eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 28/3

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0886
UVK Verlag Tübingen
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2017
283 Gesellschaft für Projektmanagement

Überraschend berechenbare Welt

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2017
Jens Köhler
Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch – Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-­Alltag geben.
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WISSEN 55 projektManagementaktuell | AUSGABE 3.2017 haben es ja nötig. Also sind wir erst recht misstrauisch und glauben erst mal gar nichts‘“, erläutert Ehrlich abermals. Priesberg übernimmt nachdenklich: „Man kann es auch etwas anders ausdrücken: Wir haben die Erwartungen überraschend authentisch auf das niedrigst mögliche Niveau eingestellt, mit dem sich sicherlich kein Teilnehmer identifizieren wollte, denn sonst studierte er ja umsonst in der firmeninternen Akademie. Und dadurch wurde eine Neugier an meinen Vortragsinhalten geweckt und verstärkt.“ „Richtig“, unterbricht Ehrlich, „ein Rettungsanker, an dem man sich vor meinen bösen Worten schützend festhalten kann und ihn so leicht nicht vergisst. Damit kann ich bestens leben“, schließt er grinsend. „Überraschungsmoment als verstecktes Kalkül …“, fasst Priesberg nachdenklich zusammen. „Der Überraschungsmoment, ja. Wir lassen uns eben viel zu wenig überraschen. Heutzutage muss alles so rational sein. Und am Ende sind es die Überraschungen, die tiefer im Gedächtnis bleiben und somit viel wirkungsvoller sind“, schließt Ehrlich.  Autor Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com zer Orgel, auf. Die täuschend echten Geräusche eines anfahrenden dampfgetriebenen Zuges ertönen, Priesberg irritiert das. Bevor er etwas sagen will, gehen die Anfahrgeräusche abrupt in das eigentliche Musikstück über, um am Ende dann in Bremsgeräusche überzugehen. Er setzt sich schweigend auf einen Bürostuhl und murmelt vor sich hin: „Diese blecherne Melodie werde ich sicher nicht mehr vergessen! “ „Was beschwerst du dich? Es ist doch alles prima gelaufen. Unsere Projektleiter haben überzeugend nachvollzogen, wie wirkungsvoll neue Methoden sein können“, schmunzelt Ehrlich und schließt nicht ohne Stolz: „Ich habe meinen bescheidenen Beitrag dazu geleistet.“ „Da tauschen wir uns jahrelang über neue Methoden aus und endlich werden wir wahrgenommen, dürfen sogar vor Führungskräften vortragen, und dann machst du kurz vor der Zielgeraden alles lächerlich - was soll das? “, entgegnet Priesberg monoton. „Ich glaube nicht, dass wir bei einer üblichen Einleitung zu deinem Vortrag eine derartige Verankerung beim Publikum erreicht hätten, wie eben auch bei dir mit dem Musikstück, es wird dir fest in deiner Erinnerung bleiben. Du kennst doch die Voreingenommenheit gegenüber neuen Methoden und Theorien“, wirft Ehrlich nüchtern ein. „Dann war die Einleitung also nach dem Prinzip ‚verbotene Früchte schmecken besser‘ gestrickt“, überlegt Priesberg nun versöhnlicher. „Bravo, lieber Kollege, du hast es erfasst. Die eher sachlich ausgerichteten Projektleiter irritierten meine einleitenden Worte. Mit deinem hervorragenden nüchternen Vortrag hast du sie dann aber alle ins Boot geholt, denn du bist wie sie, nämlich ‚normal‘. Das schafft eine Projektionsfläche, einen Ausweg“, erläutert Ehrlich. „Und warum haben wir uns nicht abgestimmt? “ fragt Priesberg. „Das ist einfach: Es wäre unecht gewesen. Die Leute hätten gedacht: ‚Na, die Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Priesberg ist stolz, denn er darf einen Vortrag über Managementmethoden an der firmeninternen Akademie halten. Sogar neueste Erkenntnisse sollen zur Sprache kommen. Ehrlich wird die einleitenden Worte sprechen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt - allesamt Führungskräfte. Das Licht verdunkelt sich, Ehrlich wird angestrahlt und beginnt zu reden: „Herr Priesberg wird Ihnen in der nächsten Stunde über den Umgang mit Komplexität beim Management vortragen. Er wird dabei auf Methoden eingehen, die den Umgang mit komplexen Führungssituationen angeblich einfacher machen. Ich persönlich halte das für eine Wunschvorstellung, denn ich glaube, dass wir Menschen uns eigentlich Schmerzen und Kummer zufügen wollen. ‚Command and Control‘, das wollen wir doch alle! Lassen Sie sich dennoch von der Wunschvorstellung meines Kollegen verführen, wir könnten auch anders - viel Spaß dabei“, schließt Ehrlich und erntet dabei den fassungslosen Blick von Priesberg. Der Vortrag läuft aber außerordentlich gut und am Ende findet eine längere Diskussion statt, bei der sich einige Teilnehmer betroffen zeigen, von den dargestellten Methoden nichts gewusst zu haben, und überzeugend darlegen, sie anwenden zu wollen, ja zu müssen. Priesberg geht erschöpft in Ehrlichs Büro und legt los: „Wenn ich nicht so erledigt wäre, dann würde ich dir jetzt die Ohren langziehen und über dem Kopf verknoten.“ Ehrlich grinst und legt „Orient Express“ 1) , gespielt auf einer Wurlit- 1) www.youtube.com/ watch? v=sqa5DxK2Opg, Stand: 21.4.2017 Projektgeschichten und Fallstudien Überraschend berechenbare Welt Autor: Jens Köhler