eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 29/2

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
0301
2018
292 Gesellschaft für Projektmanagement

Bescheidenheit – ein wirkmächtiger Kontrollparameter

0301
2018
Jens Köhler
Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch – Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben.
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52 WISSEN projektManagementaktuell | AUSGABE 2.2018 Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Priesberg trifft Ehrlich auf dem Nachhauseweg. Ein langer Arbeitstag liegt hinter ihm. „Stell dir vor, wir haben unser Projekt zur Einführung einer globalen Datenbank für Werkstoffe umgestellt. Und ich habe an der neuen Struktur gemeinsam mit dem Management maßgeblich mitgewirkt. Kollegen, die fast nicht zusammengearbeitet haben, verstehen sich auf einmal.“ „Wow“, äußert Ehrlich anerkennend, obwohl er seinem Kollegen Priesberg so viel Fingerspitzengefühl gar nicht zugetraut hätte. Priesberg erzählt begeistert weiter: „Wir haben den Projektleiter ausgetauscht, den Kollegenkreis aber so belassen, wie er ist, wobei das Management und ich natürlich einzelnen Personen neue und passende Aufgaben zugewiesen haben. Jetzt möchte ich als Teammitglied meine Wichtigkeit betonen und dem Team meinen Beitrag klarmachen.“ „Nein, mach das bloß nicht“, ruft Ehrlich und schmettert seine Hände dem Himmel entgegen. „Wieso das nicht? “, fragt Priesberg verärgert. „Willst du die kurze oder die lange Variante? Die kurze ist schnell gesagt: Du bist Bestandteil des Systems, also des Projektteams und deine im Team gezeigte Macht wechselwirkt in ungünstiger Weise mit ihm - ihr wärt wieder zurück auf Los: Das Ganze ist dann weniger als die Summe der Teile“, grinst Ehrlich. „Also die lange Version, ich habe nämlich nichts verstanden“, entgegnet Priesberg desillusioniert, denn er sieht sein verdientes Kollegen-Lob davonschwimmen. „Was war denn die Ausgangssituation? “, fragt Ehrlich. „Es gab einen dominanten Projektleiter und außerdem kamen die Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen mit sehr verschiedenen Arbeitsweisen. Der Projektleiter stammte zudem aus einer der Abteilungen“, resümiert Priesberg und fährt fort: „Der jetzige Projektleiter gehört einer neuen, neutralen Einheit an. Meine Rolle in dem Team ist unverändert.“ „Dann haben wir zwei prinzipielle Kontrollparameter, welche die Teamdynamik beeinflussen: Im ersten Setting wird der Projektleiter naturgemäß als parteiisch wahrgenommen, da er aus einer der Abteilungen kommt, das ist Einflussgröße Nummer eins, auch wird er durch sein dominantes Auftreten eine eigene Sicht der Dinge einbringen, das ist Einflussgröße Nummer zwei und infolgedessen einzelnen Personen unterschiedliches Gewicht geben. Dieses Team kann schwerlich zu einer gemeinsamen Sichtweise kommen. Der Anregungszustand und das Konfliktpotenzial sind hoch“, überlegt Ehrlich. „Genau. Und deswegen haben wir nun einen ruhigeren Projektleiter aus einer neutralen Einheit. Genau das war meine Idee. Und wieso darf ich das nicht allen Teammitgliedern erzählen? Schließlich habe ich damit die nötige Ruhe herbeigeführt. Und das sollen die Leute auch wissen“, unterbricht ihn Priesberg. Ehrlich lässt sich dadurch nicht irritieren: „Welche Rolle hattest du im übertragenen Sinne bei der Erstellung und Umsetzung des Konzepts? “ „Na, ich war mindestens so mächtig wie der Projektleiter“, entgegnet Priesberg stolz. „Und war diese Macht im Team gewünscht? “, fragt Ehrlich und legt nach: „Im übertragenen Sinne war der alte Projektleiter ein Attraktor, alle Macht ging von ihm aus. Im neuen Setting gibt es keinen Attraktor mehr …“ Priesberg, die ganze Zeit mit geöffnetem Mund, schließt ihn nun lautlos. Nach einer Denkpause beginnt er leise zu sprechen: „Würde ich meine Rolle darstellen, dann wäre ich der neue Attrak- Projektgeschichten und Fallstudien Bescheidenheit - ein wirkmächtiger Kontrollparameter Autor: Jens Köhler tor. Alle Macht ginge von mir aus, da ich ja an der neuen Struktur maßgeblich mitgewirkt habe. Alle Entscheidungen des Teams würden dann irgendwie mit mir zusammenhängen - sozusagen als Schattenprojektleiter. Aber jetzt habe ich das Problem ... ich habe einen Beitrag geleistet und kann dafür keine Anerkennung erhalten. Das ist schon schade! “ „Versuch‘s mal mit Bescheidenheit“, grinst ihn Ehrlich aufmunternd an. „Es ist alles eine Frage der inneren Einstellung: Dein Erfolg ist ein Team, das jetzt zusammenarbeitet. Und deine Zurückhaltung ist daher der dritte und sehr mächtige Kontrollparameter: Sei das Wasser, welches das Wasser sucht.“ „Wasser, welches das Wasser sucht? Der Fisch, der das Wasser sucht, das würde ich verstehen! “ Priesberg runzelt die Stirn. „Nein, ich meine Wasser ... denke mal darüber nach“, ruft ihm Ehrlich zu, der zu seiner schwarz lackierten amerikanischen Limousine der Oberklasse eilt, bevor er in die Dunkelheit davongleitet.  Autor Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com