurzer Zeit bauten Hilfsorganisationen eine funktionierende Infrastruktur auf. Foto: Landkreis Hameln-Pyrmont PM-aktuell_5-2015_Inhalt_01-100.indd 24 10.11.2015 13: 25: 51 Uhr REPORT 25 projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2015 Im Mittelpunkt stände die Frage, wie wir gemeinsam derartige große Veränderungsprojekte meistern. Dabei könnte die GPM eine Rolle als Informationsdrehscheibe spielen, zum Beispiel mit ihren Fachgruppen oder speziellen Veranstaltungen. Aber auch die GPM kann in dieser Zusammenarbeit ihr gemeinnütziges Profil schärfen und lernen, wie Projekte einen nachhaltigen Beitrag zu einer gemeinwohlorientierten Zukunftsgestaltung leisten können.  Hilfe der GPm willkommen Wie könnte die Hilfe konkret aussehen? Kurzfristig könnte die GPM den Kommunen auf den aktuellen Bedarf zugeschnittene Workshops anbieten. Auch praktische Unterstützung vor Ort wäre hilfreich. Für beides sehe ich großen Bedarf! Darüber hinaus halte ich einen Erfahrungsaustausch zwischen Kommunen untereinander und mit den anderen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen für wichtig. Auf welche Inhalte wäre solch ein Erfahrungsaustausch ausgerichtet? forderungen zu bewältigen. Die GPM überlegt zurzeit, wie sie und ihre Mitglieder die öffentliche Hand durch ihre Projektmanagementerfahrungen unterstützen können - und zwar ohne Gegenleistungen, also „pro bono“. Sehen Sie für diese Angebote konkreten Bedarf? Die GPM und ihre Mitglieder können vor allem ihre Erfahrungen und die Methoden und Werkzeuge des Projektmanagements einbringen, die man auch für die Bewältigung der Flüchtlingskrise exzellent einsetzen kann. Wir im Landkreis konnten ja glücklicherweise auf einen internen zertifizierten Projektmanager zurückgreifen. Andere Kommunen können dies nicht. Flüchtlingsprojekte brauchen Projektmanagement - Beitrag der GPM Aktuell erreichen täglich Tausende von Menschen Deutschland - Menschen, die meist wochenlang unterwegs waren und vielfach von den Erlebnissen in ihrer Heimat und auf der Flucht traumatisiert sind. Diesen eine freundliche Aufnahme und eine menschenwürdige Umgebung zu ermöglichen, das ist keine leichte Aufgabe. Die Kommunen müssen oft innerhalb weniger Tage eine Vielzahl von Menschen versorgen und unterbringen. Viele kommunalen Verwaltungen und zahlreiche Bürger nehmen diese Herausforderung an - mit großem Einsatz und Engagement. Die Notwendigkeit, schnell und flexibel zu reagieren, trifft dabei auf Knappheit an Ressourcen und auf Verwaltungsstrukturen, die längere Dienstwege gewohnt sind. „Wir schaffen das“ - Deutschland nimmt seine Verantwortung nach dem Grundgesetz und der Genfer Flüchtlingskonvention wahr. Die Kanzlerin übernimmt Führungsverantwortung und bringt zugleich die Hilfsbereitschaft der Mehrheit in unserem Lande zum Ausdruck. Doch auch die Kanzlerin weiß genau: Die Aufnahme und Integration so vieler Menschen mit anderen Sprachen und Kulturen wird Deutschland im Rahmen der EU nur dann schaffen, wenn dieses komplexe Projekt auch gut organisiert wird. Erfahrene Projektmanager wissen, dass über den Erfolg komplexer Projekte nicht in theoretischen Debatten entschieden wird, sondern im praktischen Handeln. Wirksames Projektmanagement ist keine Kalkulationsmethode, sondern ein Führungsinstrument für den Wandel. Bei der Vielzahl paralleler Projekte zur Bewältigung der Flüchtlingskrise und zur Integration der Menschen mit Bleibeperspektive kann man von einem Projektnetzwerk sprechen, aus zahlreichen Portfolios, Programmen und Projekten, auf allen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen. Sie alle brauchen gutes Projektmanagement und transparente Governance. Noch fehlt der detaillierte Masterplan, doch das ist am Anfang komplexer Projekte nicht anders zu erwarten - erfahrene Projektmanager wissen auch das. Kein Grund, schon jetzt die weiße Fahne zu hissen. Dass die politische Gesamtkoordination vom Kanzleramt übernommen wurde, ist ein wichtiger Schritt. Ausbau und ressortübergreifende Bündelung der Projektmanagementkompetenz der Bundesverwaltung - etwa in einem Kompetenzzentrum für Großprojekte und Programme des Bundes - könnten bei der Planung und Steuerung der komplexen politischen Projekte helfen. Wichtig ist auch, dass nun alle den ihnen möglichen Beitrag leisten, konstruktiv zusammenarbeiten und gemeinsam aus Fehlern lernen. Gerade die Bürgermeister und Landräte haben dabei eine wichtige Führungsrolle. Das Gespräch mit dem Landrat von Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, macht das beispielhaft deutlich. Auch die GPM sieht sich als gemeinnütziger Verband der Projektmanager in der Mitverantwortung und stellt zurzeit Überlegungen an, welchen Beitrag sie und ihre Mitglieder mit ihren Projektmanagementerfahrungen zur Bewältigung dieser großen Herausforderungen leisten können. Diskutiert werden zum Beispiel: Verbreitung von Best Practice-Erfahrungen, Erstellung von notwendigen Leitfäden und Checklisten oder den Kommunen Projektmanager an die Seite zu stellen, die koordinierend mit anpacken. Dazu sind wir auch im Gespräch mit kommunalen Spitzenverbänden über eine mögliche Zusammenarbeit. Haben Sie Ideen und Vorschläge, wie die GPM sich engagieren kann, oder wollen Sie sich persönlich einbringen? Wir freuen uns, wenn Sie sich in unserem Hauptstadtbüro melden. Ihre Ansprechpartnerin ist Ina Gamp, Tel.: 030/ 36 40 33 99-72, E-Mail: i.gamp@gpm-ipma.de. Norman Heydenreich, Hauptstadtrepräsentant, GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. 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