eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 29/5

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
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UVK Verlag Tübingen
1201
2018
295 Gesellschaft für Projektmanagement

Ein ganz schmaler Grat

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2018
Jens Köhler
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46 WISSEN projektManagementaktuell | AUSGABE 5.2018 Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Ehrlich und Priesberg gehen erschöpft auf dem Firmengelände zu einer Besprechung. Während Ehrlich über die Sommerhitze klagt, beschwert sich Priesberg über einen Projektleiter. „Warum muss der Projektleiter, der die Erstellung eines App Stores verantwortet, ständig Druck machen? Ihm sollte doch klar sein, dass unsere Organisation bestimmte Zeitkonstanten hat, die man nicht kleiner machen kann.“ „Richtig so! Draufhalten, dann kommt schon die Lösung heraus! “, entgegnet Ehrlich ohne ein Quäntchen von Mitgefühl. Priesberg ist erstaunt: „Seit wann nimmst du diese Art der Einstellung in Schutz? “ Ehrlich bleibt kurz stehen, Priesberg bemerkt es nicht und läuft einige Schritte weiter. Ehrlich ruft seinem Kollegen zu: „Management wird häufig mit Druck assoziiert. Natürlich finden das die Betroffenen schlecht. Allerdings macht mich diese negative Assoziation schon länger stutzig. Vielleicht ist doch was Gutes dran …“ „Diesen Gedanken hätte ich am allerwenigsten von dir erwartet, lieber Kollege“, ruft Priesberg entsetzt und steht noch ein Stück weit von seinem Kollegen entfernt. Die Sommerhitze scheint das Denken zu lähmen, denn Ehrlich braucht Zeit, um seine Gedanken zu sortieren. „Was passiert denn, wenn überhaupt kein Zeitdruck aufgebaut wird? Wird dann in Richtung eines Projektziels gearbeitet? “, fragt Ehrlich seinen Kollegen. „Es geht sicher entspannter zu, vielleicht beschäftigen sich die Kollegen nebenbei mit dem einen oder anderen Thema geringerer Priorität, sie verlieren das Projektziel womöglich aus den Augen“, spricht Priesberg, wobei seine Betonung eher einer Frage gleicht und seine Unsicherheit unterstreicht. „Aha, dann haben wir schon einen Anhaltspunkt. Zeitdruck erzeugt Fokus“, spricht es Ehrlich schnell aus. Sein Denken scheint jetzt wieder in Fahrt zu kommen. „Fokus ist sicherlich gut, wenn es der Erreichung des Projektziels dient“, überlegt Priesberg. „An deinem Satz gefallen mir besonders die Wörter ‚gut‘ und ‚Fokus‘“, fällt ihm Ehrlich ins Wort, Priesberg sieht ihn fragend an. Ehrlich bekräftigt: „Überleg‘ mal. Wenn wir es schaffen, die negative Konnotation des Wortes ‚Druck‘ zu tilgen und durch etwas Positives zu ersetzen, was der Lösungsfindung dient, wie beispielsweise das Wort ‚Fokus‘, dann ist das doch schon ein Teil des Weges, oder? “ Er assoziiert weiter: „Wenn wir zeigen können, dass Druck unvermeidlich ist, um etwas Positives zu bewirken… und dass es womöglich nur auf die Dosis ankommt, dann haben wir doch mehr als einen Teil des Weges, oder? “, spricht Ehrlich ermutigend. „,Teil des Weges‘, das ist ein gutes Stichwort. Da vorne ist ein Apfelbaum, da setze ich mich hin“, führt Priesberg seinen Satz zu Ende, als Ehrlich ausruft: „Äpfel…Apfelmännchen. Denk‘ doch mal an die bizarren Strukturen dieser Apfelmännchen, die sich im Computer erzeugen lassen. Sie entstehen nicht einfach so, es bedarf bestimmter Kontrollparameter …“. Priesberg schlägt mit der flachen Hand auf seine Stirn: „Auch wenn Apfelmännchen wenig mit Projektmanagement zu tun haben, ahne ich langsam, worauf du hinauswillst. Ist der Druck im Projekt zu gering, passiert nichts, es existieren zu viele Freiheitsgrade, die Leute machen, was ihnen gefällt; ist er zu groß, starren alle auf die Probleme und können an nichts anderes mehr denken.“ Ehrlich grinst: „Ja, da will ich hin. Der Druck muss gerade so hoch sein, dass sich die Lösung herausbilden kann. Und es ist diffizil: Die Anzahl an Freiheitsgraden muss der Komplexität der Lösung entsprechen. Ist die Lösung bekannt, Projektgeschichten und Fallstudien Ein ganz schmaler Grat Autor: Jens Köhler dann reichen wenige Freiheitsgraden aus, man kann mit höherem Druck voranschreiten. Muss die Lösung erst erarbeitet werden, dann benötigt man viele Freiheitsgrade, der Druck muss geringer sein. Das verhindert Tunnelblick und erlaubt, den Fokus geeignet zu justieren.“ „Und was bedeutet das für den Projektleiter? “, fragt Priesberg. Er wirkt jetzt überzeugter. „Der Projektleiter muss für die Dosierung und das Geschehen eine Intuition entwickeln. Er sollte sein Team oder seine Organisation ständig im Blick haben und den Druck so einstellen, dass sich Lösungen herausbilden. Ein hohes Maß an Rückkopplung ist notwendig“, erläutert Ehrlich zufrieden. „Druck als Kontrollparameter muss im Projektteam eine Akzeptanz finden, nur dann kann es funktionieren, nur so entsteht Vertrauen: Man dient dann einer gemeinsamen Sache, der Projektlösung. Ein ganz schmaler Grat, auf dem man sich bewegt“, schließt Priesberg.  Autor Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com