PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
pm
2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
11
2016
271
GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.Organisation von Temporalität und Temporärem
11
2016
Helmut Strohmeier
Koch, Jochen/Sydow, Jörg (Hrsg.): Organisation von Temporalität und Temporärem. Springer Gabler Verlag, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3658029975, 252 S., EUR 69,99
pm2710054
projektManagementaktuell | ausgabe 1.2016 54 Wissen Koch, Jochen/ Sydow, Jörg (Hrsg.): Organisation von Temporalität und Temporärem. Springer Gabler Verlag, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3658029975, 252 S., EUR 69,99 Wer Verantwortung für und in Projekten trägt, darf sich vom Buchtitel angesprochen fühlen, ist doch das Projekt die wohl bekannteste Form einer temporären Organisation. Und so geht es im Werk der beiden Herausgeber um Strukturen, Regelwerke, Entscheidungsgrundsätze und Wissenstransfer innerhalb einer temporären und hin zu anderen Organisationen temporärer oder auch nicht temporärer Art. Dynamische Umgebungen mit überraschenden Ereignissen werden angesprochen und das Thema Zeit zieht sich quer durchs gesamte Buch - und genau die wird sich der Leser nehmen müssen, will er von ihm profitieren. Es ist ein streng wissenschaftliches Werk, also keines, das man schnell mal in der Bahn oder im Flugzeug lesen und begreifen wird können. Der Leser wird gefordert, aber wer sich dieser Anstrengung stellt, bekommt etwas geliefert, das ihn zum Nachdenken anregt und womöglich manche seiner Projekterlebnisse in einem anderen Licht erscheinen lässt. Das vorliegende Werk beinhaltet sechs Aufsätze von insgesamt zehn Autoren: 1) Ortmann: Noch nicht/ nicht mehr - Zur Temporalform von Paradoxien des Organisierens 2) Duchek/ Klaußner: Temporärer Umgang mit Unerwartetem: … 3) Noss: Strategisches Management und Zeit - … 4) Schoeneborn: PowerPoint und die Einkapselung von Prozessqualität im projektübergreifenden Lernen 5) Dischner/ Siewecke/ Süß: Regeln in interorganisationalen Projekten: … 6) Müller-Seitz/ Schüßler: From Event Management to the Management of Events - … Aufsatz 1) seziert die Noch-nicht-/ Nicht-mehr- Paradoxie. Bekannt ist, dass sinnvolle Handlungen nur innerhalb eines gewissen Zeitrahmens Erfolg versprechend sind. Erbringt man sie zu früh, sind sie wirkungslos und ebenso, falls sich das verfügbare Zeitfenster bereits geschlossen hat. Doch der Autor geht darüber hinaus. Er beleuchtet paradoxe Situationen, in denen das „Noch nicht“ und das „Nicht mehr“ zeitlich ineinandergreifen oder unmittelbar aufeinander folgen. Jemand tut etwas in bestimmter Absicht, aber gerade weil er es tut, verfehlt er das Ziel. Aufsatz 2) schildert den praktischen Umgang mit einem überraschenden Ereignis und beleuchtet dazu erfolgsfördernde Faktoren. Wie hat sich eine nicht temporäre Organisation aufzustellen und was muss sie tun, um eine neu zu bildende temporäre Organisation kurzfristig so auszustatten, dass sie sich Erfolg versprechend um das einmalige Ereignis kümmern kann? Aufsatz 3) behandelt Strategieentwicklung und -umsetzung in einer höchst dynamischen Umwelt. Es geht um die Synchronisation von Prozessen, damit sich widerborstig gegenüberstehende Pole, nämlich Stabilität und Flexibilität, ins Gleichgewicht zwingen lassen. Im Aufsatz 4) geht es um Wissensmanagement und um die kritische Beleuchtung der Frage, ob PowerPoint-Folien allein ausreichend sind, einen Wissenstransfer von einem Projekt zum anderen herstellen zu können. Der Aufsatz 5) betrachtet Regeln in interorganisationalen Projekten, also in Situationen, in denen Menschen unterschiedlicher Stammorganisationen in einem Projekt wirken. Wer setzt die Regeln und werden sie auch befolgt? Aufsatz 6) befasst sich einerseits mit organisationsübergreifenden Veranstaltungen wie Kongressen und Messen und untersucht auf der anderen Seite plötzlich eintretende unerwartete Ereignisse. Er zeigt, wie Organisationen vor, während und nach dem Ereignis agieren. Dabei lässt sich einigermaßen überraschend feststellen, dass Handlungen zu geplanten wie zu ungeplanten Ereignissen durchaus Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten aufweisen. Wer scharfe wissenschaftliche Logik liebt, wird Aufsatz 1) als das Highlight des gesamten Werkes empfinden. Meine Sinne hat er dahingehend geschärft, dass in Projekten immer mal wieder Situationen vorkommen, in denen jede denkbare Handlung als die falsche empfunden wird. Nichts Beunruhigendes, denn man hat sich dann lediglich in einer Paradoxie verfangen. Die Zeit wird für Abhilfe sorgen, denn nur sie kann die paradoxe Situation auflösen. Die Aufsätze 3) bis 6) basieren auf empirischen Untersuchungen oder praxisbezogenen Beobachtungen. Zwar überschreiten gewonnene Erkenntnisse selten die Ebene des gesunden Menschenverstands, aber auch er will belegt sein, was den Autoren überwiegend und meist sogar sehr gut gelingt. Die einzige Ausnahme liefert Aufsatz 5). Er lässt leider - ich muss es so deutlich sagen - alles vermissen, was man gemeinhin von einer wissenschaftlich fundierten Arbeit erwartet. Wichtige Definitionen fehlen (was bitte ist ein Beratungsprojekt? ), der Begriff „interorganisationale Projekte“ wird unzulässig beschnitten (es wird ausschließlich von Projekten berichtet, bei denen Berater in einem Auftrag gebenden Unternehmen agierten; Konsortien beispielsweise sind unberücksichtigt geblieben), der Untersuchungsumfang ist viel zu klein (20 Interviewpartner) und die Schlussfolgerungen sind an Banalität kaum zu überbieten (eine kooperative Regelsetzung ist bedeutend). Mein Fazit: Wer Phänomene temporärer Organisationen erforscht und Hintergründiges beleuchtet sehen will, wird seine Lesezeit als sinnvoll investiert betrachten. Sein temporäres Anliegen, nämlich wertvolle Erkenntnisse aus dem Beobachten von Temporalität und Temporärem zu schöpfen, wird sich sehr wahrscheinlich stillen lassen. Nur die Seiten 157 bis 183 darf er sorglos und zeitsparend überblättern. Autor: Helmut Strohmeier Buchbesprechungen Organisation von Temporalität und Temporärem PM-aktuell_1-2016_Inhalt_01-68.indd 54 29.01.2016 8: 20: 10 Uhr
