eJournals PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL 30/2

PROJEKTMANAGEMENT AKTUELL
pm
2941-0878
2941-0886
UVK Verlag Tübingen
0301
2019
302 Gesellschaft für Projektmanagement

Wirkungsvoll im Kopf

0301
2019
Jens Köhler
pm3020036
Projektgeschichten und Fallstudien Wirkungsvoll im Kopf Die Kolumne „Ehrlich und Priesberg“ möchte mit unterhaltsamen Dialogen rund um das Thema „Mensch - Kommunikation, Verhalten, Entscheidungen“ Denkanstöße für den PM-Alltag geben. Priesberg stürmt, ganz außer Atem, in Ehrlichs Büro: „Wir haben einen Durchbruch erzielt und eine Übereinkunft in der Projektplanung erreicht. Ich habe nur Zustimmung und strahlende Gesichter gesehen.“ Ehrlich reibt sich die Hände und erwidert: „Da habe ich aber etwas ganz anderes gehört. Ich habe vorhin von einem deiner Kollegen einen Anruf erhalten. Er beschwerte sich über den mangelnden Konsens, die unklaren Aufgaben und vor allem über deine Zurückhaltung, die von gelegentlichen stakkatoartigen Einwürfen unterbrochen wurde. Offenbar bist du in der Sitzung eher still gewesen. Mich wundert deine Euphorie.“ Priesberg ist entsetzt und reagiert schroff: „Es gibt Kollegen, die einem stets in den Rücken fallen. Damit muss man eben leben. Es wäre zudem motivierender, wenn du solche Sachen nicht breittreten würdest. Sonst spricht sich das noch herum.“ Ehrlich überlegt. Vielleicht hat Priesberg recht. Vielleicht aber auch der Kollege. Aber ihn wundert der Hinweis, Priesberg hätte sich so zurückgehalten - das passt so gar nicht zu ihm. „Woher nimmst du die Gewissheit, die Sitzung sei positiv verlaufen? “, fragt Ehrlich. „Na, das ist doch sehr einfach“, fällt ihm Priesberg ins Wort. „Ich denke eben voraus. Ich weiß, was die Kollegen denken. Das verbinde ich zu einem gemeinsamen Bild und werfe die Ergebnisse in die Runde, so wie heute auf der Sitzung.“ „Soso. Und wenn wir schon von Werfen sprechen: Wurden deine Bälle aufgefangen oder gar zurückgeworfen? “, fragt Ehrlich spitz und lässt dabei nicht locker. „Wie bist du mir auf die Schliche gekommen? Es ist offensichtlich, so etwas sollte nicht passieren“, unterbricht ihn Priesberg. „Am Anfang stand tatsächlich Aussage gegen Aussage. Die Bemerkung über deine Zurückhaltung, die hat mich stutzig gemacht. Es war ein starker Hinweis darauf, dass alles lediglich in deiner Einbildung stattgefunden hat. Und du bist beileibe kein Einzelfall. Tagtäglich rennen wir mit unseren Vorstellungen der Außenwelt herum und meinen, diese würde sich genauso verhalten, wie wir es wünschen. Wir picken uns dabei nur die Information heraus, die unser Weltbild bestätigt“, erläutert Ehrlich. „Wir müssen unsere mentale Bequemlichkeit überwinden, so wie es mir heute nicht gelungen ist“, antwortet Priesberg in sich gekehrt. Ehrlich schließt: „Und nicht nur das: Wenn wir merken, dass auch andere mit sich beschäftigt sind“, er holt seinen Spiegel hervor, „dann sollten wir dies unserer Umgebung spiegeln. Sonst ist man am Ende nur im Kopf wirkungsvoll! “  Autor Dr. Jens Köhler, BASF SE, fokussiert sich auf die Digitalisierung in Forschung und Entwicklung. Sein Spezialgebiet ist die Regulation sozialer Komplexität zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Projektteams. Anschrift: BASF SE, RB/ IC, 67056 Ludwigshafen, E-Mail: Jens.Koehler@basf.com „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wieso reden wir von Bällen? “, fragt Priesberg ratlos. „Was macht man denn mit Bällen? “, bohrt Ehrlich unbeirrt weiter. „Man wirft sie hin und her … so wie wir jetzt unsere Worte in diesem, vorsichtig ausgedrückt, seltsamen Dialog“, stutzt Priesberg. „Findest du das mühselig? “ Ehrlich scheint seinen Kollegen nicht wahrnehmen zu wollen. Um das Ganze zu Ende zu bringen, holt er einen kleinen Spiegel hervor. Das Gesicht von Priesberg wird jetzt zu einem einzigen Fragezeichen. „Wenn dies jetzt eine Projektteamsitzung wäre, könntest du deine Eingangsbehauptung so stehen lassen? Also haben wir beide strahlende Gesichter und erfahren wir Zustimmung? “, schließt Ehrlich. „Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich bin zunehmend genervt und fühle mich in der Defensive. Wir reden über Bälle und ich sehe einen kleinen Taschenspiegel … Moment, du willst mir gerade meine Wirkung in der Sitzung von heute Morgen spiegeln. Mir dämmerts langsam“, fasst Priesberg zusammen. „Genau. Ich setze dich einer konkreten Situation aus, bevor ich dich mit trockener Theorie überschütte, lieber Kollege Priesberg.“ „Also, eines habe ich in der Sitzung durchaus vermisst, jetzt wo wir es durchspielen: die Interaktion und damit die Auseinandersetzung der Kollegen mit meinen Inhalten. Es ging alles so glatt.“ Priesberg beginnt jetzt zu verstehen. „Jetzt bist du reif für etwas Theorie“, grinst Ehrlich. „Es ist einfach: Es hat sich alles in deinem Kopf abgespielt. Du hast dein Bild von den Kollegen genommen, hast sie dort sprechen lassen und ihre - korrekt deine - Ideen zusammengefügt. Dies hast du dann gelegentlich in die Runde geworfen und natürlich - es fand ja alles in deinem Kopf statt - hast du Zustimmung erfahren. Und glücklich und zufrieden fühltest du dich auch: am Ende also strahlende Gesichter und volle Zustimmung.“ Autor: Jens Köhler 36 WISSEN projektManagementaktuell | AUSGABE 2.2019