eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 28/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0886
UVK Verlag Tübingen
121
2017
285 Gesellschaft für Projektmanagement

Mit Taylorismus wird alles besser

121
2017
Jens Köhler
Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für dem PM-Alltag geben.
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WISSEN 67 projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2017 Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM- Alltag geben. Priesberg kommt zu spät zu einem wichtigen Projekttreffen und verpasst zentrale Entscheidungen. Verärgert trifft er Ehrlich auf dem Weg zur Kantine. „Mein Auto ist schuld, dass ich zu spät auf meine Projektteamsitzung kam. Die Karre ist einfach nicht angesprungen. Am Ende stellte sich heraus, dass der Verteiler defekt war. Autos taugen einfach nichts! Da haben wir es mit unseren Prozessen doch viel besser, dort sind doch wenigstens motivierte Menschen am Werk und die tun ihre Arbeit! “ Ehrlich muss lachen, und zwar so laut, dass sich die vorbeigehenden Leute wieder mal umdrehen - man ist derartiges Verhalten von ihm einfach gewohnt: „Ich glaube, dass Autos verdammt gut sind. Ich rechne dir das mal vor“, Ehrlich holt sein Smartphone heraus und spricht weiter: „Wenn dein Wagen mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zur Verfügung steht, also eine Ausfallwahrscheinlichkeit von lediglich 5 Prozent hat, dann sollten alle Komponenten, die funktionieren müssen, damit dein Auto fährt, eine viel geringere Ausfallwahrscheinlichkeit haben. Nehmen wir an, dass die Zahl dieser Komponenten 100 beträgt - und das ist eine sehr konservative Schätzung -, dann muss jede Komponente mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,95 Prozent 1) funktionieren und das ist verdammt hoch und ausfallsicher.“ Priesberg überlegt und nicht erstaunt: „Das nenne ich mal eine Erdung durch Fakten. Also sind die Bauteile in der Regel fast perfekt ..., denn deine 5 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit sind bei meinem Auto durchaus realistisch, der Wagen ist alt und bleibt meist zweimal pro Monat stehen, das sind ungefähr 24 Tage auf das ganze Jahr gerechnet, also etwas mehr als die 5 Prozent.“ Ehrlich fährt fort: „Naja, dann können wir ja zum Taylorismus kommen, bei dem Arbeitsprozesse in aufeinanderfolgende Schritte unterteilt werden, die wie die Komponenten deines Autos alle funktionieren müssen. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mitarbeiter in einem Prozessschritt zur Verfügung steht? “ Priesberg überlegt: „Wenn der Mitarbeiter überdurchschnittlich arbeitet, seinen Urlaub nimmt und nicht krank ist, würde ich sagen: 90 Prozent der Arbeitszeit.“ Ehrlich ergänzt: „Und wenn ich einen sechsstufigen Prozess habe, ohne Redundanzen, dann ergibt sich ... Moment ... ich tippe in mein Smartphone ... eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 47 Prozent 2) . Das bedeutet in nur 53 Prozent der Fälle wird der Prozess überhaupt komplett durchlaufen, oder anders ausgedrückt: Nur in der Hälfte der Fälle gibt es ein Ergebnis! “ Priesberg fällt erneut die Kinnlade herunter: „Das ist ja ein fast zehnmal höherer Ausfall als bei meinem Auto! “ Ehrlich grinst: „Und das ist nur ein sechsstufiger Prozess. Bei einem zwölfstufigen Prozess sind wir bei einer Erfolgswahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent angelangt - und das ist fast gar nichts.“ „Wie kann ich die Arbeitsweise oder besser gesagt, die ‚Nicht-Arbeitsweise‘ eines solchen Systems veranschaulichen? “, murmelt Priesberg vor sich hin und fährt laut fort: „Also ist ein tayloristisches System mit einem Haus vergleichbar, das nicht nur einen Hausmeister hat, der für alles zuständig ist und sich noch auskennt, sondern mehrere, die sich jetzt aber nur um ein Stockwerk oder ein Segment kümmern.“ Ehrlich grinst immer noch: „Ganz genau: Und jeder arbeitet brav seine Punkte ab. Wenn also der Haupteingang verschlossen ist und sich der entsprechende Hausmeister für den Haupteingang im Urlaub befindet, dann müssen alle Personen in Projektgeschichten und Fallstudien Mit Taylorismus wird alles besser Autor: Jens Köhler 1) Die Funktionswahrscheinlichkeit einer Komponente ist 100 0,95 x 100 %. 2) Ausfallwahrscheinlichkeit des Prozesses ist gleich (1 - 0,9 6 ) x 100 %. oder vor dem Haus warten, bis er wiederkommt, um die Tür aufzuschließen, bevor sie das Gebäude betreten oder verlassen können. Und dieser hat seinen Job sogar nach Vorschrift gemacht. Willkommen in den Auswüchsen des Taylorismus.“ „Wie kann man denn dagegen etwas tun? “, fragt Priesberg plötzlich sehr leise. Ehrlich antwortet selbstbewusst: „Indem man Zahlen sprechen lässt, so wie wir es eben vorgemacht haben. Und wenn man dann auf solche Ergebnisse kommt wie die unsrigen, dann besteht dringender Handlungsbedarf. Es sollten Redundanzen berücksichtigt oder eine ganzheitliche Sichtweise angestrebt werden ...“ Priesberg fällt ihm ins Wort: „... damit man am Ende nicht drei Wochen vor einer verschlossenen Tür steht und darüber ernüchtert wird.“ „Apropos nüchtern: Lass uns jetzt endlich etwas essen gehen, um den Ärger herunterzuschlucken, manchmal ist das die beste Lösung“, schließt Ehrlich und steuert geradewegs die Kantine an.  Autor Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com