eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 27/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
121
2016
275 Gesellschaft für Projektmanagement

Freie Organisation

121
2016
Jens Köhler
Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch – Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben.
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Wissen 69 projektManagementaktuell | ausgabe 5.2016 Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Ehrlich und Priesberg treffen sich nach einer Reorganisation in der Kantine. Priesberg wirkt verängstigt: „Das heutige Zeitalter ist geprägt von Umbrüchen: Start-ups und IT-Firmen, die in kürzester Zeit riesengroß werden, und auch klassische Organisationen. Irgendwie beunruhigend. Was wird wohl zur Veränderung der Zukunft beitragen? “ „Ich finde es spannend. Endlich Gestaltungsspielraum. Ich dachte schon, unsere Eltern hätten alle Probleme bereits gelöst“, entgegnet Ehrlich und fährt fort: „Lass‚ uns mal überlegen, wie wir deine Frage beantworten können. Dieses Thema geht mir seit Tagen durch den Kopf.“ „Ich tippe auf Start-ups“, interveniert Priesberg: „Die sind so flexibel und brennen für neue Ideen ...“. „Ich glaube, Firmentypen spielen keine Rolle“, fällt ihm Ehrlich ins Wort. „Was denn sonst? “, fragt Priesberg leicht gereizt. Ehrlich doziert: „Organisationen sind soziale Systeme und bestehen nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikation, so grotesk das klingt. Kommunikation wird in Form von Riten, Geschichten, Werten, Vorschriften und was auch immer weitergegeben. Und damit sich Organisationen von ihrer Umgebung abgrenzen, wählen sie daraus die Kommunikation aus, die zu ihnen passt.“ Priesberg bremst den Monolog: „Ja und, so sind sie nun mal. Sie haben einen bestimmten Zweck. Das ist doch nichts Neues! Deine Überlegungen sind mir viel zu theoretisch.“ „Also gut: Du willst es anschaulich“, Ehrlich beugt sich nach vorne und löffelt hastig seine Suppe aus. „Ja, Organisationen haben einen Zweck. Zum Beispiel eine Firma, die Schallplattenspieler baut. Die Kunden sind begeistert und kaufen die Plattenspieler. Die Firma ist davon so angetan, dass sie immer bessere Plattenspieler herstellt. Sie nimmt nur noch entsprechende Technologien wahr, stellt ähnliche Experten ein - alles nur zur Optimierung der Produkte - diese Organisation ist lernbehindert.“ „Lernbehindert? “ erwidert Priesberg „... ich verliere den Überblick. Die optimieren doch ständig ihre Produkte! “ Ehrlich erhöht die Spannung: „Jetzt kommt die zentrale Frage: Wenn jetzt der Markt zusammenbricht, die Produkte nicht mehr gefragt sind, was dann? “ „Na, dann wird sie pleitegehen“, sagt Priesberg schulterzuckend und legt nach: „Kann man dem überhaupt vorbeugen? “ „Ha! “ ruft Ehrlich. „Ja, indem man vergisst - manchmal wenigstens. Vergessen bedeutet Freiraum für Neues schaffen. Es müssen Kommunikationsmuster her, die den bisherigen widersprechen und sie verdrängen.“ Priesberg klingt resigniert: „Das kriegst du niemals hin. Das Alte setzt sich doch stets durch! “ „Ganz ruhig, lieber Kollege“, stoppt ihn Ehrlich. „Lass‘ Experten mit Unterstützung von ‚oben‘ isoliert an einem Thema arbeiten, das die Kunden zukünftig einfordern werden. Um in unserem Beispiel zu bleiben, eine rauschfreie Musikwiedergabe.“ Priesberg hakt nach: „Ja und, dann laufen ein paar Techniker rum und belehren alle Kollegen, wie toll ihre Erfindungen sind.“ „... und es wird keine Veränderung geben, ganz richtig“, ergänzt Ehrlich, „es fehlt nämlich etwas ganz Entscheidendes, nämlich die Art der Vermittlung des Neuen: Führe Hörtests durch. Schenke jedem Mitarbeiter einen Prototyp. Verbinde es mit positiven Gefühlen. Nur Gefühle können Einstellungen verändern.“ Priesberg stutzt. Ihm fällt sprichwörtlich die Kinnlade herunter: „Jetzt weiß ich, was du meinst: Mein erster CD-Spieler. Das war der Hammer. Kein Knistern, nichts.“ „Siehst du, es entstehen Entwickler für digitales Audio. In der Organisation verschieben sich die Kommunikationsmuster. Und trotzdem: Wenn du dir die Mechanik eines CD-Spielers anschaust, dann siehst du das Alte, es ist nicht verschwunden - nur anders umgesetzt. Organisationen, die beides haben, nämlich geschützte Innovationsinseln und die Möglichkeit, deren Ergebnisse über gemeinsames Erfahren zu vermitteln, haben die Chance zu überleben“, schließt Ehrlich. Priesberg resümiert: „In solchen Organisationen müssen also Mechanismen zum Vergessen stets bereit sein, nur das darf ich nie vergessen.“ „Und damit auch wir das nie vergessen“, beide sind wieder in Ehrlichs Büro, „habe ich einen alten Plattenwechsler“, betont Ehrlich. Er lässt die erste Schelllackplatte vom Stapel fallen und es ertönt knisternd Swing aus den 30er-Jahren. „Einen doppelten Boden, um nie zu vergessen, dass man vergessen muss ...“, verlässt Priesberg das Büro, ganz schwindlig von den Wortspielen und den schnellen Umdrehungen des Plattentellers …  Autor Dr. Jens Köhler ist bei der BASF SE beschäftigt. Sein Spezialgebiet ist die Erforschung der Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams durch die gezielte Steuerung über Soft Skills und Kommunikationsprozesse. Anschrift: BASF SE, GB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com Projektgeschichten und Fallstudien Freie Organisationen autor: Jens Köhler PM-aktuell_5-2016_Inhalt_01-88.indd 69 11.11.2016 12: 27: 06 Uhr