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PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
101
2016
274 Gesellschaft für Projektmanagement

„Die digitale Transformation - lästig und wunderbar zugleich“

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2016
Oliver Steeger
Das Bahnticket auf dem Handy, heute eine Selbstverständlichkeit. Doch bis vor zehn Jahren gab es weder ein Handy-Ticket noch das Smartphone selbst. Über die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung in unser Leben eingreift und die Wirtschaft revolutioniert, staunen sogar Fachleute. Immer mehr Unternehmen sehen sich gezwungen, mit Projekten ihr Geschäftsmodell digital zukunftsfähig zu machen. Sascha Lobo, Vordenker der digitalen Zukunft, nennt dies die „wunderbare, lästige Pflicht zur digitalen Transformation“. Auf dem „33. Internationalen Projektmanagement Forum“ (18./19. Oktober 2016) wird der Internetexperte als Keynote Speaker sprechen. Im Interview beschreibt Sascha Lobo die Folgen der digitalen Transformation, die Herausforderungen für Projektmanager – und die Faszination, die von diesem Wandel ausgeht.
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Vordenker Sascha Lobo als Keynote Speaker auf dem PM Forum „Die digitale Transformation - lästig und wunderbar zugleich! “ Autor: Oliver Steeger REPORT 03 projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 Das Bahnticket auf dem Handy, heute eine Selbstverständlichkeit. Doch bis vor zehn Jahren gab es weder ein Handy-Ticket noch das Smartphone selbst. Über die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung in unser Leben eingreift und die Wirtschaft revolutioniert, staunen sogar Fachleute. Immer mehr Unternehmen sehen sich gezwungen, mit Projekten ihr Geschäftsmodell digital zukunftsfähig zu machen. Sascha Lobo, Vordenker der digitalen Zukunft, nennt dies die „wunderbare, lästige Pflicht zur digitalen Transformation“. Auf dem „33. Internationalen Projektmanagement Forum“ (18./ 19. Oktober 2016) wird der Internetexperte als Keynote Speaker sprechen. Im Interview beschreibt Sascha Lobo die Folgen der digitalen Transformation, die Herausforderungen für Projektmanager - und die Faszination, die von diesem Wandel ausgeht. Die Wirtschaft steht vor der digitalen Transformation. Es geht darum, das Unternehmen mit dem Geschäftsmodell digital zukunftsfähig zu machen - also zumindest auf den aktuellen Stand der digitalen Vernetzung zu bringen. Die Aufgaben sind vielfältig. Beispielsweise suchen Unternehmen Anschluss an das Smartphone. Völlig neue Vertriebskanäle werden geschaffen, sogar revolutionäre Geschäftsmodelle ausprobiert. Andere Unternehmen beschäftigen sich damit, Vertriebsdaten in Echtzeit in ihr Unternehmen aufzunehmen - oder sich gegen neue Mitbewerber aufzustellen, die durch die digitale Revolution auf ihren Markt drängen. Diese digitale Transformation be- Sascha Lobo Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Autor, Strategieberater und hält Fach- und Publikumsvorträge. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internets auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Auf Spiegel Online erscheint wöchentlich seine Kolumne „Die Mensch-Maschine“ über die digitale Welt. Zuletzt erschien sein Buch „Internet - Segen oder Fluch“, geschrieben gemeinsam mit Kathrin Passig. Foto: Reto Klar „Zusammen wachsen. Ideen verbinden. Projekterfolge gestalten.“ - Unter diesem Motto erwartet das PM Forum 2016 vom 18. bis 19. Oktober in Nürnberg rund 1.000 Projektmanager. Zwölf Streams zeigen das gesamte Spektrum der Projektmanagementwelt. In diesem Jahr steht unter anderem das Thema „Digitale Transformation und Industrie 4.0“ im Fokus. Highlights setzen die hochkarätigen Keynote Speaker Sascha Lobo, Dagur Sigurdsson, Martin Hoffmann und Dr. Manfred Lütz. - Mehr Informationen und Anmeldung unter: www.pm-forum.de (Frühbucherrabatt bis 18.9.2016) PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 3 11.08.2016 13: 06: 27 Uhr projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 04 REPORT zurückblicken, was sich innerhalb weniger Jahre verändert hat. Ich gebe Ihnen dafür noch ein Beispiel, dieses Mal direkt aus der Unternehmenswelt. Gerne … Es geht um die Daten-Cloud. Zwischen 2004 und 2009 habe ich in Vorträgen ständig über die kommenden Veränderungen durch die Cloud sprechen müssen. Damals konnten sich nicht besonders viele Leute vorstellen, wie wir in einer Cloud arbeiten werden. Ich selbst habe seit 2005 in einer simplen Cloud-Anwendung meine ersten Bücher kollaborativ geschrieben. Heute ist die Cloud fast selbstverständlich, auch viele Projektmanager arbeiten „in der Cloud“ und teilen dort Dokumente. Selbst ausgesprochene Skeptiker „verclouden“ inzwischen. Aus meiner Sicht spannend: Veränderungen werden uns schnell selbstverständlich. Deshalb merken wir nicht richtig, wie rasant sich die digitale Welt wandelt - und welche Konsequenzen das auslöst. Viele halten den digitalen Fortschritt für einen reißenden Strom, der vor kaum einer Branche haltmacht. Halten Sie solche Beschreibungen für übertrieben? Nein, gar nicht. Die Dynamik kann überwältigend sein. Sie gelten als ausgewiesener Vordenker des digitalen Zeitalters. Wann haben Sie das erste Mal diese Dynamik, die alles verändernde Macht der digitalen Transformation erkannt? Das war kein Einzelmoment der Erkenntnis, keine Heureka-Situation, in der mir die Augen geöffnet wurden. Ich bin eher in einen Erkenntnisprozess hineingeglitten. Dieser Prozess hat bei mir sogar vergleichsweise spät eingesetzt - und zwar mit dem Erstarken der sozialen Medien, etwa in der Zeit zwischen 2005 und 2008. Was war an diesem Erstarken so besonders? Vorher war das Internet vergleichsweise starr. Im Internet fanden sich beispielsweise Datenbanken … … digitale Lexika, Zeitungsarchive, Online- Shops. Man hat im Internet recherchiert, Zeitungen gelesen oder Dateien heruntergeladen. Richtig! Mit der flächendeckenden Nutzung der sozialen Medien hat sich das Verhalten verändert. Die Menschen gebrauchten das Internet, um die Spuren anderer Menschen zu entdecken auf die Idee, dass diese Erfindung gerade neun Jahre jung ist? Nochmals zur Eingangsfrage: Was ist an der digitalen Transformation zugleich lästig und wunderbar? Die digitale Transformation bringt Veränderungen, die jedes Unternehmen mitmachen muss. Kein Unternehmen kann sich die jeweiligen Veränderungen aussuchen … … davon können die Taxifahrer ein Lied singen, denen plötzlich Privatleute das Geschäftsmodell zerstören. Ja, sich diesen Veränderungen anzupassen, dies ist Pflicht, und dies kann sehr lästig sein. Man muss mit der Zeit gehen, man wird zur Aktion genötigt, zu neuen Projekten gezwungen. Anderenfalls gerät man mit seinem Geschäftsmodell ins Hintertreffen. Was jedoch das Wunderbare an dieser Pflicht betrifft: Die digitale Transformation bietet große Chancen. Ich finde, es macht Freude, diese Veränderungen und Chancen zu erforschen. Dies versuche ich auch auf meinem Vortrag vor den Teilnehmern des PM Forums zu vermitteln. Die digitale Transformation ist eine lästige Pflicht - aber wunderbar ist, dass wir derzeit noch einen vergleichsweise großen Spielraum für die Gestaltung haben? Ja! Diesen Spielraum zu erforschen, das kann man als etwas Wunderbares empfinden. Es hängt wohl an jedem selbst, ob er bei diesem Wandel eher das Lästige oder das Wunderbare als zentral empfindet. Taximarkt, Hotelmarkt, Smartphone - Sie haben drei Beispiele genannt, an denen wir die Auswirkungen der digitalen Transformation erleben können. Offen gesagt: Ich erkenne die Macht und das Tempo dieses Wandels erst im Rückblick. Mir entgeht häufig, wie hier und heute diese Transformation in Branchen, Unternehmen und Alltagsleben eingreift und Geschäftsmodelle völlig umkrempelt. Die digitale Transformation scheint sich auf Samtpfoten anzuschleichen ... Das empfinden viele Menschen so, ich manchmal auch. Die Veränderungen, die diese Transformation herbeiführt, werden häufig als vermeintlich kleine Umstellung inszeniert. Als winzige Veränderungsschritte. Deren Tragweite begreifen wir erst in der Rückschau - wenn wir auf das zeichnen Sie als Pflicht. Als lästige und wunderbare Pflicht. Wie kann diese Pflicht zugleich lästig und wunderbar sein? Sascha Lobo: Das ist eigentlich einfach zu verstehen. Die Kernfrage ist: Was macht das Internet mit meinem Geschäftsmodell? Nach welchen Veränderungen - gesellschaftlichen, medialen und ökonomischen Veränderungen - muss das Unternehmen sich neu ausrichten? Diesen Prozess durchlaufen derzeit viele Unternehmen in Deutschland, ob sie dies wollen oder nicht. Der Wandel ist in vollem Gange, und zwar zumeist hinter den Kulissen, ohne dass wir dies mitbekommen. Nur ganz wenige Branchen sind davon ausgenommen. Um welche Umstellungen handelt es sich beispielsweise? Ein gutes Beispiel sind die neuen Plattformen für die Buchung und Vermietung von Unterkünften. An solchen innovativen Angeboten erkennt man, was die digitale Transformation bewirkt, wie sie Branchen grundlegend verändert. Über solche Buchungsplattformen findet man weltweit private Unterkünfte. Jedermann kann darüber Privatzimmer anbieten oder buchen - ein völlig neues Konzept für Übernachtungen. In manchen US-amerikanischen Städten haben solche Plattformen 30 bis 50 Prozent Umsatzverlust bei Hotels hervorgerufen. Dies dürfte dem klassischen Hotelmarkt Kopfschmerzen bereiten? Genau. Hotelunternehmen müssen sich dieser Herausforderung stellen - ob sie wollen oder nicht. Ein weiteres Beispiel: In einigen Städten der USA existiert mittlerweile kaum mehr das altbekannte, klassische Taxi. Auf Internetplattformen können Sie Privatleute als Fahrer buchen, das hat den Personentransportmarkt radikal verändert. Ein drittes Beispiel: das Smartphone. Heute hat fast jeder ein Smartphone. Das Smartphone hat viele Geschäftsmodelle ermöglicht oder verändert. Doch das Smartphone, wie wir es heute kennen, wurde erstmals vor neun Jahren vorgestellt, im Jahr 2007. In Deutschland begann sich das Smartphone mit dem Touchscreen zwischen 2008 und 2010 durchzusetzen. Richtig verbreitet also ist diese Innovation gerade einmal seit sechs Jahren. Wenn ich junge Menschen beobachte, die mit dem Smartphone schon fast verwachsen scheinen - wer käme PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 4 11.08.2016 13: 06: 27 Uhr REPORT 05 projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 für alltägliche soziale Interaktionen beobachten. Heute hat Facebook weltweit über anderthalb Milliarden Nutzer. Da hat sich eine digitale Verwandlung sozialer Verhaltensweisen in der Breite durchgesetzt. Sie haben mehrfach auf die Dynamik und das hohe Tempo dieser Entwicklungen hingewiesen. Wie erklärt sich diese enorme Geschwindigkeit? Wir leben in einem Zeitalter exponentiellen Fortschritts. In unserer Zeit breiten sich gesellschaftsverändernde Technologien mit großer Geschwindigkeit aus. Um aber dies richtig zu verstehen, kommt es auf ein wesentliches Detail an: Nicht die neuen Technologien an sich verändern die Welt, sondern die Art und Weise, wie Menschen diese neuen Technologien nutzen. Verstehe ich richtig? Nicht die technologische Innovation treibt diese Entwicklung? Nein, die Nutzung. Anders formuliert: die Bedürfnisse der Menschen. Haben Menschen das Bedürfnis, sich in bestimmten Situationen des Alltags sozial mitzuteilen, dann hat dies Einfluss auf die dahinterstehenden Technologien von Smartphones, sozialen Netzwerken und anderem. Jede gelungene technologische Innovation erfüllt diese Bedürfnisse noch besser, simpler oder situativer als bisher. Wichtig für uns ist: Den Anfang bilden immer solche Bedürfnisse - und nicht, wie wir in Deutschland häufig meinen, der technologische Fortschritt. kator für mich, wie und in welchem Rahmen sich die künftige Gesellschaft aufstellt. Pardon - da kann ich nicht ganz folgen … Ich zitiere den Science Fiction-Autor William Gibson, der das von mir hoch geschätzte Genre Cyber-Punk miterfunden hat. Die Zukunft ist schon da, sagt Gibson, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt. Drehen wir diesen Satz um, dann bedeutet dies im Umkehrschluss: Man muss nur an den richtigen Orten nachschauen, wo heute schon die Zukunft stattfindet. Dann wird man Einblick bekommen in das, was die Zukunft bereithält. Es geht um einfaches, aber wirkungsvolles Beobachten. Gestatten Sie mir einen Einwand. Viele Jugendliche scheinen heute mit dem Smartphone „verwachsen“, Sie haben es eben gesagt. Dies bedeutet doch nicht, dass diese Jugendlichen in 15 Jahren ebenso ihre Freizeit vor dem Bildschirm verbringen. Der Mensch verändert sich. Das ist richtig. Man kann diese Beobachtungen nicht eins zu eins linear auf die Zukunft übertragen. Und doch können Sie heute bei Jugendlichen beobachten, welche Verhaltensweisen im Umgang mit der digitalen Technik für sie „funktionieren“ - und welche nicht. Dabei kristallisieren sich bestimmte gesellschaftliche Verhaltensweisen heraus, die in Zukunft eine Rolle spielen. Wir sehen dies gut an den sozialen Medien. Vor wenigen Jahren konnten wir bei einigen Jugendlichen die intensive Nutzung sozialer Medien - und nicht, um Informationen aus nüchternen Datenbanken nachzulesen. Die Gesellschaft schien plötzlich selbst ins Netz zu gehen. Das Internet war nicht nur ein Instrument, ein Medienkanal, sondern es bildete die Gesellschaft ab. Da wurde mir klar: Das Internet ist nicht mehr nur die Technologie, mit der man Mails schreibt, online bestellt oder Flüge bucht. Verstehe! Die Nutzung hat sich verändert … Nicht nur die Nutzung, sondern auch die Erwartung dessen, was sich im Netz findet. Die Menschen haben irgendwann erkannt, dass es Freude macht, sich anderen über das Internet mitzuteilen. Dieser essenzielle Wandel hat sich aus heutiger Sicht zwischen 2005 und 2007 vollzogen, vielleicht bis 2008. Und mit einem Mal existiert dadurch eine Selbstverständlichkeit, persönliche Daten ins Netz zu stellen und mit denen anderer Leute zu interagieren. Damit eng verbunden hat sich die mobile Revolution, die Verbreitung des Smartphones und anderer transportabler Geräte. Mark Twain hat sinngemäß gesagt: Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. - Trotzdem meine Frage: Wie können wir uns den weiteren Weg der digitalen Transformation vorstellen? Was erwartet uns? Entscheidend dafür ist die Art und Weise, wie Generationen unterschiedlich mit Kommunikation und Datenstrukturen umgehen. Das ist ein Indi- Die digitale Transformation führt in vielen Branchen zu einem starken Wandel - und eröffnet faszinierende Chancen. Foto: vege - Fotolia.com PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 5 11.08.2016 13: 06: 28 Uhr projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 06 REPORT Wie wird sich die Aufgabe von Projektmanagern verändern in Zeiten der digitalen Transformation? Dem Projektmanagement kommt in der digitalen Transformation eine zentrale Rolle zu, für die es sich noch rüsten muss. Die Schwierigkeit besteht derzeit in der Starrheit, mit der viele Projekte durchgeführt werden. Viele Unternehmen setzen Projekte für ihre digitale Transformation auf. Sie versuchen, Wissen zu sammeln, eine Strategie zu entwickeln. Dann werden Projekte geplant, und zwar bis ins letzte Detail. Eine deutsche Spezialität. Und dies funktioniert im digitalen Zeitalter nicht? Ich glaube, das funktioniert so nicht. Wir müssen zu wesentlich liquideren Modellen von Projektmanagement kommen. Liquidität im Sinne der Finanzen der Flexibilität, im Sinne einer Verflüssigung. Und trotzdem darf natürlich das Projektmanagement nicht chaotisch werden. Deshalb wünsche ich mir, dass sich mehr Projektmanager und Projektmanagementexperten mit der digitalen Transformation auseinandersetzen. Nur dann kann dieser Wandel überhaupt gelingen. Projektmanager wollen eine zuverlässige und erfolgreiche Abwicklung der Projekte sicherstellen. Da scheint wenig Raum für die Liquidität, von der Sie sprechen. Wir haben vorhin gesehen, wie atemberaubend schnell sich die Geschäftsmodelle in vielen Bran- Sprechen wir über die Zukunft, dann betrachten wir aus meiner Sicht viel zu sehr die Technologien und deren Verbesserung. Selbstverständlich findet der Wandel entlang von Technologien statt - jedoch im Kern geht es darum, wie genau die Menschen diese Technologien nutzen. Das ist einer der Gründe, weshalb Usability so überaus wichtig ist. Im Fokus steht bei Projekten die Bedürfnisbefriedigung des Menschen, nicht das Ausrollen neuer Technologien. Da kann es für die Erfinder zu einigen Überraschungen kommen. Zu Überraschungen - inwiefern? Erfindungen werden nicht immer so angewendet, wie es vom Absender ursprünglich geplant war. Das heißt auch: Es ist nur schwer möglich, vorherzusagen, welche Eigenschaften eines digitalen Produktes die wichtigsten sind. Dann muss manchmal das Unternehmen das gesamte Geschäftsmodell der Realität anpassen. Diesem Muster unterliegen auch Großunternehmen. Denken Sie an soziale Medien, heute sehen soziale Medien völlig anders aus als vor acht Jahren. Sie wurden weiterentwickelt ... ... indem sie den Nutzern angepasst wurden, häufig entgegen der Planung. Deshalb meine Botschaft an Projektmanager: Konzentrieren Sie sich nicht so sehr darauf, was technologisch machbar ist, sondern darauf, wie die Menschen mit ihren Technologien umgehen. Das tun zwar schon einige, aber eben nicht alle. Deutschland gilt als sehr innovatives Land. Doch die Innovationen, die im Zusammenhang mit der digitalen Transformation stehen, sind selten „made in Germany“. Wie erklären Sie dies? Der Begriff der Innovation wandelt sich derzeit. Deutschland ist gewiss ein sehr innovatives Land, da stimme ich Ihnen zu. Man erkennt das zum Beispiel an den ungeheuer vielen Patentanmeldungen. Aber: Hier wird Innovation zumeist als Verbesserung des Bestehenden betrachtet. Beispielsweise setzt ein Automobilhersteller ein Entwicklungsprojekt auf. Mehrere Hundert Ingenieure feilen in einem präzise geplanten und gesteuerten Projekt daran, aus einem Dieselmotor noch weitere 0,2 Prozent Effizienz herauszuholen. Sie verbessern Bekanntes, statt etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Etwa in einem Projekt den Dieselmotor ganz abzuschaffen und ihn durch eine andere Erfindung zu ersetzen. Oder Mobilität, den Endzweck des Motors, gleich völlig neu zu denken. Welche App ersetzt den Dieselmotor? Das sind die entscheidenden Fragen. Man versteht sich hier zu wenig auf Innovationen im Sinne disruptiver Entwicklungssprünge. Projektmanager sind bekanntlich Spezialisten für Wandel und Innovationen. Mit Projekten betreten Unternehmen Neuland. Vorhin sagten Sie: Wir müssen mehr auf die Menschen achten, statt rein das technologisch Machbare zu fokussieren. Dieser Hinweis dürfte auch an die Adresse von Projektmanagern gehen. Das Smartphone trifft den Nerv der Zeit. Sascha Lobo erklärt: „Haben Menschen das Bedürfnis, sich in bestimmten Situationen des Alltags sozial mitzuteilen, dann hat dies Einfluss auf die dahinterstehenden Technologien von Smartphonen, sozialen Netzwerken und anderem.“ Foto: drubig-photo - Fotolia.com PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 6 11.08.2016 13: 06: 29 Uhr REPORT 07 projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 dig angepasst werden. Aus dem zuvor abgeschlossenen Projekt wird dann ein Vorhaben ohne Ende. Auch dies ist aus Sicht des heutigen Projektmanagements kaum möglich. Ein Projekt hat ebenso ein fest definiertes Ende wie einen fest definierten Anfang. Sonst ist es kein Projekt. Und eben deshalb sehe ich keine andere Alternative, als dass man das heutige Projektmanagement strukturell hinterfragt. Das geschieht ja zum Beispiel im IT-Bereich auch schon sehr intensiv. Mit strukturell meine ich: Haben die Verfahrensweisen beispielsweise eine Art Sollbruchstelle? Eine Sollbruchstelle, die es ermöglicht, wieder einen Schritt zurückzugehen, wenn man auf dem eingeschlagenen Weg überraschend nicht vorankommt? Oder sind wir heute so stark auf zu erfüllende Kennzahlen abgerichtet, dass wir eher ein Projekt einstellen, als es durch Experimente verändert fortzuführen? Sie werden auf dem PM Forum im Oktober 2016 zu einigen Hundert Projektmanagern sprechen. Wie können sich Ihrer Einschätzung nach Projektmanager auf die digitale Transformation vorbereiten? Ich glaube, dass man sich vorbereiten kann, indem man die Rahmenbedingungen der digitalen Transformation auf gesellschaftlicher Ebene versteht. Dieses Verständnis kann man natürlich nicht innerhalb eines einstündigen Vortrags herbeiführen. Der Vortrag kann aber ein Auslöser für diesen Prozess sein. Das heißt, die gesellschaftliche Entwicklung beobachten, das Nutzungsverhalten und die Akzeptanz von neuen Technologien im Blick behalten? Ja. Kluge Köpfe können aus den erkannten Zusammenhängen die Konsequenzen erkennen und daraus konkrete Schritte ableiten. Dann werden Projektmanager selbst feststellen, dass die Art, wie sie ihre Projekte und Planungen aufsetzen, absolut entscheidend ist für das Gelingen der digitalen Transformation. Was kann sich am Projektmanagement beispielsweise verändern? Es geht um aktive Beobachtung des Umfelds. Dafür müssen Projektmanager Zeit, Kapazität und Mittel einplanen. Vielleicht zeigt sich, dass man in Projekten auch Mitarbeitern Forschungsgelang - und eines einen sensationellen Erfolg einbrachte. Entscheidend dabei ist: Diese Unternehmen haben aus den gescheiterten Projekten die richtigen Schlüsse gezogen. Ebenso sind bei Digitalkonzernen ständige A/ B-Tests geradezu Pflicht, deren Ergebnisse manchmal den Projektverlauf auf den Kopf stellen können. Auch das erfordert eine andere, planerische Herangehensweise. Kürzlich habe ich die Formulierung gelesen, dass bei vielen Projekten der digitalen Transformation der Weg voran im Halbdunkel liegt. Der Projektmanager muss in seinem Projekt schnell unterwegs sein, obwohl er so wenig über die Zukunft weiß. Er kann seinen Weg nicht erkennen. Was soll er tun? Liegt ein Weg im Halbdunkel, muss man sich vorantasten. Projektmanager brauchen Methoden, die ihnen helfen, sich vorzutasten. Bildlich gesprochen machen Projektmanager vorsichtige Schritte voran, immer bereit, den Fuß auch wieder zurückzuziehen, wenn es nicht weitergeht. Projektmanager sind es gewohnt zu planen. Vom Tasten ist bislang im Projektmanagement keine Rede. Welche Alternative haben Sie denn angesichts dieser Dynamik? Wie weit können Sie denn überhaupt seriös planen? Häufig leider eben nicht bis ans Ende des Projekts. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Projektmanager arbeitet an einer neuen Dienstleistung. Er ist in einer überschaubaren Branche tätig, in der er mit fünf oder sechs Mitbewerbern rechnet. Plötzlich kommt schräg von der Seite - aus einer völlig anderen Branche - ein Mitbewerber. Er bietet nicht einmal die exakt gleiche Dienstleistung. Und doch knabbert dieser Wettbewerber am Markt. Für den Projektmanager ergeben sich daraus völlig neue Herausforderungen. Er muss erkennen, dass er in eine falsche Richtung gearbeitet hat. Genau! Er muss möglicherweise die Preisstrategie seiner Dienstleistung verändern und sein Projekt auf dieser Basis neu budgetieren. Ein anderes Beispiel: Ein Unternehmen hat früher in Projekten neue Produkte entwickelt. Diese Projekte hatten einen Anfang und ein Ende, es waren quasi einzelne „Einmal-Projekte“. Nun aber entwickelt das Unternehmen aus dem Produkt eine Dienstleistung. Diese Dienstleistung muss aber der Erwartung des Kunden nach stänchen verändern. Niemand kann sicher vorhersagen, in welche Richtung die Reise geht. Auch ich weiß nicht genau, wie in fünf Jahren beispielsweise soziale Medien aussehen. Das heißt, die Wirklichkeit kann die Projektplanungen schnell überholen? Ja. Binnen eines halben Jahres können sich Rahmenbedingungen an entscheidenden Punkten verändern: ein verändertes Geschäftsmodell für das Projekt, eine neue, bessere Programmiersprache, eine neue Marktsituation. Deshalb brauchen wir bei Projekten bessere Möglichkeiten, die Pläne anzupassen, umzusteuern, eingeschlagene Wege aufzugeben und neue Pfade zu suchen. Dies natürlich alles unter der Prämisse, dass kein Chaos entsteht. Ich bin immer dafür, eine Strategie und einen Plan zu haben, aber schon der Begriff „Pivot“, bei Netzunternehmen typisch für die radikale Anpassung des Geschäftsmodells, zeigt, wie wichtig die Fähigkeit ist, Planungen anders aufzustellen. In diesem Zusammenhang sprechen Sie häufig von Experimenten. Offen gesagt: Experimente stoßen bei Projektmanagern nur bedingt auf Gegenliebe. Ein Experiment ist zunächst nicht mehr als das Eingeständnis, dass fast niemand genau weiß, in welche Richtung das Umfeld eines Projekts sich entwickeln wird. Die zentrale Eigenschaft eines Experiments ist, dass es auch scheitern kann - ähnlich wie bei Experimenten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Eben da könnte ein Problem liegen. Wie gesagt, diese Form des Scheiterns und Misslingens dürfte weder bei Projektmanagern noch bei ihren Auftraggebern Beifall finden. Wir kommen ohne neue Fehlerkultur und Scheiterkultur in Deutschland nicht voran, wenn wir die digitale Transformation erfolgreich bewältigen wollen. Genau diese Kultur des Fehlers und des experimentellen Scheiterns sollte das Herzstück der Unternehmenskultur werden. Und der Projektmanager sollte dann diese Kultur ikonografisch abbilden. Wir sollten Projekten die Möglichkeit geben, Experimente zu wagen, sich quasi „voranzuscheitern“. Im Übrigen: Viele digitale Konzerne sind erfolgreich geworden, indem sie ausprobiert haben, was funktioniert und was nicht funktioniert. Sie haben eine bestimmte Zahl von Projekten gestartet, von denen die allermeisten gescheitert sind, eines halbwegs PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 7 11.08.2016 13: 06: 29 Uhr projektManagementaktuell | AUSGABE 4.2016 08 REPORT Möglicherweise eine ähnlich fundamentale Erfindung wie die des Rads. Vor Urzeiten erfunden, hat die Menschheit das Rad immer weiter entwickelt, es auf Schienen gebracht und mit eigenem Antrieb versehen. Vielleicht bestehen da wirklich Ähnlichkeiten. Fest steht: Die Digitalisierung geht - wie auch die Entwicklung des Rads - immer weiter. Sie greift immer tiefer in den Alltag der Menschen ein. Das fasziniert viele Menschen, auch deshalb, weil es in den privaten Alltag so tief eingreift. Und diese Faszination brauchen wir. Wenn wir sie nicht spüren, dann müssen wir sie uns eben selbst einreden. Denn wäre diese Transformation allein eine lästige Pflicht, würden wir es womöglich nicht aushalten mit dieser unendlichen Aufgabe.  dadurch auch spürbare Nachteile davontragen. Dies wäre ein Anfang, mehr aber noch nicht. Eine große Aufgabe wird es sein, das Projektmanagement liquide zu gestalten. Noch ist es für Projektmanager schwierig, Veränderungen und Kurswechsel während des Projekts zu ermöglichen. Das zeigt, selbst entgegen anderslautenden Behauptungen, oft die Realität von Projekten in deutschen Konzernen. Ich bin aber überzeugt, dass das Projektmanagement dies zukünftig leisten können wird. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Die Pflicht zur digitalen Transformation ist zugleich lästig und wunderbar. Wir haben die Last dieser Pflicht erörtert und skizziert, wie sich auch das Projektmanagement wandeln muss. Sprechen wir abschließend bitte über das Wunderbare an dieser Transformation. Was fasziniert Sie persönlich an der digitalen Transformation? Wer sich länger mit der digitalen Transformation beschäftigt, der erkennt, dass diese Entwicklung vermutlich niemals enden wird. Den Begriff „Digitalisierung“ gibt es schon einige Jahrzehnte, und er beschrieb immer einen Zustand, in dem das Unternehmen noch nicht war. Vor Jahrzehnten wurden mechanische Schreibmaschinen abgelöst, dann hat man Daten auf Magnetbändern gespeichert. Heute können wir durch die Digitalisierung Prozesse im Vertrieb und in der Warenwirtschaft in Echtzeit abbilden. freiraum geben muss, die bisher gar nicht im Zentrum des Projekts standen. Beispielsweise einem Mediengestalter, der bislang nur dem Projekt in einer bestimmter Phase zugearbeitet hat. Vielleicht hat dieser Gestalter Erkenntnisse, die das ganze Projekt verändern. Solche Freiräume des Austauschs scheinen mir in vielen Projekten zu fehlen. Moment! In fast jedem Projekt gehört die Projektumfeldanalyse zum Standard. Das Team analysiert exakt den Rahmen des Vorhabens. Was ist anders bei Ihrer Empfehlung? Die Projektumfeldanalyse wird meistens nur zu Anfang des Projekts durchgeführt. Dann schließt das Team diese Akte, auch wenn in den Handbüchern von Aktualisierung und Anpassung die Rede ist. Meiner Ansicht nach müsste die ständige Analyse das gesamte Projekt essenziell begleiten, eine eingebaute Feedback-Schleife. Ziemlich aufwendig und lästig, aber nur so lässt sich die Dynamik verfolgen, lassen sich wichtige Veränderungen entdecken und diese mit dem Projekt abgleichen. Konkret: Was tun? IT-Projektmanager könnten Mitarbeiter beauftragen, regelmäßig die Fortentwicklung der Technologien zu kontrollieren, etwa von Programmiersprachen oder Datenbanksystemen. Eigentlich unfassbar, wie viele große IT-Projekte schon am Tag nach der „Fertigstellung“ veraltet sind und Hochdynamischer Wandel: Zwischen 2004 und 2009 hat Sascha Lobo die kommenden Veränderungen durch die Cloud prognostiziert. „Damals konnten sich nicht besonders viele Leute vorstellen, wie wir in einer Cloud arbeiten werden“, erklärt er. Die Cloud - heute eine Selbstverständlichkeit! Foto: Raxpixel.com - Fotolia.com PM-aktuell_4-2016_Inhalt_01-88.indd 8 11.08.2016 13: 06: 30 Uhr